 | Besprechung |
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Das Wort Hüzün kommt aus dem Arabischen und ist in seiner Bedeutung zwischen Melancholie und Tristesse anzusiedeln. Orhan Pamuk bemerkt schon als kleines Kind in den 50er-Jahren, dass er oft in diesen Zustand verfällt - und dass er damit in Istanbul nicht allein ist. Das Zerfallen der Stadt und das Verschwinden der Farben aus dem Straßenbild sind Ausdruck einer Entwicklung seit dem Niedergang des osmanischen Reichs, wie Pamuk viel später bemerkt. Noch aber streift er mit großen Augen an der Hand seiner Mutter durch die Stadt oder wird vom Onkel mit dem Auto an den Bosporus gefahren. Ob auf den Straßen oder auf dem Fluss: Orhan erkundet seine Heimatstadt immer systematischer. Auch die Großfamilie kommt in seinen Schilderungen nicht zu kurz. Reich geworden durch die Geschäfte des Großvaters zur Gründungszeit des Nationalstaates, verschwendet sie ihren Wohlstand zunehmend und zerfällt am Ende genauso wie die Gesellschaft vor der Haustür. Orhan Pamuks Blick zurück auf ein besseres, glänzenderes Istanbul ist wehmütig. Er ist aber auch spöttisch und so ohne jegliches Pathos. (jw)
 | Besprechung von 21.11.2006 |
Nun schaut auf diese Stadt
Welch ein Glück, dass Orhan Pamuk so unbescheiden ist: Istanbul,
als Geschichte, Kultur und Schauplatz einer Selbstfindung
betrachtet Von Lothar Müller
Als er jung war, erzählt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk,
wollte er Maler werden. Stets hatte die Familie sein zeichnerisches
Talent gelobt und gefördert, aber dass er das Architekturstudium
aufgeben wollte, um sich ganz der Kunst zu widmen, stieß auf
unmissverständliche Ablehnung. Leidenschaft für die Kunst sei gut
und schön, sagte die Mutter, aber es sei besser, seine Leidenschaft
darauf zu verwenden, ein fleißiger, unauffällig-guter Mensch zu
werden. Um das zu bekräftigen, erklärte sie dem Sohn, warum sie den
Namen Orhan für ihn ausgesucht habe: der Sultan Orhan sei ihr unter
allen Osmanenherrschern immer der liebste gewesen, da er sich nie
zu großen Taten aufgeschwungen und ein unauffälliges Leben ohne
Verschrobenheiten geführt habe. So werde er in den
Geschichtsbüchern zwar beiläufig, aber dafür ehrenvoll
erwähnt.
Selten sind die Hoffnungen, die eine Mutter mit der Namenswahl für
ihren Sohn verband, gründlicher enttäuscht worden. Das magische
Amulett, …
 | Besprechung von 18.11.2006 |
Der bittersüße Honig der MutlosigkeitDas neue Buch des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk, der in wenigen Wochen in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, ist zugleich Autobiographie, Porträt seiner Heimatstadt Istanbul und eine Geschichte vom Zerfall einer Familie. Mit seinen Stadtansichten und den vielen privaten Familienfotos der Pamuks ist dieses reiche Istanbuler Lesebuch auch der Versuch, das prägende Lebensgefühl der Metropole am Bosporus zu erfassen.
Von Hubert Spiegel
Was ist "Hüzün"? Hüzün ist ein Lebensgefühl, das man zu allen Zeiten und an vielen Orten unter dem Namen Melancholie kannte, das aber an keinem anderen Ort der Welt soviel Einfluß gewinnen konnte wie in Istanbul. Hüzün streicht durch die Stadt wie ein unaufhörlich wehender Wind, der noch durch die schmalste Gasse fegt, durch Fenster, Türen und alle Ritzen in die Häuser dringt und nicht aufzuhalten ist, bevor er sich in den Seelen ihrer Bewohner eingenistet hat. Hüzün kommt über die Stadt und ihre Bewohner und kommt zugleich aus der Stadt und aus den Menschen. Mit jedem Atemzug atmen die Istanbuler Hüzün ein und mit jedem Atemzug …
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Überaus beeindruckt zeigt sich Rezensentin Monika Carbe von Orhan Pamuks Buch über Istanbul, das Erinnerungen an seine Kindheit geschickt mit der Geschichte der Stadt in Beziehung setzt. Sie sieht darin ein Psychogramm der Stadt am Bosporus und zugleich des Autors als Kind und als Heranwachsender. Pamuks Blick auf die Stadt schärfe und weite sich mit fortschreitendem Alter. So entstehe Istanbul in einer Breiten- und Tiefenwirkung, die offenbar auf detailliertem Quellenstudium beruht. Neben einer perspektivenreichen Beschreibung der Stadt und ihrer Geschichte bietet das Buch zur Freude Carbes auch einen Einblick in die literarische Werkstatt des Schriftstellers. So findet sie zahlreiche Figuren und Eindrücke der Stadt aus Pamuks Romanen hier wieder. Überzeugt hat sie auch die Sprache des Buchs: nuanciert, nie überdreht und dabei wunderbar melancholisch.
