Hip und Hop und Trauermarsch - Konecny, Jaromir

Jaromir Konecny 

Hip und Hop und Trauermarsch

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Hip und Hop und Trauermarsch

DER Zeitgeistroman für die Teenies der Hip Hop-Generation: Der erste Jugendroman von Slam-Poetry-Star Jaromir Konecny!

Manchmal ist das Leben nicht einen Furz wert, findet Bejb, der Trostpreisträger. Wo immer er auftaucht, sorgt er für unfreiwillige Komik. Dabei leidet er immens an seiner heimlichen Liebe zu Kathrin. Als Bejb die Schule wechselt, hofft er auf einen Neuanfang und tatsächlich: In seiner neuen Klasse wird gerappt, was Beats und Wörter hergeben. Bejb wird vom Hip Hop-Fieber gepackt. Und plötzlich ist er ein Star! Als er sich in Hana verliebt, scheinen seine einsamen Nächte endlich ein Ende zu haben ... Aber Bejb wäre nicht Bejb, würde jetzt nicht ausgerechnet Kathrin auftauchen und ihm alles gründlich vermasseln.

"Konecny hat gezielt, ausgeholt und getroffen, seine Figuren leben und atmen und leiden und lieben - die Herzen der Leser werden aufgehen." Blitz! Das Stadtmagazin

"Wenn ich ein Schulbuch für Menschen ab 14 zusammenstellen dürfte, dann wäre nicht nur Goethe, sondern auch Konecny dabei!" Franz Dobler, SWR

"Wo andere durch derbe Formen zu blenden versuchen, hat Konecny zweifellos das Talent für hohe Literatur." Süddeutsche Zeitung


Produktinformation

  • Verlag: Cbt
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 255 S.
  • Seitenzahl: 255
  • cbt bei Omnibus Bd.30298
  • Altersempfehlung: ab 14 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 18, 5 cm
  • Gewicht: 275g
  • ISBN-13: 9783570302989
  • ISBN-10: 3570302989
  • Best.Nr.: 20765377
"Am Beispiel von Jaromir Konecnys Hip und Hop und Trauermarsch ging unserem Publikum ein Licht auf: Cover und Titel erhielten bei der ersten Abstimmung 20 rote Karten. Nach dem Vorlesen einer Textpassage über die Gefühle und Wahrnehmungen pubertierender Jungs sah die Sache schon anders aus: 20 grüne Karten wurden johlend hochgehalten." Frank Sommer / Eventilator Literaturveranstaltungen
"Konecny entdeckt im Alltag das groteske Abenteuer mit Mr. Beanschen Ausmaßen", schrieb der Kölner Stadt-Anzeiger, "und verfügt über die frappante Fähigkeit, den Kalauer als Literatur zu adeln." Seine Fans danken es ihm: Seit Jahren begeistert der in Prag geborene promovierte Chemiker mit seinen Geschichten und seinem "behmisch"-bayerischen Akzent das Publikum bei Poetry Slams, aber auch bei traditionellen Lesungen. Jaromir Konecny, der 1982 in die Bundesrepublik übergesiedelt ist und mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in München wohnt, hat über sechzig Slam-Wettbewerbe und weitere Literaturpreise gewonnen und wurde zweimal Vizemeister des gesamtdeutschen Poetry Slams.

Leseprobe zu "Hip und Hop und Trauermarsch"

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Leseprobe zu "Hip und Hop und Trauermarsch" von Jaromir Konecny

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Leseprobe zu "Hip und Hop und Trauermarsch" von Jaromir Konecny

Prolog

Im Himmel

Und dann kommt er - der Freifall gratis.

Der Flug ist umsonst, weil der Aufprall zu hart ist.

