Leseprobe zu "Höhenrausch" von Jürgen Leinemann
EINLEITUNG
Todeskuss
Der Mann im Publikum fühlte sich sichtlich fehl am Platz. Gierig blickte er auf die Bühne, während er wortlos zwischen den Sportlern und Chorsängerinnen des sächsischen Städtchens Grimma wartete, vielleicht ein bisschen formeller gewandet in seinem dunklen Nadelstreifenanzug, aber nicht weniger aufgeregt. Denn da oben auf dem provisorischen Podest am Ufer der Mulde standen die Großen des Landes - der Bundeskanzler und der Ministerpräsident. Auf die zielten die Kameras, vor denen waren die Mikrofone aufgebaut, zu ihnen blickten die Leute auf. Nichts wünschte der Mann in der Menge in diesem Augenblick mehr, als mit den Wichtigen zusammen gesehen zu werden, seinen Namen erinnerte sowieso noch jeder: Kurt Biedenkopf.
In Wahrheit zählte er sich natürlich noch immer dazu. Sechzehn Monate war es jetzt her, dass der kleine Professor sein Amt in der Dresdener Staatskanzlei an Georg Milbradt abgegeben hatte. Offiziell hoch gepriesen, war er im April 2002 als Ministerpräsident zurückgetreten, tatsächlich aber hatten ihn seine Parteifreunde nach kleinkrämerischen Affären und großmannssüchtigem Gehabe in Schande davongejagt. Denn der CDU-Chef Biedenkopf und seine Frau Ingrid hatten etwas zu feudal und selbstherrlich regiert. Ein Minister spottete: "Biedenkopfs öffentliche Auftritte besitzen eine fast religiöse Dimension."
Jetzt liefen die Kabelträger und Fotografen achtlos an ihm vorbei. Es war der 13. August 2003, vor fast genau einem Jahr hatte das Hochwasser hier eine Hängebrücke schwer beschädigt und die Stadt überflutet. Damals versprach ein entschlossener Gerhard Schröder, dem im Wahlkampf selbst das Wasser bis zum Hals stand, unbürokratische rasche Hilfe. Jetzt kassierte er den Dank ein. Und während der Bundeskanzler zufrieden die Menge der vielen tausend Grimmaer Bürger überblickte, entdeckte er schließlich den vor verkannter Bedeutung vibrierenden Mann neben der Bühne. "Ach", rief er leutselig, "da ist ja der Altministerpräsident." Und ohne auf Milbradt zu achten, zog er dessen Vorgänger hoch aufs Podium und juchzte ins Mikrofon: "Herr Professor Biedenkopf. Oder soll ich sagen: König Kurt?" Die Menge klatschte, Kurt Biedenkopf strahlte und überbrachte Grüße von Richard von Weizsäcker.
War das nun rührend? Zynisch? Peinlich? Gar entwürdigend? Mit gemischten Gefühlen verfolgte ich, wie der 73-Jährige dem genüsslich die Zuneigung der Menge einsammelnden Schröder nachlief. Gelegentliches Winken und Zurufe, die ihm galten, beflügelten den Promi im Ruhestand wie Aufputschpillen: Ja, auch Kurt Biedenkopf war immer noch populär. "Wie leben Sie denn so ohne Politik?", fragte ich ihn, als der Kanzler ihm an der Theke eines Lokals ein Bier bestellt hatte. Das war aber die falsche Frage. "Ich lebe doch nicht ohne Politik", fuhr er mich an. Was glaubte ich denn, was er mache im Flutkuratorium und in der Deutschen Nationalstiftung, an Hochschulen, Akademien und beim Bücherschreiben? Nein, dieser Mann, der sich zeitlebens so viel darauf zugute gehalten hatte, dass er in der Wirtschaft erfolgreich gewesen war, an der Universität Karriere gemacht und als "Staranwalt" - so seine Frau - reüssiert hatte, konnte von der Politik nicht lassen.
