Ein bitterkalter Nachmittag - Donovan, Gerard

Gerard Donovan 

Ein bitterkalter Nachmittag

Roman

Übersetzung: Gunkel, Thomas
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Ein bitterkalter Nachmittag

'Eine zunächst rätselhafte, dann beklemmend bittere Parabel über die Wolfsnatur des Menschen, über Gewalt und ihr einziges Gegengift - Liebe.' -- Kölnische Rundschau

Zwei Menschen. Ein Tag. Der Abgrund.

Der Debütroman von Gerard Donovan, Autor des Bestsellers "Winter in Maine", erzählt von zwei Männern im Schnee, von Gut und Böse, von Kälte und Gewalt. In intensiven Bildern und mit unerbittlichem Tempo dringt diese Geschichte ins Wesen des Menschen vor. "Ein bitterkalter Nachmittag" stand auf der Longlist des Man Booker Prize.

Ein Nachmittag in einem Dorf irgendwo im winterlichen Europa: Ein Mann gräbt auf einem Feld ein großes Loch, ein anderer wacht über ihn. Der Schnee fällt, Soldaten marschieren vorbei, Lastwagen karren Dorfbewohner an den Waldrand. Während rings umher ein Bürgerkrieg tobt, beginnen die beiden Männer miteinander zu reden. Sie kennen sich, der Bewacher ist der Lehrer, der Mann in der Grube der Bäcker des Dorfes. Sie stehen auf verschiedenen Seiten in diesem nicht näher benannten Konflikt, und sie tasten sich aneinander heran, indem sie über den Menschen, die Zivilisation, die Geschichte des Krieges und über Gewalt reden. Philosophische Dispute, listige Spiegelgefechte, spielerische Anklagen vertreiben die Kälte und verkürzen die Zeit. Und doch muss die Grube gegraben werden, sie dient einem Zweck, der beiden nur allzu klar ist.Im Laufe weniger Stunden offenbart sich nicht nur, warum die beiden sich an diesem Ort, in dieser Situation befinden, sondern auch, dass die Geschichte der Menschheit und der Zivilisation untrennbar verbunden ist mit der Geschichte der Gewalt.


Produktinformation

  • Abmessung: 221mm x 135mm x 32mm
  • Gewicht: 548g
  • ISBN-13: 9783630873428
  • ISBN-10: 3630873421
  • Best.Nr.: 29500910
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 13.05.2011

In der Geschichte geht es um Brot und Krieg
Bäcker und Lehrer an der Grube: Gerard Donovans Roman „Ein bitterkalter Nachmittag“ entfaltet Endzeit-Stimmung
Es geht um den Krieg, der vor zwei Tagen in die Stadt gekommen und schon wieder aus ihr verschwunden ist. Auf einem kaum entfernten Feld werden Leute in Gruppen zusammengetrieben. Andere heben mit Spitzhacken Gruben aus. Es scheint, als habe eine Macht die andere überwunden, als gebe es Sieger, Besiegte und Kollaborateure. Der genaue Ort der Stadt bleibt im Dunkeln. Klar ist nur, dass sie weit oben im Norden liegt, in einer Gegend, in der es auch im Juli kalt werden kann, auf einer Halbinsel, in der Nähe einer Grenze. Im Sommer ist das Meer türkisfarben, im Winter sieht man vor der Küste graue Brecher.
Gerard Donovan, 1959 in den irischen Midlands geboren, lebt seit einiger Zeit im Staat New York. Lange hat er vor allem Lyrik veröffentlicht, was man der Intensität seiner Sprachbilder anmerkt. In der neuen irischen Erzählliteratur, die sich in gut gemachten Stories am wohlsten fühlt, steht er, der Literatur unverkennbar auch als Ort der Erkenntnis betrachtet, ziemlich allein da. Wenn es einen …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wirklich ein Roman? Für Margret Fetzer scheint dieses erst jetzt bei uns erscheinende Debüt des Iren Gerard Donovan strukturell doch eher dramatische Qualitäten zu haben, die beiden Gestalten, die sich hier während eines Krieges auf einem winterlichen Friedhof begegnen, erinnern sie in ihren Dialogen auch oft an Beckett, allerdings ohne dessen Pointensicherheit. Auch wenn Donovan hier und dort ein Aphorismus gelingt, stilistisch kann sie diesem Roman ohne Handlung nichts Neues abgewinnen. Viel spannender hätte Fetzer es gefunden, wenn der Autor die Frage nach dem Bösen im Menschen, die hier eher reißerisch in vorgestellten Bildern des Grauens verhandelt wird, konkretisiert hätte, am besten in einem echten Roman.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.11.2011

Jeder Mensch braucht einen Namen

Für seinen zweiten Roman "Winter in Maine" ist der Ire Gerard Donovan hochgelobt worden. Sein erst jetzt übersetztes Debüt "Ein bitterkalter Nachmittag" handelt von Freundschaft und Verrat.

