Endstation Rußland - Kljutscharjowa, Natalja

Natalja Kljutscharjowa 

Endstation Rußland

Roman

Übersetzung: Braungardt, Ganna-Maria
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Endstation Rußland

Rußland heute ist ein Land der Extreme: bitterste Armut in den abgehängten Provinzen, schamlos ausgestellter Reichtum in der Megametropole Moskau. Ein Land, in dem die Wut brodelt und junge Leute revolutionär gestimmt sind. Sie sympathisieren mit den Zarenattentätern, befassen sich mit Bombenbau oder übersetzen Slavoj i ek. Nikita, Anfang Zwanzig, ist einer von ihnen: ein Petersburger Student, der zu Ohnmachtsanfällen neigt und mit Jasja zusammen war, bevor sie einem Geschäftsmann in die Schweiz folgte. Ihren Verlust kann er nicht verwinden. Seit sie fort ist, hält es ihn nirgends mehr. Er fährt kreuz und quer durchs Land und gewinnt mit seinem Lächeln das Vertrauen wildfremder Menschen, die ihm in der Eisenbahn ihr Leben erzählen Geschichten, die ihn aufwühlen und schließlich zum Handeln zwingen.
Das Buch ist eine kurzweilige, grellbunte Enzyklopädie des Lebens im heutigen Rußland. Ein Land, in dem Transvestiten orthodoxe Priester werden und ein Rentnerkreuzzug zum Roten Platz zieht. Nikita, ein kleiner Bruder der Helden Dostojewskis, ist eine der liebenswertesten Gestalten, die die junge russische Literatur hervorgebracht hat.


Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 170 S.
  • Seitenzahl: 187
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.4157
  • Best.Nr. des Verlages: 46157
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 131mm x 21mm
  • Gewicht: 255g
  • ISBN-13: 9783518461570
  • ISBN-10: 3518461575
  • Best.Nr.: 27938583
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
"Das Kerlchen da ist viel zu weich, als würde er nicht heute leben!" Stimmt, denn vor Russlands zutiefst rauer und ungerechter Kulisse knickt Nikita, Anfang 20 und Student aus Petersburg, regelmäßig ein, fällt gar in Ohnmacht. Im selben Zustand befindet sich das ganze Land, ein von unbändigem Kapitalismus und Oligarchie bestimmter Ort. Die Menschen denken (mal wieder) an Revolution oder an ein unbeschwertes Leben. Sie reisen von einem Moloch zum nächsten, im Zug - der Originaltitel lautet übersetzt "Offener Abteilwagen", eine Anspielung auf die billigste Wagonkategorie -  begegnen sie dem zartfühligen Nikita und erzählen ihm ihre Geschichten. Dadurch entwickelt sich rasch ein detailliertes Abbild der russischen Tristesse-Moderne. Nur, wie etwas verbessern? Natalja Kljutscharjowa, die dem im Lande Putins recht risikoreichen Beruf der Journalistin nachgeht, gibt die Antwort zwar nicht vor, dafür aber die Handlungsweise. Sie nimmt sich den verschiedensten Schicksalen an und lässt sie für sich sprechen. Das ist mental aufreibend, gleichfalls aber wunderbar erhellend. Und nebenbei gesagt ist Nikita eine liebenswerte, vorbildliche Besetzung für den Part der Hauptfigur - nicht nur, weil er ständig in Ohnmacht fällt. (ml)

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ilma Rakusa hatte große Freude bei der Lektüre von Natalja Kljutscharjowas "Endstation Russland". Protagonist des Romans ist Nikita, ein russischer Student Anfang Zwanzig, der unsterblich in eine angehende Pornodarstellerin verliebt ist und zu politischen Tagträumen neigt. Auch seine Freunde haben allesamt verschrobene Hobbys und merkwürdige Weltanschauungen. "Russland als Tollhaus", dieser Topos ist für die Rezensentin nicht neu. Doch der Autorin sei "ein kleines Meisterwerk" gelungen, so die begeisterte Rakusa, welches gleichermaßen ernst, komisch und lyrisch sei. Ebenso überzeugend wie der Roman ist auch die Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt, findet die Rezensentin.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Endstation Rußland darf man sich nicht als Sozialreportage vorstellen. Dazu sind viele Protagonisten karikaturhaft überzeichnet. Und Kljutscharjowa hat Erlebnisse, die Reporterkollegen von ihren Reisen mitbrachten, zu einem grellen Mosaik des Lebens im heutigen Russland montiert mit lauter absurden, grotesken und traurigen Facetten. ... Der bunte Strauß abstruser Existenzen, die die junge Autorin auffächert, vermittelt eine Ahnung davon, wie vielfältig das Russland von heute ist und wie zersplittert."<br />Ingo Arend Der Freitag

»Ein wenig erinnern diese Irrfahrten an Jerofejews wunderbaren Zugroman Moskau-Petuschki, auch wenn die 1981 geborene Kljutscharjowa nicht in derselben subversiv-poetischen Klasse fährt wie ihr prominenter Kollege. Ein großer Spaß ist dieses Buch dennoch, denn die Frauen, Männer und Kinder, die Nikita im offenen Abteilwagen trifft, sind allesamt vom Unglück betroffen...«

»Ein wenig erinnern diese Irrfahrten an Jerofejews wunderbaren Zugroman Moskau-Petuschki, auch wenn die 1981 geborene Kljutscharjowa nicht in derselben subversiv-poetischen Klasse fährt wie ihr prominenter Kollege. Ein großer Spaß ist dieses Buch dennoch, denn die Frauen, Männer und Kinder, die Nikita im offenen Abteilwagen trifft, sind allesamt vom Unglück betroffen...«
Natalja Kljutscharjowa, 1981 in Perm geboren, studierte in Jaroslawl und arbeitet heute als Redakteurin der Moskauer Zeitschrift Pervoe sentjabrja (Erster September). Seit 2002 veröffentlicht sie Lyrik und Prosa und erhielt 2008 den Juri-Kasakow-Preis. 2009 erschien ihr zweiter Roman SOS!. Sie lebt in Abramzewo bei Moskau.

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