Im Krebsgang - Grass, Günter

Günter Grass 

Im Krebsgang

Eine Novelle

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Im Krebsgang

Der Journalist, der hier in fremdem Auftrag schreibt, hat wenig Lust, die alte, fast vergessene Geschichte von der Schiffskatastrophe auszugraben, die sich 1945 in einer eisigen Januarnacht in der Ostsee abspielte. Er hat die Story, die unabweisbar Teil seiner Lebensgeschichte ist, hundertmal aus dem Mund seiner Mutter gehört. Jetzt, fünfzig Jahre später, beim Recherchieren im Internet, macht er die erschreckende Entdeckung, daß sie eine ihn unmittelbar betreffende Fortsetzung hat.
Angefangen hat alles lange vor seiner Zeit, als am 4. Februar 1936 vier gezielte Schüsse den in der Schweiz für die NSDAP werbenden Wilhelm Gustloff töten. David Frankfurter, ein jüdischer Medizinstudent, will mit seiner Tat zum Widerstand aufrufen.Die Partei stilisiert den Ermordeten zum "Blutzeugen der Bewegung". Ein Jahr später wird in Hamburg ein Schiff auf den Namen Wilhelm Gustloff getauft, ein weißes "Kraft durch Freude"-Schiff, auf dem "Volksgenossen" Ferienreisen in die norwegischen Fjorde machen. Im Zweiten Weltkrieg, zum Lazarettschiff umgerüstet, später zum Kasernenschiff, liegt die Gustloff in der Danziger Bucht, bis sie am 30. Januar 1945, mit Verwundeten, Marinehelferinnen und Tausenden von Flüchtlingen überladen, von Gotenhafen ausläuft und in derselben Nacht von dem sowjetischen U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko versenkt wird.
Im Krebsgang, im beharrlichen Hin und Her zwischen Einst und Jetzt zeichnet der Erzähler die historischen Ereignisse nach, die mit unheimlicher Folgerichtigkeit zum größten Schiffsunglück aller Zeiten führten und nun, verdreht, verzerrt, einen irrsinnigen Mord auslösend, in der Gegenwart und im Leben seines verstaubten Mythen anhängenden Sohnes fortwirken.

Grass überrascht in diesem weder Schrecken noch Komik aussparenden Buch durch einen ganz neuen Ton, spielt kunstvoll mit literarischen Formen. Grass-Leser werden vertraute Gestalten wiederentdecken, darunter Tulla Pokriefke, alt geworden, unverwüstlich, Mutter des Erzählers, dergelegentlich mit seinem fordernd in Erscheinung tretenden Auftraggeber, dem Autor der "Danziger Trilogie", Streit anfängt. Bericht? Erzählung? Novelle? Schauplätze der in raschem Tempo erzählten, mitreißenden Handlung sind Davos und Odessa, Schwerin und Danzig, die Gustloff, ein U-Boot der sowjetischen Rotbannerflotte und die Ostsee in Höhe der Stolpebank.


Produktinformation

  • Verlag: Steidl
  • 2007
  • Neuausg.
  • Ausstattung/Bilder: Neuausg. 2007. 204 S.
  • Seitenzahl: 216
  • Werkausgabe Bd.18
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 130mm x 20mm
  • Gewicht: 306g
  • ISBN-13: 9783882438628
  • ISBN-10: 3882438622
  • Best.Nr.: 11230601
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Das Attentat am NSDAP-Propagandisten Wilhelm Gustloff, die Versenkung des nach ihm benannten Kasernenschiffs und ein Mord mehr als 50 Jahre später: In der Novelle von Günther Grass versucht ein Journalist Zusammenhänge zwischen diesen Ereignissen herzustellen. Eine spannende Geschichte - trotz der für Grass typischen Behäbigkeit und seinen selbstverliebten intellekuellen Exkursen. (cs)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.02.2002

Das mußte aufschraiben!
Die verspätete Erinnerung: Günter Grass beschreibt in seiner Novelle "Im Krebsgang" den Untergang der "Wilhelm Gustloff" und das Leid deutscher Kriegsflüchtlinge

Wer im Internet den Suchbegriff "Gustloff" eingibt, erhält an die zweitausend Verweise. Auch die Adresse "www.blutzeuge.de" und der Hinweis auf eine "Kameradschaft Schwerin" sind darunter. In Günter Grass' neuer Novelle "Im Krebsgang" ist "Blutzeuge.de" die Website, die ein anonymer Neonazi als Ehrentempel für Wilhelm Gustloff errichtet hat, jenen Nazi-Funktionär, nach dem das Flüchtlingsschiff benannt war, das im Januar 1945 von einem russischen U-Boot torpediert wurde und das im Zentrum des Buches steht.

Bei seinen Recherchen für ein Buch über die "Gustloff" entdeckt der Erzähler Paul Pokriefke, daß der gewitzte Webmaster, der sich nach seinem Idol Wilhelm nennt und alles über das Schiff und seinen Namensgeber weiß, kein anderer als sein eigener Sohn Konrad ist. Am Ende der Novelle ist das Schicksal der "Gustloff" erzählt, und Konrad sitzt im Gefängnis. Er hat seinen vermeintlich jüdischen Widerpart aus dem Chatroom bei ihrer ersten Begegnung …

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Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, absolvierte nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft eine Steinmetzlehre, studierte dann Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf und Berlin. 1956 erschien der erste Gedichtband mit Zeichnungen, 1959 der erste Roman 'Die Blechtrommel'. 1965 erhielt der Autor den Georg-Büchner-Preis, 1994 den Karel-Capek-Preis. 1999 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen und 2009 wurde er zum Ehrenpräsidenten des P.E.N. ernannt. Grass lebt in der Nähe von Lübeck.

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