Ergebenst, euer Schurik - Ulitzkaja, Ljudmila

Ljudmila Ulitzkaja 

Ergebenst, euer Schurik

Roman

Aus d. Russischen v. Ganna-Maria Braungardt
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Ergebenst, euer Schurik

Gut aussehend, höflich und sanftmütig ist er, ein Traum von einem Mann. Alles tut er den Frauen zu Gefallen - und sie lieben ihn. Alle. Warum also Nein sagen? Zu Matilda, die ihn als Knaben verführte; zur hässlichen, dafür um so bemitleidenswerteren Alja; zu Lena, die er heiratet, weil sie ein uneheliches Kind erwartet; zu seiner gehbehinderten Chefin Valerija und zu all den anderen Frauen, die ihn brauchen. Ein wunderbarer Roman über die Liebe mit einem tragikomischen Helden, dem die wahre Liebe fehlt.



Produktinformation

  • Verlag: HANSER
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 493 S.
  • Seitenzahl: 496
  • Best.Nr. des Verlages: 505, 505/20665
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 133mm x 29mm
  • Gewicht: 608g
  • ISBN-13: 9783446206656
  • ISBN-10: 3446206655
  • Best.Nr.: 14141973
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Schurik ist ein Weichei - aber so lieben ihn die Frauen. Kein Wunder, tut er doch alles für sie. Seiner Mutter ersetzt er den früh verstorbenen Mann, mit der schwangeren Kommilitonin Lena geht er zu deren Ehrenrettung eine Scheinehe ein, die labile Swetlana hindert er ein ums andere Mal am Freitod. Viele beschläft er. Er bleibt zum Schäferstündchen wie andere zum Tee, doch verglichen mit den Lesern hat er meist wenig Spaß an den ungewöhnlichen Geschichten, die weniger Schuriks als die seiner Frauen sind. Zunehmend zerfasert das Leben des Titelhelden, er reibt sich auf zwischen denen, für die er sich verantwortlich fühlt. Erst am Ende, kurz vor der psychischen und physischen Auflösung findet er, ganz ohne Kitsch, seinen Ausweg: die Liebe. Wie in Allendes "Geisterhaus" schlägt Ulitzkaja den Bogen von der Großmutter zur Enkelin und umspannt dabei fast ein Jahrhundert russischer Geschichte und Befindlichkeit. Auch die Stimmung erinnert an magischen Realismus - zwar ohne tatsächliche Magie, aber mit einem sehr liebevollen, bisweilen verzaubernden Blick auf die soziale Realität der Sowjetunion. (kab)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.09.2005

Heiliger oder Volltrottel
Puppentanz: Ljudmila Ulitzkajas Romanheld erobert Frauenherzen

Einigen Ausgaben von Balzacs, Dostojewskis, Tolstois Werken folgt eine Liste aller im Roman auftretenden Figuren. Diese Personenregister sind die Rangabzeichen der großen Romanciers, in deren comédie humaine ein Welttheater mit Hunderten von Figuren auftritt. Nicht nur Koketterie mit der Unbescheidenheit veranlaßt den Verlag, nun auch zu Ljudmila Ulitzkajas neuem Roman "Ergebenst, euer Schurik" auf einer Art Lesezeichen alle Frauen aufzuführen, die der Held einmal geliebt hat. Immerhin tingelt dieser Schurik auf den fünfhundert Seiten des Romans zwischen siebzehn Frauen hin und her, und die Mutter, die auch darunter zu zählen ist, dürfte nicht die unwichtigste Geliebte sein.

