Leseprobe zu "Erfolgreich mit Stil" von Uwe Fenner
1. Kapitel: Die Geschichte des Benimms (S. 13)
Doch nicht nur in unserer Zeit sind Ratgeber zu Benimm und Etikette gefragt. Im 16. Jahrhundert beispielsweise wurden die Deutschen, vor allem in Frankreich, als „porco tedesco“, als deutsches Schwein, verachtet. Heute noch streicht die hochkultivierte französische Aristokratie ihre Überlegenheit gegenüber dem gemeinen Volk stark heraus und pflegt den Abstand zu jenen, denen sie Kultur absprechen, deutlich zu zeigen.
Zur Verfeinerung vor allem der französischen Sitten entscheidend beigetragen hat das absolutistische Barockimperium des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in der zweiten Hälfte des 17. und im frühen 18. Jahrhundert. In der nunmehr festen Residenz mussten unzählige Menschen auf vergleichsweise engem Raum zusammenleben.
Das gelang vor allem durch die in diesem Hofstaat fein ausgebildete Sozialpyramide, in welcher jeder einen bestimmten Rang einnahm und eine gewisse Funktion ausübte, die seinen „Wert“ bemaß.
225 Jahre Knigge
Die Zeiten wandelten sich und mit ihnen auch die Auffassung von gutem Benehmen und dem wünschenswerten Umgang der Menschen untereinander. Im Jahre 1788 schließlich veröffentlichte Adolph Freiherr Knigge sein berühmtes Werk „Über den Umgang mit Menschen“.
Dass „Der Knigge“ bis heute Synonym für einen Benimmratgeber ist, beruht allerdings auf einer Fehlinterpretation seines Werkes: Der Ursprungs-Knigge war mitnichten ein Benimmbuch, sondern stellte vielmehr einen Leitfaden praktischer Lebensphilosophie dar. Dass „Der Knigge“ zum Lehrbuch der feinen Gesellschaft wurde, verdankt er seinem späteren Bearbeiter, dem Berliner Pädagogen Friedrich Philipp Wilmsen, der 20 Jahre nach Freiherr Knigges Tod dem Werk einen Teil hinzufügte, der tatsächlich Hinweise zur Etikette enthielt.
Allerdings hatte Knigge durchaus das Fundament dafür gelegt: In seinem Buch vermittelte er seine Überzeugung, dass für ein funktionierendes Zusammenleben der Menschen innerhalb einer Gesellschaft bestimmte Regeln notwendig seien.
Sein Buch ist bestimmt von den immer wiederkehrenden Forderungen nach den schon von den mittelalterlichen „Manieren-Dichtern“ eingeforderten Lebensmaximen: Augenmaß, Bescheidenheit und Zurückhaltung in allen Dingen. Knigges praktische Philosophie enthält die Forderung an die Leser, zwar effektiv, doch stets moralisch zu handeln.
Benimm-Boom zur Gründerzeit
In der Gründerzeit des Kaiserreichs erlebten Benimmbücher einen wahren Boom. Durch Deutschlands Wandel vom Agrar- zum Industriestaat wurde der materielle Besitz zum Kriterium der Klassifi zierung eines Menschen. An die Stelle von Stand und Adel traten Fabrikanten und Geschäftsleute. Viele „Neureiche“ und „Schlotbarone“ waren schnell in die Lage gekommen, den Lebensstandard zu leben, der vorher nur dem Adel und dem alteingesessenen Bildungsbürgertum vorbehalten war.
Diese Menschen verfügten aber nicht über das notwendige Benimm-Know-how, um in der feinen Gesellschaft eine gute Figur abzugeben. Mithilfe einschlägiger Benimmbücher wollte man den fehlenden Schliff nachholen.
Individuelle Visite, Begrüßen, Tischetikette und Bekleidungsfragen dominierten auch damals die Benimmbücher von Constanze von Franken, Ernst von Hagen und Albert Hohenwart, der jungen Damen Ratschläge zur Vermeidung von Peinlichkeiten gab.
Beispielsweise sei „den Hund spazieren zu führen für eine junge Dame kein geeignetes Geschäft“. Denn „auch der wohlerzogenste Hund kann sie in unangenehme Situationen bringen“ (Albert Hohenwart, „Form und Takt“, um die Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert).
Die Zwischenkriegszeit – Bewerber entdecken Benimm als soft skill
Zwischen den Weltkriegen erlangte neben dem Adel, den Unternehmern und den gutbürgerlichen Selbständigen auch erstmals die heterogene Gruppe der Angestellten ein Gewicht im Kreise derer, die für sich guten Stil und Etikette in Anspruch nahmen – oder sich zumindest dafür interessierten. Viele von ihnen wurden aufgrund der wirtschaftlichen Instabilität der Weimarer Zeit zu „Stehkragenproletariern“, zu „vornehmen“ Arbeitslosen.
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