Wieder einer. Seit vierzig Jahren beobachte ich nun Politiker aus nächster Nähe, sehe, wie die Macht sie verändert, wie sie sich einmauern in Posen von Kompetenz und Zuversicht, während die öffentliche Verachtung wächst. Alle haben sie irgendwann einmal die Welt verändern wollen, ein bisschen wenigstens, aber die meisten geraten doch alsbald in die Versuchung, ihre Wahlämter als Plattform zur Selbstbestätigung zu benutzen, sich und anderen mit ihren Privilegien Bedeutung vorzuspielen. Viele merken gar nicht, wie sie von einem Sog erfasst werden, der ihnen immer mehr äußeren Betrieb zumutet und immer mehr innere Freiheit nimmt. Meist wollen sie es nicht wahrhaben.
Eine Weile glaubte ich mich in meiner Beobachterposition auf der sicheren Seite - bis ich merkte, dass ich als Journalist keineswegs nur Zuschauer war, der auf der Tribüne des Geschehens saß und cool protokollierte, sondern auch Zeitgenosse und Mitspieler in der politischen Klasse. Ich musste erst selbst eine lebensbedrohliche Krise überstehen, um zu begreifen, in welches Elend manche geraten, wenn sie Politik zum Beruf machen. Hans Magnus Enzensberger hat es drastisch zugespitzt: "Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuß des Todes."
Mit den meisten politischen Karrieristen teilte ich einen unersättlichen Hunger nach Anerkennung und Bestätigung. Denn wie sie sah auch ich mich bald nicht nur auf der Erfolgsleiter, sondern zugleich auf der Flucht vor der immer unangenehmer werdenden Realität aus Selbstzweifeln, Furcht vor dem Scheitern und quälenden Fragen nach dem persönlichen Preis für die Karriere. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend war ich schnell weit gekommen. Mit einunddreißig Jahren arbeitete ich als dpa-Korrespondent in Washington, D.C., 1971 wurde ich Büroleiter des Spiegel in der amerikanischen Hauptstadt.
Da war damals zwar noch nicht viel zu leiten, aber zu viel für mich: Ich begann zu ahnen, dass ich meinem Aufstieg nur unzureichend gewachsen war. Zwar hatte ich gelernt, die Erwartungen meiner Umwelt zu erkennen, und ich war auch talentiert und fleißig genug, sie zu erfüllen. Doch meinem äußeren Aufstieg fehlte das innere Gegengewicht. Ich brauchte Erfolg, um meine Selbstzweifel zu kompensieren. Ich war hungrig nach Lob und Zustimmung, um meine Ängste zu ersticken. Und ich arbeitete bis zur Bewusstlosigkeit, um meinen Aufstieg zu rechtfertigen und meinem Leben einen Sinn zu geben. Das gelang mir aber erst später.
Nun erlebte ich in Grimma ohne Überraschung die klägliche öffentliche Macht-Ranschmeiße des Kurt Biedenkopf, der sich zwar immer als hochintelligenter Mann, aber selten als talentierter Politiker erwiesen hatte. Nie war ich dem selbstgefälligen CDU-Herren, den ich seit Anfang der Achtzigerjahre kannte, besonders nahe gekommen. Sein ruhmloser Abgang aus Dresden, wo er um Ikea-Rabatte gefeilscht und sich monatelang mit "Putzfrauen"-, "Miet"- und "Yachturlaubs"-Affären herumgeschlagen hatte, erschien mir umso trostloser, als er sich kurz zuvor noch öffentlich über den verhassten Helmut Kohl belustigt hatte, weil der - als Kanzler abgewählt und als CDU-Ehrenvorsitzender abgesetzt - sich wie ein "Altbauer" aufführe, der nicht aufs Altenteil wolle. Mit deutlicher Herablassung hatte Kurt Biedenkopf begründet, woher "die irrationale Unfähigkeit zum Loslassen" komme, mit der der Altkanzler seine furiose Selbstdemontage durch illegale Parteispenden in Szene gesetzt habe: Kohl habe nun einmal seit seinem 15. Geburtstag ein Leben geführt, das auf nichts anderes als auf die Eroberung von formalen Machtpositionen ausgerichtet gewesen sei. Und nun könne er eben nicht mehr existieren ohne Macht. Das sei wie eine Sucht.