Jedenfalls ist dieser Schurik ein Muttersöhnchen, der es bis zu seinem dreißigsten Geburtstag am Ende der Geschichte außer zu vielen weiblichen Bekanntschaften zu wenig gebracht hat. Eine Kindheit zwischen Mutter und Großmutter, ein Studium in anorganischer Chemie und in Fremdsprachen, Prüfungen, die er nicht besteht oder nur, wenn ihm eine seiner vielen Freundinnen beisteht, …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Ganz glücklich wird die Rezensentin Katharina Granzin mit diesem Roman nicht, mit dem die Autorin Ljudmila Ulitzkaja ihr großes schriftstellerisches Projekt - eine umfassende Typologie der russischen Frau - fortsetzt - auch wenn die Hauptfigur diesmal ein Mann ist. Der ist hier allerdings ein völlig irreales "Phantombild". Und was die weiblichen Figuren angeht, stört sich die Rezensentin daran, dass Ulitzkaja ihre Figuren allzu konsequent entzaubert: "Manchmal möchte frau etwas ungehalten werden über die Erzählerin, die so gut über ihre Figuren Bescheid weiß, dass sie ihnen so gar kein Geheimnis mehr lässt." Doch gefällt ihr der von Ganna-Maria Braungardt schön ins Deutsche übertragene ironische Grundton der Geschichte, der auch verhindere, dass man der Autorin Nostalgie gegenüber der guten, alten Breschenew-Zeit vorwerfen könne.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Ein berührendes Buch über die Schwächen des weiblichen Geschlechts und die immerwährende Sehnsucht nach Liebe." Brigitte, 12.10.05 "Ein Kosmos aus lauter Mini-Biografien, allesamt tragisch und komisch zugleich ... Souverän, eigenwillig und zügig erzählt, mit Esprit und Tiefe, vor allem aber mit Witz. Ljudmila Ulitzkaja ist eine Meisterin der komischen Entlarvung von Lebenslügen." Marion Löhndorf, Neue Zürcher Zeitung, 27.08.05 "Ein leichtes und lustiges Buch, temporeich und pointensicher erzählt." Martin Ebel, Tages-Anzeiger Zürich, 07.10.05

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 10.11.2005

Der Frauenversteher
Immer lustig: Ljudmila Ulitzkajas „Ergebenst, euer Schurik”
Ljudmila Ulitzkaja wird gern als Beweis für den überragenden Erfolg russischer Schriftstellerinnen im Westen angeführt. Und wenn es um ihre Literatur geht, ist viel von liebevoller Ironie die Rede, von Menschlichkeit und Wärme. Bei „Medea und ihre Kinder” und „Sonetschka”, bei „Ein fröhliches Begräbnis” plaudert sich Ljudmila Ulitzkaja durch Todesfälle, Seitensprünge und andere Katastrophen, und ihre Helden ähneln Comic-Figuren, denen zwar gelegentlich ein Bügeleisen auf den Kopf fällt, aber dann schütteln diese sich nur kurz, betasten die Beule und rennen weiter. Es ist eine Duracell-Welt, in der viel passiert, aber richtig ernst, so scheint es, dürfte man nicht mal deren Untergang nehmen.
Und nun geht es also um Schurik, den Frauenversteher, der in eine vaterlose Welt hineingeboren wird, mit einer wehleidigen Mutter und einer dominanten Großmutter - und der einzig auf der Welt ist, um unglücklichen, hässlichen, sitzengebliebenen Frauen zu Willen zu sein - je unglücklicher, hässlicher und sitzengebliebener sie sind, desto lieber. „Er ahnte seit …

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»Mitgefühl, Tiefe und Witz.« Westfälischer Anzeiger 12.01.2008
Ljudmila Ulitzkaja, geboren 1943 bei Jekaterinburg, wuchs in Moskau auf. Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa. 1996 erhielt sie in Frankreich für ihre Erzählung 'Sonetschka' den Prix Medicis, 2001 erhielt sie den Booker Prize Rußland.

Leseprobe zu "Ergebenst, euer Schurik" von Ljudmila Ulitzkaja

Alles war wohldurchdacht und geplant, doch dann klingelte in der Nacht das Telefon: Matilda aus Wyschni Wolotschok. Sie hatte ein dringendes Anliegen. Sie wohnte nun regelmäßig das halbe Jahr im Dorf. Das Landleben faszinierte sie, Gemüsebeete und Garten interessierten sie mehr als ihre frühere künstlerische Arbeit. Immer öfter betrachtete sie einen alten Birnbaum oder einen Gesteinsbrocken am Dorfrand mit einer Art Schuldgefühl: Warum, mit welchem Recht hatte sie so viel Holz und so viel schöne Steine für ihre bildhauerischen Übungen verschwendet? Jetzt erfreute sie sich an der einfachen ländlichen Schönheit, weshalb sie Malven pflanzte und Hühner hielt. Neidisch betrachtete sie die Ziege der Nachbarn, die rosagrau war und rauchgraue Hörner hatte. Eine wunderschöne Ziege - vielleicht sollte sie ein Zicklein von ihr nehmen? Sie engagierte Männer, die ihr den alten Brunnen wieder herrichteten.