Zwei Romane des Iren Gerard Donovan sind bislang auf Deutsch erschienen: vor zwei Jahren "Winter in Maine" und zuletzt "Ein bitterkalter Nachmittag". Ersteres wurde vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt, Letzteres stand auf der Longlist des Man-Booker-Prize. Inhaltlich gibt es starke Korrespondenzen, denn die Ich-Erzähler beider Bücher sind Verbrecher: In "Winter in Maine" wird ein Einsiedler zum Serienmörder, um seinen Hund zu rächen; in "Ein bitterkalter Nachmittag" geht es um einen Bäcker, der seine Nachbarn an die feindliche Militärmacht verrät.

Eines allerdings muss stutzig machen. Denn "Ein bitterkalter Nachmittag" ist Donovans erster Roman, in England erschien er drei Jahre früher als "Winter in Maine", das einhellig bejubelt wurde. Mit dem in Deutschland veröffentlichten Debüt verbindet sich daher offensichtlich die Hoffnung, an diesen Erfolg anknüpfen zu können. Dabei ist nicht zu übersehen, dass "Ein …

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"Nicht nur eine spannende, sondern vor allem eine perfekt inszenierte Parabel über Menschen in Ausnahmesituationen."
Gerard Donovan wurde 1959 in Wexford, Irland, geboren und lebt heute im Staat New York. Er studierte Philosophie und Germanistik in Irland, arbeitete in einer bayerischen Käsefabrik, studierte klassische Gitarre in Dublin und trat als Musiker mit Schwerpunkt J. S. Bach auf. Er veröffentlichte Gedichtbände, Shortstorys und Romane und wurde mit dem "Kerry Group Irish Fiction Award" ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Ein bitterkalter Nachmittag" von Gerard Donovan

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Leseprobe zu "Ein bitterkalter Nachmittag" von Gerard Donovan

Mittag

UNTERWEGS zum FELD

Wie so oft, wenn Schnee fällt, war es ein milder Morgen, doch gegen elf frischte der Wind auf, Schnee und Eis trafen zusammen, und die Temperatur sank unter null. Als sie kamen, hatten sie mir zwar nicht genug Zeit gelassen, etwas mitzunehmen, doch ich bereute, dass ich mir nicht meine Kappe mit den Pelzohrenschützern geschnappt hatte, die an dem Kleiderbügel neben der Haustür hing. Ich hätte einfach nur zugreifen müssen, es hätte nicht länger als eine Sekunde gedauert. Jetzt waren meine Ohren wund und geschwollen, und ich hatte alle Zeit der Welt, es zu spüren.

als es auf Mittag zuging, wurde der Schnee dichter. Er blieb auf dem Weg liegen, während ich, gefolgt von einem anderen Mann und zwei Soldaten, zum Feld marschierte. Wir stapften dahin, als würden wir einen Winterspaziergang machen, unsere Stiefel schnitten in den Schnee. Ich trat in eine Kuhle, wobei mein Absatz über Erdklumpen glitt und sich unter meinem Fuß kaltes Wasser sammelte. Wir gingen unter Kiefern hindurch, unter deren Zweigen das Grün leuchtete wie farbiges Licht unter einem weißen Lampenschirm. Vermutlich hätte ich sagen können, dass es ein schöner Tag war, doch wir sprachen nicht miteinander.

Der Mann holte mich ein, zündete ein Streichholz und damit seine Zigarette an, steckte die freie Hand rasch wieder in die Manteltasche und zog mit gekrümmten Schultern an der Zigarette, bis sie glühte. allmählich fühlten sich meine Ohren taub an, doch sie taten gleichzeitig weh, und dieser Schmerz drang in mich ein; ich fühlte mich leblos. Das Knirschen der Schritte hätte mein Herz sein können. Ich blickte mich zu den Soldaten um. Drei Schritte hinter mir. Vielleicht konnte ich wegrennen. Den ganzen Schlamassel hinter mir lassen, bis zum Wald und dann in die Freiheit gelangen. Während ich tief Luft holte und mich bereit machte, stiegen von meinen Lippen Dampfwölkchen auf. Doch meine Füße weigerten sich zu laufen. Meine Beine zitterten.

