Leseprobe zu "Irène Némirovsky"
Irene Namirovsky hat oft gesagt, dass sie, bevor sie zu schreiben anfange, ganze Hefte mit biographischen Hinweisen ?ber alle ihre Personen f?lle, was sie das "Vorleben des Romans" nannte. Dann las sie alles noch einmal durch, wobei sie sich zensierte und kommentierte und damit auch erregende Reflexionen ?ber ihren Beruf als Schriftstellerin preisgab.
Von diesen Kladden voll pers?nlicher Erinnerungen und autobiographischer Notizen war im Jahre 2004 nur noch das Manuskript von Suite française vorhanden, eines, das f?r ihre Arbeitsmethode am wenigsten charakteristisch ist. Dabei hatte sie doch den gr??ten Teil aufbewahrt. Gl?cklicherweise sind im Laufe des Jahres 2005 die Notizen zu David Golder, zu Le Pion sur l'échiquier, zu Le Vin de solitude, zu Les Échelles du Levant (Le Maître des âmes), zu Les Chiens et les Loups wiederaufgetaucht, desgleichen die ersten Skizzen zu Captivité, dem dritten Teil von Suite française. Darunter auch ein unver?ffentlichter Roman, Chaleur du sang, zahlreiche Novellen, Jugendtexte und einzelne Seiten.
Unter all den realen Personen, die ihr f?r ihre Figuren als Vorlage dienten, war sie selbst nicht die geringste. Viele Seiten des Arbeitsjournals von Le Vin de solitude enthalten Erinnerungen an Gespr?che, zwanzig Jahre zuvor vernommene, mit einer bisweilen schmerzlichen Anstrengung ins Ged?chtnis zur?ckgerufene Bemerkungen, die wir im ersten Teil dieses Buchs gewissenhaft wiedergeben. So dass das "Vorleben" von Irène Némirovsky im zaristischen und revolution?ren Russland, das ihrer Eltern und Gro?eltern, ihr Exil in Finnland und dann in Schweden, das bisher nur anhand weniger administrativer Dokumente und einiger Presseinterviews aus den 1930er Jahren bekannt waren, mit einem erstaunlichen Reichtum an Details dem Vergessen entrissen wurden, zuweilen erh?rtet durch neue archivistische Quellen und unver?ffentlichte Familienzeugnisse.
In der vorliegenden Biographie weisen wir auf die Herkunft aller aus Irène Némirovskys ver?ffentlichtem Werk stammenden Zitate hin. Sollte die Quelle der meist autobiographischen Zitate nicht genannt werden, dann stammen sie aus diesen Manuskripten, Zeitungen und Arbeitsheften, die alle im Institut Mémoire de l'Édition Contemporaine (IMEC) in der Abbaye d'Ardenne in der Normandie aufbewahrt werden und in der Bibliographie am Ende dieses Werks aufgef?hrt sind.
Prolog Ich glaube, da? wir heute abfahren ...
(17. Juli 1942) "Da? Kinder, Frauen, M?nner, V?ter und M?tter wie eine gemeine Herde behandelt wurden, da? Mitglieder ein und derselben Familie voneinander getrennt und mit unbekanntem Ziel abtransportiert wurden, dies traurige Schauspiel war unserer Zeit vorbehalten."
Mgr. Jules Saliege, Erzbischof von Toulouse Hirtenbrief Et clamor Jerusalem ascendit, 23. August 1942 Es ist ein Waggon mit einer Schiebet?r, der f?r Viehtransporte bestimmt ist. Man hat Stroh hineingeworfen und einen Eimer Wasser hineingestellt. Die Fensterluken sind mit Stacheldraht versehen, so dass man nicht entkommen kann, sobald die T?r geschlossen wird. Ein rollendes Gef?ngnis, an ein anderes angeh?ngt, das ein drittes zieht und so fort. Dieser Transport vom 17. Juli 1942 ist der sechste, der Frankreich verl?sst. Seine neunhundertachtundzwanzig Fahrg?ste haben nicht darum gebeten, die Reise anzutreten, sie haben keine Fahrkarte, sie haben nur einen Koffer und ein paar Gep?ckst?cke. Sie kennen ihr Reiseziel nicht, und ihre Angeh?rigen wissen nicht, dass sie wegfahren.