Sie lief in einem alten langen Rock herum, obendrein barfuß, was die Frauen im Dorf längst nicht mehr taten. Sie lachten über sie: He, Matrjona, wieso läufst du rum wie eine Bettlerin?

In diesem Jahr führte der Kolchos einen Prozeß gegen Matilda: Sie hatte zwar das Haus rechtmäßig geerbt, doch der Boden, auf dem es stand, gehörte dem Kolchos, und den wollte man ihr nun wegnehmen. Kluge Leute erklärten ihr, sie könne das Land für Erholungszwecke erwerben. Deshalb brauchte sie nun dringend eine Bescheinigung, daß sie Mitglied des Künstlerverbandes war, was ihr mehr Rechte zum Erwerb eines Grundstücks zubilligte als normalen Bürgern. Das Ganze war natürlich Blödsinn, aber staatlich sanktionierter, allgemein üblicher Blödsinn, dem man nur mit ebensolchem Blödsinn begegnen konnte, wie eben mit dieser Bescheinigung. Matilda rief im Moskauer Künstlerverband an, man versprach ihr das Papier, doch die Sekretärin, bei der es lag, ging in den Urlaub, und Matilda verbrachte die ganze Nacht auf dem Telegrafenamt, wartete, bis die kaputte Leitung endlich wieder repariert war und sie eine weitere Verbindung mit Moskau bekam, und nun bat sie Schurik, sofort, spätestens heute Abend, zu der Sekretärin ins Büro oder nach Hause zu fahren und die Bescheinigung abzuholen. Der Gerichtstermin war übermorgen, die Bescheinigung mußte also morgen irgendwie nach Wyschni Wolotschok gelangen.

"Ich kümmere mich drum, Matilda, mach dir keine Sorgen!" versprach Schurik.

Matilda machte sich auch keine Sorgen mehr: Sie hatte ihn erreicht, und er war ein echter Freund, er ließ sie nie im Stich. Matilda erkundigte sich nach seiner Mutter, nach Valerija, aber für höfliches Geplänkel war die Verbindung zu schlecht.

"Komm doch her, Schurik! Für länger!" schrie sie in den Hörer. "Jetzt nach dem Regen wachsen hier die Pilze wie verrückt! Ach ja! Noch eins! Denk an meine Medikamente!"

"Ich komme! Ich komme! Ich denke dran!" versprach Schurik.

Er machte sich nichts aus Pilzen. Die Medikamente, die Matilda gegen ihren hohen Blutdruck brauchte, hatte er schon gekauft. Die beiden Packungen lagen im Kühlschrank. Er überprüfte noch einmal den Wecker, um Valerijas Ankunft nicht zu verschlafen.

Der Zug kam um zehn Uhr vierzig an, aber Schurik mußte vorher noch Valerijas Saporoshez aus der Garage holen - er besaß eine Vollmacht dafür und fuhr ihn seit langem - und ihren Rollstuhl einladen.

Vom frühen Morgen an lief alles schief: Erst sprangen von seinem letzten sauberen Hemd zwei Knöpfe ab, und er mußte sie annähen, dann fiel Großmutters Tasse von der Spüle und ging kaputt, anschließend klingelte es an der Tür - Michail Abramowitsch, eine nasse Flasche in der Hand, bat ihn, diese noch ins Labor zu bringen. Er war so mager, so gelb und so unglücklich, daß Schurik nickte und die Flasche wortlos in Zeitungspapier einwickelte.

