Frauen denken anders. Männer auch - Cohen, Simon Baron-

Simon Baron- Cohen 

Frauen denken anders. Männer auch

Wie das Geschlecht ins Gehirn kommt

Broschiertes Buch
 
Führen wir nicht mehr
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Frauen denken anders. Männer auch

Ein Buch, das hilft, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern besser zu verstehen
Männer und Frauen sind von Geburt an anders, so die Theorie des bekannten Psychologen und Autismusforschers Simon Baron-Cohen. Anhand von Beispielen aus Hirnforschung, Psychologie und Verhaltensbiologie belegt er, dass geschlechterspezifisches Verhalten nicht nur auf unterschiedliche Erziehung zurückzuführen ist, sondern tatsächlich schon vor der Geburt im Mutterleib festgelegt wird.


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 331 S.
  • Seitenzahl: 331
  • Heyne Bücher Nr.60115
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 118mm
  • Gewicht: 285g
  • ISBN-13: 9783453601154
  • ISBN-10: 3453601157
  • Best.Nr.: 25553715
Ich danke Simon Baron-Cohen sehr für dieses Buch. Es hat mir viel erklärt, was ich aus eigener Erfahrung kenne; und Männer so unglaublich menschlich für mich gemacht. Carolyn See Washington Post
Simon Baron-Cohen ist Professor für Psychologie und Psychiatrie am Trinity College der University of Cambridge und Direktor am Zentrum für Autismusstudien. Er forscht seit über zwanzig Jahren zum Thema Autismus und Geschlechtsunterschiede. Er veröffentlichte eine Vielzahl an wissenschaftlichen Artikeln.

Leseprobe zu "Frauen denken anders. Männer auch"

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Weibliches und männliches Gehirn

Wer Theorien über grundlegende Unterschiede im Denken und Bewusstsein von Mann und Frau aufstellt, begibt sich zweifellos auf gefährliches Terrain. Ich könnte mich dem heiklen Thema vorsichtig annähern, aber Ihnen ist es bestimmt lieber, wenn ich ohne Umschweife zum Kern der Sache komme. Deshalb hier meine Theorie:
Das weibliche Gehirn ist so "verdrahtet", dass es überwiegend auf Empathie ausgerichtet ist. Das männliche Gehirn ist so "verdrahtet", dass es überwiegend auf das Begreifen und den Aufbau von Systemen ausgerichtet ist.

Mit dem Rest dieses Buches gelingt es mir hoffentlich, Sie davon zu überzeugen, dass es eine wachsende Anzahl von Belegen für diese Theorie gibt.

Ich kann mir allerdings vorstellen, dass manche LeserInnen schon auf der ersten Seite beunruhigt reagieren. Liefert diese Theorie vielleicht nur Wasser auf die Mühlen einiger Reaktionäre, die nicht wollen, dass sich an der gesellschaftlichen Diskriminierung der Frau etwas ändert? Diese Befürchtungen kann ich vermutlich erst zerstreuen, wenn ich Sie davon überzeugt habe, dass man diese Theorie progressiv, zum Vorteil der Frauen nutzen kann. Genauso gut kann ich mir vorstellen, dass manche LeserInnen durchaus bereit sind, mir auf halbem Wege zu folgen und das einstige Tabuthema mentaler Unterschiede zwischen Mann und Frau zu erforschen. Doch wenn wir dann auf die eigentlichen Ursachen dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede stoßen, entdecken diese LeserInnen möglicherweise Dinge, die sie lieber nicht sehen möchten. Einige hoffen vielleicht, dass die Unterschiede ausschließlich ein Produkt der Erfahrung sind. Doch was ist, wenn die Abweichungen auch einige angeborene physiologische Faktoren widerspiegeln? Und falls es tatsächlich grundlegende Unterschiede im Denken von Mann und Frau gibt, sind diese Unterschiede modifizierbar? Oder sollten wir uns vielleicht sogar über solche Unterschiede freuen, statt sie zu fürchten?

Fragen wie diese möchte ich in diesem Buch erforschen. Doch zunächst möchte ich noch etwas ausführlicher auf die beiden zentralen Behauptungen der Theorie eingehen.

Das weibliche Gehirn: Empathie

Unter Empathie versteht man das Vermögen, die Gefühle und Gedanken eines anderen Menschen zu erkennen und darauf mit angemessenen eigenen Gefühlen zu reagieren. Empathie oder Einfühlungsvermögen bedeutet nicht nur, dass man kühl berechnet, was eine andere Person denkt oder fühlt (es hat nichts mit dem zu tun, was manchmal als "Gedankenlesen" bezeichnet wird). Das können auch Psychopathen. Bei der Empathie geht es darum, dass man eine angemessene emotionale Reaktion im eigenen Innern spürt, die durch die Emotion der anderen Person ausgelöst wird. Wer sich in einen anderen Menschen einfühlt, will ihn verstehen, sein Verhalten vorhersagen und eine emotionale Verbindung zu ihm herstellen.

