Horch - Gronius, Jörg W.

Jörg W. Gronius 

Horch

Roman

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Horch

Der Roman ist die Entstehungsgeschichte seiner selbst.
Horch hat sich von allem verabschiedet: vom Beruf, von Frau und Kind. Familie widert ihn an. Warum spielen Erwachsene noch immer Vater-Mutter-Kind? Familiäre Idylle löst bei ihm Panik aus, Depression und Suizidgedanken. Nun, mit Ende Vierzig, ist er in einer Werbeagentur in Hannover gelandet. Die Stadt ist Baustelle und fiebert der Weltausstellung entgegen. Horch jobbt als Texter von Politreklame für den Wahlkampf zur Kanzlerwahl. Freiberuflich und unverbindlich.
Auf einer Vortragsreise, die ihn nach Wien führt, spricht ihn ein junges Mädchen an: "Du sollst der Vater meiner Kinder sein." So ganz aus heiterem Himmel. Diese Begegnung eine Szene wie im Kitschfilm lockt ihn noch einmal ins wirkliche Leben zurück. Ist Wien nicht die Stadt mit dem Goldherzl? Doch der Himmel über der Donau bleibt nicht heiter. Bedrohliche Flugbewegungen künden vom Balkankrieg. Das Experiment einer neuen, jungen Liebe erweist sich als im wahren Wortsinn tierischer Fehlgriff.
Am Ende ist Horch wieder nur als Werbetexter gefragt, doch die politischen Verhältnisse haben sich verschärft. Das Kapital hat im buchstäblichen Sinne die Lufthoheit errungen, landesweit. Da bleibt nur noch die Flucht auf eine einsame Insel.


Produktinformation

  • Verlag: Weidle Verlag
  • 2012
  • Ausstattung/Bilder: 2012. 220 S.
  • Seitenzahl: 208
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 141mm x 22mm
  • Gewicht: 355g
  • ISBN-13: 9783938803363
  • ISBN-10: 3938803363
  • Best.Nr.: 33396527
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 30.08.2012

Wiener Mut

Einen Roman über einen mittelalten Kristina-Schröder-Schreck zu schreiben, wäre eigentlich ein vielversprechendes Unterfangen gewesen: Horch, der Protagonist des gleichnamigen Romans von Jörg W. Gronius, verabscheut das Kinderkriegen, das Familienleben, das Vater-Sein - selbst in einer Zeit, da viele Zeitgenossen davon schwärmen, gegen die kargen demographischen Aussichten Nachwuchs in die Welt zu setzen. Horch schimpft auf alles und jeden. Auf diese Weise kompensiert er das Alltagsleben als Werbetexter in der niedersächsischen Provinz, das ihn auf klangvolle Lügen für die Kunden verpflichtet. Horchs Utopia heißt Wien. Er lässt sich bereitwillig auf die Welt der Operette ein, schwärmt von der Apokatastasis, der ,Allaussöhnung', und steigt mit einem Mädchen ins Bett, das die Mutter seiner Kinder werden will, sich aber als Tier entpuppt. En passant grüßen die Großen aus der österreichischen Kulturgeschichte und Gegenwart: Sigmund Freud, Klaus Maria Brandauer und viele andere mehr. Gronius überlädt seinen Roman mit kultureller und religiöser Semantik, mit name dropping und einer Fülle von Attributen. Der mehrfach erprobte Wechsel der …

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Jörg W. Gronius, 1952 in Berlin geboren. Er studierte Theaterwissenschaften und arbeitete als Dramaturg und Regisseur. Gronius schreibt Texte über und für das Theater, vor allem Dramen und Libretti.

Leseprobe zu "Horch" von Jörg W. Gronius

Diese Waldlichtung erschien mir damals plötzlich wie ein Diorama oder ein großes Gemälde. Albert Bierstaedt. In diesem Moment wußte ich, es ist eine andere Welt, die ich niemals wieder betreten würde. Das Zwitschern der Vögel, das Summen der Insekten, all das kam mir vor wie aus Lautsprechern in weiter Ferne. Das Bild mit der Frau und dem Kind rückte immer weiter weg, entfernte sich wie ein Plakat, an dem man vorbeifährt und das man im Rückspiegel immer kleiner werden sieht. Diese Frau war nicht mehr meine Frau, dieses Kind nicht mehr mein Kind, es waren Wesen in einer fremden Wirklichkeit, eines anderen Planeten. Dann hörte ich den ICE heranrauschen. Hinterbahn. Ein Geräusch wie fernes Hallen. An dieser Stelle des Waldes sah man den Zug nur durch die Baumstämme hindurch. Diese Unsichtbarkeit machte ihn zu einer geisterhaften Erscheinung. Ein rot-weißes Band, das einige Sekunden zwischen den Stämmen flatterte. In dem Moment stand mein Entschluß fest. Ich war gewillt und bereit, meine Position unter den Toten einzunehmen. Schluß mit dieser Welt! Die Welt, in der alles Familie war, gehörte der Vergangenheit. Die Gegenwart war der Übergang. Die Zukunft das Nichts.
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