Die römische Kommissarin Maureen Martini wird bei einem Einsatz so
schwer verletzt, dass sie in Folge erblindet. Nur ein berühmter
Spezialist in New York kann ihr das Augenlicht wiedergeben. Doch
nach der erfolgreichen Operation suchen Maureen schreckliche
Visionen von Mordanschlägen heim: immer aus der Sicht des Opfers,
immer im Augenblick des Todes. Erst als sie den Ermittler Jordan
Marsalis kennen lernt, begreift Maureen, dass ihre Halluzinationen
genaue Abbilder jener grausamen Serienmorde sind, die seit Wochen
ganz New York in Angst und Panik versetzen.
"Gut beschrieben, eindringlich in den Details, ein Thriller, der auch Anspruchsvolle unterhalten dürfte."Wiener Journal
Giorgio Faletti, geboren 1950 im italienischen Asti, ist ein wahres Multitalent. Zunächst machte sich der gelernte Jurist als Moderator und Komiker in legendären italienischen Fernsehshows einen Namen (Drive in, Emilio), danach wandte er sich der Musik zu, schrieb Lieder für berühmte Sänger und gewann 1994 beim Festival von San Remo selbst den zweiten Platz. Der Thriller »Ich töte« ist sein fulminantes Debüt als Schriftsteller, mit dem er monatelang Italiens Bestsellerlisten besetzte und so viele Bücher verkaufte wie kein italienischer Romancier vor ihm. Giorgio Faletti lebt in Mailand.
Leseprobe zu "Im Augenblick des Todes"
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Leseprobe zu "Im Augenblick des Todes" von Giorgio Faletti
Leseprobe zu "Im Augenblick des Todes" von Giorgio Faletti
Das Dunkel und das Warten haben dieselbe Farbe. Die junge Frau, die eines Tages in der Dunkelheit sitzen wird wie in einem Sessel, wird beides bereits zu oft erlebt haben, um Angst zu verspüren. Sie wird nur zu gut und am eigenen Leibe erfahren haben, dass das Sehen manchmal nicht allein eine physische Angelegenheit ist, sondern auch eine geistige. Plötzlich werden die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos ein helles Viereck über die Wände huschen lassen, mit rascher, verstohlener Neugierde, als suche es nach einem imaginären Punkt. Dann wird es wieder durch das Fenster aus dem Gefängnis des Zimmers fliehen, dem Auto nach, dem es seine Existenz verdankt. Hinter dem Schleier der Vorhänge, hinter den Fenstern, hinter den Mauern, im gelblichen Dunkel von tausend Lampen und tausend Neonleuchten wird noch immer dieser unbegreifliche Wahnsinn sein, den man New York nennt. Diese Stadt, die alle zu hassen vorgeben, deren Rhythmus sie sich aber dennoch unterwerfen, mit dem einzigen, unerklärten Ziel zu verstehen, wie sehr sie sie lieben. Und voller Furcht, sie könnten herausfinden, wie wenig sie wiedergeliebt werden. So entdecken sie, dass sie nur Menschen sind und dass sie denen gleichen, die den Rest der Welt bevölkern, einfache Menschenwesen, die sich weigern, Augen zu haben, um zu sehen, Ohren, um zu hören, und eine Stimme, um sie anderen Stimmen entgegenzusetzen, die lauter schreien.
Auf dem Tischchen neben dem Stuhl, auf dem die junge Frau sitzen wird, wird eine Beretta 92 SBM liegen. Der Griff dieser Pistole ist ein wenig kleiner als üblich, extra dafür konstruiert, sich in die Hand einer Frau zu schmiegen. Bevor sie sie auf die gläserne Oberfläche legt, wird sie mit einer entschiedenen Geste die Patrone in den Lauf schieben und den Verschluss in der Stille des Zimmers mit dem trockenen Laut eines brechenden Knochens einrasten hören. Nach und nach werden sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnen, und sie wird den Ort, an dem sie sich befindet, auch ohne Licht erkennen. Der Blick der jungen Frau wird auf die Wand gegenüber gerichtet sein, wo sie den dunklen Fleck einer Tür eher erahnt, als dass sie ihn sieht. Früher einmal hat sie in der Schule gelernt, dass sich der Netzhaut, blickt man intensiv auf eine farbige Fläche und schaut dann weg, ein leuchtender Fleck in der Komplementärfarbe einprägt.
Die junge Frau wird ihr eigenes bitteres Lächeln in der Dunkelheit erblühen fühlen.
Komplementärfarben ergeben im richtigen Mischungsverhältnis ein absolutes Grau. Mit der Dunkelheit kann das nicht geschehen. Das Dunkel bringt nur weiteres Dunkel hervor. In jenem Moment wird jedoch nicht die Dunkelheit das Problem sein. Wenn die Person kommt, auf die sie wartet, wird bei ihrem Eintreten alles plötzlich in Licht getaucht werden. Doch auch das wird nicht das Problem sein und auch nicht dessen Lösung.
Nach einem langen, scheinbar unendlich langen Weg, der zurückgelegt sein wird, um zu töten oder um nicht getötet zu werden, nach einer langen Reise durch jenen Tunnel, der nur von wenigen lächerlichen Lampen sein Licht empfängt, werden zwei Menschen kurz davor stehen, in die Sonne zu treten. Und sie werden die Einzigen sein, die besitzen, was allein durch das Wort, das Hören, das Sehen fortlebt: die Wahrheit.
