Er oder Ich - Nadolny, Sten

Sten Nadolny 

Er oder Ich

Roman

Broschiertes Buch
 
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Er oder Ich

Ole Reuter, alt gewordener Stratege, Humorist und Melancholiker, nimmt sich einen Monat Auszeit: Er reist erneut mit einer Netzkarte der Bahn durch die nun weiter gewordene Republik, um zum früheren Lebensgefühl zurückzufinden. Aber diesmal begleitet ihn auf Schritt und Tritt ein kühl analysierendes Alter ego, und mit der Trägheit ist es schnell vorbei.


Produktinformation

  • Verlag: Piper
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. 263 S.
  • Seitenzahl: 263
  • Serie Piper Bd.3400
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 121mm x 17mm
  • Gewicht: 226g
  • ISBN-13: 9783492234009
  • ISBN-10: 3492234003
  • Best.Nr.: 09426123
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Ole Reuter fährt mit seiner Netzkarte erster Klasse kreuz und quer durch Deutschland. Das hat er vor zwanzig Jahren in Nadolnys ersten Roman "Netzkarte" auch gemacht. Er guckt auch wieder fragend aus dem Abteilfenster, läuft suchend durch kleine und große Städte. Ein Ich gesellt sich zu ihm; kommentiert Ole Reuter, und ist ruck zuck wieder identisch mit ihm. Ein Schutzengel beobachtet alles; kann aber seinen geistigen und körperlichen Verfall nicht aufhalten, der schließlich in einem thüringischen Krankenhaus endet. Im Arztbericht heißt es: "Ole Reuter umarmt seine Frau weinend wie nach jahrelanger Trennung. Das tat er jedesmal, wenn sie das Zimmer betritt, weil er vom vorigen Mal nichts mehr weiß." Dann tritt der listige Sten Nadolny auf und erklärt im Nachwort, er habe die Aufgabe, die Notizen von Ole Reuter "mit einigen dürren Feststellungen zu einem vorläufigen Ende zu bringen". Wie macht er das? Er macht es unübersichtlich. Ständige Perspektivenwechsel verwirren den Leser. Aber muß man über Zerrissenheit zerrissen schreiben? Doch wohl auch nicht über Trunkenheit trunken oder über Einfalt einfältig. Es ist ein geschwätziger Roman; aber es wird ganz nett geschwätzt. (gg)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 30.11.1999

Die Entdeckung der Langsamkeit im Abteil
Sten Nadolny setzt seinen betagten Helden in den Zug und schickt ihn zu sich selbst hinab / Von Eberhard Rathgeb

Wer Bahn fährt, der kann allerhand machen, zum Beispiel aus dem Fenster schauen oder Wein trinken oder schreiben. In der modernen Welt der Fortbewegung ist das Bahnfahren eine recht verantwortungslose Tätigkeit. Denn man muss nicht nach rechts, nicht nach links schauen wie beim Autofahren. Man rollt kopflos dahin, wenn man nicht selbst das Steuer hält. Einen solchen Zustand erträgt man nicht lange. Man muss sich mit etwas beschäftigen, die Zeit entweder stundenweise erdrosseln, indem man liest oder plaudert, oder sie von einer Minute auf die andere totschlagen, indem man eine Flasche Rotwein kippt oder sich einige Biere genehmigt. Wer offenen, nicht vom Alkohol getrübten Auges mit dem Zug fahren möchte, der wird sich auf die langsame Ermordung der Zeit besinnen. Da hat man nun Gelegenheit, die Langsamkeit in vollen Zügen zu entdecken. Man kann ja selbst nicht beschleunigen. Wer die Macht über die Geschwindigkeit aus den eigenen Händen gegeben hat, der weiß, woher der Sinn für die Langsamkeit …

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»Zwischen dem Schreiben über einen einzelnen und dem Schreiben über eine Generation, zwischen Schrift, Ironie, Scherz, Trauer und Ernst läßt Sten Nadolnys Buch eine wunderbare Balance.« Bernhard Schlink in der »Welt«
Sten Nadolny, geboren 1942 in Zehdenick an der Havel, lebt in Berlin. Ingeborg-Bachmann-Preis 1980, Hans-Fallada-Preis 1985, Premio Vallombrosa 1986, Ernst-Hoferichter-Preis 1995.