Fettes Brot, Kleines Kind/Fettes Brot für die Welt Ich hänge im Himmel. Wie ein Engel! Leider bin ich kein Engel! Engel können fliegen. Ich nicht. Trotzdem muss ich auf die Erde zurück. Irgendwann. Und irgendwie! So 'ne Lage ist nichts Ungewöhnliches bei mir. Ich bin von Geburt an Hundescheißemagnet. Jetzt häng ich halt von der Kuppel herunter, die man hier im Zirkus "der Himmel" nennt, und halte mich am Schaukelreck fest. Und das können die Fliegenden Kosaken auf jeden Fall besser. Klar gibt's wie immer ein paar offene Fragen. Zum Beispiel: Wie lange machen meine Hände das noch mit? Scheiße!!!

"Lass die Linke los!"

"He?"

Das Publikum tobt. Direkt unter mir, in der Zirkusmanege, laufen ein paar Artisten mit 'ner Rettungsmatratze herum. Sehe ich da meinen Vater mithüpfen? Die Matratze sieht aus dieser Höhe klein aus wie ein Höschen. Was wollt ihr damit, ihr Deppen? Wie soll ich dieses Ding treffen? Bin ich Batman, oder was? Und wenn ich's doch durch irgendeine Laune der Gravitationskraft schaffe, breche ich mir sowieso alle Knochen. Aus dieser Höhe ist jede Matratze hart wie Beton. Scheiße! Wird wohl nichts mehr aus unserer Nummer ... aus dem Internat auch nichts. Jetzt geht's mir an die Leber!

"Lass die Linke los!", kreischt Hana noch mal. "Greif weiter nach links, dann kannst du dich zu der Rolle hinziehen ..."

Soll ich nicht besser warten? Bis mich hier jemand befreit? Da klettert doch schon irgendein Kosake hoch ... Warum fliegt er nicht, verdammt? Meine Hände werden immer schwächer ... Wie viel Zeit hab ich noch? Zwei Minuten, drei Minuten?... Ach, scheiß drauf! Bin doch ein Mann! Das schaff ich schon! Ich lasse die Linke los und die Kacke beginnt zu dampfen wie eine Dampflok. Da ist sie wieder, meine Bürde, mein Buckel des Glöckners, der wegtrainierte Tick. Von wegen wegtrainiert! Die verdammten Hände äffen sich plötzlich wieder nach. Bin wieder klein, bin zehn Jahre alt: die Spiegelbewegung der anderen Hand - die siamesischen Zwillinge der Bewegung. Noch mit zehn trieben mich meine verkoppelten Hände in den Wahnsinn. Wenn die Linke einen Verschluss abschraubte, drehte sich die Rechte mit. Diese verfluchten Hände waren einfach nur auf gegenseitige Verarschung aus. Kein Sinn für Kooperation. Echt asozial, Mann! Die ersten zehn Jahre meines Lebens hab ich nur einhändig gelebt. Die andere Hand ließ ich am Körper hängen. Oder auf dem Tisch liegen. Soll sie doch vor sich hin kurbeln, wenn sie will. Aber dann, mit zehn ... Mit zehn hab ich die Bälle entdeckt. Die Bälle bombten mir Gruben ins Hirn. Bälle wie Seziermesser. Fünf Jahre lang hab ich jongliert, um die Hände zu entkoppeln. Und ist das nicht krass, Mensch? Ist das nicht schizophren? Ich hab's geschafft! Noch heute in der Früh hat die Rechte nicht mal gezuckt, wenn die Linke den Wasserhahn zuschraubte. Plötzlich aber bin ich wieder klein, bin zehn Jahre alt: Die Linke lässt das Reck los - die Rechte macht mit. Ja, warum gerade jetzt? Verdammt noch mal! Ich kämpfe, ich kämpfe, doch das ist der blöden Hand scheißegal. Sie lässt den Anker einfach los ...

