Ich mache mir Sorgen, Mama - Kaminer, Wladimir

Wladimir Kaminer 

Ich mache mir Sorgen, Mama

Broschiertes Buch
 
3 Kundenbewertungen
***** ausgezeichnet
versandkostenfrei
innerhalb Deutschlands
9 ebmiles sammeln
EUR 8,95
Sofort lieferbar
Alle Preise inkl. MwSt.
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Ich mache mir Sorgen, Mama

'Es fällt schwer, ihn nicht zu lieben: Wladimir Kaminer, der russische Lakoniker aus Berlin, stellt neue urkomische Miniaturen vor.' Welt am Sonntag

Wer Wladimir Kaminers Geschichten kennt, kennt auch seine Familie: seine Frau Olga, seine beiden Kinder und natürlich seine Eltern. Egal ob Erziehungsfragen, sexuelle Aufklärungsarbeit, deutscher Behördendschungel, sportliche Extravaganzen, Mysterien des Religionsunterrichts, Urlaubskatastrophen oder die Invasion der Playmobilfiguren - das Leben mit seiner Familie stellt Wladimir Kaminer unablässig vor neue Herausforderungen und beschert ihm immer wieder äußerst kuriose Erfahrungen. Und wer könnte hinreißender von ihnen erzählen als er selbst?


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 253 S.
  • Seitenzahl: 256
  • Goldmann Taschenbücher Bd.46182
  • Deutsch
  • Abmessung: 182mm x 114mm x 20mm
  • Gewicht: 200g
  • ISBN-13: 9783442461820
  • ISBN-10: 3442461820
  • Best.Nr.: 20765164
"Es fällt schwer, ihn nicht zu lieben: Wladimir Kaminer, der russische Lakoniker aus Berlin, stellt neue urkomische Miniaturen vor."

"Kaminer ist, was nur selten bemerkt wird, ein großer Stilist, ein Meister seiner Form, einer kleinen Form natürlich, die der Romanform in manchem überlegen ist. Wladimir Kaminer, soviel steht fest, ist ein großer Gewinn für die deutsche Literatur." (SDZ)<br/><br/>"Das Geheimnis Kaminers ist die Sanftheit seiner Satire. Er lässt, scheinbar, nur den Dingen ihren Lauf und macht kein Aufhebens davon, dass er selbst sie in Gang setzt. Er ist ein Candide der Normalität." (Dieter Hildebrandt in DIE ZEIT)<br/><br/>"Kaminer überzeichnet die Wirklichkeit mit lakonischer Ironie. Stanzt keine überflüssigen Prosaschnörkel. Blickt schubladenfrei auf seine Figuren mit dem Blick fürs Wesentliche." (Die Welt)

"Kaminer ist, was nur selten bemerkt wird, ein großer Stilist, ein Meister seiner Form, einer kleinen Form natürlich, die der Romanform in manchem überlegen ist. Wladimir Kaminer, soviel steht fest, ist ein großer Gewinn für die deutsche Literatur."<br />(Süddeutsche Zeitung)<br/><br/>"Das Geheimnis Kaminers ist die Sanftheit seiner Satire. Er lässt, scheinbar, nur den Dingen ihren Lauf und macht kein Aufhebens davon, dass er selbst sie in Gang setzt. Er ist ein Candide der Normalität."<br />(DIE ZEIT (Dieter Hildebrandt))<br/><br/>"Kaminer überzeichnet die Wirklichkeit mit lakonischer Ironie. Stanzt keine überflüssigen Prosaschnörkel. Blickt schubladenfrei auf seine Figuren mit dem Blick fürs Wesentliche."<br />(Die Welt)

"Das ist ein Plauderton, den man im Deutschen selten antrifft, so ganz leicht, anschaulich daher erzählt. Kompliment!"
Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und organisiert Veranstaltungen wie seine mittlerweile international berühmte »Russendisko«. Mit der gleichnamigen Erzählsammlung sowie zahlreichen weiteren Büchern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands. Alle seine Bücher gibt es als Hörbuch, von ihm selbst gelesen.

