Leseprobe zu "Ein kaltes Herz" von Ian Rankin
Gravys Geschichte
Mein Dad hat immer zu mir gesagt: "Junge, behalte stets einen kühlen Kopf und ein warmes Herz." Ich glaub jedenfalls, es war mein Dad. So richtig kann ich mich nicht an ihn erinnern. Ich hab einen Schuhkarton voll Fotos, und auf diesen Fotos zeigt er immer die Zähne. Ich hab so oft mit dem Daumen über sein Gesicht gerieben, dass es jetzt ganz verwischt ist, und das Gleiche scheint auch mit meinen Erinnerungen passiert zu sein. Sie verschwimmen an den Rändern, und manchmal sogar auch in der Mitte. Wenn ich zu Dr. Murray gehen würde, würde er sagen, dass ich wieder anfangen soll, die Pillen zu nehmen. Aber ich mag die Pillen nicht. Ich bekomm von denen einen heißen Kopf. Mein Dad würde das nicht gut finden. Wenn er noch lebt, muss er wohl so um die fünfzig oder sechzig sein. Ich bin dreißig, schätze ich. Manchmal steck ich mir die Hand unters Hemd, nur um zu sehen, ob mein Herz noch warm ist. Kühler Kopf. Warmes Herz.
Diese Worte sind mir wieder eingefallen, als ich Benjy auf mich zutorkeln sah. Er hielt sich eine Hand an die Brust. Sein T-Shirt war zum größten Teil weiß, aber mit viel Rot dabei. Das Rot sah klebrig und dunkel aus. In der anderen Hand hatte er so eine Tüte, wie man sie im Laden kriegt, aus blauem Plastik.
Ich hab Benjy zuerst gar nicht erkannt. Ich hab nur ein Auto gesehen. Es kam durch das Friedhofstor. Für den Tag war gar keine Beerdigung angesetzt, deswegen habe ich mich ziemlich gewundert. Besucher parken normalerweise draußen auf der Kiesfläche. Da ist ein großes Schild am Zaun: BESUCHERPARKPLATZ. Das war die Stelle, wo Besucher eigentlich parken sollten. Aber dieses Auto ist durch das offene Tor reingefahren. Ich hab mich gefragt, ob ich Ärger kriegen würde, weil ich es aufgelassen hatte. Ich hab mich gewundert, wer wohl im Auto saß. Es war ein schwarzes Auto, schön blank. Vielleicht gehörte es irgendeinem von der Stadt. Der Fahrer war miserabel. Er hätte beinah einen Grabstein gerammt. Das Auto ist immer weiter vorgeruckelt, Stottergas nennt man das wohl. Das bedeutete, dass der Fahrer Anfänger war, aber eine entsprechende Plakette konnte ich nicht sehen.
Das Auto ist stehen geblieben, und die Tür ist aufgegangen. Zuerst ist keiner ausgestiegen. Aber dann hab ich ein Bein gesehen. Und dann noch ein Bein. Und dann hat's der Fahrer geschafft, aus dem Auto zu steigen. Er stöhnte, und da war's, wo er sich an die Brust gegriffen hat. Er hat die Tür offen gelassen und ist auf mich zugekommen. Ich war grad dabei, Laub und Zweige und verwelkte Blumensträuße einzusammeln. Das kam dann alles in mein Feuer. Ich hatte eine Schubkarre und eine Harke, und ich hatte meine Arbeitshandschuhe an. "Gravy!"
Als er meinen Namen sagte, wusste ich, dass ich ihn kennen sollte. Sein Gesicht und seine Haare waren völlig verschwitzt. Er hatte eine Jeansjacke an, und seine Hose war voller Spritzer. Er trug alte Turnschuhe. Als ich erkannt hab, dass es Benjy war, hab ich mich gewundert. Benjy trägt immer einen schwarzen Ledermantel. Er trägt immer Cowboystiefel und eine enge schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Heute war es anders, keine Ahnung, warum.
"Gravy!"
Alle nennen mich Gravy. Aber nicht Gravy wie "Soße" - das hat gar nichts mit Essen zu tun. Ich kann überhaupt nicht kochen. Nur Fertiggerichte für die Mikrowelle und Sachen aus der Imbissbude. Toast, den ja, den kann ich selbst machen - und Bohnen und Spiegelei. Aber keine Lasagne oder so Sachen ...
"Gravy!!!"
Nein, deswegen hab ich den Namen nicht gekriegt. Der kommt von graveyard, weil ich da nämlich arbeite, auf dem Friedhof. Und auch bevor ich hier gearbeitet hab, bin ich hier immer hergekommen und spazieren gegangen. Und hab die Geschichten der Leute auf allen Grabsteinen gelesen. Wo die geboren wurden, wo die gelebt haben, und was sie von Beruf gewesen sind. So was mag ich gern. Und die kurzen Gedichte und Gebete, und manchmal auch ein Ornament oder ein Foto. Diese Fotos werden mit der Zeit immer feucht, auch wenn sie in Plastik eingeschweißt sind. Die verrotten oder verblassen, wie Gedanken und Erinnerungen - und wie die Leute unter der Erde.
"Wo ist dein Mantel?", hab ich Benjy gefragt. Er war nicht mehr weit von mir entfernt, nur drei Meter. Oder vielleicht dreieinhalb. Er war stehen geblieben und halb zusammengeklappt, als wär er müde.
"Ist jetzt egal", hat er gesagt. Dann hat er versucht zu spucken, aber der Sabber war ganz glibberig und hing einfach so runter, bis er ihn mit der Tütenhand abgewischt hat - also mit der Hand mit der Tüte. In der Tüte war irgendwas Schweres. Klein, aber schwer. So lässt sich auch Benjy gut beschreiben. Er ist klein, aber schwer. Er sagte immer, er wäre Boxer. Wenn er es mir vorführte, verpasste er mein Kinn immer nur ganz haarscharf. Er war nicht wirklich Boxer, aber er kannte sich mit Boxen aus. Er ging zu Kämpfen und guckte sich auch Videos davon an.
Als er sich wieder aufgerichtet hatte, hat er sich umgeguckt, als ob er sichergehen wollte, dass sonst keiner auf dem Friedhof war.
"Hast du was, was ich für dich verstecken soll?", hab ich gefragt. Ich hatte schon öfter Sachen für ihn versteckt. Manchmal wollte er sie wiederhaben, Wochen oder Monate später. Manchmal auch nicht. So hab ich ihn überhaupt kennengelernt. Da war er grad dabei gewesen, eine Tüte hinter einem Grabstein zu verstecken.
"Ja", sagte Benjy jetzt. "Für den Anfang mich." Da hab ich nichts gesagt. Er machte wieder so ein Stöhngeräusch und hat den Kopf nach hinten gelegt. Dann hat er ein unanständiges Wort gesagt, und das war mir ein bisschen peinlich. Ich hab weggeguckt und mich mit einer Hand auf meine Harke gestützt. Der Mann, der mit mir arbeitete, mein Boss, war schon vor Ewigkeiten nach Haus gegangen, wie an den meisten Tagen.
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