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  • Verlag: Piper
  • ISBN-13: 9783492040907
  • ISBN-10: 349204090X
  • Best.Nr.: 07841246
Rezensionen
Besprechung von 12.06.1999
Konfession in Kunstleder
Souveräne Selbstverschwendung: Ralf Bönts Debütroman "Icks" steht in der Tradition ortsgeschädigter Wiederholungstäter · Von Thomas Wirtz

Vor dem außen sichtbaren Horizont wirkt die Enge eines Flugzeugsitzes geradezu unanständig. Die Klimaanlage schränkt die Körperwärme des Sitznachbarn kaum in ihrer raumgreifenden Begehrlichkeit ein. Die Ellbogengesellschaft demonstriert ihre schmerzhaft spürbare Wahrheit. Dieser Ort der Anonymität und stundenlangen Gefangenschaft ist für Konfessionen bestens geeignet. Anstand und knapper Raum vereiteln dem Zuhörer die Flucht, der Beichtende bewahrt das Geheimnis seiner wahren Identität über die Paßkontrolle hinaus. Das resonanzlose Sprechen über den Wolken verschafft sich selbst die Absolution, damit am Zielflughafen ein neuer Mensch Gepäck und Charakterreste einsammeln kann. In Begleitung von Stewardessen und kostenlosem Whiskey nimmt auch dieses Purgatorium ein Ende nach Fahrplan.

Ralf Bönts Debütroman "Icks" ist das Protokoll einer solchen säkularisierten Beichte, ein automobiler Monolog auf Kunstledersitzen. Die acht Stunden Flug zwischen Frankfurt und New York oder 170 Buchseiten reichen dem Titelhelden aus, um dem namenlos zuhörenden Ich seine Lebensversehrungen zu erzählen. Der Flug in die Neue Welt soll der Abschied von einer alten Biographie sein, eine Passage nicht nur über den Atlantik; aus der Vogelperspektive enthüllt der Rückblick ein ununterbrochenes Desaster.

Ausgelöst hat diese Generalabrechnung ein Besuch bei den Eltern vor zwei Tagen, der erste nach einer zehnjährigen Abwesenheit aus der Kindheitsstadt. Die Ankunft in der Bahnhofshalle der "Ostwestfalenmetropole" erneuert die gegenseitige Abneigung und wirft auf die Vergangenheit den grellen Blitz der Erkenntnis: In dieser Provinz, so meint Icks, verkümmert die Seele auf Gartenzwerggröße, hinter dem Jägerzaun wird Sehnsucht waidgerecht zerlegt.

Langsam steigen aus den assoziativen Gedächtnisprotokollen, die das Buch als eine wörtliche Rede fortlaufend notiert, die Schemen einer folgerichtig beschädigten Lebensgeschichte auf. Icks schleppt eine Erinnerungslast wie einen "Batzen Zeugs" mit sich herum, eine Art von Maulwurfserlebnissen, die unter seiner scheinbar wohlanständigen Oberfläche das Vertrauen in die Welt unterhöhlt haben. Da ist der nachbrennende Augenblick des verweigerten Elfmeters, als Icks kurz vor dem Torschuß mit angeblich unlauteren Mitteln von den Beinen geholt wird. Von diesem Fall hat er sich niemals wieder aufgerappelt, weil seitdem der Glaube an die Gerechtigkeit des gesellschaftlichen Spiels erschüttert war und der Gefoulte sich fortan zu ihrem trotzigen Rächer macht. Wo Unrecht sich zu zeigen schien, erhob er seine beharrlich beleidigte Stimme. Sein Lehrer bescheinigte ihm starkes Gerechtigkeitsempfinden, ein Aufbegehren gegen alle und jeden, ein Rütteln an den Gefängnisstäben auch der eigenen Herkunft.

Der Karriereweg eines solch misanthropisch Unangepaßten verläuft mit erwartet kurzer Reichweite. Icks verläßt die elterlich beheizte Spießerhölle, die er flieht und die ihn ausspuckt. In Berlin studiert er theoretische Physik, erwirbt den Doktortitel und muß sein Forschungsprojekt nach Ende des Kalten Krieges einstellen. Nach Konstanz zieht ihn nicht einmal ein Stipendium, in der freien Wirtschaft fühlt er sich unfrei, die Arbeitslosigkeit belastet ihn mit der Überschußzeit des Nachdenkens. Auch die Liebschaften enden alle in der deprimierenden Einsicht, daß man alleine glücklicher war. Icks' Unerbittlichkeit bleibt so zum Opfer nur noch die eigene Person. Seine Selbstzerstörung gehorcht dem Zwang, die elterliche Verblödung: deren Gleichgültigkeit gegenüber der Judenvernichtung im allgemeinen und dem verpaßten Elfmeter im besonderen, nicht noch einmal an sich zu wiederholen. Der Haß gegen sie ist das stärkste Band; jede Fluchtgeste treibt ihn tiefer in die Provinz.