Ich würde es sowieso nicht schaffen. Sie würden meinen Fluchtversuch bemerken, das würde sie aus ihrer eigenen Trübsal reißen, und dann würden sie die Gewehre von den Schultern ziehen und auf mich feuern, bis ich in den Schnee fiele und verblutete.

So hoch im Norden können sich die Tage manchmal nicht über den Horizont erheben, können nicht an die Tür kommen, um sie dem Sonnenschein zu öffnen. Seit dem Morgengrauen war kaum noch Licht durch die Wolken gesickert, doch der Schnee warf die wenigen Strahlen zurück. Die Tageszeit war vollkommen verschleiert. Sonnenaufgang? Morgen? Mittag? Manche Tage kommen einfach nicht richtig in Gang.

Das Feld lag ungefähr hundert Meter vor uns. Ich kannte es gut, denn als Kind hatte ich dort gespielt. Elf Morgen flaches Gras, ein kleines Bauernhaus und in der Ecke eine Scheune, in der zwei Ponys untergebracht waren. Der Besitzer war tot, das Land wegen einer Steuerschuld in städtischen Besitz überführt. Auf drei Seiten war es von einem Fichtenwald umschlossen, auf der vierten zog sich eine Mauer den Weg entlang. Ich roch den Wald, spürte in der Luft den scharfen Geschmack der Rinde.

Als wir das erste von zwei Toren durchquerten, hörte ich jemanden hinter mir murmeln und drehte mich um. Einer der beiden Soldaten hatte die Hand gehoben, und ich blickte zu der Stelle, auf die er deutete. Ich nickte, stapfte zum zweiten Tor und wartete, während der Mann zur Seite trat. Der jüngere Soldat stieß das Tor auf und winkte mich hinein.

Wir betraten das Feld, ich zuerst, der Mann direkt hinter mir und dann die Soldaten. Die beiden setzten sich hinter eine Geschützstellung. Der Mann und ich begaben uns in die Mitte des Feldes, wo der Schnee ungefähr einen Meter tief in eine rechteckige Grube fiel, etwa sechs mal zwei Meter groß. Ich merkte, dass der Mann auf halbem Weg stehen blieb, denn seine Stiefel knirschten nicht mehr im Schnee. Das letzte Stück musste ich allein gehen.

Plötzlich sah ich eine Spitzhacke durch die Luft fliegen. Sie landete ein, zwei Meter vor meinen Füßen. Einer der Soldaten warf eine Schaufel herüber, die zu Boden fiel und zwischen uns schlitterte. Ich hob sie auf und ging zum Rand des Loches, holte tief Luft, schaute mich noch mal um und stieg hinein.

DAS LOCH Ich bin in Sichtweite dieses Feldes aufgewachsen. Als Kind spielte ich hier auf dem Heimweg von der Schule, wenn auch meistens allein, denn aus Gründen, die ich inzwischen verstehe, war ich nie besonders beliebt. Ich hatte den Drang, mich abzusondern, und als ich sechzehn wurde, spielte ich gar nicht mehr mit den anderen Schuljungen, nicht mal Fußball, nicht mal bei warmem Wetter. Stattdessen las ich an der Mauer oder unter dem Baum dort drüben Bücher. Das Feld fiel nach Süden hin ab, und bei starkem Regen bildete sich am unteren Ende eine Wasserlache, an der im Herbst die nach Süden ziehenden Gänse landeten, um sich auszuruhen. Sie schnatterten so laut, dass das Feld lebendig zu sein schien. Im Sommer weichte der Boden vom Regen auf und fühlte sich an wie braunes Fleisch, dessen Haut aus Gras bestand, parfümiert mit all den Blumen, die aus der Erde gesprossen waren. Im Winter jedoch war es ein hartes Feld, das weder aus Fleisch noch aus etwas anderem bestand, außer der Härte, die den Stiefel davon abhält, für immer im Schnee zu versinken, einer Härte, die nichts anderes sagt als Boden.