Dass Politik im "Machtrausch" enden kann, dass der Verlust einer politischen Position zu "Entzugserscheinungen" führt - das sind geläufige Redensarten in Politikerkreisen. Schon Max Weber hatte 1919 in seiner berühmten Rede über "Politik als Beruf" davor gewarnt, dass das Machtstreben des Politikers "Gegenstand rein persönlicher Selbstberauschung" werden könnte. Heute hantieren die Akteure selbst locker mit Sucht-Begriffen, um die Gefahren der beruflichen Verformung zu beschreiben. Und Gerd Langguth, einst CDU-Vorstandsmitglied, Bundestagsabgeordneter und RCDS-Vorsitzender, jetzt Professor für Politische Wissenschaft in Bonn, spricht gar von "Politoholics", um die Persönlichkeitsveränderungen zu charakterisieren, die die "Droge Macht" auslöst.
Sucht. Droge. Entzug. Die meisten Politiker benutzen die Begriffe aus der Junkie-Szene mit bemerkenswerter Beiläufigkeit, um ihre eigene Befindlichkeit zu beschreiben. Sie tun so, als seien die Sucht-Vergleiche bloße Metaphern, harmlose Umschreibungen für eine etwas peinliche Besessenheit. Sucht light, sozusagen.
Doch wer von Drogen redet und von Sucht, der redet zugleich von Realitätsverlust. Wenn also gerade jene Menschen Gefahr laufen, von Berufs wegen ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit zu entwickeln, denen wir durch Wahl den Auftrag erteilt haben, unser eigenes Leben, unsere persönliche Alltagsrealität zu ordnen, zu schützen oder sogar zu verändern, dann brauchen wir uns über den beklagenswerten Zustand der Welt nicht zu wundern.
Die "Droge Politik", hat Bundespräsident Johannes Rau gewarnt, verursache eine "Sehstörung", die er als Hauptgefahr im Leben von Berufspolitikern betrachte. Politiker neigten dazu, sagte Rau, sich so sehr an ihrer eigenen Bedeutung zu berauschen, in dem Gefühl zu schwelgen, die Welt verändern zu können, dass sie bald nicht mehr wahrnähmen, dass für andere Menschen Politik keineswegs das ganze Leben ist. Normale Bürger lesen Bücher, treiben Sport, kümmern sich um ihre Familie, haben Hobbys. Der Politiker hat von morgens bis abends nur die Politik, um die sich alles dreht - sein Denken, sein Tagesablauf, seine Phantasien, alles. Rau: "Wenn der Politiker das zu übersehen beginnt, dann politisiert er die Welt. Und weil die Realität anders ist, verschätzt er sich in der Welt."
Auch der SPD-Politiker Rau war gegen solche Irrtümer keineswegs gefeit. Ziemlich erschrocken und empört saß er im Frühjahr 2000 - während ihm im atmosphärischen Gefolge der Kohlschen Parteispenden-Affäre nachträglich angebliche Privatflüge und gesponserte Geburtstagsfeiern aus seiner Düsseldorfer Regierungszeit vorgeworfen wurden - als neu gewählter Bundespräsident im Berliner Schloss Bellevue, auf dessen Dach die goldene Präsidentenfahne mit dem schwarzen Adler flatterte. "Die Leute sagen, wenn der Lappen draußen hängt, sind die Lumpen drinnen", flüsterte er fassungslos Freunden zu, die ihn besuchten.
Dass die Anklagen unhaltbar waren, erwies sich schnell. Raus Wahrnehmungsstörung betraf auch eher sein neues Amt - er hatte offenbar geglaubt, als Staatsoberhaupt aus der Klasse der normalen Berufspolitiker ausgeschieden zu sein. Sonst hätte der alte politische Fahrensmann eigentlich nicht überrascht sein können, dass in der Vorstellung der meisten Deutschen die parteipolitischen Profis generell als korrupt, oder wenigstens als latent korruptionsanfällig gelten. Und schien nicht eine unendliche Folge von Skandalen und Affären in den vergangenen Jahrzehnten - eine Strauß-Lambsdorff-Barschel-Engholm-Späth-Krause-Streibl-Leisler-Kiep-Kohl-Koch-Klimmt-Biedenkopf-Möllemann-Döring-Kette von mehr oder minder hochgespielten Anrüchigkeiten und unzweifelhaft kriminellen Akten - diesen Eindruck zu bestätigen?