Bis zu den Fundamenten hinab erkrankt aber ist seine Sprache. Der Monolog im Flugzeug hat die grammatikalische Bodenhaftung verloren, Sätze schlingern unverbunden aneinander vorbei, manches Wort scheitert im Sturzflug unpassender Bedeutung. Icks, diese vom Whiskey befeuerte Sprechmaschine, schraubt sich an Ort und Stelle fest, dreht aber nicht durch. Nach der Promotion hatte er gehofft, "so ein Titel sollte genügen, an Voraussetzung jetzt, meine ich, um einmal einen klaren Gedanken zu haben, zum Beispiel, oder auch öfters mal einen, warum eigentlich nicht, auch wenn das naiv klingt, nur ich statt dessen, seit 33 Jahren laufe ich durchs Leben oder halt - gerade nicht durchs Leben, sondern diesem Gedanken hinterher, der irgendwie klar sein sollte, klärend".

Sein hellsichtiges Unglück ist, daß der Gedanke und seine Äußerung mit ihren unterschiedlichen Geschwindigkeiten einander verpassen. Wie der Lebensweg des Helden so brechen auch seine vielversprechend begonnenen Sätze immer wieder ab. Die hineingeschütteten Kommata und Füllwörter wirken wie loser Schotter in diesen abschüssigen Satzhalden: Man rutscht auf ihm aus und stürzt die Satzkonstruktionen hinab, weil es nirgendwo Halt gibt. Das "Elend der Nachdenkerei", mit dem Icks sich und seine Zuhörer malträtiert, liegt in seiner Selbstbeobachtung; bevor er ein Problem löst, macht er sich lieber selbst zu einem zweiten. Das Nachdenken erreicht nie die Wirklichkeit, weil es sich selbst im Wege steht. Die Sätze brechen im Unsinn ab, weil sie die Logik zu sehr anstrengen. Icks leidet unter dem Paradox der skrupulösen Gewaltsamkeit, der entschiedenen Unfestigkeit und plötzlichen Willensstärke. Sein "Stochern im Denken" landet stets nur bei sich selbst. Es ist dieser Zwang nach unbedingter Erkenntnis, der in hilfloser Überforderung endet.

Ralf Bönt hat einen - von seinem Lebensweg deutlich autobiograpischen - Helden entworfen, der in der Tradition ortsgeschädigter Wiederholungstäter steht. Thomas Bernhard war unter diesen literarischen Zwangsneurotikern, die stets an den Ort des Verbrechens schreibend zurückkehren müssen, wohl mit der formvollendetste: Seine Haßgesänge, der Refrain der Verbitterung, fanden immer wieder nach Österreich heim. Jeder Abschied war ein Neuanfang, jede Flucht ein Rückzug. Ralf Bönt hat von diesen wiederkehrenden Schleifen in die Provinz viel gelernt und zugleich die klassische Sprachform zerschlagen. Auch sein Held wird den Denkkreis der "gehaßten Stadt" kaum durchbrechen, wohl nie in den Traum einer gebändigten Syntax fallen. Der Flug nach New York und die achtstündige Sprechtherapie enden in Alkoholrausch und benebelter Erinnerung.

Icks ist nicht der Vertreter einer ganzen Generation, der Icks-ten. Das "leere Dickicht", in dem er mit allen Armen seiner Biographie orientierungslos rudert, stattet er mit bundesrepublikanischen Bedenklichkeiten - Auschwitz, Arbeitslosigkeit, Kunstfeindlichkeit - eher zufällig aus. Hier macht es sich jemand in eigenen und fremden Problemen wie in einer Seelencouchlandschaft bequem. Man bewundert beim Lesen das hartnäckig durchgehaltene Denkstottern, aber man fühlt sich auch davon angesteckt. Icks' Monolog ist Nervenkunst, eine ermüdungsfreie Selbstverschwendung. Seiner hoffnungslosen Generalbeichte während des Flugs hat man achtungsvoll und mit Anstrengung zugehört, und wie im wirklichen Leben freut man sich auf die Trennung bei der Ankunft. Für den Romanhelden ist kaum etwas zu hoffen. Auch die Skyline von Manhattan wird ihn nur an Ostwestfalen erinnern.

Ralf Bönt: "Icks". Roman. Piper Verlag, München und Zürich 1999. 170 S., geb., 29,80 DM.

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