Fausto Coppis Engel - Riccarelli, Ugo

Ugo Riccarelli 

Fausto Coppis Engel

Erzählungen

Aus d. Italien. v. Sylvia Höfer
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Fausto Coppis Engel

Glanz und Elend, Triumph und Niederlage: Ugo Riccarelli erzählt heroische und ergreifende Geschichten von den großen Legenden des Sports. Seine Erzählungen verschränken reale Mythen mit fiktiven Elementen, und die Geschichten von immer noch berühmten und längst vergessenen Helden sind ein großartiges Mittel, um von menschlicher Größe und menschlicher Schwäche zu berichten. Der Sport als Metapher für das Karussell des Lebens - Tragödie und Komödie, Sieg und Niederlage, Träume und Enttäuschungen lassen sich exemplarisch an diesen ergreifenden Geschichten ablesen.


Produktinformation

  • Verlag: Zsolnay
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 200 S.
  • Seitenzahl: 200
  • Best.Nr. des Verlages: 551/05298
  • Deutsch
  • Abmessung: 19, 5 cm
  • Gewicht: 280g
  • ISBN-13: 9783552052987
  • ISBN-10: 3552052984
  • Best.Nr.: 12368051
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 23.06.2004

Triumph des Unwahrscheinlichen
Verlierende Sieger: Ugo Riccarelli verwandelt Sport in Literatur

Sport und Literatur haben miteinander gemein, daß sie Helden produzieren. Nur werden die sportlichen Heroen meist wenig adäquat im Boulevardstil besungen und sind zuweilen schnell vergessen. Kann man sich eine ernsthafte Romanhandlung um Medienmarionetten wie Matthäus, Beckham oder Totti ausmalen? Höchstens mythischen Figuren wie den Fußballern der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954, deren eigentlich banaler 3:2-Erfolg zum nationalen Aufbruch führte (oder jedenfalls hinterher dergestalt verklärt wurde), wird episches Gedenken zuteil, das aber in unserer optischen Massenkultur eher im Film als zwischen Buchdeckeln seinen Ort findet. Der italienische Schriftsteller Ugo Riccarelli, zu Recht überzeugt von der literarischen Substanz der Sporthistorie, legt nichtsdestotrotz nun eine Sammlung von Erzählungen vor, die sich quer durch die Disziplinen mit Helden des Radfahrens, des Automobilrennens, des Alpinismus, des Fußballs, des Laufens und des Boxens befassen.

Höchst erfreulich an diesem lakonischen Bändchen ist, daß Riccarelli die …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Sport und Schicksal, so lehrt uns dieses wunderschöne Buch, sind häufig nur Benennungen für dieselbe Tragödie", seufzt Dirk Schümer ergriffen von den Geschichten aus Ugo Riccarelli lakonischem Band, der von den Helden des Sports erzählt, von alternden Radsportlegenden, vom fußballverückten Pasolini, vom Drama der Unbesiegbaren und dem "Triumph des Unwahrscheinlichen". Besonders nimmt Schümer ein, dass Riccarelli "die existentielle Tiefe des Sports sehr ernst nimmt" - die Anstrengung des Menschen, etwas zu schaffen, wozu er nicht geschaffen ist. Aber dass es auch um mehr geht als um die körperliche Grenzüberschreitungen zeigt nach Schümers Meinung zum Beispiel die Geschichte über den "ersten schwarzen Boxweltmeister Jack Johnson, der mit jedem Sieg über weiße Gegner den Hass der rassistischen Gesellschaft Amerikas schürt".

© Perlentaucher Medien GmbH

"Riccarellis Bücher leben von dem Gefühl für menschliche Kultur"<br />Antonio Tabucchi<br/><br/>"Der, der diese Erzählungen nicht liest, weiß nicht, was der gewinnt, der sie gelesen hat. Ein italienischer Kritiker nannte sie "kleine, elegante Meisterwerke", in denen wir von unscheinbaren Menschen erfahren, was Würde ist und warum Verlierer unsterblicher sein können als umjubelte Stars und Sieger."<br />Carl Wilhelm Macke, Lesart 1/04<br/><br/>"Ugo Riccarellis Erzählungen bilden den Höhepunkt diese Fußballsaison. Sie handeln nicht nur vom Fußball, aber jedes Mal gehen Realität und Vision auf unnahahmliche Weise ineinander über. Der Flugzaugabsturz 1949 an der Superga in Turin etwa, bei dem sämtliche Spieler von "Il Grande Torino" umkamen, gerät ihm zu einer ausgreifenden Parabel im Stile Borges."<br />Helmut Böttiger, Die Zeit, 03.06.04<br/><br/>"Sport und Schicksal, so lehrt dieses wunderschöne Buch, sind häufig nur Benennungen für dieselbe Tragödie."<br />Dirk Schümer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2004