Politik als Beruf, hat Erhard Eppler geschrieben, gehöre nicht nur zum Gefährlichsten und Abgründigsten, worauf Menschen sich einlassen können, sondern auch zum Faszinierendsten, Spannendsten, ja Schönsten. Fast zögernd fügte der gestrenge Protestant in einer Art verkappter Bilanz seines öffentlichen Wirkens als Abgeordneter, Minister und freier Volkstribun der Friedensbewegung hinzu: "Vielleicht ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne, um es biblisch zu sagen, Schaden zu nehmen an ihrer Seele." Das wissen die meisten ziemlich genau, auch wenn sie über den selbstzerstörerischen Trend in ihrem Beruf nicht reden. Sie ahnen zumindest, dass es ernst ist.
Ich weiß es seit dem 9. August 1974, 12 Uhr mittags. Damals gab der 37. amerikanische Präsident, Richard Milhouse Nixon, in Washington, D.C. sein Amt an den Vizepräsidenten Gerald Ford ab. Die Watergate-Affäre, eine aus dem Weißen Haus gesteuerte Verschwörung zur Vertuschung krimineller Wahlkampfaktivitäten, hatte den Republikaner eingeholt. Nixon war der erste Präsident, den Verstöße gegen seinen Amtseid zum Rücktritt zwangen. Zum letzten Mal spielte die Marine Band "Hail to the Chief". In der Tür des Helikopters, der ihn aus dem Weißen Haus abholte, drehte sich Nixon noch einmal um und spreizte die Finger zum nun grotesk wirkenden Siegeszeichen "Victory". Er hatte keine Schuld auf sich genommen und niemanden um Verzeihung gebeten. Er tat sich Leid.
Ein paar hundert Meter entfernt hockte ich derweil am Schreibtisch des Spiegel-Büros im National Press Building und versuchte vergeblich, Nixons trostlosen Augenblick als meinen Triumph zu genießen. Aus irgendeinem Grund war auch ich ganz allein. Sozusagen zur Belohnung für meine ausführliche und vorherschauende Berichterstattung in den Monaten zuvor sollte ich den Abgang des US-Präsidenten in einem Namensbericht beschreiben - in jenen Jahren im Hamburger Nachrichtenmagazin noch eine ziemlich ungewöhnliche Auszeichnung. Doch ich starrte auf den Fernseher, sah den krampfhaft um Haltung bemühten gedemütigten Mann und fühlte nichts. Keine Erregung, keine Erleichterung, kein Mitgefühl, keinen Hass, nichts. Es war eine historische Stunde, aber die Kommentare der Fernsehkorrespondenten erreichten mich so wenig wie die Bedeutung der Bilder. Ich hörte wie durch Watte, sah wie durch Milchglas. Mein Bewusstsein schien ausgeschaltet. Heute weiß ich, dass dieser taube Augenblick ein existenzieller Tiefpunkt war, dass er eine Wende in meinem Leben einleitete, nicht nur in meinem beruflichen, aber da vor allem.
Im Mai 1968 hatte ich in Washington angefangen. Da schwelten in Reichweite des Weißen Hauses noch die Trümmer der schwarzen Ghettos, die nach dem Mord an dem farbigen Bürgerrechtler Martin Luther King explodiert waren. Monatelang passierte ich die Sicherheitskontrollen zum Amtssitz des Präsidenten, 1600, Pennsylvania Avenue, NW, mit einer Art frommem Schauder. Ich war der junge Mann aus Germany, ein kaum wahrgenommener Außenseiter im legendären White House Press Corps. Den Ausweis - man trug ihn an einer Kette um den Hals - empfand ich als eine Art Orden. Auch wenn mich das Attentat auf John F. Kennedy und der schmutzige und erfolglose Krieg in Vietnam erschreckt und irritiert hatten - im Grunde waren meine positiven Vorurteile über die Vortrefflichkeit der amerikanischen Demokratie noch unerschüttert.
