Ein menschliches Herz - Yalom, Irvin D.; Berger, Robert L.

Irvin D. Yalom Robert L. Berger 

Ein menschliches Herz

Aus d. Amerikan. v. Lisa Jannach
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Ein menschliches Herz

Irvin D. Yalom über eine tiefe Freundschaft und das Ende eines langen Schweigens

Irvin D. Yalom erzählt in "Ein menschliches Herz" die Geschichte seines guten Freundes Bob Berger, der seit seiner Kindheit während des Holocaust in Ungarn zwei Leben führte: eines tagsüber als engagierter und exzellenter Herzchirurg - und ein nächtliches, in dem Bruchstücke entsetzlicher Erinnerungen durch seine Träume geisterten. Jahrzehntelang verdrängte Berger durch unermüdlichen Arbeitseifer seine schrecklichen Erlebnisse, bis sie sich während einer nicht ungefährlichen medizinwissenschaftlichen Reise nach Venezuela wieder Bahn brachen ...


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 92 S.
  • Seitenzahl: 92
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 131mm x 11mm
  • Gewicht: 191g
  • ISBN-13: 9783442752478
  • ISBN-10: 3442752477
  • Best.Nr.: 26327726
Dr Yalom is Professor Emeritus of Psychiatry at Stanford University. He has won two major awards from the American Psychiatric Association. He continues to run his clinical practice and lectures widely.

Leseprobe zu "Ein menschliches Herz"

Als das Abschiedsbankett zum fünfzigjährigen Approbationsjubiläum meines Studienjahrgangs allmählich zu Ende ging, gab mir Bob Berger, mein alter Freund, mein einzig verbliebener Freund aus den Zeiten meines Medizinstudiums, zu verstehen, dass er unbedingt mit mir reden wolle. Obwohl wir unterschiedliche berufliche Wege eingeschlagen hatten, er zur Herzchirurgie und ich zur Gesprächstherapie für gebrochene Herzen, hatten wir eine enge Beziehung aufgebaut, die, wie wir beide wussten, ein Leben lang halten würde. Als Bob mich nun am Arm nahm und zur Seite zog, wusste ich, dass etwas im Argen lag. Bob berührte mich so gut wie nie. Uns Seelenärzten fällt so etwas auf. Er beugte sich zu mir und krächzte mir ins Ohr: "Etwas Schwerwiegendes passiert gerade ... die Vergangenheit kocht hoch ... meine beiden Leben, Nacht und Tag, fließen ineinander. Ich muss mit dir reden."

Ich verstand. Seit seiner Kindheit, die er während des Holocaust in Ungarn verbracht hatte, führte Bob zwei Leben: eines tagsüber als umgänglicher, engagierter und unermüdlicher Herzchirurg und ein nächtliches, in dem Bruchstücke entsetzlicher Erinnerungen durch seine Träume geisterten. Ich wusste alles über sein Leben, das er tagsüber führte, aber in unserer fünfzig Jahre dauernden Freundschaft hatte er nie etwas von seinem nächtlichen Leben preisgegeben. Auch hatte er mich niemals ausdrücklich um Hilfe gebeten: Bob war selbstgenügsam, mysteriös, geheimnisvoll. Das hier war ein anderer Bob, der mir ins Ohr flüsterte. Ich nickte, ermutigte ihn. Ich war besorgt. Und ich war neugierig.

Dass wir während unseres Medizinstudiums Freunde geworden waren, war nicht selbstverständlich gewesen. Berger war ein "B" und Yalom ein "Y", und schon allein das stand einem näheren Kennenlernen entgegen. Normalerweise suchen sich Medizinstudenten ihre Freunde im Bereich ihrer eigenen Anfangsbuchstaben heraus: Leichensektionen, Laborpartner und Klinikdienste werden nach dem Alphabet vergeben, und so hing ich die meiste Zeit mit der Gruppe S bis Z herum - Schelling, Siderius, Werner, Wong und Zuckerman.

Vielleicht lag es an Bobs ungewöhnlicher Erscheinung. Von Anfang an faszinierten mich seine lebhaften, blauen Augen. Noch nie hatte ich einen so tragischen, entrückten Blick gesehen, einen Blick, der faszinierte, der mit meinem Blick spielte, mich aber niemals direkt traf. Sein Gesicht war ungewöhnlich, geradezu kubistisch, hatte scharfe Kanten, wo man hinsah: spitze Nase, spitzes Kinn und sogar spitze Ohren. Seine von Rasurnarben gezeichnete Haut war fahl. Keine Sonne, dachte ich. Keine Karotten. Kein Sport.

