Erledigungen vor der Feier - Rammstedt, Tilman

Tilman Rammstedt 

Erledigungen vor der Feier

Ausgezeichnet mit 'Die schönsten deutschen Bücher, Stiftung Buchkunst, Kategorie Taschenbücher', 2004

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Erledigungen vor der Feier

Erledigungen vor der Feier - ein bezwingendes Debut. Tilman Rammstedt führt auf wunderbare Weise vor, wie wenig wunderbar sich das Leben manchmal zeigt. Es könnte so leicht sein zu zweit, wenn man sich nicht ständig selbst im Wege stünde. Tilman Rammstedts Helden wissen viel zu gut, was sie tun. So wartet hinter jedem geglückten Augenblick schon das betretene Schweigen danach. "Wenn man das Weite suchen will, dann ist es nicht nur wichtig, Schuhe und eine Jacke anzuziehen, es ist auch wichtig, nicht erst im Zimmer auf und ab zu laufen" - der Erzähler hat viele Wünsche, aber es findet sich immer ein Grund, sie nicht zu verwirklichen. Er ist verliebt in eine wunderbar-wunderliche Frau, aber aus Furcht, sich festzulegen, bleiben die beiden unverbindlich. So tun sie die Dinge, die man nur tun kann, solange man kein Liebespaar ist - bis zu jener Nacht, "in der wir aufhörten, nicht miteinander zu schlafen". Mit Tucholskys schwermütiger Leichtigkeit schaffen es Tilman Rammstedts Figuren
ein ums andere Mal, dem Glück aus dem Weg zu gehen. So groß ihre Sehnsucht ist: Vor der Feier warten viele Hindernisse.


Produktinformation

  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 124 S.
  • Seitenzahl: 128
  • rororo Taschenbücher Nr.23648
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 116mm x 12mm
  • Gewicht: 121g
  • ISBN-13: 9783499236488
  • ISBN-10: 3499236486
  • Best.Nr.: 12334160
"... ein glänzender Beobachter, der wie mit dem Objektiv auf seine Personen und ihre alltäglichen Probleme und Verrichtungen blickt, cool und distanziert." (Stuttgarter Zeitung)

"Rammstedt ist ein fabelhafter Erzähler." (Frankfurter Rundschau)
"Eine Gebrauchsanweisung der Liebe voll reizvoller Komplikationen und Vorbehalte." (Der Tagesspiegel)

"Ein erstaunliches Debüt. Präzise, scharfsinnig und höchst amüsant." (Der Spiegel)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.08.2003

Das Mundstück der Flötenlehrerin
Nichts passiert, das aber intensiv: Tilman Rammstedts Prosa-Debüt
In der jungen deutschen Gegenwartsliteratur, Post-Judith-Hermann, wird gern geraucht. „Ich zündete mir eine Zigarette an”, das ist vielleicht sogar die Essenz, der Satz der Sätze. Die Zigarette stiftet Behaglichkeit, Rauch steigt auf, ein Weichzeichner-Nebel. Alles so angenehm! Man kann hervorragend am Fenster stehen und darüber nachdenken, wer man ist und was man will vom Leben, und sollte sich nach zwei Packungen Marlboro Medium herausstellen, dass man nicht weiß, wer man ist und was man will vom Leben, dann kann man den Rest des Tages weiterreflektieren, warum das so ist. Unterm Strich ergibt das maximale Gedankenschwere bei größtmöglichem Genuss-Faktor. WohlfühlLiteratur!
Es ist vielleicht nicht unbedingt ein gutes Zeichen, wenn in einem Buch bereits auf Seite acht von einem Frühstück berichtet wird, bei dem „mehr Zigaretten als nötig” geraucht werden, und wenn es dann auf Seite elf schon wieder heißt: „und wir rauchten eine Zigarette”, fragt man sich bang, wie viele Zigaretten wohl noch auf einen zukommen werden, auf insgesamt 114 …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.04.2003

Wohngemeinschaften der Liebe
Entschlossen zur Leidenschaft: Tilman Rammstedts Debüt

Die Liebe ist eine paradoxe Situation. Sie beruht auf der Übereinkunft der Liebenden, ihren Gesten und Blicken eine Einzigartigkeit zu unterstellen, die für Fremde unsichtbar bleibt. Es gibt nur wenig dümmere Anblicke als Liebespaare, die Ach! seufzen und sich dabei tief in die Augen blicken. Was für sie ein Moment der Wahrheit ist, der sie die Welt ringsum vergessen läßt, ist für Zuschauer bloß ein weiteres trauriges Beispiel dafür, daß von Verliebten nichts zu erwarten ist.