Auch Apfelhaller hüpft jetzt tief unter mir herum. Willst du mich fangen, oder was, du Idiot? Meinst du, dass noch was geht? Mach mir besser 'ne Beatbox, Appleman MC! Beat für den Sarg! Hip und Hop und Trauermarsch! Jetzt wird die Platte gescratcht! Grandmaster Apple! Ein kleines Gesicht aus dieser Höhe. Doch das Gesicht wird immer größer, das Gesicht rast auf mich zu. Check die Nudel, Mann! Ist das nicht genial? Wenn der Tod näher ist als deine Nasenspitze, denkst du nicht mehr an ihn. Ich denk an was anderes und krieg 'nen Ständer.

1.

Afterheim
... wollte mit euch spielen und dabei sein, ein teil vom spaß sein, doch gab's keinen von euch, der mich ließ, und so saß ich tags heim, ihr draußen unterwegs, ich drinnen und las geschichten, vergaß meine pflichten, zu beschäftigt, mich aus der welt zu flüchten ...

Curse, Schlussstrich/Feuerwasser
... ich wurd zum schlüsselkind, das sind die kinder, wo die eltern nicht zu hause sind ...

Cora E., schlüsselkind/schlüsselkind Ich kam also mit zwei linken Händen auf die Welt. Oder mit zwei rechten. - Wie du's halt nimmst. Meine Alten haben's erst an meinem ersten Geburtstag gemerkt. Ich buddelte im Sandkasten und sie guckten mir zu. Das tun sie manchmal, wenn ich Geburtstag habe. "Schau, was der macht!", sagte Mutter.

Ich buddelte mit der Rechten im Sand und die Linke buddelte mit. Ohne eine Schaufel zu halten.

"Das ist das Ende seiner Artistenkarriere", sagte Vater. Bis dahin war ich ganz normal. Ich hatte einen Vater und eine Mutter, die keine Zeit für mich hatten, einen Bruder und eine Schwester. Vater und Bruder männlich, Mutter und Schwester weiblich. Alle viel älter als ich und echt tierisch! Die Familie Spiderman. Stark und schnell und fit - Muskeln bis ins Hirn.

Bodenakrobaten eben. Sie treten auf der ganzen Welt auf. Und schicken Kohle nach Hause, damit wir hin und wieder ein Hähnchen grillen können. Oma und ich.

Das war also das Ende meiner Zirkuskarriere. Schon vorher hatten sich meine Gründer gewundert, dass bei mir alles viel später kam als bei meinem Bruder und meiner Schwester. Echt miese Koordination. Gekrabbelt bin ich wie E.T.

Und das noch mit anderthalb Jahren. "In dem Alter konnten deine Geschwister schon Saltos schlagen", hat Oma gesagt.

Jetzt sehe ich meine Alten, die Tiere, meistens nur in den Ferien, wenn sie mich zu sich in den Zirkus holen. Oder ins Varietee. Wo auch immer sie halt gerade ihre abgedrehten Kunststücke vorführen. Manchmal besuchen sie Oma und mich, aber nicht allzu oft. Nicht dass du denkst, meine Alten sind Rabeneltern oder so was. Sie lieben mich. Wenn sie mich nicht liebten, würden sie sich viel mehr mit mir beschäftigen.

Eigentlich war ich froh, dass sie nicht mit uns in Afterheim lebten. Schon so war ich dort eine Lachnummer. Ohne mich ständig mit meiner glorreichen Familie vergleichen lassen zu müssen. In Afterheim kannte jeder jeden. Und ich war nun mal der Typ mit den zwei linken Händen, der nicht mal beim Zirkus unterkam. Geschickt wie ein Storch. Viele Afterheimer fingen schon an zu kichern, wenn sie mich erblickten.

Zum Glück ist in der ersten Klasse Kathrin nach Afterheim zugezogen. Mit ihren Eltern. Boah, dieses Mädchen! Mann! Wenn du die siehst, dann glaubst du an Wunder! Wir trafen uns oft in unserer Stadtbücherei. Früher bin ich mit Oma allein hingegangen. Oma fuhr voll auf Agatha Christie und P.D. James und so ab - ein echter Krimi-Junkie. Doch seit Kathrins Mutter in Afterheim lebte, zog sich Oma immer mehr Liebesromane rein. Kathrins Mutter Dora stand auf das Zeug. Und Oma fand alles gut, was Dora machte. Doras Vater war Omas Cousin. Aber schon lange tot.

