Um den Frieden der Religionen zu sichern, lässt sich der Papst auf
einen geheimen Goldhandel mit der islamischen Welt ein. Als sich
das Gerücht im Vatikan verbreitet, treten mächtige Widersacher auf
den Plan. Mit allen Mitteln versucht der päpstliche Nuntius das
Leben des Heiligen Vaters zu schützen, doch der Papst schwebt
längst in tödlicher Gefahr.
"Cueni lehrt, was Wissen erst so richtig sexy macht: Wenn es sorgfältig verpackt ist in süffige Geschichten von Geld, Macht und chronischem Lendenleiden." (Stern)
Cueni lehrt, was Wissen erst so richtig sexy macht: Wenn es sorgfältig verpackt ist in süffige Geschichten von Geld, Macht und chronischem Lendenleiden. Stern
Claude Cueni wurde 1956 in Basel geboren. Nach Lehr- und Wanderjahren durch Europa erschien 1980 sein erster Roman. Seither veröffentlichte er Kriminalromane, Hörspiele, Theaterstücke und schrieb Filmdrehbücher (u. a. für Tatort, Peter Strohm, Der Clown, Alarm für Cobra 11, Eurocops). Claude Cueni lebt in Binningen bei Basel.
Leseprobe zu "Gehet hin und tötet"
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Leseprobe zu "Gehet hin und tötet" von Claude Cueni
Leseprobe zu "Gehet hin und tötet" von Claude Cueni
VATIKANSTADT
"Es ist nur ein Gerücht", versuchte Luigi Albertini den alten Mann zu beschwichtigen. Doch jetzt war es zu spät. Er hatte es ausgesprochen, dieses Gerücht, und nun saß der ausgemergelte Greis mit dem schütteren Haar wie eine gespenstische Mumie in seinem Barocksessel. Er erhob mühsam die rechte Hand für eine abwehrende Geste, als wollte er andeuten, dass es nun genug sei. Die Hand sank kraftlos auf die Armlehne zurück. Die Augen in den tief liegenden Höhlen waren starr auf die Wand gerichtet. Der alte Mann hatte Angst.
Vereinzelte Regentropfen klatschten gegen die hohen Glasfenster der päpstlichen Privatgemächer. Der Petersdom erwachte im Morgengrauen. Nichts würde mehr so sein wie vorher.
Luigi Albertini kniete neben dem Heiligen Vater nieder und wiederholte, dass es doch nur ein Gerücht sei. Albertini war ein gut aussehender Mann von knapp vierzig Jahren, sportlich durchtrainiert und kein gewöhnlicher Diplomat des Heiligen Stuhls. Er war als Nuntius mit Spezialauftrag direkt dem Papst unterstellt. Er war der Nunzio Apostolico Con Incarichi Speciali, der Geheimagent des Papstes.
"Ich dachte", sprach der alte Mann mit heiserer Stimme, "ich würde diesen Sommer nicht mehr erleben. Der Herr würde mich vorher zu sich rufen. Er hat es nicht getan. Manchmal fragte ich mich, ob er mich wohl vergessen hat. Ob auch Gott Dinge vergisst. Doch jetzt ergibt alles einen Sinn."
Dem Heiligen Vater versagte die Stimme. Er hustete, versuchte den Schleim aus den verklebten Bronchien zu lösen. Ein paar Speicheltropfen schlierten über die schmalen Lippen. Er ließ es geschehen. Er hatte ein Leben lang versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, aber er hatte es nie geschafft. Weder Gebete noch Kehlkopfoperation noch Chemotherapien hatten ihn zur Vernunft gebracht. Und dennoch gab es nicht ein einziges Foto, das ihn mit einer Zigarette zeigte.
Die beiden Männer schwiegen für eine Weile. Zwei Spatzen setzten sich auf den Fenstersims und schüttelten das kalte Nass aus ihrem Gefieder. Erst jetzt fiel dem Papst auf, dass die Spatzen oft zu zweit auf seinem Fenstersims landeten und dass er sein Leben allein verbracht hatte. Eine tiefe Melancholie erfasste ihn.
"Dann ist es jetzt so weit", flüsterte der Heilige Vater.
"Es ist wirklich nur ein Gerücht, Eure Heiligkeit", wiederholte Luigi Albertini, "es stammt von den Leuten, die sich in Rom in der Basilika San Clemente treffen." Er erhob sich und trat einen Schritt zum Fenster. Eine Straßenkehrmaschine fuhr lärmend über den morgendlichen Petersplatz und verscheuchte die Vogelschwärme. Dann knatterte der Motor, und schwarzer Rauch entwich dem Auspuff. Die Maschine blieb stehen. Der Mann von der Straßenreinigung stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. In Italien gewöhnt man sich daran, dass nichts funktioniert. Schwarzer Rauch über dem Petersplatz, dachte Luigi Albertini. Er glaubte nicht an Vorzeichen. Er würde sich später an die Straßenkehrmaschine erinnern, die Vogelschwärme, die Glocken, die zur Frühmesse läuteten, den bröckelnden Kitt im Fensterrahmen, das Wasser, das sich innen auf dem Fenstersims sammelte und an der Tapete entlang hinuntertropfte und in den Teppich sickerte. Er würde sich erinnern, dass der Papst dagesessen hatte, mit offenem Mund, unbeweglich und mit düsterem Blick, als würde er von einer diabolischen Sinnestäuschung heimgesucht, als sehe er eine gewaltige Flutwelle auf sich zurollen, gigantische Wellen, die sich zu einem Berg auftürmen und ihn für immer wegspülen würden. Der Papst hatte Angst. War sein Glaube zu schwach?