Diese Diskrepanz zwischen Innen- und Außenperspektive ist das Thema von Tilman Rammstedt, nur daß sein Ich-Erzähler die eigenen Liebesbemühungen selbst mit einem fremden, distanzierten Blick wie von außen betrachtet. Ob in den neckischen Streitereien mit L., ob beim Ausflug mit Kristin oder im Rückblick auf die Freundschaft mit Sarah, stets deutet er die Kompliziertheit des Liebens oder sich Verliebens als komplexes Zeichensystem. Familienzwiste und Wohngemeinschaftsproblematiken unterscheiden sich, so betrachtet, nicht von der Liebe. Die Figuren sind austauschbar, die kurzen …

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"Eine Gebrauchsanweisung der Liebe voll reizvoller Komplikationen und Vorbehalte." (Der Tagesspiegel)

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Die moderne Existenz ist ein "Leben im Sowohl-als-auch" stellt Rezensent Ansgar Warner fest und findet in Tilmann Rammstedt einen überzeugenden Chronisten dieser Lebenswelten. Seine 21 Kurzgeschichten um den Ich-Erzähler und seine Freundin L., ein Paar, das keines sein will und sich an der Unverbindlichkeit festklammert, als wäre sie der letzte Rettungsanker, treffen laut Rezensent sehr präzise den Ton einer Generation, die zwischen unendlich vielen Möglichkeiten wählen kann und doch nie zur Ruhe kommt. Auch in Rammstedts Stil findet Warner eine neue Ernsthaftigkeit. Da der Autor aus dem Umfeld der Slam-Poetry stammt und alle seine Texte schon der Kritik eines Publikums ausgesetzt waren, verfällt Rammstedt nicht popliterarischen Plattitüden, lobt der Rezensent und empfiehlt "Erledigungen vor der Feier", auch wenn es manchmal schmerzhaft an schon vergessen geglaubte Probleme erinnere.

© Perlentaucher Medien GmbH

"... ein glänzender Beobachter, der wie mit dem Objektiv auf seine Personen und ihre alltäglichen Probleme und Verrichtungen blickt, cool und distanziert." (Stuttgarter Zeitung)

"Rammstedt ist ein fabelhafter Erzähler." (Frankfurter Rundschau)
"Eine Gebrauchsanweisung der Liebe voll reizvoller Komplikationen und Vorbehalte." (Der Tagesspiegel)

Die moderne Existenz ist ein "Leben im Sowohl-als-auch" stellt Rezensent Ansgar Warner fest und findet in Tilmann Rammstedt einen überzeugenden Chronisten dieser Lebenswelten. Seine 21 Kurzgeschichten um den Ich-Erzähler und seine Freundin L., ein Paar, das keines sein will und sich an der Unverbindlichkeit festklammert, als wäre sie der letzte Rettungsanker, treffen laut Rezensent sehr präzise den Ton einer Generation, die zwischen unendlich vielen Möglichkeiten wählen kann und doch nie zur Ruhe kommt. Auch in Rammstedts Stil findet Warner eine neue Ernsthaftigkeit. Da der Autor aus dem Umfeld der Slam-Poetry stammt und alle seine Texte schon der Kritik eines Publikums ausgesetzt waren, verfällt Rammstedt nicht popliterarischen Plattitüden, lobt der Rezensent und empfiehlt "Erledigungen vor der Feier", auch wenn es manchmal schmerzhaft an schon vergessen geglaubte Probleme erinnere.

