Leseprobe zu "Höhen und Tiefen" von Spencer Johnson
An einem regnerischen Abend in New York beeilte sich Michael Brown, jemanden zu treffen, der ihm von einem Freund empfohlen worden war, um ihm durch eine Krise zu helfen. Als er das Café betrat, ahnte er nicht, wie wertvoll die nächsten Stunden für sein Leben sein würden.
Als er Ann Carr sah, war er überrascht. Er hatte gehört, dass sie eine ziemlich schwere Zeit durchgemacht hatte, und damit gerechnet, dass man ihr das irgendwie ansehen würde. Doch sie wirkte optimistisch und voller Tatendrang.
Nachdem die beiden ein paar einleitende Worte gewechselt hatten, sagte Michael: "Dir scheint es ja ganz gut zu gehen, trotz der schweren Zeit, die du durchgemacht hast."
"Ja, es geht mir tatsächlich gut", bestätigte sie, "sowohl beruflich als auch privat. Aber nicht trotz der schweren Zeit, die ich durchgemacht habe, sondern gerade wegen dieser schweren Zeit - weil ich gelernt habe, sie zu meinem Vorteil zu nutzen."
"Wie ist dir das gelungen?", fragte Michael erstaunt.
"Na ja, zum Beispiel hatte ich früher immer gedacht, dass die Abteilung, in der ich arbeitete, eigentlich ganz gut liefe. Dabei stimmte das gar nicht. Wir hatten zwar Erfolg, aber im Lauf der Zeit waren wir zu selbstzufrieden geworden. Und als uns das endlich bewusst wurde, war uns die Konkurrenz schon weit voraus. Mein Chef wurde immer unzufriedener mit mir. Das frustrierte mich, und ich hatte das Gefühl, die Situation so rasch wie möglich wieder in Ordnung bringen zu müssen. Von da an wurde meine Arbeit von Tag zu Tag stressiger."
"Und was ist dann passiert?", fragte Michael.
"Letztes Jahr hörte ich eine Geschichte von einem Arbeitskollegen, den ich sehr schätze", erwiderte sie. "Diese Geschichte hat meine Sichtweise auf >gute< und >schlechte< Zeiten verändert und ich verhalte mich seitdem anders. Sie hat mir geholfen, gelassener und gleichzeitig erfolgreicher zu werden, egal, ob es gerade gut oder schlecht läuft, auch im privaten Bereich. Ich werde sie nie vergessen!"
"Und was ist das für eine Geschichte?"
Ann schwieg für einen Moment. "Ich würde gern erst einmal erfahren, warum du sie hören möchtest", sagte sie dann.
Widerstrebend gab Michael zu, dass er fürchtete, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, und dass es in letzter Zeit auch zu Hause nicht so gut lief.
Er musste gar nicht mehr sagen. Sie spürte, wie unangenehm es ihm war, darüber zu sprechen. "Klingt ganz so, als ob du diese Geschichte genauso nötig hättest wie ich", sagte sie.
Sie versprach, ihm die Geschichte zu erzählen - aber nur unter einer Bedingung: Wenn er sie für hilfreich hielt, sollte er sie mit anderen Menschen teilen. Michael war einverstanden, und Ann bereitete ihn darauf vor, was ihn erwartete. "Ich habe folgende Erfahrung gemacht: Um diese Geschichte wirklich für die Höhen und Tiefen des Lebens umsetzen zu können, muss man sie sowohl mit dem Herzen als auch mit dem Verstand verinnerlichen. Außerdem solltest du die vielen Lücken in der Geschichte mit deinen eigenen Erfahrungen füllen, um herauszufinden, was für dich persönlich wahr ist. Die Lektionen, die man aus dieser Geschichte lernen kann, wiederholen sich ziemlich häufig - aber immer auf etwas andere Weise."
"Und warum wiederholen sie sich?", fragte Michael.
"Mir ist es dadurch leichter gefallen, sie mir zu merken. Und weil sie sich mir so tief eingeprägt haben, setze ich sie in meinem Leben jetzt auch öfter ein. Ich gehöre zu den Menschen, die sich innerlich gegen Veränderungen wehren", gab Ann zu. "Also muss ich etwas Neues erst mehrere Male hören, bis es irgendwann die Barriere meines kritischen, misstrauischen Verstandes überwindet, mir in Fleisch und Blut übergeht und mein Herz berührt. Irgendwann ist es dann ein Teil von mir.
Genau das ist mir passiert, nachdem ich intensiv über diese Geschichte nachgedacht hatte. Aber diese Erfahrung musst du selbst machen."
"Glaubst du wirklich, dass eine Geschichte so viel verändern kann?", fragte Michael. "Mir geht es im Augenblick wirklich nicht so besonders gut."
"Na also, was hast du dann noch zu verlieren?", erwiderte Ann. "Als ich die Lektionen aus dieser Geschichte in meinem Leben und in meinem Verhalten umsetzte, hat sich bei mir eine ganze Menge verändert. Manchen Leuten", räumte sie ein, "bringt die Geschichte nicht viel, andere profitieren sehr davon! Eigentlich ist sie gar nicht so etwas Besonderes. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Und das hängt natürlich von dir selbst ab."
Michael nickte. "Na schön. Ich glaube, ich würde die Geschichte wirklich gern hören."
Während des Essens begann Ann zu erzählen, und sie endete erst, als die beiden ihren Nachtisch gegessen und ihren Kaffee getrunken hatten.
DIE GESCHICHTE VON DEN GIPFELN UND TÄLERN DES LEBENS
Im Tal des Lebens
Es war einmal ein intelligenter junger Mann, der in einem Tal wohnte und dort sehr unglücklich war - bis er einen alten Mann traf, der auf dem Gipfel eines Berges lebte.
Als Kind war der junge Mann in seinem Tal sehr glücklich gewesen. Er hatte auf den Wiesen gespielt und war im Fluss geschwommen.
Er hatte nie etwas anderes kennengelernt als dieses Tal und dachte, er würde sein ganzes Leben dort verbringen.
Manchmal war es in dem Tal bewölkt, dann schien wieder die Sonne, doch seine Tage liefen alle nach dem gleichen Muster ab, und das fand er tröstlich und beruhigend.
Als er älter wurde, fielen ihm jedoch nach und nach die negativen Seiten seines Lebens in dem Tal stärker auf als die positiven. Er fragte sich, warum er früher nie bemerkt hatte, was hier alles nicht stimmte.
Der junge Mann wurde immer unglücklicher, obwohl er selbst nicht genau wusste, warum.
Er versuchte es mit verschiedenen Jobs, die ihm in dem Tal angeboten wurden, aber keiner entsprach seinen Erwartungen.
Von einem seiner Chefs wurde er ständig für seine Fehler kritisiert, während das, was er richtig machte, niemandem aufzufallen schien.
In einem anderen Job war er nur einer von vielen, und es schien gar keine Rolle zu spielen, ob er sich bei seiner Arbeit anstrengte oder kaum etwas tat.
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