Leseprobe zu "Ich mache mir Sorgen, Mama" von Wladimir Kaminer

PDF anzeigen

Leseprobe zu "Ich mache mir Sorgen, Mama" von Wladimir Kaminer

Deutsch für Anfänger

Oft kommt es vor, dass ich von Schulklassen eingeladen werde. Nach der Lesung stellen mir die Schüler Fragen, allerdings wollen sie nie Näheres über den Inhalt meiner Geschichten wissen, sondern immer nur, was ich im Jahr verdiene und wie ich das ganze Geld ausgebe. Einige wenige fragen mich auch, ob ich auf Deutsch träume. Auch andere neugierige Leser versuchen, eine Verbindung zwischen mir und der deutschen Sprache herzustellen.

"Warum schreiben Sie auf Deutsch?", fragen sie mich während der Lesungen und in ihren Briefen. "Haben Sie schon in Moskau in der Schule Deutsch gelernt? Sprechen Ihre Kinder Deutsch? Was lieben Sie an der deutschen Sprache?"

Ich verteidige mich mit aller Kraft. "Nein, ich habe Deutsch nicht in der Schule gelernt, sondern nur hier, aus Not", erkläre ich. Als Schriftsteller und Journalist war ich an einem großen Lesepublikum interessiert, habe aber den Übersetzern immer misstraut. Und in Deutschland bleibt trotz aller Einwanderungsmassen Deutsch noch immer mit Abstand die einzige Sprache, die von den meisten verstanden und gelesen wird. Ein Sprachkünstler bin ich nie gewesen, für mich ist die Sprache nur ein Werkzeug, ein Hammer, der mir hilft, Verständigungsbrücken zu anderen zu schlagen. Der Umgang mit der Sprache kann unterschiedlich sein. So wie Musiker ihre Gitarren auch sehr unterschiedlich quälen - der eine kann mit zwölf Fingern und der Nase darauf spielen, der andere haut mit der Faust auf sein Instrument. Wenn er aber tatsächlich etwas zu sagen hat, kann er mit zwei Akkorden große Begeisterung beim Publikum hervorrufen. Selbst die verdorbensten Musikkritiker schütteln dann den Kopf und sagen: "Diese zwei Akkorde sind zwar total abgenutzt und belanglos, aber wie der Kerl auf die Saiten haut, das ist doch bemerkenswert. Ein großer Musiker." Und so haue ich auf mein Deutsch, das bei weitem nicht perfekt ist, aber ausreicht, um sich damit Gedanken über das Leben zu machen und sie zu Papier zu bringen.

Meine erste Bekanntschaft mit der deutschen Sprache fand in der sowjetischen Schule Nr. 701 statt. Dort durften wir in der fünften Klasse auswählen, welche ausländische Sprache wir lernen wollten.

Deutsch und Englisch standen zur Auswahl - alle Kinder entschieden sich für Englisch. Deutsch war als Nazisprache verpönt. Irgendjemand musste aber auch Deutsch lernen, immerhin lebten wir in einer Planwirtschaft. Also wurden die schlechten Schüler und Rowdys zum Deutschunterricht verdonnert.

Die beiden Sprachlehrerinnen kamen am Ende der großen Mittagspause in die Schulkantine. Die Englischlehrerin war eine junge gefärbte Blondine mit langen Fingernägeln. Sie hatte außerdem eine tiefe, erotische Stimme: "Ladies and gentlemen", rief sie, "come on please - to the classroom!" Das klang für uns damals sehr cool, das war die Sprache unserer Propheten, die Sprache von Ozzy Osbourne, Manfred Mann und KISS. Die Deutschlehrerin war eine ältere Dame mit Hornbrille und einem grauen Zopf auf dem Kopf, sie trug eine selbst gestrickte graue Bluse und sah aus wie eine große alte Krähe. "Kommt zu mir, Kinder! In das Klassenzimmer", krähte sie in der Kantine. Alle bekamen eine Gänsehaut von diesem "Klassenzimmer".