Es gibt Nachrichten, die keine Reflexe mehr auslösen, keine Fluchtbewegung, kein Aufbäumen, keinen Protest, kein Flehen, kein Bitten. Es gibt Nachrichten, deren Tragweite man sofort begreift, weil sie endgültig sind. Irreversibel. Man begreift sie mit dem ganzen Körper. Albertinis Nachricht war eine solche. Der Heilige Vater wusste an jenem Morgen sofort um die Bedeutung von Albertinis Worten. Er erinnerte sich, wie man ihn als frisch gewählten Papst in den geheimen Archiven des Vatikans eingeschlossen und ihn gebeten hatte, die Siegel eines Dokuments zu brechen, um die letzten Geheimnisse zu erfahren. Er hatte alles gelesen, bis in die frühen Morgenstunden. Danach hatte er das knapp zweihundertseitige Dossier eigenhändig wieder versiegelt, zu Händen seines Nachfolgers. Doch jetzt fragte er sich, ob es nach ihm noch einen Nachfolger geben würde. Denn das Gerücht war in Umlauf gesetzt worden. Bald würde es sein blindwütiges Zerstörungswerk in Gang setzen.
O Herr, dachte der alte Mann, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Ihm war, als würde das Blut in seinen Adern gerinnen und seine Sinne lahmlegen. Eine fremde Gewalt schien sich seiner zu bemächtigen. Er begriff, was geschehen würde. Aber er konnte nichts mehr tun. Demütig senkte er den Kopf: "Ich wusste, dass sie es eines Tages wieder versuchen würden. Sie versuchen es immer wieder. Seit Jahrhunderten. Während der Französischen Revolution hätten sie es beinahe geschafft."
Luigi Albertini kniete vor dem Nachfolger des Fürsten der Apostel, vor dem Pontifex Maximus, vor dem Patriarchen des Abendlandes, vor dem Bischof von Rom, dem absolutistischen Herrscher über eine Milliarde Gläubige, er kniete vor der ältesten Institution der Menschheit, vor dem Stellvertreter Gottes.
"Es ist nur ein Gerücht, Eure Heiligkeit. Ich werde die Basilika San Clemente aufsuchen und der Sache nachgehen."
"Nein, Luigi", sprach der Papst mit großer Anstrengung, "die Basilika San Clemente al Laterano ist ein düsterer Ort. Weißt du, auf welchem Fels diese Kirche erbaut ist? Steige nicht hinunter in das Labyrinth, das sich wie eine giftige Schlange unter dem Hochaltar windet. Schon mancher hat dort seinen Glauben verloren."
Der Heilige Vater gab ihm ein Zeichen, näher zu kommen. Albertini erhob sich und beugte sich zum Heiligen Vater hinunter. Er nahm den fauligen Atem des kranken Mannes wahr.
"In der Basilika San Clemente al Laterano werden Päpste gekürt und Päpste vernichtet. Ich wusste, dass es so kommen würde. Die italienischen Familien dulden keinen Ausländer auf dem Thron Petri. Aber wenn der nächste Papst aus ihren Reihen kommt, wird keiner mehr da sein, um das letzte Geheimnis des Christentums zu hüten. Denn sie sind Teil des Geheimnisses."
Der Papst hielt inne und sprach dann weiter. Seine Worte klangen wie aus den Tiefen der Erde: "Zur Zeit der Medici-Päpste haben es alle gewusst. Jeder gebildete Mensch wusste es damals. Doch wir haben dieses Wissen all die Jahrhunderte über in den Verliesen des Vatikans eingekerkert, damit das Christentum obsiegt." Er holte Luft. "Wenn sich das Gerücht bewahrheitet, Luigi, wird es niemanden mehr geben, der dieses Wissen schützt. Denn was war, wird nicht mehr sein. Der nächste Papst wird wieder ein Italiener sein, aber kein Nachfolger Petri."
"Ich werde Sie beschützen, Heiliger Vater, ich bin Ihr Nunzio Apostolico."
"Sie werden nicht wagen, mich anzurühren. Sie werden nur meine Pläne vereiteln. Das Sakrileg werden andere begehen. Geh nach Sizilien, Luigi, zu Don Antonio Calame. Er ist der Herr der zwei Welten. Er darf die Pläne des Heiligen Stuhls nicht vereiteln. Wir brauchen das Gold. Für den Har-Magedon
Der Papst starrte wieder ins Leere. Er wollte allein sein. Mit einer Handbewegung wies er seinem Nuntius die Tür.
"Harmagedon? Armageddon?"
"Die letzte Schlacht zwischen Gut und Böse, Sonne und Finsternis. Es ist die Schlacht der Propheten um die Gunst des einzig wahren Gottes."
Albertini warf dem Heiligen Vater einen prüfenden Blick zu. Wovon sprach der alte Mann? Hatte er nicht soeben Gold erwähnt?