Leseprobe zu "Jamey das Kind, das zu viel wusste \ Exit "
Drei Jahre lang war ich nicht mehr wegen eines Notfalls geweckt worden, aber in dieser Nacht geschah es. Ich richtete mich im Bett auf, griff mit schlaftauben Fingern zum Hörer. Ich war noch nicht ganz aus meinem Traum erwacht, doch meine Stimme fand sofort ihre berufliche Routine wieder. Ich war in meine gewohnte Rolle geschlüpft, obwohl ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.
Das Schellen des Telefons hatte auch Robin aus dem Schlaf gerissen. Auf ihrem Gesicht bildeten Lichtstreifen das Muster der Gardine ab.
"Wer ist da, Alex?"
"Die Notrufzentrale."
"Was ist denn passiert?"
"Ich weiß es nicht. Schlaf nur wieder ein, ich telefoniere in der Bibliothek weiter."
Robin sah mich fragend an und rollte sich wieder in ihre Decke. Ich zog meinen Bademantel über und verließ das Schlafzimmer. Ich machte Licht, und nachdem sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, fand ich etwas zu schreiben und nahm den Hörer ab.
"So, da bin ich wieder."
"Es klingt wie ein echter Notfall, Doktor. Der Anrufer ist ganz außer Atem und redet wirres Zeug. Ich musste ihn mehrmals nach seinem Namen fragen. Dann schrie er ihn geradezu heraus, gleich ein paar Mal. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es klang wie Jimmy Cammus oder Catmus."
Jamey Cadmus! Als ich diesen Namen hörte, war ich so fort hellwach. Erinnerungen, die ein halbes Jahrzehnt geschlummert hatten, wurden lebendig. Jamey war jemand, den man nicht so leicht vergessen konnte.
"Stellen Sie ihn durch", sagte ich.
In der Leitung knackte es. "Hallo, Jamey!"
Ich erhielt keine Antwort.
"Jamey, bist du es? Hier ist Doktor Delaware."
Wieder hörte ich nichts und dachte, die Leitung sei unterbrochen.
"Jamey!"
Wieder Schweigen. Dann hörte ich jemanden leise stöhnen. Sein Atem ging mühsam. "Jamey, wo bist du denn?"
Die Antwort war ein ersticktes Flüstern: "Helfen Sie mir!" "Natürlich, Jamey. Dazu bin ich doch da. Was ist denn los?"
"Helfen Sie mir, alles zusammenzuhalten! Zusammen, zusammen, alles fällt auseinander! Dieser ekelhafte Geruch! Stinkende Wunden! Alles auseinander gerissen mit dem blutigen Messer!"
Als ich Jamey das letzte Mal gesehen hatte, war er kurz vor der Pubertät gewesen, blauäugig, mit zarter Haut und dichtem, glänzendem schwarzem Haar. Zwölf Jahre war er damals alt. Die Stimme, die ich jetzt durchs Telefon hörte, klang tiefer, männlich. Sie passte nicht zu dem Bild, das ich von dem Jungen hatte.
"Beruhige dich, Jamey, hab keine Angst!" So gelassen und freundlich, wie ich irgend konnte, fragte ich: "Wo bist du jetzt?"
Zuerst war es still in der Leitung, dann folgte ein ganzer Schwall von Worten, zusammenhanglos und abgehackt wie Maschinengewehrfeuer.
"Hören Sie bloß auf damit! Alle erzählen mir immer diesen Quatsch! Sie lügen doch, wenn ... sie sagen, dass die Hauptschlagader geplatzt ist. " Eulenfedern ... ach, ich bin so ... Halten Sie den Mund! Ich habe genug davon gehört. Die Dunkelheit riecht ekelhaft! Sie sind ein Wichser!"
Der reinste Wortsalat. Jamey keuchte laut, und seine Stimme versagte.
"Jamey, ich höre dir zu. Ich werde dir helfen."
Da er nicht antwortete, fuhr ich fort: "Hast du etwas eingenommen?"
