Leseprobe zu "Eine windige Affäre" von Amelie Fried
"20 (S. 210-211)
Nach diesem Gespräch rief Michael fast täglich an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und mir die aktuellen Meldungen aus der Welt der Windkraftgegner mitzuteilen. Offenbar recherchierte er regelmäßig im Internet und trug Informationen zusammen, die mich von der Gefährlichkeit meiner Aufgabe überzeugen und zur Rückkehr bewegen sollten. »Ganz bei euch in der Nähe, bei Palanga, hat es Anschläge auf Anlagen gegeben!«, teilte er mir mit.
»Das weiß ich doch«, gab ich zurück. »Ich weiß sogar, wer es war.« Am nächsten Tag sagte er: »Bei Riga war eine Schlägerei zwischen Windkraftbefürwortern und -gegnern mit fünf Verletzten!« Ich musste mir das Lachen verkneifen. »Michael, das ist Hunderte Kilometer entfernt.« Dann dehnte er das Gefahrengebiet bis an die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion aus: »Ein Windkraftbetreiber aus Sibirien ist entführt und eine Woche lang eingesperrt worden!« »Ich hab’s gelesen«, sagte ich geduldig. »In Wirklichkeit ist er Bankdirektor und hat Kundengelder veruntreut.
Das Windrad betreibt er nur nebenbei.« Als er merkte, dass er mir keine Angst machen konnte (jedenfalls nicht mehr, als ich schon hatte), setzte er die Kinder auf mich an. Die Mama-ich-hab-so-Heimweh-nachdir-Anrufe von Pablo häuften sich. Und von Svenja bekam ich ständig Facebook-Nachrichten à la: »Ich hab dich sooo lieb, Mama, wann kommst du denn wieder nach Hause???« Natürlich blieb dieser emotionale Dauerbeschuss nicht ohne Wirkung auf mich.
Auch ich hatte Sehnsucht nach zu Hause, war erschöpft und zeitweise ziemlich mutlos. Außerdem hatte ich mich schon mal wohler gefühlt als hier, wo gerade ein Mordanschlag auf mich verübt worden war. Aber ich wollte nicht zulassen, dass Michael mir die Verantwortung für mein Handeln aus der Hand nahm. Seine Angst um mich sollte ebenso wenig den Ausschlag für eine so schwerwiegende Entscheidung geben wie meine persönlichen Befindlichkeiten. In manchen Momenten wünschte ich mir allerdings insgeheim, die Baudema-Sache würde platzen – dann wäre das Projekt gescheitert, ohne dass ich Schuld daran hätte. Dann wieder hoffte ich, es würde funktionieren – schließlich wollte ich den Erfolg.
In den folgenden Tagen bekam ich Franz kaum zu Gesicht. Er hatte bei einem Ableger der Beratungsfirma Semeco, bei der wir in Vilnius gewesen waren, sein Büro aufgeschlagen. Dort halfen ihm Steuerfachleute, Anwälte und Wirtschaftsprüfer, die Baudema auf Herz und Nieren zu checken. Am vierten Tag tauchte er mit einem dicken Packen Unterlagen und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht wieder auf.
»Sieht gut aus, Katja!«, sagte er. »Das ist ein potenter, solider Laden! Vor allem sind sie als Litauer mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut und sehr gut vernetzt. Das könnte die Lösung all unserer Probleme sein!« Ich atmete auf. »Übers Wochenende lasse ich noch den Finanzierungsplan überprüfen, wenn der in Ordnung ist, können wir am Montag den Vertrag unterschreiben.« Ich fragte ihn, was er bis dahin machen wolle. Mir wurde die Zeit allmählich lang. Plötzlich wurde Franz verlegen und sagte, er wolle vielleicht nochmal zu Chris fahren. »Bist du noch zu retten?«, sagte ich entgeistert.
»Also, das kannst du allein machen!« »Warum willst du denn nicht mitkommen?« Er kam mir vor wie ein kleiner Junge, der an der Hand genommen werden wollte. So kannte ich ihn gar nicht. »Weil ich es absurd finde. Chris steht auf Naturschutzaktivisten aus dem alternativen Milieu. Du bist in ihren Augen wahrscheinlich ein saturierter Kapitalistenarsch und außerdem mindestens zehn Jahre zu alt.« »He, he!«, protestierte Franz. »Ich war auch mal Naturschutzaktivist, schon vergessen? Und Alter ist bekanntlich was Relatives.« »Was ist am Alter relativ?«, fragte ich zurück. »Ich kenne keinen absoluteren Wert als das Alter. Relativ ist höchstens, wie man sich fühlt. Und du leidest offenbar gerade unter einer ziemlichen Gefühlsverwirrung.«"
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20