© Perlentaucher Medien GmbH
Tilman Rammstedt, geboren 1975 in Bielefeld, Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Edinburgh, Tübingen und Berlin. Er ist Texter und "schlechtester Musiker" bei der Gruppe "Fön" und ständiges Mitglied der Lesebühne "Visch & Ferse". 2001 Preisträger des Open Mike. Der Autor lebt in Berlin. 2009 wurde er mit dem Literaturpreis der deutschen Wirtschaft in der Sparte Prosa ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Erledigungen vor der Feier" von Tilman Rammstedt

Sommer Niemanden schien es zu interessieren, ob und wie und wann Dinge oder Menschen zusammentrafen. Die Jahreszeiten rutschten einem durch die Finger, und wenn man im Mai jemanden fragte, was er im Sommer vorhabe, hieß es: Wegfahren, wenn es geht, und sei’s nur an die Ostsee. Das war die allgemeine Situation. Genauer waren es L. und ich, die nicht zusammentrafen, oder wenn, dann nur örtlich und zeitlich, ohne damit viel anfangen zu können. Genauer war es natürlich auch L., die, von mir im Mai nach ihren Sommerplänen befragt, mit dieser kräfteraubenden Unverbindlichkeit antwortete, so dass es unmöglich war, irgendeine Position zu verlassen.
Man schlief nicht miteinander. Auch wenn es dafür wenig Gründe gab. Zahllose Nächte gemeinsam auf der Hundertzwanzigzentimetermatratze, nur so viel Körpernähe, wie dort nicht zu vermeiden war, hin und wieder Küsse zur Begrüßung, zum Abschied, ohne je eine bedenkliche Sekundenzahl zu erreichen, in der die Lippen aufeinander lagen, ohne je eine Zunge durch die Zähne zu lassen, die Tabuzonen für die Hände auf dem Körper des anderen waren bekannt. Erst Mitte Juli, nach einer weiteren Hundertzwanzigzentimeternacht, einem weiteren Frühstück, bei dem man leicht vergessen konnte, dass wieder nichts geschehen war, was man in irgendwelche Kategorien hätte einordnen müssen, traute ich mich wieder, nach dem August zu fragen, dem August, in dem Berlin beinah so unerträglich wie im Januar wird, dem August, in dem man entweder vor dem Sommer kapituliert oder ihn unterwandert, dem August, der in L.s Kalender mit einem Buntstift als möglicher Ferienmonat markiert war. Das hatte sie schon Anfang des Jahres getan, als sie noch Kanada, Ostafrika oder zumindest Portugal als Ziele dieses Urlaubs angab. Von der Ostsee war damals noch nicht die Rede gewesen.
Auch jetzt nicht, auch Mitte Juli nicht, auch nicht bei diesem Frühstück mit mehr Zigaretten als nötig, mit der Kaffeetasse in der Hand, mit Schlaf in den Augen und mit L.s Körper im Bademantel, L.s Körper, den ich in der Nacht wieder nur an unproblematischen Stellen berührt hatte. Die Ostsee wurde nicht erwähnt. Sie stand plötzlich in einer Reihe mit Kanada, mit Ostafrika und Portugal, wurde zu einem entfernten Ziel, über das man sich im Winter Gedanken macht, auch wenn der Winter Mai heißt. Der Juli zählt nun aber definitiv nicht mehr zum Winter, da konnte auch L. sich nichts vormachen, und die Buntstiftmarkierung wurde plötzlich zur Bedrohung, zu einem Dokument des Scheiterns, einem Scheitern, das L. verachtete und das ihr schlechte Laune bereitete, und mit einer schlecht gelaunten L. wollte ich nicht wegfahren, selbst wenn ich es dürfte, selbst wenn es nur an die Ostsee wäre, für drei Tage, vielleicht eine Woche. Und weil L. in ihrem Bademantel gut gelaunt aussah, weil wir keine Zigaretten mehr hatten, weil die Sonne schien, und es zwar nicht heiß, aber immerhin Sommer war, schlug ich vor, das zu tun, was Liebespaare an solchen Tagen machen, was das Letzte wäre, was ich mit L. machen wollte, wenn wir ein Liebespaar wären, weil es dann so gezwungen aussähe, was jetzt aber erlaubt war, weil wir kein Liebespaar waren und vielleicht nur deshalb nicht miteinander schliefen und uns nichts über die Augen und Hände des anderen erzählten, um diese Dinge tun zu können, diese Dinge, die sonst Liebespaare tun. Ich schlug vor, einen Ausflug zu machen.