Dann eskalierte der Vietnamkrieg, Präsident Lyndon B. Johnson, der deftige Texaner, der John F. Kennedy nachgefolgt war und den Krieg intensiviert hatte, gab auf, die Demokraten verloren die Wahl 1968. Jetzt richtete sich der Zorn der Demonstranten gegen den Republikaner Nixon, der sich fast über Nacht aus einem geschäftsmäßig kühlen Taktiker der Weltpolitik in einen rücksichtslosen Spieler mit Menschenleben verwandelt zu haben schien. Statt, wie versprochen, den Krieg in Südostasien zu beenden, weitete er ihn aus. Dennoch wurde Nixon 1972 wiedergewählt - und das, obwohl zuvor fünf Männer, von der Presse "die Klempner" genannt, bei einem Einbruch ins Wahlkampfhauptquartier der Demokraten im Watergate-Bürokomplex erwischt worden waren, denen eindeutig Kontakte ins Weiße Haus nachgewiesen werden konnten.
Mich versetzte diese Nachricht schlagartig in ein unerklärliches und unangemessenes Jagdfieber. Ich war inzwischen zum Spiegel gewechselt, wo ich größeren Spielraum für Meinungsäußerungen hatte, aber mehr als eine kurze Nachrichtengeschichte über die obskure Räuberpistole hatte ich zunächst nicht zu bieten. Trotzdem sagte mir mein Instinkt, dass Nixons Leute, wenn nicht gar er selbst, hinter dem klandestinen Unternehmen stecken mussten.
Ich traute dem ungeliebten Nixon, für den ich auf eine mich selbst irritierende Weise zugleich Abscheu und Mitgefühl empfand, inzwischen allerhand Verrücktheiten zu. Irgendwie meinte ich etwas zu ahnen von den Ängsten und der unterdrückten Wut, die ihn antrieben, immer aufs Neue beweisen zu müssen, dass er, der einfache Kleinbürger aus Yorba Linda in Kalifornien - dem der Ruf eines schlüpfrigen, überehrgeizigen Opportunisten anhing - der rechtmäßig gewählte und auch befähigte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika war. Ich war sicher, dass er scheitern würde - an sich selbst. Das blieben natürlich Vermutungen. Mit seinem Einzug ins Weiße Haus war Richard Nixon sozusagen der menschlichen Nachprüfbarkeit entrückt und zu einer abstrakten Herrschaftsfigur geworden - blutleer, aufgedonnert, schemenhaft, mehr das Image eines Präsidenten als eine kenntliche Person. Solche Enthumanisierungsprozesse, im heutigen Medienzeitalter überall üblich, gehörten schon Anfang der Siebzigerjahre zum Alltag in der politischen Weltmetropole am Potomac, dem Neuen Rom.
Das Thema "Watergate" entwickelte einen Sog, dem sich kaum einer zu entziehen vermochte. Ich am allerwenigsten. Meine Jagd nach Details, die Akribie meiner Kenntnisse über Personen, Zeitpunkte und Formulierungen sowie die aggressive Intensität meiner Argumentation kriegten wahnhafte Züge. Was nach außen wie professionelle Leidenschaft wirkte - und sich für die Berichterstattung ohne Zweifel auch höchst positiv auszahlte -, empfand ich selbst immer mehr als Besessenheit. Ich begann Richard Nixon zu hassen. Er hatte mir nicht nur endgültig meinen amerikanischen Traum von einer funktionierenden und integren Demokratie zerstört. Er trug auch persönlich alle Merkmale des kleinbürgerlichen Aufsteigers, der sich in Positionen hochgedient hatte, denen er nicht gewachsen war - so wie ich selbst. Immer zwanghafter projizierte ich meine eigenen ungeliebten Eigenschaften auf Tricky Dick, um sie an ihm zu bekämpfen.