Zum Glück stand im Labor keine Schlange, so daß er nach zehn Minuten Valerijas Hof erreichte und die Garage aufschloß. Das Auto, das dreihundertsechzig Tage im Jahr in der Garage vor sich hin rostete, sprang nicht an. Schurik ging hinauf in die Wohnung, bat den neuen Nachbarn, der seit dem Auszug von Valerijas Exmann hier wohnte, um Hilfe, und der kam knurrend mit hinunter. Er hatte geschickte Hände, dieser ältere Milizionär, mochte Valerija und hegte eine leise Verachtung für Schurik.

Der Nachbar öffnete die Kühlerhaube, und nach ein paar geheimnisvollen Handgriffen sprang der Motor an. Schurik fuhr los, hatte aber vor lauter Freude den Rollstuhl vergessen. Er mußte auf halbem Wege umkehren, und die Zeit, die anfangs mehr als reichlich gewesen war, wurde nun knapp. Entgegen den sonstigen Gewohnheiten der Eisenbahn kam der Zug nicht zu spät, sondern zehn Minuten zu früh, und Valerija stand auf zwei Krücken gestützt einsam auf dem Bahnsteig, verstört und hilflos: Mit Koffer und Tasche konnte sie keinen einzigen Schritt laufen.

Schurik rannte mit dem Rollstuhl den Bahnsteig entlang, ebenso aufgeregt wie seine Freundin.

Nach Hause gelangten sie ohne weitere Abenteuer. In drei Anläufen verstaute er Valerija samt Koffer und Rollstuhl im Lift, brachte sie in ihr Zimmer und rannte zu seinen "Touris". Pünktlich um halb zwei betrat er das Restaurant, in dem die Franzosen bereits vollzählig versammelt herumstanden, unfähig, selbständig ihre Plätze einzunehmen. Dann folgte die Abfütterung, an der Schurik nicht teilnehmen durfte. Nach dem Restaurant begleitete Schurik Interessierte ins Kaufhaus GUM, wo die letzten Souvenirs erstanden wurden. Anschließend wünschte ein alter Arzt aus Lyon eine Apotheke zu sehen, und eine dicke Matrone aus Marseille wollte ins Planetarium. Doch der obligatorische "Schwanensee" drängte, und das Planetarium fiel aus. Während die Ballerinen über den staubigen Boden schwebten, lief Schurik rasch in den Jelissejew-Laden: Valerija hatte keine Krume zu essen im Haus. Die Bescheinigung für Matilda abzuholen schaffte er auf keinen Fall. Er rief die Sekretärin an und verabredete sich mit ihr für den nächsten Morgen - sie wollte um halb neun aus dem Haus gehen, allerdings nicht zur Arbeit, sondern in die Poliklinik.

Nach der Vorstellung fand ein Abschiedsessen statt. Am nächsten Morgen flogen die Franzosen zurück nach Paris. Schurik stellte die Tasche mit den Lebensmitteln für ein Dankeschön an der Rezeption ab. Hungrig übersetzte er den Franzosen die Speisekarte. Auch das Abendessen stand ihm nicht zu, und er wäre gern für einen Augenblick entwischt, um sich ein Stück von der Wurst in der Tasche unterm Tresen abzubrechen. Dann erschien ein Vertreter von Intourist mit einer nuttig wirkenden Kollegin, und Schurik mußte albernes Geschwafel zum Thema olympische Freundschaft dolmetschen. Anschließend schleppte der betrunkene Doktor aus Lyon zwei Prostituierte an und erwartete von Schurik offenkundig Hilfe bei den Verhandlungen mit ihnen, doch als die Mädchen die offiziellen Intouristleute gewahrten, machten sie sich verlegen aus dem Staub.

Es war fast zwei, als Schurik endlich bei Valerija ankam. Sie saß im Sessel, sah rosig aus und hatte zugenommen. Ihr Haar war vorn zu einem jugendlichen Pony frisiert, die restliche üppige Pracht fiel ihr gleichmäßig auf die Schultern, keck nach außen gewellt. Auch ihr Kimono war neu und zeigte statt der ausgeblichenen Störche sparsame Chrysanthemen auf Melonenrot. Der Tisch war gedeckt, russisches Porzellan wetteiferte mit deutschem. In der Mitte, unter einer Wärmehaube in Form eines Huhnes, stand ein Topf mit Buchweizengrütze. Außer Buchweizen und Makkaroni hatte Valerija nichts Eßbares gefunden. Sie saß mit einem Buch in der Hand im Sessel und erwartete Schurik zum Abendessen.

