Leseprobe zu "Eines Menschen Herz" von William Boyd
Aus dem Englischen von Chris Hirte
Hotel Metropol, Lissabon. Gestern war ich mit dem Zug in Sintra. Ein dunstiger, kühler Tag, aber die Aussicht war um so bezaubernder, da die Landschaftskonturen durch den Dunst weich wurden. Aber irgendwie wurde mir dort der Mantel mitsamt Paß und Brieftasche gestohlen, und zwar im Castelo da Peña. Ich legte den Mantel auf die Mauer der Außengalerie und trat auf einen vorstehenden Balkon hinaus, um den Blick auf die Berge von Arrábida zu fotografieren. Als ich zurückkam, war der Mantel weg. Ich lief um die Burg und schaute mir alle Besucher an, auch die Leute im Park, aber ich konnte nichts Verdächtiges an ihnen entdecken. Also ging ich heute morgen ins Konsulat und legte meine mißliche Lage dar. Am Nachmittag bekomme ich einen provisorischen Paß. Ich habe meiner Bank telegraphiert, mir Geld zu schicken.
Später. Folgendes ist geschehen. Ich begab mich ins Konsulat (Rua do Ferregail de Baixo) und wurde ins Vorzimmer gewiesen – ein paar Stühle, ein Tisch mit alten Illustrierten und den Times-Ausgaben der letzten Woche. Als sich die Tür öffnete, blickte ich auf, in Erwartung eines Beamten, aber es war eine junge Frau. Es ist erstaunlich, mit welcher Plötzlichkeit dieser Eindruck auftritt – er muß auf einen tiefen, atavistischen Begattungsinstinkt zurückgehen. Ein Blick, und du denkst: »Ja, das ist sie. Sie ist die Richtige für mich.« Jede Faser des Körpers scheint in diesen Ruf einzustimmen. Welche äußeren Faktoren sind maßgeblich für dieses Gefühl? Ist es die Schwingung einer Braue? Die Kurve eines Mundes? Die Linie eines Fußes? Die Schlankheit eines Handgelenks?... Wir lächelten uns höflich an, zwei Ausländer, verwickelt in Amtsgeschäfte, ich schlug meine Zeitung auf und musterte sie ausführlich über den Zeitungsrand.
Der erste Eindruck: ein längliches, schmales, derbes Gesicht. Die Augenbrauen hoch gewölbt, gezupft und nachgezeichnet, sie trug Lippenstift. Ihr Haar kräftig und widerspenstig, mittelbraun mit naturblonden Spitzen an Schläfe und Stirn. Ich stellte mir vor, daß sie am Morgen die Bürste durch ihr Haar gezogen und für den Rest des Tages alle weiteren Bemühungen aufgegeben hat. Sie trug ein blaßgrünes Leinenkostüm, recht schick. Sie holte ein Zigarettenetui aus der Handtasche und hatte schon eine Zigarette angezündet, bevor ich ihr mit meinem Feuerzeug zu Hilfe eilen konnte. Richtig, dachte ich, das ist meine Chance: Ich konnte sie um Feuer bitten – und klappte gerade mein Etui auf, als der Sekretär des Konsuls eintrat: »Mr. Mountstuart, der Konsul läßt bitten.« Ich trat ins Büro ein, und wie in Trance leistete ich die Unterschriften für meinen provisorischen Paß. Beim Hinausgehen schaute ich noch einmal in den Warteraum, aber sie war verschwunden. Ich wurde von einer unbeschreiblichen, geradezu grotesken Panik ergriffen. Ich rannte zurück zum Sekretär und fragte ihn, wo die junge Frau sei. Bei einem anderen Beamten, erwiderte er. Sie sei auf einer Automobilreise mit ihrem Vater, der habe einen Unfall gehabt und sich das Bein gebrochen, und jetzt gebe es komplizierte Versicherungsfragen zu klären. Ich ging zurück ins Vorzimmer und wartete bei geöffneter Tür, damit ich den Korridor überblicken konnte. Als sie aus dem Büro kam, trat ich so locker, wie es nur ging, auf sie zu. Ich lächelte und hatte nicht die geringste Vorstellung, was ich sagen würde. Sie musterte mich unwillig, ihre perfekt geschwungenen Brauen kräuselten sich.
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