Seine Kleidung war verknittert und von einem undefinierbaren Graubraun (noch nie habe ich ihn mit etwas Farbigem gesehen). Und trotzdem fühlte ich mich von ihm angezogen. In späteren Jahren sollte ich Frauen sagen hören, dass er unwiderstehlich unattraktiv sei. Unwiderstehlich ist möglicherweise ein wenig stark, vielleicht trifft verführerisch es besser. Ja, ich war von ihm fasziniert: In meiner provinziellen Highschool in Washington D. C. und an der Universität hatte ich nie jemanden kennengelernt, der Bob auch nur im Entferntesten ähnlich gewesen wäre.

Unser erstes Zusammentreffen? Daran erinnere ich mich gut. Ich saß in der Bibliothek der medizinischen Fakultät, in der er ganze Abende mit Recherchearbeiten für Professor Robbins' Lehrbuch der Pathologie zubrachte (ein Text, der eine leuchtende Zukunft vor sich hatte, ein Text, der Generationen von Medizinern in der ganzen Welt als Lehrmaterial diente und noch immer dient). Eines Abends kam er in der Bibliothek zu mir herüber und eröffnete mir, dass ich für das Neurologie-Examen am folgenden Tag nun genug studiert hätte.

"Hast du Lust, Geld zu verdienen?", fragte er. "Robbins hat mir viel zu viel Arbeit aufgehalst, und ich könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen."

Auf das Angebot sprang ich sofort an. Abgesehen von einem kleinen Taschengeld, das ich mir mit Blut- und Spermaspenden verdiente - bei Medizinstudenten die klassische Quelle für schnelles Geld -, lebte ich ausschließlich von den Einkünften, die der Lebensmittelladen meiner Eltern abwarf.

"Warum ausgerechnet ich?", fragte ich. "Ich habe dich beobachtet." "Und?"

"Und du könntest Potenzial haben." Bald verbrachten wir drei oder vier Abende die Woche Seite an Seite in der Bibliothek der medizinischen Fakultät der Universität von Boston und arbeiteten für Dr. Robbins, oder wir hingen in meinem Apartment herum, plauderten oder lernten. Meistens war ich es, der lernte - Bob hatte es anscheinend nicht nötig. Abgesehen davon beschäftigte er sich leidenschaftlich mit Solitaire, das er stundenlang spielte, manchmal, wie er behauptete, für die New-England-Meisterschaften, manchmal für die Weltmeisterschaften.

Bald erfuhr ich, dass er ein Flüchtling war, der den Holocaust überlebt und sich im Alter von siebzehn Jahren als Heimatloser mutterseelenallein nach Boston durchgeschlagen hatte.

Ich dachte an mich selbst mit siebzehn Jahren - umgeben von Freunden, gehätschelt von der Familie, beschäftigt mit breit en Krawatten, unbeholfenen Tanzversuchen und Studentenverbindungskram. Ich kam mir naiv, schlapp und schwach vor. "Wie hast du das geschafft, Bob? Wer hat dir geholfen? Konntest du denn überhaupt Englisch?"

"Kein Wort. Mit einem Schulabschluss, der ungefähr eurem Eight-Grade entspricht, fing ich an der Boston Latin Highschool an. Ein Jahr später habe ich mich in Harvard immatrikuliert, und seither studiere ich Medizin."

"Wie hast du das hingekriegt? Ich wäre bestimmt nie nach Harvard gekommen, wenn ich mich dort beworben hätte. Und wo hast du gewohnt? Mit wem? Hattest du Sponsor en? Verwandte?"

"So viele Fragen. Ich hab's allein geschafft - das ist die Antwort."