Leseprobe zu "Höhenrausch" von Jürgen Leinemann
V Die Trümmerkinder (1998–2004) (S. 276-277)
Nachträglicher Ungehorsam
Kurz nach 20 Uhr 30 am Freitag, den 14. November – gerade eröffnete Bundespräsident Johannes Rau mit dem traditionellen Walzer den Bundespresseball 2003 – drang der Berliner Außenminister in die Festsäle des Hotels Intercontinental ein. Mit robustem Körpereinsatz gelang es ihm, unterstützt von seinen rempelnden und schubsenden Leibwächtern, den ersten Ring der Presseleute zu durchbrechen.
Im hektischen Feuer der Blitzlichter bahnte sich Joseph A. Fischer – rechte Hand in der Tasche, linke Schulter vorgeschoben, Kopf gesenkt – mit unbewegt düsterer Miene seinen Weg durch die Sperrwand der Mikrofone. Wo war seine neue Freundin Minu Barati, 28? Würde sie nachkommen? Feierte er allein? Eher wirkte der einstige Streetfighter Joschka so, als wolle er den Saal besetzen.Durch die Gasse, die ihm seine Bodyguards frei drängelten, eilte Deutschlands beliebtester Politiker wortlos an den wartenden Journalisten vorbei in den Saal, in dem die Musik spielte. Was für ein Auftritt für die TV-Kameras. Was für ein Kick fürs eigene Ego.
Wieder einmal hatte der Mann, der seine atemberaubende Karriere von der Frankfurter Sponti-Szene in die obersten Ränge der Welt-Diplomatie auch den Medien verdankte, den Pressemenschen seine Verachtung gezeigt. »Nacht des Lächelns«? Nicht mit Joschka. Eine Freundlichkeitsgrimasse für den amerikanischen Botschafter, an dessen Tisch er Platz nahm, musste genügen. Griesgrämig inhalierte Fischer die Aufmerksamkeit, die er erregte, ein Weltmeister der doppelten Botschaften. Seine Leibwächter schreckten Neugierige ab. Belauert von Kameras und gierigen Reporteraugen hielten sie Frager auf Distanz.
Der Platz an seiner rechten Seite war leer geblieben. Ob er seine geheimnisvolle FreundinMinu, dieDeutschland bis dahin nur aus Fotos der Boulevard-Presse kannte, mitbringen würde wie fünf Jahre zuvor seine künftige vierte Ehefrau Nicola, hatte er vieldeutig offen gelassen. Dass man bei Joschka immer mit allem rechnenmuss, steigert seine Attraktivität. Fischer, der ein Mann des Witzes und des Wortes sein kann, ein Machtspieler von hohen Graden, liebt diesen Schwund von Selbstverständlichkeiten. Wie er das denn fände, dass Dieter Bohlen an diesem Abend in Berlin die politische Prominenz bereichern dürfe, wollte eine Journalistin wissen.
»Joschka Fischer macht sich nicht einmal die Mühe hochzugucken«, notierte die Kollegin. »Er legt die Mutter aller grantigen Tonfälle in seine Stimme und knurrt: ›Vergessen Sie’s!‹« Sollte sich der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, gewandet in Smoking mit roter Weste, um einen hergelaufenen Popstar im Straßenanzug kümmern? Popstar war er selber – der einzige in der Politik, hatte sein Freund Daniel Cohn-Bendit behauptet. Fischer griff zum Handy und telefonierte. Mit wem nur, mit wem? Schon wieder ein Geheimnis. Er tat, als giggele er mit seiner Minu, doch sein Gesprächspartner war der stellvertretende Pressesprecher. Lautstark und feixend teilte er ihm mit, dass er natürlich nicht frei reden könne, mit dem »Kerl vom Spiegel« neben und »dreißig Fotografen« vor sich. Kurz, der Minister amüsierte sich wie Bolle. In der von Fischer selbst diagnostizierten »Entwicklung hin zumKotzbrocken« war er, wie alle Zeitungen und Fernsehstationen mehr oder weniger unverblümt vermerkten, an diesem Abend ein beträchtliches Stück vorangekommen.
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