Er stellte die Tasche an der Tür ab, trat zu Valerija, küßte sie auf die Stirn und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

"Ein Irrsinnstag! Ich esse rasch einen Happen, dann haue ich ab."

Das wirst du nicht, dachte Valerija.

Er sprang auf, holte die Päckchen aus der Tasche und legte sie vor Valerija auf den Serviertisch. Sie hatte sich alles so bequem eingerichtet, daß sie nicht aus ihrem Sessel aufzustehen brauchte. Sie wickelte hastig die Päckchen aus, roch daran und lächelte. Ihre Lippen glänzten vom rosa Lippenstift, die rote Seide warf einen Widerschein auf ihr Gesicht - Schurik sah, wie schön sie war, und wußte, daß sie ihm gefallen wollte, daß sie sich seinetwegen die Haare mit dicken Lockenwicklern eingedreht und die Fingernägel lackiert hatte - der feuchtglänzende dunkelrosa Lack bildete einen gewissen Kontrast zu den schwieligen Händen mit den geschwollenen blauen Adern.

"Das Essen dort war ganz anständig, wirklich. Aber so langweilig. Schön, daß du Stör mitgebracht hast. Tu dir Grütze auf ..."

Sie schnitt auf einem Porzellanbrettchen den Käse auf, arrangierte den Fisch auf einem Teller, drehte sich in ihrem Sessel um, öffnete die Tür eines wackligen Schränkchens und nahm einen Vorlegelöffel und eine flache Gabel für den Fisch heraus.

"Ich geh mir rasch die Hände waschen", besann sich Schurik und ging hinaus.

Ich laß dich nicht weg, entschied Valerija, korrigierte sich jedoch sogleich und bat die Allerhöchste Instanz demütig: "Er soll hierbleiben, ja? Es ist doch nicht viel, worum ich bitte."

Seit ihr Kind verloren, gestorben war und ihre Beine endgültig den Dienst versagt hatten, fuhr sie nicht mehr nach Litauen zu dem alten Priester, sie führte ihre Unterhandlungen nun selbst, ohne Vermittler. Sie schrieb ihrem Seelsorger nur hin und wieder einen Brief. Wenn ihr Gutes widerfuhr, dankte sie Gott. Wenn sie sündigte, bereute sie, weinte und bat um Vergebung. Das Gelübde, das sie um des Kindes willen vor dem Herrn abgelegt hatte, hob sie eigenmächtig wieder auf. Wenn Er sein Wort nicht hielt - was erwartete Er da von ihr, einer schwachen Frau? Also winkte sie, sobald sie sich halbwegs von der schrecklichen Geschichte erholt hatte, Schurik zu sich, und er - was blieb ihm übrig? - kehrte in ihr Bett zurück.

Nun wurden sie wirkliche Freunde. Alle anderen Männer in ihrem Leben hatten sie, sobald sie Mitleid mit ihr bekamen, vor Schreck sofort verlassen. Schurik aber war anders: Valerija ahnte schon lange, daß bei ihm Mitleid und männliches Begehren an derselben Stelle saßen.

Aus Instinkt und weiblicher Gewohnheit bemühte sie sich, stets schön zu sein und gut gelaunt, fröhlich und unbekümmert; sie lachte klangvoll, ließ ihre Grübchen spielen, und Schurik sprang wie gewohnt meist um halb eins auf und eilte zu seiner Mutter, die nicht einschlief, bevor er kam. Doch wenn Valerija heftige Schmerzen, einen Anfall von schlechter Stimmung oder Selbstmitleid nicht selbst bewältigte, ließ er sie nicht allein. Er rief seine Mutter an, fragte, wie es ihr gehe und ob er heute woanders übernachten könne. Dann blieb er und hatte solche Freude an Valerija, daß sie sich nicht schonte und stolz war auf ihre Schönheit und ihre Weiblichkeit, und ihn, den so kindlichen, so rührenden und so männlichen Schurik bedauerte. Weshalb eigentlich, wußte sie selbst nicht.