Auf unserer Approbationsfeier, das weiß ich noch, standen meine Mutter, mein Vater und meine Frau mit unserem Baby im Kreis um mich herum; und dort, ganz hinten, stand Bob, im Abseits, wippte kaum merklich auf den Absätzen und drückte sein Diplom an sich. Nach der Approbation machte er zunächst eine Weiterbildung in der Inneren Medizin, wechselte dann zur Allgemeinchirurgie und schließlich zur Thorax- und Herzchirurgie. Einen Tag nach Beendigung seiner Facharztausbildung wurde ihm der Posten des Leiters der Herzchirurgie am Lehrkrankenhaus in Boston angeboten, und fünf Jahre später war er Professor für Chirurgie und Vorsitzender der Thorax- und Herzchirurgie an der Boston University. Eine Veröffentlichung jagte die andere, er unterrichtete und operierte unermüdlich. Er war der erste Arzt weltweit, der ein teilweise künstliches Herz mit positivem Langzeitverlauf implantierte. Und das alles ganz allein auf sich gestellt - er hatte alle im Holocaust verloren.

Aber er redete nie von seiner Vergangenheit.

Leseprobe zu "Ein menschliches Herz"

Als das Abschiedsbankett zum fünfzigjährigen Approbationsjubiläum meines Studienjahrgangs allmählich zu Ende ging, gab mir Bob Berger, mein alter Freund, mein einzig verbliebener Freund aus den Zeiten meines Medizinstudiums, zu verstehen, dass er unbedingt mit mir reden wolle. Obwohl wir unterschiedliche berufliche Wege eingeschlagen hatten, er zur Herzchirurgie und ich zur Gesprächstherapie für gebrochene Herzen, hatten wir eine enge Beziehung aufgebaut, die, wie wir beide wussten, ein Leben lang halten würde. Als Bob mich nun am Arm nahm und zur Seite zog, wusste ich, dass etwas im Argen lag. Bob berührte mich so gut wie nie. Uns Seelenärzten fällt so etwas auf. Er beugte sich zu mir und krächzte mir ins Ohr: "Etwas Schwerwiegendes passiert gerade ... die Vergangenheit kocht hoch ... meine beiden Leben, Nacht und Tag, fließen ineinander. Ich muss mit dir reden."

Ich verstand. Seit seiner Kindheit, die er während des Holocaust in Ungarn verbracht hatte, führte Bob zwei Leben: eines tagsüber als umgänglicher, engagierter und unermüdlicher Herzchirurg und ein nächtliches, in dem Bruchstücke entsetzlicher Erinnerungen durch seine Träume geisterten. Ich wusste alles über sein Leben, das er tagsüber führte, aber in unserer fünfzig Jahre dauernden Freundschaft hatte er nie etwas von seinem nächtlichen Leben preisgegeben. Auch hatte er mich niemals ausdrücklich um Hilfe gebeten: Bob war selbstgenügsam, mysteriös, geheimnisvoll. Das hier war ein anderer Bob, der mir ins Ohr flüsterte. Ich nickte, ermutigte ihn. Ich war besorgt. Und ich war neugierig.

Dass wir während unseres Medizinstudiums Freunde geworden waren, war nicht selbstverständlich gewesen. Berger war ein "B" und Yalom ein "Y", und schon allein das stand einem näheren Kennenlernen entgegen. Normalerweise suchen sich Medizinstudenten ihre Freunde im Bereich ihrer eigenen Anfangsbuchstaben heraus: Leichensektionen, Laborpartner und Klinikdienste werden nach dem Alphabet vergeben, und so hing ich die meiste Zeit mit der Gruppe S bis Z herum - Schelling, Siderius, Werner, Wong und Zuckerman.

Vielleicht lag es an Bobs ungewöhnlicher Erscheinung. Von Anfang an faszinierten mich seine lebhaften, blauen Augen. Noch nie hatte ich einen so tragischen, entrückten Blick gesehen, einen Blick, der faszinierte, der mit meinem Blick spielte, mich aber niemals direkt traf. Sein Gesicht war ungewöhnlich, geradezu kubistisch, hatte scharfe Kanten, wo man hinsah: spitze Nase, spitzes Kinn und sogar spitze Ohren. Seine von Rasurnarben gezeichnete Haut war fahl. Keine Sonne, dachte ich. Keine Karotten. Kein Sport.

Seine Kleidung war verknittert und von einem undefinierbaren Graubraun (noch nie habe ich ihn mit etwas Farbigem gesehen). Und trotzdem fühlte ich mich von ihm angezogen. In späteren Jahren sollte ich Frauen sagen hören, dass er unwiderstehlich unattraktiv sei. Unwiderstehlich ist möglicherweise ein wenig stark, vielleicht trifft verführerisch es besser. Ja, ich war von ihm fasziniert: In meiner provinziellen Highschool in Washington D. C. und an der Universität hatte ich nie jemanden kennengelernt, der Bob auch nur im Entferntesten ähnlich gewesen wäre.

