Gelebte Hysterie - Nolte, Karen

Karen Nolte 

Gelebte Hysterie

Erfahrung, Eigensinn und psychiatrische Diskurse im Anstaltsalltag um 1900. Diss.

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Gelebte Hysterie

Wie Charcot, Breuer und Freud die Hysterie definierten, wissen wir. Wie aber um 1900 der Alltag von Patientinnen in einer psychiatrischen Anstalt aussah, wie sie selber sich und ihre Krankheit wahrgenommen haben und wie Krankheitskonzepte zwischen Anstaltspsychiatern, Patientinnen und Personen ihres sozialen Umfelds ausgehandelt wurden, ist wenig bekannt. Karen Nolte zeigt, wie Diskurse über Hysterie in der Praxis wirksam wurden, und gibt Einblicke in die Krankheitswahrnehmung unterschiedlicher Frauen wie Dienstmädchen, Telefonistinnen, Hausfrauen und Lehrerinnen.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2003
  • Ausstattung/Bilder: 351 Seiten - 228.0 x 152.0 mm
  • Seitenzahl: 351
  • Geschichte und Geschlechter
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 151mm x 27mm
  • Gewicht: 518g
  • ISBN-13: 9783593373799
  • ISBN-10: 3593373793
  • Best.Nr.: 11865995
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 03.12.2003

Minna ist so schwierig
Aber hysterisch ist ihr Mann: Karen Nolte hört die Irrenanstalt ab

Eines Tages fällt der französischen Historikerin Arlette Farge, die seit dreißig Jahren in den Justiz- und Polizei-Archiven von Paris die Geschichte des "peuple", der einfachen Leute des achtzehnten Jahrhunderts, erforscht, in den Archives Nationales eine Klage vom 18. Januar 1766 in die Hände. Der Droschkenkutscher Paul Lefèvre schildert darin den Disput mit einem anderen Kutscher, dem er in den Weg geraten ist. Während ihres Händels springt dessen Fahrgast ungehalten aus dem Wagen und versetzt einem von Lefèvres Pferden wutentbrannt einen Schwertstoß. Die Unterschrift unter dem Dokument bezeugt, daß die Affäre durch einen finanziellen Vergleich friedlich beigelegt werden konnte: Marquis de Sade. Das Archiv schenkte Arlette Farge in diesem Moment das herzstockende Vergnügen, auf der Place des Victoires, zwischen einem Kutscher und seinem Gefährt, plötzlich dem ebenso ungehaltenen wie entfesselten Sade begegnet zu sein: "Dieses unwichtige Detail belegt so treffend den verwünschten Charakter dieser Figur, daß man an dieser zu schönen Trouvaille, …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Martin Stingelin wartet mit einem großen Kompliment auf. Karen Nolte, die hier ihre Dissertation vorlegt, besitze den gleichen "gout de l'archive" wie ihre französische Kollegin Arlette Farge, die seit Jahrzehnten die Pariser Archive auf den Spuren der Geschichte der einfachen Leute durchforscht. Auch Nolte hat also "Lust, Geschmack am Archiv" gefunden, in ihrem Fall sind es die Akten der psychiatrischen Landesheilanstalt Marburg gewesen, die sie aufgearbeitet hat. Methodisch innovativ sei ihre Studie nicht, merkt Stingelin an, dafür besäße ihre dichte Beschreibung des Anstaltsalltags der als Hysterikerinnen internierten Frauen Intensität und Lebendigkeit und vollziehe damit tatsächlich einen Perspektivenwechsel in der historischen Hysterieforschung. Aus dem Aktenstudium ergäbe sich ein Spannungsverhältnis, berichtet der Rezensent, zwischen dem reformerischen Bemühen der Psychiater und den in die Enge getriebenen Patientinnen. Gar nicht so selten hätten sich diese den psychiatrischen Hysterie-Diskurs zu eigen gemacht, um auf diesem Wege über die erfahrene geschlechtsspezifische Gewalt berichten zu können. Nur manchmal weiche Nolte spekulativ vom Quellenstudium ab; kleine Schönheitsfehler, die der Rezensent gelten lässt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Abstract Karen Nolte 'Gelebte Hysterie. Erfahrung, Eigensinn und psychiatrische Diskurse im Anstaltsalltag um 1900', Frankfurt/Main, New York: Campus 2003 (Reihe: Geschichte und Geschlechter, Band 42).Die interdisziplinäre Forschung zur Hysteriegeschichte hat sich bisher auf den Prozess der Herstellung von Geschlecht im (vornehmlich medizinischen) Wissenschafts- bzw. Elitendiskurs konzentriert. Die Perspektive der Patientinnen ist nur auf der Grundlage von publizierten Krankengeschichten untersucht worden. Demgegenüber hat Karen Nolte diese 'älteste Frauenkrankheit' in der psychiatrischen Praxis um 1900 anhand der Krankenakten der Landesheilanstalt Marburg untersucht. Anders als in bisherigen Studien zur Geschichte der Hysterie ging es der Autorin nicht nur darum, intellektuelle und medizinische Diskurse über Hysterie zu analysieren, sondern herauszuarbeiten, wie diese Diskurse in der Praxis einer psychiatrischen Anstalt um 1900 genutzt wurden. Die Akteure und Akteurinnen dieser empirischen Studie sind nicht Wissenschaftler, sondern Anstaltspsychiater, Patientinnen und Personen ihres sozialen Umfelds. Karen Nolte arbeitet heraus, wie Krankheitskonzepte im Anstaltsalltag zwischen Psychiater und Patientinnen ausgehandelt wurden. Die Studie gibt darüber hinaus Einblick in subjektive Krankheitswahrnehmungen von Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft, nämlich Dienstmädchen, Telefonistinnen, Hausfrauen und Lehrerinnen. Auch beleuchtet die Studie die 'Innenperspektive', d.h. die von Patientinnen und medizinischem Personal, auf die Verhältnisse einer psychiatrischen Anstalt um 1900 zu untersuchen. Insofern ist die Studie Noltes auch als Beitrag zur Geschichte der modernen Anstaltspsychiatrie zu verstehen. Karen Nolte bricht mit ihrer neuen Perspektive auf die Geschichte der Hysterie die in der Fachdiskussion vorherrschende Polarisierung von 'Erfahrung' und 'Diskurs' auf. Die Studie leistet somit einen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte bürgerlicher Ideen und zeigt, dass die zuweilen homogenisierenden diskursanalytischen Erkenntnisse nur einen Teil von (re-)konstruierbaren Wirklichkeiten darstellen.<br />(Verlagsrezension)
Karen Nolte, Dr. phil., Historikerin, promovierte in Kassel und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen.

Leseprobe zu "Gelebte Hysterie"

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