Auf Glasfenstern in der Kathedrale von Chartres sind die vier
Evangelisten dargestellt, wie sie auf den Schultern
alttestamentlicher Propheten stehen: Zwerge auf den Schultern von
Riesen. Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen, blicken
weiter als diese: dies Sprichwort ist in den Glasfenstern
dargestellt. Nehmen wir dieses Motiv als eine Allegorie des
kulturellen Gedächtnisses, vermittels dessen sich jede Gegenwart
auf den Sockel einer Vergangenheit stellt und aus dieser Position
heraus sich in die Zukunft orientieren kann, und zugleich als ein
Leitmotiv für unsere Spurensuche nach altägyptischen Ideen und
Motiven in unserer abendländischen Welt! Die Frage lautet dann, ob
das Abendland nicht nur auf den Schultern der alttestamentlichen
Propheten und der griechischen Philosophen und Dichter, sondern
auch, zumindest ein wenig, auf den Schultern der altägyptischen
Priester und Gelehrten steht. Ich will diese Frage in den ersten
drei der folgenden Kapitel anhand von drei verschiedenen
thematischen Komplexen beleuchten, die ich mit den Begriffen
"Erlösung", "Hieroglyphen" und
"Mysterien" überschreibe. Die letzten beiden Kapitel
ergänzen dieses Bild um die Betrachtung der beiden bekanntesten
Ägypten-Opern: Mozarts Zauberflöte und Verdis Aida. Die eine
illustriert in paradigmatischer Weise das Thema
"Mysterien", die andere die historische Wende, nach der
Ägypten nicht mehr als Gegenstand der Erinnerung, sondern der
wissenschaftlichen Erforschung (und Ausbeutung) im Blick steht.
Damit folge ich zugleich einer zeitlichen Linie. Das erste Kapitel
hat seinen Schwerpunkt in den formativen Epochen des Christentums
zwischen Spätantike und Mittelalter, die zweite den ihren in der
Renaissance mit ihrem Interesse für Hieroglyphik, Emblematik und,
allgemein gesprochen, eine nicht
Ausstattung/Bilder: 200 S. m. 26 z. Tl. farb. Abb.
Seitenzahl: 200
Kulturwissenschaftliche Interventionen Bd.6
Deutsch
Abmessung: 195mm x 126mm x 25mm
Gewicht: 270g
ISBN-13: 9783931659905
ISBN-10: 3931659909
Best.Nr.: 20908974
Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension
Aufschlussreich findet Rezensent Arno Widmann dieses Buch, in dem der Ägyptologe Jan Assmann die "Summe seiner Forschungen" über das Nachleben der ägyptischen Kultur in Europa vorgelegt hat. Der Autor führt dem Rezensenten überzeugend vor Augen, dass entscheidende Ideen des Christentums eigentlich ein Erbe Ägyptens sind. Neben frappierenden Ähnlichkeiten von ägyptischen Darstellungen der Isis mit dem Horuskind und den christlichen mit der den Jesusknaben stillenden Maria hebt Widmann die altägyptische Vorstellung von einem jüngsten Gericht sowie die ebenfalls ägyptische Idee der Menschwerdung Gottes hervor. Lobend äußert sich Widmann auch über die gut verständliche Darstellung des Autors, der uns Ägypten näher bringe, "damit wir uns besser begreifen".
Jan Assmann, geboren 1938, ist seit 1976 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Er leitet seit 1978 ein Forschungsprojekt in Luxor (Oberägypten) und lehrte als Gastprofessor in Paris, Yale und Jerusalem. 1998 erhielt er den Preis des Historischen Kollegs, der als deutscher Historikerpreis vergeben wird.
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