Der eine wird sie sein, die junge Frau, zu verschreckt, um zu wissen, dass sie sie besitzt.
Der andere wird - natürlich - die Person sein, auf die sie wartet.
Er, der Mörder.
ERSTER TEIL NEW YORK
EINS
Jerry Kho glitt vollkommen nackt zu Boden, bis er auf der riesigen weißen Leinwand kniete, die er mit einem Klebeband auf dem Fußboden befestigt hatte. Nach einem Augenblick der inneren Sammlung wie bei einem Zirkusartisten vor seinem Auftritt tauchte er die Hände in die große Dose mit roter Farbe, die zwischen seinen Beinen stand, hob die Arme zur Zimmerdecke und ließ die Farbe langsam bis zum Ellbogen herablaufen. In dieser Geste lag das Weihevolle eines heidnischen Ritus, bei dem das Menschsein unter der Farbe einer heiligen Malerei versteckt und nach einer neuen Gestalt und einer anderen Zugangsform zu einem höheren Wesen gesucht wird. Mit derselben flüssigen Bewegung verteilte er in bewusster Mystifizierung die Farbe über seinen ganzen Körper, wobei er nur die Stellen um Penis, Mund und Augen freiließ. Nach und nach gab er seinen Männerkörper preis, um sich in das zu verwandeln, was die rote Farbe aus ihm machte und was er darstellen wollte: eine einzige große schmerzende Wunde, die Körpersäfte absonderte, von denen man sich unmöglich trennen konnte, außer um den Preis seiner menschlichen Natur.
Er sah zu der Frau auf, die vor ihm stand. Auch sie war vollständig nackt, doch ihr Körper war mit einer anderen Farbe bemalt, mit jenem besonderen intensiven Blauton, der gemeinhin China Blue genannt wird.
Jerry hob die Arme und vereinigte seine Hände mit denen der Frau, die sich ihm entgegenstreckten. Ihre Handflächen pressten sich mit jenem erstickten Laut aneinander, den der Saugeffekt von Flüssigkeiten erzeugt, und die Farben begannen, sich zu vermischen und ineinander zu laufen. Er zog sie langsam herunter, bis sie vor ihm kniete. Die Frau, deren Namen er völlig vergessen hatte, war in Alter und Aussehen ein völlig undefinierbares Wesen. Unter normalen Umständen hätte Jerry sie eher als abstoßend bezeichnet, doch in diesem Moment fand er sie geradezu perfekt für das Werk, das er zu schaffen gedachte. In seinem vernebelten Geist - die Nachwirkung der Pillen, die er am Abend eingeworfen hatte - schien ihm der Abscheu sogar wesentlich zu sein. Während er ihre leicht hängenden und schlaffen Brüste betrachtete, die nicht einmal durch die Maskierung mit dieser leuchtenden Farbe zu verschönern waren, begann sein Glied sich zu versteifen. Nicht wegen der Nacktheit der Frau, sondern wegen der erregenden Wirkung, die immer mit der Entstehung seiner Werke verbunden war. Er streckte sich langsam auf der unbefleckten Weiße der Leinwand aus. Sein Geist konzentrierte sich bereits auf die farbige Form, die sein Körper hinterlassen würde auf dem, was einst Teil eines einzigen riesigen Gemäldes werden sollte.
Für Jerry Kho war die Kunst, die sich auf einer Leinwand präsentierte, vor allem Zufall, ein Ereignis, das der Künstler hervorrufen und entdecken, nicht aber erschaffen konnte. Die Schöpfung blieb dem Zufall oder dem Chaos überlassen und damit auch den einzigen beiden Dingen, die dem Zufall und dem Chaos entsprangen und mit all ihren natürlichen und künstlichen Anteilen dorthin zurückkehrten: Sex und Drogen.
Jerry Kho war vollkommen verrückt. Zumindest hielt er sich in seinem absoluten Narzissmus gerne dafür, auch jetzt, da er die Frau zu sich heranwinkte. Die Frau, an deren Namen er sich nicht erinnerte, legte sich auf ihn und stützte die Hände neben ihm auf, sie hatte die Augen halb geschlossen und atmete schnell. Jerry spürte, wie ihre farbverschmierten Haare seinen Bauchnabel streiften. Er nahm ihren Kopf und drückte ihn zu seinem Glied, das jetzt völlig erigiert war und sich weiß von seinem farbigen Körper abhob. Ihre Lippen öffneten sich, und der Mann spürte, wie ihn die feuchte und liebkosende Wärme ihres Mundes völlig umfing.In Jerrys Augen waren sie nun zwei einander überlagernde Flecken, die der große, an der Decke befestigte Spiegel mit unterschiedlicher Intensität zurückwarf. Die leichte Kopfbewegung der Frau verlor sich in der Perspektive. Er spürte die Bewegung, ohne dass er sie sehen konnte. Das, was sie hier trieben, und die unbestimmte Anzahl an Pillen, die er in seinem Körper hatte, versetzten ihn plötzlich in große Begeisterung. Er breitete die Arme aus und drückte die Hände mit den Handflächen auf die weiße Leinwand unter sich. Als er die Hände wieder auf den Kopf der Frau legte, sah er die Farbspur, die er auf der Fläche hinterlassen hatte, und seine Erregung verstärkte sich noch.
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