Während also Oma und Dora über die Schreie der Leidenschaft fachsimpelten, wühlten Kathrin und ich die Regale durch: "Kennst du das da?"

"Wild Thing - Sex-Tips for Boys and Girls ... Kannst du mir daraus vorlesen?"

Kathrin las mir vor. Über die Tipps haben wir uns vor Lachen gekugelt: "Bit- ten Sie Ih-re Part-nerin, Ih-nen zu zei-gen, wo sich die Ei-er-stö-cke be- fin-den ..."

"Igitt!"

Später trafen wir uns auch allein in der Bücherei. Ohne Kathrins Mutter und meine Oma. Und noch später liefen wir auch draußen zusammen rum. So entdeckten wir die alte, halb zugewachsene Sandgrube in den Wäldern hinter Afterheim. Darin ein kleiner Teich mit Fröschen ... Mann! Manche Froschmännchen haben's echt drauf. Zum Beispiel die Stummelfrösche. Die Männchen setzen während der Paarungszeit keinen Fuß auf den Boden. Die faulen Säcke lassen sich vom Weibchen zum Laichplatz auf dem Rücken tragen und bleiben gleich mehrere Monate am Weibchen festgeklammert. Wie 'n Rucksack! Die hab ich echt beneidet manchmal. Warum war ich nicht als Stummelfrosch auf die Welt gekommen?

Am oberen Rand der Sandgrube waren kleine Höhlen. Wir bauten sie weiter aus, ich und Kathrin. Im weichen Sandstein ließ sich gut buddeln. Kathrin hat mich nie gefragt, warum meine Linke mitmachte, wenn die Rechte am Sandstein schabte.

Zur Sandgrube kamen keine anderen Kinder. Sie ballerten lieber an der Playstation oder am PC rum. Mit zehn zockten alle Mitschüler Ballerspiele.

Oder zogen sich Videos rein. Freddy und Jason und so. Blutiger Blödsinn!

Egal! Zur Waldgrube traute sich sowieso keiner. Der bewachsene Weg dahin wurde von einem Schwarm Killerbienen bewacht. Sie nisteten in einem ausgehöhlten Baum am Rande des Weges. Einmal im Jahr landete jemand aus Afterheim wegen der Stiche im Krankenhaus. Dann war wieder Ruhe um die Grube herum.

"Wenn du ganz langsam und ruhig an dem Baum vorbeigehst", hatte Kathrin gesagt, "tun sie dir nichts!" Und so war's auch. Kathrin wusste Bescheid über die Bienen.

Langsam kotzten mich meine Hände aber an. Ich meine, mit zehn hab ich angefangen, darüber wirklich nachzudenken. Bis dahin bin ich mir ganz normal vorgekommen. Wie die anderen halt. Klar konnte ich bei vielen Spielen nicht mithalten, zum Kicken hätte ich einen Hüpfball gebraucht, diese Größe konnte ich noch mit dem Fuß treffen. Die blöden Hände haben meine ganze Koordination vermiest. Statt Fußball zu spielen, hab ich halt viel gelesen.

Am meisten freute ich mich sowieso auf die Grippe. Dann lag ich zwei Wochen lesend im Bett, Oma flitzte jeden Morgen in die Stadtbücherei und brachte mir fünf neue Bücher, die zog ich mir dann bis zum nächsten Tag rein. Und Kathrin las mir manchmal aus Wild Thing vor. Übelst gelacht haben wir.

An meinem zehnten Geburtstag ging ich nach der Schule direkt nach Hause.

Mutter rief an. "Hast du unsere Geschenke bekommen, Robert?"

"Ja, danke!"

"Nächstes Jahr kommen wir sicher zu deinem Geburtstag. Dann feiern wir zusammen, ja?"

Ich sagte nichts. Jedes Jahr dasselbe.