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"Jedes Wort, das er schreibt, ist durchdrungen vom Leuchten dieser Stadt, jede Geschichte, die er erzählt, birgt die Geschichte eines ganzen Landes in sich, jedes Buch, das er verfasst, enthält den Wissensschatz eines ganzen Kontinents, und jedes Wissen, das er weitergibt, malt uns historische Miniaturen der ganzen Welt in all ihrer Schönheit, ihren Verflechtungen, ihren Schmerzen und ihrer Trauer ... Wer Pamuks Werke gelesen hat, wird nicht mehr davon ablassen können, sich jenseits von Europa, auf der anderen Seite des Bosporus, auf die Suche zu begeben." Najem Wali, Frankfurter Rundschau, 21.11.06 "Pamuks Istanbul-Buch (regt dazu an, dass) man sich denn noch tiefer in den großen Zusammenhang dieses erinnerten Lebens mit der erinnerten Stadt begeben will." Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 17.11.06 "Der autobiografische Band Istanbul ... gehört zu den Highlights im Schaffen Orhan Pamuks. ... Was Pamuk ausmacht, ist sein Talent als Geschichtenerzähler, sein ungeheurer Ehrgeiz, ... sein Fleiß, seine Ausdauer, aber auch seine ... Menschlichkeit." Dilek Zaptcioglu, Die Tageszeitung, 18./19.11.06 "Sein Leben wird immer mehr zu einem Leben mit seiner Stadt." Henning Ritter, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.06 "In einem bezaubernden Erinnerungsband erkundet der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk seine Heimatstadt. Istanbul ... ist eine wunderbare poetische und zugleich analytische Liebeserklärung an eine Stadt und ihre Widersprüche." Sven Boedecker, SonntagsZeitung Zürich, 12.11.06
Ein "wunderbare(s) Istanbuler Lesebuch: Nicht nur die Kindheits- und Familiengeschichte eines Nobelpreisträgers, sondern auch das Porträt einer einzigartigen Metropole." Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.06 "Orhan Pamuks Erinnerungsbuch ist ein Doppelporträt von hinreißender Melancholie. Der türkische Nobelpreisträger erzählt darin die Autobiografie seiner frühen Jahre und die Geschichte seiner vom Glanz vergangener Epochen niedergedrückten Heimatstadt Istanbul - eine faszinierende Reise in die Welthauptstadt der Schwermut." Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung "Orhan Pamuk hat Istanbul, dieser Weltstadt, ein wunderbares Denkmal gesetzt." Joachim Sartorius, Die Zeit, 27.10.05 "Die Geschichte, die dieses Buch erzählt, dementiert die mütterliche Theorie der kulturellen Erschöpfung, sie handelt davon, wie der junge Mann sich mit der Stadt, der er entstammt, verbündet, wie er sie entdeckt und durchstreift, wie er ihrer Gegenwart und den Spuren ihrer Geschichte die Stoffe und Energien abgewinnt, aus denen entsteht, was im Weltbild der Mutter nicht vorgesehen war: eine türkische Kunst, die der des Westens gewachsen, ja ebenbürtig ist." Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung, 21.11.06 "Pamuk hat eine Homage an seine Heimatstadt geschrieben und dabei die Wiedersprüche seiner Biographie virtuos ausgefaltet. ... In dieses Zwischenreich entführt Pamuk durchs Hin- und Hergleiten zwischen Erlebnis und Topographie, Empfindung und Historie. (...) Man sollte Istanbul als einen fesselnden Liebesroman lesen. Um das Porträt als Geliebte ist die türkische Metropole zu beneiden." Jörg Plath, Frankfurter Rundschau, 22.11.06 "Er analysiert die Psychologie einer ganzen Stadt und beschreibt gleichzeitig die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Istanbul zeigt, wie Pamuk später zu dem werden konnte, was er heute ist: die Stimme der modernen Türkei." Jobst-Ulrich Brand, Focus, 13.11.06 "Jedes Wort, das er schreibt, ist durchdrungen vom Leuchten dieser Stadt, jede Geschichte, die er erzählt, birgt die Geschichte eines ganzen Landes in sich, jedes Buch, das er verfasst, enthält den Wissensschatz eines ganzen Kontinents, und jedes Wissen, das er weitergibt, malt uns historische Miniaturen der ganzen Welt in all ihrer Schönheit, ihren Verflechtungen, ihren Schmerzen und ihrer Trauer ... Wer Pamuks Werke gelesen hat, wird nicht mehr davon ablassen können, sich jenseits von Europa, auf der anderen Seite des Bosporus, auf die Suche zu begeben." Najem Wali, Frankfurter Rundschau, 21.11.06 "Pamuks Istanbul-Buch (regt dazu an, dass) man sich denn noch tiefer in den großen Zusammenhang dieses erinnerten Lebens mit der erinnerten Stadt begeben will." Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 17.11.06 "Der autobiografische Band Istanbul ... gehört zu den Highlights im Schaffen Orhan Pamuks. ... Was Pamuk ausmacht, ist sein Talent als Geschichtenerzähler, sein ungeheurer Ehrgeiz, ... sein Fleiß, seine Ausdauer, aber auch seine ... Menschlichkeit." Dilek Zaptcioglu, Die Tageszeitung, 18./19.11.06 "Sein Leben wird immer mehr zu einem Leben mit seiner Stadt." Henning Ritter, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.06 "In einem bezaubernden Erinnerungsband erkundet der Literatur-Nobelpreistäger Orhan Pamuk seine Heimatstadt. Istanbul ... ist eine wunderbare poetische und zugleich analytische Liebeserklärung an eine Stadt und ihre Widersprüche." Sven Boedecker, SonntagsZeitung Zürich, 12.11.06
Orhan Pamuk, geb. 1952 in Istanbul, studierte Architektur und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York. Für seine Romane erhielt er 1990 den Independent Foreign Fiction Award, 1991 den Prix de la découverte européenne, 2003 der International IMPAC Dublin Literary Award, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und in demselben Jahr den Ricarda-Huch-Preis, 2006 den Nobelpreis für Literatur und 2007 die Ehrendoktorwürde der FU Berlin als 'Ausnahmeerscheinung der Weltliteratur'.
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