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 18.12.2004

An der Schulter des Engels
Ugo Riccarellis Erzählungen über alte Helden des Sports und den Preis der Unbesiegbarkeit
Wir stellen uns vor, Michael Schumacher fährt in diesen Weihnachtstagen übers Land. Fährt Auto, ziellos, um Abstand zu gewinnen, in sich zu gehen. Er kurvt in seinem Ferrari die Eifel hinauf, verliert, ganz in Gedanken, die Orientierung, gerät Nachts in schweres Unwetter, das zwingt ihn zum Halt - vor einem Klosterportal, wie es das Schicksal, wie es Gott will. Ein Mönch gewährt Einlass. Gibt ihm Tee und Essen, fragt nebenbei: Wer denn der Gast sei? - Erkennen Sie mich nicht? erwidert Schumacher, ich bin Michael Schumacher. Darauf der Mönch: Verzeihung, aber ich habe nie von Ihnen gehört. Nun fühlt sich Schumacher herausgefordert zu erklären, was er macht, als Autorennfahrer, und vor allem: Warum er es macht. Was ihn antreibt. Es entwickelt sich ein Vorgespräch beim Jüngsten Gericht.
Man kann nun mutmaßen, wie Schumacher sich schlagen würde. Ob er von den Millionen spricht, die er verdient, oder von der Kartbahn in Kerpen. Oder ob er Worte findet wie der italienische Renn-Heros Tazio Nuvolari in Ugo Riccarellis Buch: Worte über …

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»Sein Buch ist eine Ode an den Sport, den Sportler und den Menschen selbst.« Tobias Jochheim in >Fuldaer Zeitung< 25.07.2009
Ugo Riccarelli wurde 1954 in Cirie bei Turin geboren. Nach einem Philosophiestudium arbeitete er in der Biblioteca Palazzo Pretorio und als Regieassistent in Pisa, wo er heute als Journalist lebt. 1995 veröffentlichte er bei Feltrinelli seinen ersten Roman, "Le scarpe appese al cuore".

Leseprobe zu "Fausto Coppis Engel" von Ugo Riccarelli

Er war ganz allein, der Mané, abseits, und schaute den anderen zu, die hinter dem Fußball herliefen. Er hatte zwei krumme Beinchen, dürr wie Spatzenbeine. Zwei Stöckchen, mit denen er niemals würde laufen können. Und dennoch lächelte er. Sitzend folgte er dem Spiel der Kinder mit den Augen. Er lächelte und schien glücklich zu sein. Rundum gab es nur Staub und elende Hütten und niemanden, der auf dieses arme krumme Vögelchen aufpaßte. Deshalb kam ich zu dem Schluß, daß es sich nicht lohnte, noch weiter, bis nach Rio, zu gehen: Ich würde der Schutzengel eines Spatzen sein.«

Bei diesem Gedanken nickte der Mann mehrmals, und Jesus empfand Mitleid mit ihm, aber auch ein leises Gefühl der Erleichterung, hatte es doch den Anschein, als habe er mit dem Weinen aufgehört und als habe die Freude am Weitererzählen seiner Geschichte die Oberhand gewonnen. Deshalb schwieg Jesus und ließ sich von den Worten einhüllen.

»Die Kinderlähmung. In Pau Grande, wo es beinahe nichts gab, herrschte an Kinderlähmung kein Mangel, und meinem Spatz hatte sie die Beine verdorrt. Aber das schien Mané nichts auszumachen. Er war immer fröhlich, auch im Unglück, auch wenn er schlecht und nur kurze Zeit gehen konnte, auch wenn er nicht hinter dem Ball herlaufen konnte wie die anderen und wie sein Vater, dem die Tatsache, ihn so klein und so verkrüppelt sehen zu müssen, die Tränen in die Augen trieb. Um diesen Schmerz zu lindern, gelang es mir irgendwie, den Mann zu überzeugen, seinen Sohn zu einem Arzt nach Rio zu bringen. Deamaro nahm ihn huckepack, und wir gingen, ich immer an ihrer Seite, um diesen Arzt zu konsultieren, der die krummen Beine der Kinder operierte. Er untersuchte Mané und bemühte sich während einer stundenlangen Operation, seine Beine geradezubiegen, aber es glückte ihm nur halb, so daß er, als er ihn uns zurückgab, verlegen dreinschaute. Er sagte, daß er nun wenigstens mit dem linken Bein gehen könne.