"Wo ist Oma?"

"Beim Pfarrer!", sagte ich. "Sie geht jeden Dienstag hin. Kommt gleich zurück."

"Beim Pfarrer? ... Hat sie was mit dem?"

"Aber, Mutter! Ich bin erst zehn ..."

"Entschuldigung! Thomas!", rief sie plötzlich. "Deine Mutter besucht jede Woche den Pfarrer in Afterheim ... Hi, hi, hi ..." Im Hintergrund hörte ich meinen Vater etwas brummen.

"Kannst du ihr sagen, dass ich sie in einer Stunde anrufe?", sagte Mutter.

"Ich muss was mit ihr besprechen."

"Mach ich!" Ich legte auf und lief in die Küche. Verdammt! Hatte vergessen, ihr zu sagen, dass Oma noch in die Konditorei gehen wollte. Den Geburtstagskuchen holen. So wie ich sie kannte, würde sie frühestens in zwei Stunden wieder heimkommen. In der Konditorei verkaufte ihre Freundin, die Gottschalk. Die brachte locker 100 Kilo auf die Waage. Deswegen machte sie voll auf Trennkost. Nur Sahnetörtchen, meine ich. Aber die echt hemmungslos!

Mann! Wenn ich schon ihre Stimme hörte ...

"Ach, Robert, du bist immer noch so klein ... Du musst viel mehr essen, weißt du?"

Und du weniger, du fette Schnepfe! Bis die zwei über die ganze Nachbarschaft abgelästert und mein Privatleben ordentlich durchgekaut hatten, würde sicher eine Stunde vergehen. Musste Mutter noch - mal anrufen ... Aber wo war das verdammte Telefon wieder? Ich hatte Oma gezwungen, zwei schnurlose Siemensdinger zu kaufen, und jetzt gingen die ständig verloren ... Konnte sie ums Verrecken nicht finden. Selbst wenn ich die Suchtaste auf dem Gerät drückte. Als ob sie in andere Dimensionen gefallen seien. Ganz unsympathisch, die Geräte. Wenn Oma zu Hause war, dann wusste ich, wo ich zu suchen hatte. Sie packte die Dinger immer in Decken ein. Damit sie keine Strahlung abgeben, weißt du. Gepulste Mikrowellen und so. Oma hatte echt keine Ahnung von Technik: "Ach, Omi, da strahlt doch die Station und nicht das Mobilding! Das Ding ist ein Empfänger, verdammt!" Seit wir die Geräte hatten, laberte Oma ständig von Gehirntumoren und ähnlichem Krampf, echt krank: "Oma, ich ruf Kathrin an!"

"Telefonier nicht so viel, du kriegst sonst einen Gehirntumor!" Wirklich bescheuert, oder? Old school halt. Deswegen würde ich auch nie ein Handy bekommen ... Verflucht! Wo hatte ich das verdammte Gerät hingetan?... Ach, egal!
... Ich gab die Suche auf. Wollte sowieso nicht noch mal mit der Mutti reden.

Null Bock auf so was! Dann lieber mit dem Dicken, dem Pfarrer. Die Pfarrei war gleich am Ende unserer Straße.

Die Sonne schien, die Tür des Pfarrhäuschens stand auf. Auch die Küchentür war halb offen. "Was soll ich mit Robert machen?", hörte ich Oma den Pfarrer fragen. "Das mit den Händen geht nicht weg. Das behindert ihn wirklich ..."

Ich hielt im Flur an. Scheiße! Warum erzählte sie ihm das? Was hatte der Dicke mit meinen Händen zu schaffen, he?

"Vertrauen Sie auf Gott!", sagte der Pfarrer. "Gott wird Robert nicht im Stich lassen. Beten, beten, beten ... Beim Beten stört ihn die Behinderung doch nicht ..."