Unser erstes Zusammentreffen? Daran erinnere ich mich gut. Ich saß in der Bibliothek der medizinischen Fakultät, in der er ganze Abende mit Recherchearbeiten für Professor Robbins' Lehrbuch der Pathologie zubrachte (ein Text, der eine leuchtende Zukunft vor sich hatte, ein Text, der Generationen von Medizinern in der ganzen Welt als Lehrmaterial diente und noch immer dient). Eines Abends kam er in der Bibliothek zu mir herüber und eröffnete mir, dass ich für das Neurologie-Examen am folgenden Tag nun genug studiert hätte.

"Hast du Lust, Geld zu verdienen?", fragte er. "Robbins hat mir viel zu viel Arbeit aufgehalst, und ich könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen."

Auf das Angebot sprang ich sofort an. Abgesehen von einem kleinen Taschengeld, das ich mir mit Blut- und Spermaspenden verdiente - bei Medizinstudenten die klassische Quelle für schnelles Geld -, lebte ich ausschließlich von den Einkünften, die der Lebensmittelladen meiner Eltern abwarf.

"Warum ausgerechnet ich?", fragte ich. "Ich habe dich beobachtet." "Und?"

"Und du könntest Potenzial haben." Bald verbrachten wir drei oder vier Abende die Woche Seite an Seite in der Bibliothek der medizinischen Fakultät der Universität von Boston und arbeiteten für Dr. Robbins, oder wir hingen in meinem Apartment herum, plauderten oder lernten. Meistens war ich es, der lernte - Bob hatte es anscheinend nicht nötig. Abgesehen davon beschäftigte er sich leidenschaftlich mit Solitaire, das er stundenlang spielte, manchmal, wie er behauptete, für die New-England-Meisterschaften, manchmal für die Weltmeisterschaften.

Bald erfuhr ich, dass er ein Flüchtling war, der den Holocaust überlebt und sich im Alter von siebzehn Jahren als Heimatloser mutterseelenallein nach Boston durchgeschlagen hatte.

Ich dachte an mich selbst mit siebzehn Jahren - umgeben von Freunden, gehätschelt von der Familie, beschäftigt mit breit en Krawatten, unbeholfenen Tanzversuchen und Studentenverbindungskram. Ich kam mir naiv, schlapp und schwach vor. "Wie hast du das geschafft, Bob? Wer hat dir geholfen? Konntest du denn überhaupt Englisch?"

"Kein Wort. Mit einem Schulabschluss, der ungefähr eurem Eight-Grade entspricht, fing ich an der Boston Latin Highschool an. Ein Jahr später habe ich mich in Harvard immatrikuliert, und seither studiere ich Medizin."

"Wie hast du das hingekriegt? Ich wäre bestimmt nie nach Harvard gekommen, wenn ich mich dort beworben hätte. Und wo hast du gewohnt? Mit wem? Hattest du Sponsor en? Verwandte?"

"So viele Fragen. Ich hab's allein geschafft - das ist die Antwort."

Auf unserer Approbationsfeier, das weiß ich noch, standen meine Mutter, mein Vater und meine Frau mit unserem Baby im Kreis um mich herum; und dort, ganz hinten, stand Bob, im Abseits, wippte kaum merklich auf den Absätzen und drückte sein Diplom an sich. Nach der Approbation machte er zunächst eine Weiterbildung in der Inneren Medizin, wechselte dann zur Allgemeinchirurgie und schließlich zur Thorax- und Herzchirurgie. Einen Tag nach Beendigung seiner Facharztausbildung wurde ihm der Posten des Leiters der Herzchirurgie am Lehrkrankenhaus in Boston angeboten, und fünf Jahre später war er Professor für Chirurgie und Vorsitzender der Thorax- und Herzchirurgie an der Boston University. Eine Veröffentlichung jagte die andere, er unterrichtete und operierte unermüdlich. Er war der erste Arzt weltweit, der ein teilweise künstliches Herz mit positivem Langzeitverlauf implantierte. Und das alles ganz allein auf sich gestellt - er hatte alle im Holocaust verloren.

Aber er redete nie von seiner Vergangenheit.

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