Leseprobe zu "Glister" von John Burnside
"Träumen (S. 191-192)
Alice Morrison in der Polizeidienststelle versucht, nicht zu träumen. Sie ist jetzt wach, hat aber gemerkt, dass dies kaum einen großen Unterschied bedeutet, da die Träume selbst dann wiederkehren, wenn sie den Kopf gesenkt hält, die Hände fest an die Wand gepresst, die Augen weit offen. Sie hat stets Angst vor dem gehabt, was jetzt geschieht, Angst davor, dass das Schlottern einmal nach einigen Stunden oder nach ein, zwei Tagen nicht mehr verschwinden, sondern bleiben würde, auf immer, ihr ständiger, wachsamer Begleiter. Jetzt wuchern ihr Gesichter aus dem Boden entgegen, grinsen sie aus der Wand an, tote, höhnische Gesichter, immer höhnisch und verzweifelt zugleich, grässliche, unbekannte Augen und Münder, die ihr entgegenflackern, wo sie sich auch hinwendet.
Noch schlimmer aber sind die Geräusche im Kopf - keine Stimmen, nie mehr nur Stimmen, nur das Geräusch von Möbeln, die verrückt werden, Tischbeine, die über den Boden schleifen, ein Topfdeckel, der scheppernd auf die Fliesen fällt, oder Klaviersaiten, die im Dunkeln nachschwingen, als würde jemand am Instrument ruckeln, immer und immer wieder. Oder sie hört Glocken in der Ferne, eigentlich ein friedliches Geräusch, ein schönes Geräusch, wenn nur die Glocken draußen in der Welt und nicht allein in ihrem Kopf wären. Dann, in den überraschenden, verführerischen Momenten der Stille plötzlich die Laute eines Kindes, stets dasselbe Kind, das irgendwo in einer Ecke verborgen kauert oder kniet, weint und vor sich hin flüstert, Junge oder Mädchen, das weiß sie nicht, und sie kann auch nicht verstehen, was das Kind sagt. Sie kann bloß dieses grauenvolle Flüstern hören. Sie weiß, dass Morrison sich im Haus aufhält. Irgendwo unten.
Er lässt sie in Ruhe, da es Zeiten gab, in denen sie ihn bat, er möge sie allein lassen, und jetzt lässt er sie allein, überlässt sie sich selbst, und sie hat die Einsamkeit, die sie immer wollte. Nur will sie sie jetzt nicht mehr. Sie hält sie nicht aus. Sie hat sich eingeredet, es würde nicht lange dauern, aber dies ist die Hölle, und sie hat nichts getan, womit sie die Hölle verdient hätte. Smith, Jenner und die Leute von Outertown, die hätten sie eher verdient. Morrison hätte sie verdient. Alice weiß nicht, was er getan hat, weiß nur, er hat irgendwas getan. Keiner, der für Smith arbeitet, ist unschuldig. Doch landen niemals die Schuldigen in der Hölle.
In ihr landen Leute wie die O’Donnells, die nichts Schlimmes getan haben. Das ist ja das Vertrackte an der Hölle, über das im Religionsunterricht nie geredet wird, über die Tatsache nämlich, dass in der Hölle nicht die Schuldigen, sondern die Unschuldigen schmoren. Das erst macht sie zur Hölle. Irgendein Zufallsprinzip durchzieht die Welt, wählt grundlos Leute aus und steckt sie in die Hölle. Kummer wegen eines Kindes, grässliche Krankheiten. Geräusche und Gesichter aus dem Nichts, unterbrochen von Augenblicken entsetzlicher Klarheit, gerade lang genug, um zu begreifen, wo man ist. Und du bist in der Hölle.
Hölle, Hölle, Hölle, Hölle, Hölle. Der Lärm in ihrem Kopf wächst, und in ihren Armen und Beinen spannt sich etwas an - ein Krampf, bloß viel schlimmer -, und sie spürt, dass ihr Körper aufplatzen will, dass Sehnen und Muskeln zerreißen, die Knochen brechen wollen. Sie hat immer schon gewusst, dass es einmal dazu kommt, lange schon stand sie auf der Schwelle, und jetzt ist es soweit. Morrison ist unten, macht sich einen Tee oder liest die Zeitung, beachtet sie nicht.
Sie will ihn nicht, aber sie will irgendwas. Sie will Hilfe.Vielleicht ein Medikament. Es könnte so einfach sein. Man könnte kommen, ihr eine kleine Spritze verpassen, und die Hölle wäre vorbei. Sie bräuchte dafür nur einen Anruf zu machen. Aber sie kann nicht. Sie kann ihn nicht bitten. Ihr ganzer Körper will schreien vor lauter Qual, ihr Verstand will um etwas bitten, das sie befreit, nur bringt sie keinen Laut hervor. Sie ist in der Hölle, und die Hölle dauert ewig."