Nicht nur die Schüler, auch die russischen Klassiker standen der deutschen Sprache kritisch gegenüber. Leo Tolstoi verglich sie mit den unendlichen Gleisen der Eisenbahn - bis an den Horizont. Nabokov ging noch weiter und behauptete, dass sich die deutsche Sprache so anhört, als würde einer Nägel in Bretter treiben. Ich war zwar kein guter Schüler, aber nicht schlecht genug für den Deutschunterricht. Also verbrachte ich meine jungen Jahre im classroom:"Desmond has a barrow in the market place / Molly is the singer in a band."

Als ich 1990 nach Deutschland aufbrach, hatte ich nur einen alten russisch-deutschen Sprachführer aus der Bibliothek meiner Mutter dabei, extra für diesen Anlass enteignet. Das dünne Heft von 1957 bewies schon in den ersten Sätzen seine Nutzlosigkeit: "Wie komme ich zur Sowjetischen Botschaft?", stand dort; und: "Ich muss dringend den sowjetischen Botschafter sprechen." Die Sowjetische Botschaft stand nicht auf meiner Liste der Berliner Sehenswürdigkeiten, und der sowjetische Botschafter war der Letzte, den ich sprechen wollte. Meine Englischkenntnisse hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf natürliche Weise aus dem Kopf verflüchtigt. Wer war noch mal Desmond gewesen, und als was hatte Molly gearbeitet? Also fing ich in Berlin auf der Straße und in den Kneipen noch einmal von vorne an, die neue Sprache zu lernen. Später ging ich in einen Sprachkurs der Humboldt Universität. Schnell erkannte ich dort das System. Anders als in meiner Heimatsprache kann man im Deutschen alle Worte zusammensetzen, Substantive mit Adjektiven verbinden oder umgekehrt, man kann sogar neue Verben aus Substantiven ableiten. Dabei entstehen völlig neue Redewendungen, die aber von allen sofort verstanden werden. Anfangs experimentierte ich viel in der U-Bahn. Meine ersten Versuchskaninchen waren die Fahrausweiskontrolleure, die sich immer wieder gerne auf einen komplizierten Wortaustausch einließen. "Ihr Kurzstreckentarif ist nach einer Zwanzigminutenstrecke abgelaufen", sagten sie zum Beispiel.

"Ich habe den Langstreckentarif nicht gefunden und wollte nur einmal kurzstrecken, habe aber die Ausstiegsgelegenheit leider verpasst", antwortete ich.

"Die können wir für Sie organisieren", meinten die Kontrolleure, "steigen Sie bitte mit aus."

Mit oder aus? Aus oder mit? Ich war begeistert von der Flexibilität und Sensibilität dieser Sprache. Später, als ich zu schreiben anfing, betitelte ich alle meine Geschichten, ja sogar Bücher mit diesen zusammengeklappten wunderbaren Worten, die immer wieder neue Farben in die Sprache brachten. Die Russendisko zum Beispiel würde auf Russisch nur flach als "Russkaja Diskotheka" ausfallen. Und Militärmusik ist ebenfalls im Russischen nicht sagbar.

Inzwischen ist meine Bekanntschaft mit der deutschen Sprache dreizehn Jahre alt. Und ich weiß, dass das einst begehrte Englisch - die Sprache unserer damaligen Propheten wie Ozzy Osbourne - bloß eine Entgleisung des Plattdeutschen ist. Meine Heimatsprache Russisch ist sehr bildhaft und ausdrucksreich, man kann im Russischen für alles dutzende von treffenden Wörtern finden, die aber hier im Westen keiner versteht. Im Deutschen reimt sich dafür alles auf den Endungen, wenn man nur will. Diese Sprache hat mit den Gleisen bis an den Horizont nichts zu tun, sie ist vielmehr eine Art Lego-Baukasten, in dem alle Teile zueinander passen. Was man daraus baut, ist jedem selbst überlassen. Neulich zum Beispiel zeigte meine Schwiegermutter, die kein Deutsch kann, unserer siebenjährigen Tochter ein Foto von mir mit der Bildunterschrift "Schriftsteller Kaminer" und fragte sie, was da steht. "Ist doch klar", sagte Nicole, "Schriftsteller - das ist ein Teller mit Schrift." Meine Schwiegermutter guckte sich daraufhin das Foto noch einmal genauer an, konnte aber nirgendwo einen Teller entdecken. Deutsch bleibt nach wie vor geheimnisvoll.