Und bumm! Blitz! Der Big Bang im Hirn! Die Erleuchtung! Gott ist tot! Und wenn Gott doch lebt, dann mag er die Gottlosen - sie belästigen ihn nicht mit ihren Problemen. Du musst dir halt selber helfen! Jawohl! Nichts wie in die Bücherei ... Aber die Mutter ... Eh! Sollte sie doch das Telefongerät heiß läuten. Ich joggte zum Stadtplatz. Bis dato hab ich sowieso alles aus Büchern gelernt. Hmm ... Dort im Regal hatte ich letztes Mal doch etwas gesehen ... Was war das noch? Wie ein Magnet zog mich das Hobby-Regal an: Sport, Spiel, Schach ... Da war's! Dave Finnigan. Alles über die Kunst des Jonglierens.

Zu Hause schlachtete ich mein Sparschwein. Der Spielzeugladen hatte noch auf. Vier Jonglierbälle kaufte ich. Hübsche farbige Dinger aus Leder.

Fühlten sich gut in der Hand an.

Am Abend feierten Oma und ich mit einem Käsekuchen und frisch gepresstem Orangensaft meinen zehnten Geburtstag. Mutter rief an dem Tag nicht mehr an.

Schon am Abend nach der Feier fing ich mit den Bällen an. Nur Omi wusste Bescheid. Meine Mitschüler sollten sich ihr Gaudi anderswo holen. Ich warf also Bälle in die Luft. Eine Stunde am Tag. Monate brauchte ich, bis nur zwei Bälle kurz zusammen in der Luft blieben. Fühlte sich ganz derbe an, Mann! Eine krasse Tat! Krass wie 'n Osterei! Wahnsinn! Konnte ich wirklich jonglieren lernen? Klar dauerte die Suche nach den Bällen mindestens so lange wie das Üben - Bälle sind halt rund. Sie hüpfen dir aus den Händen, kullern weg und verstecken sich vor dir. Wo bist du hingerollt, du blöder Ball? Um die Bälle abzufangen, stand ich am Bett, aber ohne Bücken ging gar nichts! Willst du was lernen, dann bück dich! Am Anfang schlugen meine Hände zu wie zwei irre Baseballschläger. Vorsicht! Der Ball kommt! Bumm rechts!

Bumm links! Hätte das jemand gefilmt, hätte er den Freakfilm-Bambi des Jahres gekriegt. Hin und wieder musste Omi neue Fensterscheiben einsetzen lassen. Und einmal knallte ich das eingerahmte Foto meiner Familie ab: "Quatro Qualm beim Todessprung." Und hop von der Wand! Zum Glück ließ es Omi nicht mehr einrahmen.

An meinem zwölften Geburtstag gab mir Kathrin in unserer Sandgrube einen Kuss. Und davon bekam ich eine Vergiftung. Na ja, nicht direkt von dem Kuss.

Aber der Kuss hat mich in 'nen derben Rausch gekickt! Bin von unseren Sandhöhlen runtergesprungen, zu dem Baum mit den Killerbienen gerast und hab meine Hand hineingesteckt.

"Bejb!", brüllte Kathrin von oben. "Was machst du da?"

"Ich hol dir etwas Honig!", brüllte ich zurück. Ja, das war 'ne Idee! Nur schnell 'ne Hand voll Honig schöpfen, hinauf zu Kathrin und schon würde sie mir aus der Hand lecken.

"Es ist doch erst März!", rief Kathrin. "Die Bienen haben noch keinen Honig!"

Ja, Scheiße! Honig hab ich tatsächlich nicht erwischt im Loch. Dafür einen Stich und noch einen. Au! Photonenschnell zog ich meine Hand heraus. An ihr hing wie an einem Magnet ein ganzer Bienenschwarm. Verdammte Kacke! Nichts wie weg hier! Und schon düste ich den Weg runter. Mit 'nem Bienenschwarm am Arsch! Haut ab, ihr Monsterbienen! Nur die Viecher nicht zu Kathrin führen.

Die Bienen stachen, als wären sie auf Crack. Auuuh! Drei, vier, fünf ...