Leseprobe zu "Glister" von John Burnside
"Wo ich jetzt bin, kann ich noch die Möwen hören. Alles andere verklingt, wie ein Traum gerade dann verklingt, wenn man aufwacht und sich an ihn erinnern will, nur die Möwen sind noch da, wild und heiser krächzend wie immer. Zu Tausenden wogen sie auf und ab und schreien gellend über die Landzunge, laut und ohne Unterlass, weshalb ich nur sie hören kann, sie und ein letztes, fahles Echo der über die Strandkiesel spülenden Flut, ein beharrliches Grollen, das unter dem Gerufe dieser Geistervögel liegt, die ich kaum wahrnahm in dem Leben, das ich hatte, ehe ich durch den Glister ging. Mehr ist von diesem alten Leben auch nicht geblieben: Vögel, die in lauten Schwärmen hungrig über die Landzungen flirren, kaltes, graues Wasser, das ans Ufer schlägt. Nichts weiter. Kein anderes Geräusch und nichts zu sehen als das weite, reine Licht, in das ich aus freiem Willen immer wieder aufs Neue am Ende einer Geschichte trete, die ich bereits zu vergessen beginne.
In jener Geschichte heiße ich Leonard, und solange sie geschah, dachte ich, das Leben sei eine Sache und der Tod eine andere, aber das dachte ich nur, weil ich noch nichts über den Glister wusste. Jetzt ist diese Geschichte zu Ende. Ich will sie in Gänze erzählen, auch wenn ich schon an einen Ort entgleite, der vor dem Nennen und Vergessen von Namen liegt. Ich will sie in Gänze erzählen, auch wenn ich sie dabei vergesse, um durch das Erzählen und Vergessen jenen zu vergeben, die darin vorkommen, auch mir selbst. Denn dort beginnt die Zukunft: im Vergessenen, in dem, was verloren ist. Damals, in Innertown, klebte auf den alten Sirupdosen, die wir immer im Eckladen kauften, ein Etikett mit einem Bild von einem Löwen, tot und verwesend im Staub, und ein Schwarm Bienen strömte durch die Schwären und Schatten in seinem Fell, um Honig aus seinen Wunden zu ernten. Ich habe dem Bild vertraut. Ich wusste, es stimmte - denn es gab eine Zeit, in der die Menschen glaubten, dass dieses dunkle Loch, diese Wunde wirklich der Ort war, von dem der Honig stammte. Sie hatten recht, denn alles wird verwandelt, alles wird, und dieses Werden ist die einzige Geschichte, die nie zu Ende geht. Alles wird zu allem anderen, in jedem Augenblick, immerzu. Das weiß ich jetzt - und hier, wo ich bin, gehe ich diese Geschichte immer wieder durch, zähle die Ereignisse auf, an die ich mich erinnere, und kartografiere die Stellen und Schatten, die das Vergessen zurückließ, klammere mich an Strohhalme, als verginge die ganze Welt, als würde nicht nur ich, sondern das Leben selbst in die Vergangenheit entschwinden.
Doch nichts entschwindet, auch ich nicht. Nichts entschwindet in die Vergangenheit, es wird höchstens vergessen und so zur Zukunft. Es existiert weiterhin an jenem Ort, den manche Menschen in Innertown das Nachleben nennen - obwohl sie in ihrem Herzen wissen, dass es kein Nachleben gibt, weil es kein Danach gibt. Immer ist Jetzt, und alles - Vergangenheit und Zukunft, Problem und Lösung, Leben und Tod -, alles ist gleichzeitig hier, in diesem Moment. Der Ort aber, an dem ich bin, hat viele Namen, je nachdem, welche Geschichte man glaubt: Himmel, Hölle, Tir Na Nog oder Traumzeit. Dabei wissen wir alle, es ist weder dieses noch jenes, sondern nur der Ort, an dem Geschichten beginnen und enden. Und jetzt beginnt meine Geschichte aufs Neue, ein letztes Mal, noch während sie verglüht. Um mich an sie zu erinnern - um sie zu vergessen - brauche ich mir nur einen Mann im Wald vorzustellen, und schon entfaltet sich die Geschichte wie eine jener Papierblumen, die in dem Augenblick, in dem man sie in eine Schüssel mit Wasser gibt, in einem unfassbar prächtigen Farbenspiel aufgehen: Seeblume, Mondblume, Erdblume, Blumen in den Farben des Himmels, Blumen von der Farbe des Blutes. Ich kenne diese Geschichte. Mir ist, als hätte ich sie schon hundertmal erzählt, und jedes Mal, wenn ich sie erzähle, findet ein weiteres kleines Detail seinen Platz...."
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