Leseprobe zu "Erledigungen vor der Feier" von Tilman Rammstedt

Sommer Niemanden schien es zu interessieren, ob und wie und wann Dinge oder Menschen zusammentrafen. Die Jahreszeiten rutschten einem durch die Finger, und wenn man im Mai jemanden fragte, was er im Sommer vorhabe, hieß es: Wegfahren, wenn es geht, und sei’s nur an die Ostsee. Das war die allgemeine Situation. Genauer waren es L. und ich, die nicht zusammentrafen, oder wenn, dann nur örtlich und zeitlich, ohne damit viel anfangen zu können. Genauer war es natürlich auch L., die, von mir im Mai nach ihren Sommerplänen befragt, mit dieser kräfteraubenden Unverbindlichkeit antwortete, so dass es unmöglich war, irgendeine Position zu verlassen.
Man schlief nicht miteinander. Auch wenn es dafür wenig Gründe gab. Zahllose Nächte gemeinsam auf der Hundertzwanzigzentimetermatratze, nur so viel Körpernähe, wie dort nicht zu vermeiden war, hin und wieder Küsse zur Begrüßung, zum Abschied, ohne je eine bedenkliche Sekundenzahl zu erreichen, in der die Lippen aufeinander lagen, ohne je eine Zunge durch die Zähne zu lassen, die Tabuzonen für die Hände auf dem Körper des anderen waren bekannt. Erst Mitte Juli, nach einer weiteren Hundertzwanzigzentimeternacht, einem weiteren Frühstück, bei dem man leicht vergessen konnte, dass wieder nichts geschehen war, was man in irgendwelche Kategorien hätte einordnen müssen, traute ich mich wieder, nach dem August zu fragen, dem August, in dem Berlin beinah so unerträglich wie im Januar wird, dem August, in dem man entweder vor dem Sommer kapituliert oder ihn unterwandert, dem August, der in L.s Kalender mit einem Buntstift als möglicher Ferienmonat markiert war. Das hatte sie schon Anfang des Jahres getan, als sie noch Kanada, Ostafrika oder zumindest Portugal als Ziele dieses Urlaubs angab. Von der Ostsee war damals noch nicht die Rede gewesen.
Auch jetzt nicht, auch Mitte Juli nicht, auch nicht bei diesem Frühstück mit mehr Zigaretten als nötig, mit der Kaffeetasse in der Hand, mit Schlaf in den Augen und mit L.s Körper im Bademantel, L.s Körper, den ich in der Nacht wieder nur an unproblematischen Stellen berührt hatte. Die Ostsee wurde nicht erwähnt. Sie stand plötzlich in einer Reihe mit Kanada, mit Ostafrika und Portugal, wurde zu einem entfernten Ziel, über das man sich im Winter Gedanken macht, auch wenn der Winter Mai heißt. Der Juli zählt nun aber definitiv nicht mehr zum Winter, da konnte auch L. sich nichts vormachen, und die Buntstiftmarkierung wurde plötzlich zur Bedrohung, zu einem Dokument des Scheiterns, einem Scheitern, das L. verachtete und das ihr schlechte Laune bereitete, und mit einer schlecht gelaunten L. wollte ich nicht wegfahren, selbst wenn ich es dürfte, selbst wenn es nur an die Ostsee wäre, für drei Tage, vielleicht eine Woche. Und weil L. in ihrem Bademantel gut gelaunt aussah, weil wir keine Zigaretten mehr hatten, weil die Sonne schien, und es zwar nicht heiß, aber immerhin Sommer war, schlug ich vor, das zu tun, was Liebespaare an solchen Tagen machen, was das Letzte wäre, was ich mit L. machen wollte, wenn wir ein Liebespaar wären, weil es dann so gezwungen aussähe, was jetzt aber erlaubt war, weil wir kein Liebespaar waren und vielleicht nur deshalb nicht miteinander schliefen und uns nichts über die Augen und Hände des anderen erzählten, um diese Dinge tun zu können, diese Dinge, die sonst Liebespaare tun. Ich schlug vor, einen Ausflug zu machen.

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