In jener Nacht fand Deamaro keinen Schlaf, und ich leistete ihm während der langen Stunden Gesellschaft; dabei lernte ich, wieviel ein Mann weinen kann, der leidet, weil er einem Spatz mit krummen Beinen das Leben geschenkt hat. Er weinte und schrie zum Himmel, der Deamaro, er trank Bier und ballte die Fäuste zum Mond, während ich hin und her überlegte und auf irgendeine Abhilfe sann. Am Morgen gingen wir dann zum Markt von Julinha, kauften für ein paar Cruzeiros ein altes Dreirad aus Eisen, banden Manés Füße an den Pedalen fest, und von diesem Tag an drehte er, in die Pedale dieses unmöglichen Vehikels tretend, seine Runden durch den Staub von Pau Grande. Er fuhr auf seinem Dreirad und lächelte, er fuhr hinter den anderen Kindern her und lächelte. Auch wenn sie ihn hänselten, trat er in die Pedale und lächelte. Mit der Zeit wurden seine Beine immer kräftiger, und wenn mein Spatz vom Dreirad stieg, konnte er sich bald besser auf den Füßen halten. Manchmal lief er sogar ein wenig herum.

Eines Tages, im Juli, schaute er den Kindern wieder beim Fußballspielen zu, und ich war bei ihm, wie immer. Der Ball rollte auf uns zu, und als João Paulo Pirinha ihm höhnisch zurief, er solle ihm einen Tritt verpassen, sah ich, wie das Glück aus Manés Augen schwand. Er wandte sich João Paulo zu und schrie ihm entgegen, er solle doch herkommen und ihn sich selbst holen, seinen Ball, und dann lächelte er wieder, aber ich wußte, daß er innerlich zitterte. Da sah ich ihn an, und er fühlte sich ruhiger. Er legte den Ball vor seine Füße, trocknete sich an den Socken den Schweiß seiner Hände ab und blieb aufrecht stehen, um auf Pirinha zu warten. Ich stand neben ihm und hielt ihn an einem Arm fest, während der andere Junge langsam näher kam und sich schließlich vor Mané aufbaute. Ich drückte ihm den Arm noch fester, und vielleicht hatte mein Spatz begriffen, denn er blickte dem Gegner in die Augen und lächelte, dann beugte er sich nach links, lehnte sich gegen meine Seite, und während João Paulo das Bein in diese Richtung ausstreckte, sprang Mané in die andere, den Ball zwischen den Beinen, und wieder spielte ein Lächeln um seine Lippen. Von jenem Tag an gelang es niemandem mehr, ihm den Ball abzunehmen, weil Mané sich jedesmal auf meinen Arm stützte und lächelnd in die andere Richtung entwischte, während die Leute sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlugen, fasziniert von diesem plötzlichen Tanzschritt, und sie nannten ihn fortan nur noch Garrincha.«

Jesus zuckte zusammen. Wovon zum Teufel redete der Mann da? Einen Augenblick lang verspürte er das Unbehagen, das einen angesichts eines Anzeichens von Wahnsinn beschleicht, aber dann fiel sein Blick auf die blauen Augen, die sich wieder mit Tränen füllten, und er begriff, daß dies nicht der Blick eines Irren sein konnte. Er stand also auf, ging zu dem reglos im Bett liegenden Körper und starrte auf die vom Tod verzerrten Gesichtszüge, und wie in einem Traum tauchte aus dieser markanten Physiognomie nach und nach ein bekanntes Gesicht auf, das Gesicht von dem alten Photo, das sein Vater über der Tür seines Friseurladens hängen hatte: die Augenbrauen und die ausgeprägten Jochbögen, der Mund und die Augen des Champions. Eine Woge von Farben, ein überwältigendes Gefühl, Gesichter und Geräusche der Vergangenheit, abzurufen aus dem Gedächtnis. Jesus spürte, daß dies nicht der Moment war, Fragen zu stellen.