Die Geologen und ihre heimliche Nachwuchsschulung

"Also eure beiden Kleinen, wenn die morgens zum Kindergarten ziehen, dann sieht man sofort - das sind Oma-Kinder", erzählte mir meine Nachbarin. "Ist es nicht toll, eine Oma zu haben?" Das konnte ich nur bestätigen. Allein in diesem Jahr verbrachte meine Schwiegermutter drei Monate bei uns. Sie stand früh auf und kümmerte sich um alles: kochte, brachte die Kinder zum Kindergarten, las ihnen alte russische Märchen vor und sang jeden Abend vor dem Schlafengehen Gutenachtlieder, die wir nicht kannten. Meine Frau und ich gingen abends aus, mal in eine Kneipe, mal in ein Konzert, und freuten uns, dass unsere Kinder mit der Oma auch noch eine andere kulturelle Tradition kennen lernten und nicht nur auf solche Wessi-Figuren wie Peter Pan und die Biene Maja fixiert wurden. Mit meiner Schwiegermutter sollten sie ihren Horizont erweitern, was auch geschah.

Eines Tages kam mein vierjähriger Sohn Sebastian zu mir ins Arbeitszimmer. Ich war gerade dabei, eine Geschichte zu schreiben, aber die Arbeit ging nicht richtig voran. Sebastian klopfte mir auf die Schulter und sagte: "Halte durch, Geolog! Gib nicht auf, Geolog!"

"Wie bitte?", fragte ich ihn.Wo hatte der Junge solche Sprüche her? Abends beschloss ich, mir das Gutenachtlied meiner Schwiegermutter anzuhören. Es war die Hymne der Geologen, die meine Kinder stark beeindruckte. Meine Schwiegermutter hatte dreißig Jahre lang auf Sachalin für eine Organisation namens GSO gearbeitet, was so viel wie "Geologische Schürfexpedition der Stadt Ocha" bedeutet. Früher, in der Sowjetunion, genossen die Geologen allgemeine Achtung, für viele junge Leute war es ein höchst erstrebenswerter Beruf, der alle traumhaften Elemente eines erfüllten Lebens in sich barg: Romantik und Heldentum, Zelten auf einem Berg, Lagerfeuer in der Schneewüste, mit dem Hubschrauber über die Taiga, aber auch ein doppeltes Gehalt plus Gefahrenzulage, zwei Monate Urlaub auf der Krim, wilde, kernige Frauen für die Männer und wilde, bärtige Männer für die Frauen, dazu Champagner bis zum Abwinken. Jeden ersten Sonntag im April wurde landesweit der "Tag des Geologen" gefeiert. Die Regierung zeichnete die Besten mit schicken Ehrenurkunden aus, namhafte sowjetische Komponisten widmeten ihnen ihre neuesten Lieder, das Fernsehen übertrug die "Große Geologen-Hymne":

Niemals wirst du umkehren,

Denn das Sein ist dir lieber als der Schein;

Auch im Leben wirst du immer erkennen

Wertvolle Erze im tauben Gestein.

Halte durch, Geolog!

Gib nicht auf, Geolog!

Des Windes und Sturmes Freund!

Nach der Perestroika ging die geologische Forschungsarbeit in Russland rapide zurück. Heute ziehen ganz andere Berufe die Jugendlichen an: Börsenmakler, Immobilienhändler und Ähnliches. Der "Tag der Polizei" und der "Tag des Kleinhandels" werden zwar immer noch gefeiert, aber der "Tag des Geologen" ist zur belächelten Vergangenheit geworden. Auch die große Hymne von damals erklingt nicht mehr im Fernsehprogramm des Monats April, dafür aber neuerdings in Berlin. In unserem Kinderzimmer hat dieses Lied seine Wiedergeburt erlebt. Obwohl die Kinder nicht immer alles richtig verstehen, wovon die Schwiegermutter singt: "Niemals wirst du umkehren / Denn das Sein ist dir lieber als der Schein ..."