Angenommen, Sie erkennen, dass eine Freundin von Ihnen Kummer hat, aber es lässt Sie kalt. Es ist Ihnen gleichgültig, Sie haben Wichtigeres zu tun oder empfinden sogar eine gewisse Schadenfreude. Das ist keine Empathie. Stellen Sie sich jetzt vor, Sie erkennen das Unglück Ihrer Freundin nicht nur, sondern fühlen sich automatisch selbst betroffen, leiden mit und verspüren den Wunsch, ihr sofort zu helfen - das ist Empathie. Empathie heißt, dass man Gefühle erkennt und darauf reagiert, und das gilt für alle Emotionen oder jede innere Verfassung, nicht nur für so offenkundige Gefühlszustände wie Kummer. Empathie entsteht aus dem natürlichen Wunsch, sich um andere zu kümmern. Wie dieses Bedürfnis entsteht, ist relativ umstritten, und wir verschieben die Erörterung dieser Frage auf Kapitel 7 und 8.

In diesem Buch soll untersucht werden, welche Nachweise dafür vorliegen, dass Frauen - im Durchschnitt - ein stärkeres Einfühlungsvermögen entwickeln als Männer. Man beachte, dass ich hier keineswegs von allen Frauen rede, sondern nur von der Durchschnittsfrau verglichen mit dem Durchschnittsmann. Empathie ist eine Fähigkeit (oder Gruppe von Fähigkeiten), und wie für jede andere Fähigkeit, ob sportliches, mathematisches oder musikalisches Talent, gilt auch für das Einfühlungsvermögen, dass wir alle in unterschiedlichem Maße damit ausgestattet sind. Genauso wie wir darüber nachdenken können, weshalb jemand in diesen anderen Bereichen besonders talentiert, durchschnittlich begabt oder auch behindert ist, so können wir auch über individuelle Unterschiede beim Einfühlungsvermögen nachdenken. Man könnte die Empathie sogar als ein Merkmal wie die Körpergröße auffassen, weil sie genau wie diese bei allen Menschen unterschiedlich ist. Und genauso wie man die Körpergröße eines Menschen messen kann, kann man auch die Unterschiede im Einfühlungsvermögen messen. In Kapitel 4 stelle ich einige Methoden vor, die zur Messung solcher Unterschiede benutzt werden.

Das männliche Gehirn: Systeme

Das "Systematisierungsvermögen", das heißt die Fähigkeit zu einem methodisch-analytischen Vorgehen, zeigt sich in dem Drang, Systeme zu analysieren, zu erforschen oder zu entwickeln. Wer seine Wahrnehmungen in ein System bringen will, versteht intuitiv, wie etwas funktioniert oder durch welche übergreifenden Regeln das Verhalten eines Systems gesteuert wird. Ziel ist es, das System zu begreifen und sein Verhalten vorherzusagen oder ein neues zu erfinden.

Fast alles kann ein System sein: ein Teich, eine Pflanze, ein Büchereikatalog, ein Musikstück, ein Wurf beim Kricket oder auch eine militärische Einheit. Alle operieren nach dem Prinzip, dass eine bestimmte Eingabe zu einem bestimmten Ergebnis führt, wobei die Wechselbeziehung zwischen diesem Input und Output von "Wenn-dann"-Regeln beherrscht wird. Nehmen wir ein einfaches Beispiel für ein System, wie etwa einen Dimmer. Angenommen, das Licht ist der Input. Wenn Sie den Dimmer ein klein wenig im Uhrzeigersinn drehen (Operation), wird die Glühbirne an der Decke heller (Output 1). Wenn Sie weiterdrehen, leuchtet die Birne noch heller (Output 2). Durch Regeln über "Wenn-dann"-Zusammenhänge können wir das Verhalten der meisten unbelebten Systeme vorhersagen. Wenn man Input, Operation und Output kontrolliert, kann man feststellen, wodurch das System mehr oder weniger effizient arbeitet und was es zu leisten vermag. So wie die Empathie den Einzelnen befähigt, mit den unzähligen bestehenden Emotionen umzugehen, so eröffnet der Prozess des Systematisierens die Möglichkeit, erfolgreich mit einer ungeheuren Anzahl von Systemen umzugehen.

Ich werde im Folgenden darzulegen versuchen, dass Männer im Durchschnitt stärker dazu neigen als Frauen, ihre Wahrnehmungen in Systeme zu bringen. Um es noch einmal zu betonen: Ich habe nicht gesagt, dies gelte für alle Männer. Ich rede lediglich von statistischen Durchschnitten, und die Ausnahmen von der Regel können auch hier sehr lehrreich sein. Doch vorläufig will ich das männliche Gehirn als Typ S (für Systematisieren) bezeichnen.

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