Leseprobe zu "Er oder Ich" von Sten Nadolny

"6. August, früher Nachmittag, auf dem S-Bahnsteig in Halensee. Ein etwas zu langer Blick in meine Augen, zwei junge Leute scheinen mich erkannt zu haben. Ich beachte sie nicht und beginne mit meinen Notizen. (Kein Wort über Wirtschaft und Politik!)Jenseits der Gleise wird in einer Drehtrommel Kies gewaschen. Aus großen Haufen schmutzigen Gerölls wird brauchbarer Schotter, ein verständlicher und produktiver Vorgang, eine Gebetsmühle mit Resultat. Was wäre, wenn dabei Gold anfiele? Lustloses Grübeln über den Goldpreis. Hier mein Filzstift, hier das erste der rasch noch gekauften sechs Schreibhefte, es ist aufgeschlagen und der Länge nach in der Mitte gefalzt, damit es in die Jacken- oder Hemdtasche paßt. Der Filzstift ist ungeeignet. Seine Schrift färbt durch, bei feuchtem Papier sowieso, ich schwitze zu sehr. Ich kann jedes Blatt nur von einer Seite beschriften. Vielleicht sollte ich das Heft ins Außenfach des 'Pilotenkoffers' stecken. Ein unpraktisches Ding aus starr em Kunststoff, ich habe es, fürchte ich, seiner Bezeichnung wegen gekauft. Am 6. August 1996 stellte ein großer, schwerer, vor Anstrengung schwitzender Mann im S-Bahnhof Halensee zwei Koffer auf den Bahnsteig. Er legte seine Rechte ins Kreuz, richtete sich ächzend auf, blinzelte in die Nachmittagssonne und ähnelte dabei, das war ihm nur zu klar, dem Bild des durstigen Dicken in einer Reklame für Dosenbier. Als Wartende ihn starr anlächelten, blickte er unwirsch weg. Jenseits der Gleise leierte eine Art Kieswaschmaschine, der Mann starrte hinüber, das Geräusch schien ihn zu beruhigen. Er wischte mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn, zog aus der rechten Innentasche seines Jacketts ein längs zusammengefaltetes blaues Schulheft, dann aus einer anderen Tasche einen Filzstift, und wollte etwas aufschreiben. Das Heft war feucht geworden, er fand erst weiter innen ein trockenes Blatt, auf dem sich Notizen machen ließen. Immer wieder blickte er in beide Richtungen, aus denen ein Zug kom men konnte, schien sich also zwischen Süden und Norden noch nicht entschieden zu haben. Dann befiel ihn erneut Unruhe, er beugte sich zu den Koffern, tastete in den Außentaschen des kleineren, öffnete den größeren, ohne diesen aber flachzulegen, wodurch Krawatten, Gürtel und Hemdsärmel herausdrängten. Man kann, wenn man eine Beobachtung notiert, das ICH zum Subjekt machen, aber auch ein ER, obwohl man ICH meint. ICH macht die Gedanken schneller, ER läßt ihnen, des Abstandes wegen, mehr Erfindungsfreiheit. ICH kann nicht so leicht eine ausgedachte, rundweg märchenhafte Geschichte behaupten wie ER. 'Ich bin' und 'Er ist' - das sind Gefäße sehr verschiedener Art. 'Er ist strategischer Berater bedeutender Klienten aus Wirtschaft und Politik', das macht weniger argwöhnisch als ein 'Ich bin ...'. Sofort drängt sich die Frage auf: Was ist das für einer, der so von sich spricht? Ist es denn wahrscheinlich, daß ein ernstzunehmender Mann der Wirtschaft oder Politik sich so anhört? W ir sagen von so einem Ich, es rede reichlich geschwollen, und ziehen unsere Schlüsse daraus. ICH und ER sind zweierlei Netze; mit dem einen fängt man viele kleinere, mit dem anderen wenige und größere Fische. Entscheidungen empfinde ich fast immer als verfrüht oder, wenn sie bereits getroffen wurden, als falsch. Aber die eigene Unentschiedenheit aushalten zu können, gerade das prädestiniert für den Beraterberuf. Wartenkönnen, regungsloses Lauern, das Element des Skorpions. Warten, bis der Zeitpunkt zum Handeln gekommen ist ..."

Kundenbewertungen zu "Er oder Ich" von "Sten Nadolny"

2 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4 von 5 Sterne bei 2 Bewertungen ***** sehr gut)
***** ausgezeichnet
***** sehr gut
 
(2)
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Bewertung von Henning Henke aus Dortmund am 18.03.2002 ***** sehr gut
Ole Reuter, der Protagonist, nimmt sich einen Monat Auszeit von seiner Beratertätigkeit und reist per Bahn durch die Republik. Dabei ist er deutlich älter geworden und ist auch nicht mehr der Draufgänger, der er einst war.
Er erhofft sich durch die Reise Klärung einiger wichtiger Probleme, die in sehr quälen, wie z.B. schlimme Albträume.
Besonders die interessante Erzählperspektive macht das Buch lesenswert. Jedoch kommt es an den Vorgänger "Netzkarte" nicht heran.
Es ist, meines Erachtens, sehr empfehlenswert den ersten Teil vorneweg zu lesen, da man sonst eine Vielzahl von Anspielungen nicht versteht.

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Bewertung von Wartan aus Heidelberg am 17.01.2002 ***** sehr gut
Der "Nachfolgeroman" von Netzkarte.
Sten Nadolny beweist erneut seine außergewöhnliche Erzählbegabung! Besonders interessant ist hier, dass sich der Protagonist um Jahre weiter entwickelt hat und das Leben aus einer ganz anderen Perspektive wahrnimmt. Man kann es sehr gut unabhängig lesen, bekommt aber doppelten Genuss, wenn man Netzkarte vorweg liest!

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