"Mach den Wein auf." Valerija reichte ihm den Korkenzieher. "Die Nachbarn sind alle weg. Allein fühle ich mich in der Wohnung so unbehaglich."

Das war natürlich gelogen. Allein in der Wohnung fühlte sie sich wunderbar.

"Valerija, ich kann heute nicht bleiben. Ich muß morgen früh nach Wyschni Wolotschok. Matilda braucht dringend eine Bescheinigung, sie hat eine Gerichtsverhandlung."

"Natürlich fährst du hin." Valerija lächelte. Schuriks Freundschaft mit Matilda war ihr sogar irgendwie sympathisch: Matilda war eine alte Frau, an die zehn Jahre älter als Valerija.

"Aber ich muß vorher noch die Bescheinigung abholen ..."

Er wollte ihr schon ausführlich alles erzählen, auch von den Medikamenten, die im Kühlschrank lagen, und von den Franzosen, die er morgen früh zum Flughafen bringen mußte. Doch Valerija hörte gar nicht zu. Sie hatte den Blick abgewandt, ihre Mundwinkel hingen herab. Gleich würde sie anfangen zu weinen.

Schurik hob sie aus dem Sessel und bettete sie auf die Liege. Die Grütze, unter dem wärmenden Stoffhuhn hervorgeholt, erkaltete auf dem Teller.

Es flossen keine Tränen. Schurik tröstete die Freundin - ein wenig hastig, aber voller Herzlichkeit.

Dann verzehrte er die kalte Grütze und ging. Um halb sechs war er zu Hause, schnappte sich die Medikamente, fuhr ins entlegene Tschertanowo wegen Matildas Bescheinigung, von dort ins Hotel "National", dann nach Scheremetjewo und von Scheremetjewo zum Leningrader Bahnhof. Er erreichte pünktlich den Zug, erstand glücklich eine Fahrkarte von jemandem, der sie nicht benötigte, und erreichte Wyschni Wolotschok. Der letzte Bus war schon weg, aber er fand ein Schwarztaxi, das ihn ins Dorf brachte, so daß er sogar vor dem Linienbus eintraf. Und ehe Matilda sich Sorgen machen konnte, daß Schurik sie diesmal womöglich im Stich ließ.

Grauhaarig, braungebrannt und stark abgemagert, empfing sie ihn mit einer Flasche Wodka und einem gedeckten Tisch. Sie küßten sich. Als erstes legte Schurik die Bescheinigung und die Medikamente auf den Tisch. Als Matilda mit einer Pfanne Bratkartoffeln aus der Diele zurückkam, wo ihr Petroleumkocher stand, schlief er, den Lockenkopf auf die Arme gebettet, die er wie in der Schule übereinandergelegt hatte.

Ein guter Junge ...

24 Marktplatz-Angebote für "Ergebenst, euer Schurik" ab EUR 1,10

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wie neu 3,00 2,00 Banküberweisung, Selbstabholung und Barzahlung qumran 1947 100,0% ansehen
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3,80 3,00 offene Rechnung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Banküberweisung Antiquariat Bach & Koch GbR 99,5% ansehen
wie neu 4,60 2,00 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung NeroNora 100,0% ansehen
4,85 3,00 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, Banküberweisung Fa. SURAT, Internet Antiquariat 99,4% ansehen
3, Leseexemplar, ausgeschiedenes Bibliot 5,00 3,80 Banküberweisung MyBooks 99,3% ansehen
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7,50 2,10 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Banküberweisung Antiquariat * Der Buecherfreund * im Jur 100,0% ansehen
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leichte Gebrauchsspuren 10,90 2,95 PayPal, offene Rechnung, Banküberweisung Goodbooks-Wien 99,1% ansehen
wie neu 11,90 2,20 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Buchhandlung und Antiquariat Spektrum 100,0% ansehen
11,95 2,00 offene Rechnung Davids Antiquariat + catch-a-book 99,3% ansehen
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