Unter dem desinteressierten Blick des Mannes, der sechs Meter entfernt stand, nahm ich die Schaufel und schippte den Schnee, der in das noch unfertige Loch gefallen war, zur Seite. Der Mann zog eine weitere Zigarette aus einem Silberetui, klopfte sie leicht darauf, und ohne den Blick von mir zu wenden, die linke Hand in der warmen Tasche, steckte er sie sich zwischen die Lippen.

Kein Tag für bedeutsame Ereignisse, und alles, was über diesen Tag im Buch der Geschichte geschrieben stand, wurde bestimmt von den dicken grauen Wolken gelöscht, die allüberall - auf den Kiefern, auf den Laternen und Türmen der Stadt, die anderthalb Kilometer entfernt im trüben Licht schimmerte - kalte Schneekristalle verstreuten. Es war ein Tag, an dem man alles verbergen konnte. Der böige Wind fand jeden Fußabdruck, füllte ihn aus, die Richtung verschleiernd, in die er zeigte, und unsere Anwesenheit auf dem Feld würde kaum Spuren und noch weniger Beweise hinterlassen. Tatsächlich bot jener 25. November den menschlichen Sinnen nichts, das ihn unterschieden hätte von irgendeinem anderen Wintertag, an dem sich die Erde drehte und die Luft durch jegliche Lunge oder unter jegliches Flügelpaar strich. Doch jeder weiß, dass sich alles irgendwann zutragen muss.

obwohl ich von Beruf Bäcker war, musste ich an diesem Tag graben. Ich schaufelte vielleicht zwanzig Minuten lang und griff immer wieder zur Spitzhacke, um den harten Lehm aufzubrechen. Ein guter Rhythmus. Der Mann rauchte derweil drei Zigaretten. Da ich es nicht eilig hatte, kratzte ich mit jedem Schaufelschwung eine dünne Schneeschicht vom Boden und warf alles hoch in die Luft, um masse vorzutäuschen und länger beschäftigt zu sein. als ich auf Lehm stieß, machte ich es genauso. Der Mann nahm an meiner Arbeitsweise offenbar keinen Anstoß, falls ihm das Ganze überhaupt auffiel. Bei jedem Anheben der Schaufel nahm ich die Umgebung ins Visier. Im Scheunentor stand ein Traktor, an dessen Rädern gefrorener Schlamm klebte, an einem Balken hingen Mistgabeln, und seit vorgestern, dem Tag, an dem die Soldaten in die Stadt eingefallen waren, war erstmals der Stall für die Ponys zu sehen. Schnee auf dem Scheunendach, auf dem Zaun, der die Scheune umgab, Schnee, der im anschwellenden Wind von den Zweigen fiel.

Ich schaufelte, um mich warm zu halten, schaufelte, damit mein Herz weiterschlug, ja, damit mein Herz schlug. Im Takt mit dem Graben und dem Schwingen der Schaufel sagte ich immer wieder dieselben Worte: Eis, Schnee und Wind. Eis, Schnee und Wind. Du darfst nicht sterben. Du darfst nicht sterben.

Wir befanden uns am Ende der Welt, in einem Schneesturm, der langsam stärker wurde, und trotz meiner Bemühungen, Zeit zu schinden, war das Loch bereits einen Meter tief.

WENN FREUNDLICHE MÄNNER KOMMEN Es ist erstaunlich, wie schnell man in Schwierigkeiten geraten kann.

Der Krieg war innerhalb von zwei Tagen in unsere Stadt eingezogen und wieder verschwunden. Von den zerschossenen Gebäuden stieg immer noch Rauch auf; ansonsten war die Luft von ungeheurer Stille erfüllt. Der Schlachtlärm der vorangegangenen Tage war verhallt. Vermutlich waren inzwischen die Bewohner der fünfzehn Kilometer entfernten Nachbarstadt von den Kämpfen betroffen. Sie würden sterben wie die meisten Leute, in panischer Angst, eine Hand um ihre Kinder geschlungen, die andere zu ihrem Gott erhoben, falls sie an einen glaubten, oder bis zum Schluss kämpfend, falls nicht.