"Sind Sie Doktor Delaware?" Er schien plötzlich ruhiger, überrascht, meine Stimme zu hören. "Ja, ich bin's. Wo bist du?" "Es ist lange her, Doktor D.", sagte er traurig. "Ja, das stimmt. Schön, dass du mich anrufst."
Wieder Stille.
"Jamey, ich möchte dir helfen, aber dazu muss ich wissen, was los ist. Sag mir doch bitte, wo du bist." Sein Schweigen schien endlos.
"Hast du irgendwas genommen, etwas Gefährliches?"
"Ich sitze höllisch in der Scheiße, Doktor D.! Alle Höllenglocken läuten. Ein Canyon aus Glas!"
"Erzähl mir mehr darüber, wo befindet sich dieser Canyon?"
"Das wissen Sie doch genau!", krächzte er. "Sie haben es Ihnen doch gesagt! Sie erklären es die ganze Zeit. Ein Abgrund! Verdammtes Glas, verdammter Stahl!"
"Wo, Jamey?", fragte ich vorsichtig. "Erklär es mir genau."
Sein Atem ging schnell, er keuchte.
"Jamey!"
Plötzlich schrie er laut auf, wie ein verwundetes Tier. Dann folgte ein schmerzerfülltes Flüstern.
"Die Erde ist voller Blut, scharlachrot! Aufgerissene Mäuler! Die Federn riechen ekelhaft! Das haben mir diese verdammten Lügner gesagt!"
Ich versuchte, an ihn heranzukommen, aber er war wieder von seinen Albträumen gefesselt. Mit demselben angstvollen Flüstern unterhielt er sich nun mit den Stimmen, die er hörte, kämpfte gegen Dämonen, die ihn in ihre Gewalt zu bringen drohten, bis seine Worte in schrecklichem Geheul und verzweifeltem Schluchzen untergingen. Ich war unfähig, den Strom seiner Wahnbilder aufzuhalten, und so blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten. Mein Herz klopfte heftig, ich fröstelte trotz der Wärme, die im Zimmer herrschte.
Jameys Flüstern ging jetzt in ein schnelles, rasselndes Atmen über. Ich versuchte, sein Schweigen zu nutzen, um ihn in die Wirklichkeit zurückzuholen.
"Wo ist dieser gläserne Canyon? Sag es mir genau, Jamey!"
"Glas und Stahl und Kilometer Röhren. Schlangenlinien. Gummischlangen und Gummiwände. Verdammte weiße Zombies schmeißen Leichen von der Mauer, spielen mit Nadeln ."
Es dauerte eine Weile, bis ich verstanden hatte, wovon Jamey sprach.
"Bist du in einer Klinik?"
Er antwortete mit hohlem Gelächter. "Sie nennen das so!" "Welches Krankenhaus ist es?" Canyon Oaks.
Ich kannte das Haus, eine exklusive Privatklinik, vom Hörensagen. Ich war erleichtert. Zumindest hatte Jamey sich die Überdosis nicht in irgendeinem dunklen Hinterhof gesetzt.
"Wie lange bist du da schon?"
"Sie bringen mich um mit ihren Lügen, Doktor D.!", schrie er. "Sie quälen mich mit Laserstrahlen, legen mir die Wirbel frei, saugen mich aus. Stück für Stück holen sie mir die Organe raus!"
"Wer macht das?"
"Sie, die Menschenfresser, die weißen Zombies, kommen 10 aus dem Strudel angekrochen, verdammte Federn, verdammte Vögel, kriechen aus dem Fleisch. Helfen Sie mir, Doktor D., kommen Sie doch und helfen Sie mir, das alles zusammenzuhalten, das abzuschütteln. Holen Sie mich woandershin, wo es sauber ist!" "Jamey, ich helfe dir .!"
Bevor ich zu Ende reden konnte, hatte es ihn wieder gepackt, sein Flüstern klang gequält, als ob er zu Tode gemartert würde. Ich zog den Gürtel meines Morgenmantels enger und versuchte, mir vorzustellen, was ich ihm sagen könnte, wenn er wieder zu sich käme.
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