"Aaaah! Scheiße!" ... neun, zehn Stiche! Und hop über den Busch! Wie bei Winnie Puuh. Nur viel dramatischer! War das nicht zum Heulen? Der erste Kuss, und schwupp: Für einen Monat musste ich ins Krankenhaus. Zehn krasse Bienenstiche. Zu allem Überfluss hat sich ein Stich am Fußknöchel entzündet, eine kleine Blutvergiftung, der Fuß musste aufgeschlitzt werden.

Ins Krankenhaus brachte Kathrin mir ein Buch über Bienen und ähnliche Stechviecher. Schon damals hatte sie diese Anflüge, mich zu belehren! Aber diese Bienen, die sind echt hemmungslos! Hast du schon von den männlichen Bienen, von den Drohnen, gehört? Mann! Sie treiben's mit der Königin, legen sich dann für ein paar Wochen auf die faule Haut, um zu relaxen, verstehst du, nur so ... und werden von den weiblichen Bienen, den Arbeiterinnen, durchgefüttert - kann ja sein, dass die Königin stirbt und die Drohnen noch mal ranmüssen. Aber bald ist Schluss mit Hawaii. Wenn die Lage klar ist, werden die Drohnen von den Weibern abgestochen. Einfach so! Auf die marxistische Art. Weil sie nur abhängen und fressen. Das heißt dann die Drohnenschlacht. Krass, was? Pure Bitch, so eine Biene!

Den Geburtstag feierte ich mit Oma erst, als ich aus dem Krankenhaus kam.

Für die Schule hatte mir Oma vier Packungen Möwenpickeis gekauft. Kathrin mochte Karamelleis. Das Eis ging weg wie Biokondome. Sogar Tobi klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Tobi war mein Vorbild in der Schule. Beliebt, aber auf die angenehme Art. Lauter Einser, und doch ständig am Spielen. "Der Tobi!", sagte Oma manchmal, "der wird's ganz weit bringen!"

"Wollen wir zur Sandgrube?", fragte ich Kathrin nach der Schule im Hof.

"Ich kann heute nicht, Bejb!", sagte sie. "Ich muss ..." Drei andere Mädchen aus unserer Klasse schwärmten aus der Schule heraus, sie zogen Kathrin mit.

"Bis morgen, Bejb!" Und weg war sie.

Verdammt! Kathrin! Warum konnten wir nicht mehr so schön in unseren Sandsteinhöhlen spielen wie früher? Dachte sie am Ende, dass sie mich vergiftet hätte? Mädchen denken so was ... Ach, Quatsch! Kathrin war halt mit zwölf ein richtiges Mädchen geworden. Und ich? Na, klar! Für die Mädchen war ich zu viel Junge, für die Jungen zu wenig. Da waren Tobi oder Olli, der Checker, ein anderes Kaliber ...

Seit meinem zwölften Geburtstag ist Kathrin also nicht mehr in die Sandgrube mitgekommen. Pilze mit mir zu sammeln, das war noch okay, aber in die Sandgrube? Nee ... Da lief nichts mehr. Auch in der Bücherei haben wir uns weiter gesehen, aber ... irgendwie anders. Plötzlich kam sie mir verdammt komisch vor. Wollte mir nicht mehr aus Wild Thing vorlesen. Laberte lieber mit den anderen Mädchen als mit mir. Wir spielten nicht mehr zusammen. Auch wenn ich mit Oma weiterhin Kathrins Mutter besuchte. Zum Kuchenessen.

Meistens gab's Zwetschgenstreusel. Aber ohne Sahne. Und das war's.

Allerdings ging Oma in der letzten Zeit nicht mehr so oft zu Kathrins Mutter. Lag wohl an Kathrins Vater, der ein Arschloch hoch zwei war. Machte auf Spaßvogel und so: Furzte und rülpste laut und lachte drüber underwartete, dass du auch drüber lachst.

16 Marktplatz-Angebote für "Hip und Hop und Trauermarsch" ab EUR 0,50

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