"Arme, arme Geologen", seufzte meine Tochter Nicole, "warum nur können sie niemals umkehren? Warum?"

"Geht nicht", erklärte ihr die Schwiegermutter, "das können sie nicht, ich weiß nicht, warum."

"Du bist aber doof, Nicole!", sagte Sebastian. "Sie haben keinen Rückwärtsgang, und deswegen können sie nicht umkehren!" Er hält die Geologen aus dem Lied für eine Art Roboter, wie sein akkugeladenes Mondfahrzeug, das auch nicht umkehren kann. Beide Kinder haben die Geologen als tragische Figuren in ihre Kinderwelt aufgenommen. Sebastian nannte eine Zeit lang alle, die ihm Leid taten, Geologen. Unter anderem sein Lieblingskrokodil, dem er selbst einmal aus Versehen eine Pfote rausgedreht hatte. "Halte durch, Geolog!", sagte er zum Krokodil.

Meine Frau und ich machen gelegentlich Witze über meine Schwiegermutter und ihre Geologen-Gesänge. "Aber sag mal", fragte ich sie jedes Mal, wenn wir uns in der Küche trafen, "im Ernst: Warum können die Geologen denn nicht umkehren?"

"Geht nicht", antwortete Schwiegermutter bloß und lachte.

Leseprobe zu "Ich mache mir Sorgen, Mama" von Wladimir Kaminer

Was taugen junge Weihnachtsmänner von heute gegen das alte Väterchen Frost? (S. 86-87)

Ob Väterchen Frost und der Weihnachtsmann verwandt beziehungsweise zwei unterschiedliche Leute seien, fragten mich meine Kinder neulich. Auf diese Frage hatte ich keine einfache Antwort parat. Soweit ich mich erinnern konnte, war das Väterchen – oder auf gut Russisch »Opa Frost«– trinkfester als sein europäischer Kollege. In der Sowjetunion schaute er zusammen mit seiner Freundin Schneeflöckchen einmal im Jahr bei uns vorbei, nämlich am Abend des einunddreißigsten Dezember. Die beiden waren vom Betrieb meines Vaters beauftragt, allen Mitarbeitern, die Kinder hatten, einen Besuch abzustatten und eine Tüte mit Schokolade und anderen Süßigkeiten zu überreichen. Außerdem musste Opa Frost einen auf das Wohl der Familie trinken. Das Schneeflöckchen hatte die Aufgabe, auf Opa Frost aufzupassen, damit er gerade stand und nicht herumtorkelte.

Als Erstes besuchten die beiden die Familie des Direktors, dann seines Stellvertreters, anschließend die des Buchhalters und schließlich die Familie des Leiters der Parteizelle. Mein Vater war als Stellvertretender Leiter der Abteilung Planwesen ein ziemlich wichtiger Mann im Betrieb. Unsere Familie stand also auch ganz oben auf der Liste von Opa Frost, auf jeden Fall unter den ersten zwanzig Adressen. Trotzdem konnte er bei uns schon kaum noch sprechen. Wir wohnten im fünften Stock in einem Haus ohne Fahrstuhl, und man hörte Opa Frost schon im Treppenhaus fluchen, wie er mit seinem Sack gegen die eine oder die andere Tür knallte.

»Na, Boris, geht’s noch?«, fragte ihn mein Vater.

Opa Frost hatte eine Plastiknase ohne Nasenlöcher, sein Bart war schräg um den Hals gewickelt, ein Teil davon steckte in seinem Mund. »Viel Freude für Ihre Familie«, flötete Schneeflöckchen bei ihrer Ankunft.