»Pelés Beine sind vollkommen, ihre straffe Haut glänzt, und ihre Muskeln sind harmonisch geformt. Nach einem Entwurf von Michelangelo«, sagte der Mann unter Tränen, dann zeigte er auf das Bett und fuhr fort: »Manés Beine dagegen waren zwei Weinstöcke, so verdreht wie das Los der Unglücklichen. Der Scherz eines Verrückten, der mit ihren Existenzen seine Spielchen treibt. Es waren die Beine der armen Teufel aus den Favelas, und aus diesem Grund haben sie ihn auch so geliebt. Diese häßlichen Beine führten jeden Gegner aufs Glatteis, und dann sprangen sie fröhlich dem Sieg entgegen. Die Beine liefen in die eine Richtung, Mané und der Ball in die andere, und von den Rängen erhob sich das Freudengeschrei seiner Leute, die mit ihm an der Seitenlinie entlangliefen, um den Ball demjenigen zuzuspielen, der ein Tor schießen würde.

Ihm haben immer die einfachen Dinge gefallen, meinem Spatz, deshalb war auch sein Spiel von absoluter Einfachheit: immer die gleiche Finte, immer der gleiche Tänzersprung nach rechts, um den Ball in die Mitte zu spielen, und immer die Freude der Leute.

Doch manchmal überkam ihn auch Traurigkeit. Er betrachtete die Kraft von Vavà, sah den Schwung von Pelé und fragte sich, ob er wirklich Fußball spielen könne. So kam es, daß er eines Tages, während des Trainings, den Ball und sein Herz in die Hand nahm und sich vor O’Rey hinstellte – er so klein und so krumm und ihm gegenüber die Wohlgestalt des anderen. Er sah ihm in die Augen und sagte:

›Entschuldige, aber ich kann keine Kunststückchen machen, ich kriege keine guten Kopfbälle hin und habe keine Kraft. Ich beherrsche nichts anderes als Finten. Ich fixiere den Gegner und setze an, ich sorge dafür, daß er auf seinem Hintern landet, und weg bin ich. Ich mache immer dasselbe, nichts anderes als das.‹

Da sah ich, wie Pelé in all seiner Pracht lächelte, auf meinen krummen Spatz zuging und ihn streichelte.

›Du brauchst dich für gar nichts zu entschuldigen, Mané‹, sagte er, ›denn deine Dribblings sind wie Brot – schlicht und ohne große Zutaten, aber sie

sind es, die mich und die Mannschaft am Leben erhalten.‹

Und Mané sah auf seine krummen Beine hinunter, blickte dann auf die perfekt geformten vor sich und vollführte wieder seine fulminante Finte, indem er, während der Ball an seinen Füßen klebte, am Rand des Spielfelds entlang davonhinkte. Er ließ Pelé einfach stehen und ins Leere schauen.«

Über das Gesicht des Mannes breitete sich ein Lächeln aus, während seine Augen sehr lange auf einen Punkt starrten, der weit von diesem kalten Zimmer entfernt zu liegen schien. Dann entspannten sich seine Züge:

»Wir hatten wirklich Spaß miteinander. Niemand ist es gelungen, je zu begreifen, wie er diese Finte zustande brachte. Sie forschten nach, diskutierten darüber, dann stellten sie Theorien auf, weil sie sicher waren, die Erklärung gefunden zu haben, um sie dann wieder zu verwerfen, und wenn sie auf ihn zugerannt kamen, gingen sie ihm immer wieder auf den Leim. Sie schauten auf seine krummen Knie – das eine nach innen gedreht, das andere nach außen –, sie schauten, wie sich seine Beinchen auf die eine Seite verlagerten, während er sich auf mich stützte und mit dem Ball zur anderen Seite sprang, und sie blieben unterdessen regungslos, wie verhext, mit dem Hintern auf dem Boden sitzen. Sie versuchten es auch auf die harte Tour, versetzten ihm Tritte gegen die Fesseln und versuchten so, ihn zu erschrecken. Aber er tat, als wäre das nichts, und setzte seinen Tanz fort, der nur aus diesem einzigen Schritt bestand.

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