Einige dieser Reisenden sind aus Anlass der Razzia vom 14. Mai 1941 in Paris irref?hrenderweise "vorgeladen" worden, zwecks "?berpr?fung ihrer Situation". Seitdem hocken sie in jenem behelfsm??igen Lager, dem sie so leicht h?tten entkommen k?nnen, wenn sie nicht bef?rchtet h?tten, ihre Familien Repressalien auszusetzen. Seit einigen Wochen werden auch Frauen und Kinder festgenommen. Eine umso leichtere Aufgabe, als sich fast alle bei den Beh?rden gemeldet haben: Was riskierte man denn in Frankreich, wenn man sich an die gesetzlichen Vorschriften hielt? Andere, wie sie, sind erst vor einigen Tagen aus ihrer Wohnung geholt worden. Ihre Verhaftung hat sie nicht ?berrascht: Seit Oktober 1940 ist die Staatsgewalt berechtigt, die Juden in "Sonderlagern" zu internieren, je nach Ermessen der Pr?fekten.
Denn sie alle sind Juden, alle Ausl?nder: was im besetzten Frankreich ein Delikt ist. Sie sind, einen Koffer in der Hand, im G?nsemarsch durch Pithiviers gegangen, unter den Fenstern der Bewohner. Sie sind an der Zuckerfabrik vorbeigekommen, haben die Schienen ?berquert, sind durch das von einem Gendarmen bewachte Holztor gegangen. Nach ihrer Registrierung sind sie in gro?e Milit?rbaracken gebracht worden, wo mit Stroh bedeckte Pritschen etwa hundert Erwachsene aufnehmen konnten. "Nat?rlich h?tte das Loiret gern auf dieses Geschenk verzichtet!", bedauerte L'Echo de Pithiviers am 24. Mai 1941. "Doch werden die ausl?ndischen Juden, da gut bewacht, nicht allzu gef?hrlich sein. Und alles in allem ist es vorzuziehen, sie hinter Stacheldraht zu wissen als an der Spitze unserer Rath?user und unserer gro?en Verwaltungen (...). Die S?uberung Frankreichs hat also ernsthaft begonnen. Gestehen wir, da? sie notwendig war und schon viel zu lange auf sich hatte warten lassen."1 Die zur Bewachung des Lagers eingesetzten franz?sischen Gendarmen sind nicht besonders b?sartig. Nur diszipliniert. Einige erleichterten die Besuche, den Empfang von P?ckchen, posierten mit den Inhaftierten f?r ein Erinnerungsfoto. Doch seit dem Sommer 1941 hat sich das Reglement versch?rft. Einige hundert H?ftlinge, die die Zwangsarbeit auf den benachbarten Bauernh?fen ablehnten, hatten schlie?lich das Weite gesucht. Als Vergeltungsma?nahme wird keine Ausgangserlaubnis mehr erteilt, und alle Besuche sind abgeschafft worden. Jetzt ist es illusorisch, der Beobachtung der auf Wacht?rmen hinter den Z?unen postierten Bewachern zu entgehen. Die wiedereingefangenen Fl?chtigen werden einige Tage in der prallen Sonne in einem kleinen Gef?ngnis aus Wellblech eingesperrt. Die deutsche Verwaltung hat beschlossen, diesen Komplex von Baracken sowie die von Beaune-la-Rolande, die 1940 errichtet worden waren, um hypothetische Kriegsgefangene aufzunehmen, in ein Durchgangslager zu verwandeln, von wo aus die H?ftlinge ins Arbeitslager Auschwitz-Birkenau in Polen transportiert w?rden. Dort k?nnen alle diese Juden, den Blicken entzogen, zu Zehntausenden zusammengepfercht und zum gegebenen Zeitpunkt - manchmal auch sofort - in den Gaskammern ermordet werden, was seit 1942 ein operatives Verfahren war.
Am 25. und 28. Juni 1942 haben also zwei erste Transporte von jeweils etwa eintausend Personen das Lager mit unbekanntem Ziel verlassen. Und um diese Zahl aufrechtzuerhalten, kam es in der besetzten Zone zu immer mehr Verhaftungen, die b?rokratisch als "Umsiedlungsoperationen" bezeichnet wurden. Zwischen den Neuzug?ngen und den Abtransporten ?hnelt das Lager von Pithiviers in diesem beginnenden Sommer einer Bahnhofshalle.
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