»Ich glaube, ich muss mich erst mal setzen«, sagte Opa Frost und nahm im Korridor auf unserem Schuhschrank Platz. Das Herumsitzen in der warmen Wohnung tat Opa Frost aber nicht gut. Er sprang auf und rief: »Wo ist das Kind?«

Meine Eltern schoben mich nach vorne. »Na du, Junge, wie heißt du? Sehr gut, Wladimir. Hier ist etwas zum Knabbern für dich!«

Opa Frost übergab mir eine zerknitterte Tüte aus seinem halb leeren Sack, trank mit meinem Vater im Stehen einen Wodka, rülpste, drehte sich um und lief die Treppe wieder runter. Schneeflöckchen hinter ihm her.

»Nicht so schnell, Boris, ich möchte nicht, dass wir wieder im Krankenhaus landen wie letztes Jahr«, schrie sie. »Scheiß drauf, die Kinder warten«, röchelte Opa Frost.

Kundenbewertungen zu "Ich mache mir Sorgen, Mama" von "Wladimir Kaminer"

3 Kundenbewertungen (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
***** ausgezeichnet
 
(3)
***** sehr gut
***** gut
***** weniger gut
***** schlecht
Schreiben Sie eine Kundenbewertung zu "Ich mache mir Sorgen, Mama" und Gewinnen Sie mit etwas Glück einen 15 EUR buecher.de-Gutschein

Bewertung von Susanne aus Berlin am 16.05.2012 ***** ausgezeichnet
Es hat Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Das Buch enthält Geschichten, kurz und knapp über den Alltag in Berlin, genauer gesagt im Prenzlauer Berg, dort wo das Leben so richtig pulsiert und immer wieder der Vergleich zu Russland, woher er eigentlich kommt. Das Leben in einer riesigen Stadt als zugezogener Einwohner zu beobachten, sich wundern, nach welchen Gepflogenheiten wir leben, wie sehr man sich anpasst und erstaunt ist, was das Leben so mit einem macht, darüber schreibt Kaminer. Konnten wir -egal in welchem Land geboren- mit Holzbausteinen alles spielen, benötigen unsere Kinder alles und noch mehr. Am Ende eines Tages tapsen wir durch die Flure und Zimmer unserer Wohnung, um nichts zu zerstören. Was tun wir nicht alles für die lieben Kleinen, denen das eigene Zimmer nicht ausreicht, um ihre Spielwelt zu erhalten und wie zufrieden waren wir alle in Kindertagen. Und genau das macht ihn so lesenswert. Er macht einfach alles mit, wundert sich und ist erstaunt, wie die Welt sich ändert. Er vergleicht mit seiner Zeit in Russland, bemerkt die kulturellen Unterschiede. Liebevoll ist die Geschichte seiner Einschulung erzählt, die verglichen mit dem "Hier und Heute" taktvoll die Frage aufwirft, wie konnte es nur soweit kommen. Urkomisch wie er die erste Elternversammlung in einer Berliner Aula einer Grundschule beschreibt, wir haben es genauso auch zweimal erlebt. Trocken sein Fazit und Kurzbericht, wie er eingeschult wurde und trotzdem lesen und schreiben kann. Wir haben Tränen gelacht, beim Lesen der Geschichte. Er vergleicht beharrlich Großeltern, Tante und Kindern mit hier und heute, und seine Zeit in Russland. Er schreibt komisch, witzig, sehr genau. Man hat bei den Geschichten immer das Gefühl, er hätte gerade kurz den Raum verlassen und unsere Gedanken kreisen noch um das Erzählte. Sehr schön geschrieben. Wer eine Lektüre sucht, die kurz und knapp sein soll, hat mit "Ich mache mir Sorgen, Mama" seinen Spaß. Hier sind es knapp 50 Geschichten und damit viele Möglichkeiten immer wieder im Buch zu lesen. Wer Berliner Luft schnuppern möchte, schon einiges über den Prenzlauer Berg gehört hat, wird bei Kaminer vieles finden. Sein Lebensmittelpunkt ist derzeit der Szenebezirk Prenzlauer Berg. Wer wissen möchte, warum dieser Bezirk bei vielen Zugereisten so beliebt ist, erfährt vielleicht durch die Lektüre dieses Buches über die Macken seiner Bürger und auch etwas darüber wie liebevoll eigentlich die Berliner miteinander umgehen und bekommt vielleicht auch einmal Lust, sich dort umzusehen - im Prenzlauer Berg. Wir haben vieles wiederentdeckt und fanden gut, wir detailliert er beschreibt. Kaminer ist gerne Mensch, gerne Vater, gerne Wahlberliner, gerne Ehemann und gerne Sohn und darüber schreibt er sehr kurzweilig und zu unserem Vergnügen. Danke.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
War diese Bewertung für Sie hilfreich?
JA NEIN

Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von Maria aus Dresden am 20.11.2011 ***** ausgezeichnet
Das ist eines meiner Lieblingsbücher von Wladimir Kaminer. Wladimir beschreibt mit sehr viel Humor das Leben eines russischen Immigranten in Berlin, wobei man immer viel über Russland und die russische Kultur sowie aber auch über Berlin und die Menschen aus seiner Sicht erfährt. In "Ich mache mir Sorgen, Mama" beschreibt er Episoden aus seiner Kindheit sowie lustige Geschichten die einem als Vater von 2 Kindern passieren. Super unterhaltsames und immer wieder lehrreiches Buch!!!

War diese Bewertung für Sie hilfreich?
JA NEIN

Dem Autor für die Bewertung danken
Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Bewertung von zarina(russenknall06) aus dortmund am 10.03.2007 ***** ausgezeichnet
man sollte meinen es gibt nur einen.
und wieder mal konnte ich mich an einer neuen hör-cd von meinem lieblings schriftsteller wladimir kaminer höchst erfreuen.
diese hör-cd aus erlesenen stücken seines familienlebens ist grandios,sehr realistisch dargestellt ,mein vater,der sportsfreund-die geologen,super und dann das 3.krokodil,einfach toll,sehr originell,egal was noch kommt von ihm kann ich nur immer wieder empfehlen,vielen dank für meinen russenknall,herr kaminer

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
War diese Bewertung für Sie hilfreich?
JA NEIN

Verstoß melden
Kommentieren Sie diese Bewertung

Sie kennen "Ich mache mir Sorgen, Mama" von Wladimir Kaminer ?
Tipp: Stöbern Sie doch mal ein wenig durch ausgewählte aktuelle Bewertungen in unserem Shop

17 Marktplatz-Angebote für "Ich mache mir Sorgen, Mama" ab EUR 1,95

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
wie neu 1,95 1,10 Banküberweisung muzikadze 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 2,00 1,30 Banküberweisung Antiquariat Schorn (Versandantiquariat) 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 2,00 1,30 Banküberweisung heikos3993 100,0% ansehen
wie neu 2,00 1,50 Banküberweisung taxodie 96,6% ansehen
wie neu 2,99 1,10 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Banküberweisung Kolman 99,9% ansehen
wie neu 3,00 1,10 Banküberweisung AIR 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 3,00 1,10 Banküberweisung, Selbstabholung und Barzahlung Buteo_Buteo 100,0% ansehen
gebraucht; gut 3,00 1,80 offene Rechnung Die Buchecke 98,2% ansehen
3,00 3,00 offene Rechnung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Banküberweisung Antiquariat Bach & Koch GbR 99,5% ansehen
Zustand: noch gut 3,24 1,50 Banküberweisung, Selbstabholung und Barzahlung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) Versandantiquariat Behnke 97,8% ansehen
wie neu 3,50 1,10 Banküberweisung balu0503 100,0% ansehen
wie neu 3,50 1,10 Banküberweisung HEFRIMI 100,0% ansehen
wie neu 3,80 1,80 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Buechergott.de 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 4,40 1,80 Banküberweisung Freiablabla 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 5,00 1,10 Banküberweisung koch_fr 98,4% ansehen
5,50 3,00 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), PayPal, Banküberweisung emotioconsult.de Wolfgang Höfs onlineAnt 98,8% ansehen
wie neu 8,60 0,00 Banküberweisung gregorgille 95,2% ansehen
Mehr von