Als der schnelle Kampf um die Stadt beendet war und die rauchgeschwärzten Soldaten weitergezogen, im Lazarett oder begraben waren, hatte ich gesehen, wie andersartige Männer von der Hauptzufahrtsstraße in die Stadt einsickerten. Sie trugen Pullover und Mützen, einer von ihnen rauchte Pfeife. Es hätte eine Jagdgesellschaft oder eine Gruppe von Golfspielern sein können. Anfangs waren es nur wenige, die durch die Stadt gingen und auf wichtige Gebäude deuteten oder aus unauffälligen Autos stiegen. Doch ein paar Stunden später kamen weitere, besser gekleidete Männer. Sie richteten in der Schenke ihr Hauptquartier ein. Diese Männer waren freundlich. Ich hörte, dass sie gern Wein tranken und im örtlichen Restaurant speisten. Mit einem Sonderkommando grün uniformierter Soldaten, die ihnen in Jeeps oder zu Fuß folgten, sichteten sie die städtischen Akten, prüften Steuerbelege und Grundbücher.

Um acht Uhr abends hatten sie eine Liste erstellt, angeblich mit Bleistift und in Blockschrift geschrieben. Mein Name hat wohl auf dieser Liste ziemlich weit oben gestanden, denn an jenem Abend kamen sie direkt aus der Schenke zu meinem Haus.

DER LEHRER Als ich den Mann bemerkte, war es bereits zu spät. Er stand schon direkt über mir. Hatte mich überrumpelt, während ich grub. Er trat an den Rand der Grube und blickte in das Loch im winterlichen Feld, nicht weit vom dichten Wald und einer mauer entfernt, die sich wie das planlose Gekritzel eines Kindes über die kalte Klinge jenes Novembertages zog.

Ich ließ die Schaufel fallen, spie einen glasigen Spuckfaden auf meine Handschuhe und rieb sie in dem vergeblichen Versuch aneinander, meine Hände zu wärmen, wie ich es an manchem kühlem Frühlingsmorgen getan hatte, als ich noch Stadtbäcker war und die Tür hinter mir zuzog, während über den Dächern hinter meiner Bäckerei der Tag anbrach. Dort konnte ich in Ruhe, allein, wie ich es gewohnt war, inmitten der leeren Backöfen arbeiten, die für den Teig aus Mehl, Wasser und Öl aufgereiht waren. Damals konnte ich noch in Ruhe arbeiten, weil man mir nicht so viel Beachtung schenkte wie jetzt.

meine Hände froren an der Schaufel fest. Ich dachte, jetzt könnte nichts meine Finger wärmen, nicht mal ein Feuer. Da der Mann keine Anstalten machte, mich zu begrüßen oder mir die Hand zu schütteln, sondern bloß am Rand der Grube stand, betrachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Sein langer Mantel saß wie angegossen, anscheinend Tweed mit Fischgrätmuster, aber zu dünn für dieses Wetter, der Hut teuer, vermutlich Maßanfertigung. Sein Handschuh zog zwei Zigaretten aus einem Silberetui, das er geschickt aufgeklappt hatte.

Das Rauchen würde ihn noch umbringen.

Ich zündete ihm in seinen hohlen Händen ein Streichholz an und hielt es auch an meine Zigarette. Die Stoppeln an seinem kantigen Kinn arbeiteten, während er einen tiefen Lungenzug nahm. Durch den Rauch trafen sich unsere Blicke.

Ich habe immer geglaubt, dass ein gutgekleideter Mensch auch gebildet ist. Das kann man in jedem Kleidergeschäft, in jeder Bibliothek sehen. Man wählt und trägt seine Kleidung auf dieselbe kluge Weise, mit der man sich ein Buch aussucht und die darin enthaltenen Wörter liest. Ein glattgebügeltes Baumwollhemd sollte den Blick auf eine gute Tweedhose lenken, so wie ein kunstvoll gebauter Satz in einen zweiten Gedanken mündet, während er noch den ersten zu Ende führt.

Ich habe stets viel gelesen. Wenn man keine Freunde hat, ergibt sich das so. Anfangs tut es weh, aber von Büchern wird man nicht enttäuscht. Ich habe aus Büchern vieles gelernt. Der Mann hatte noch kein Wort gesagt, doch ihn umgab die Aura des Lernens. Gebildete Menschen können besser schweigen als die meisten anderen. Das kann ich an ihnen nicht ausstehen. Der kleine Schuljunge in mir würde sie am liebsten mit all den Wörtern, die ich kenne und benutzen kann, bis zur Besinnungslosigkeit bombardieren, bloß damit ich allein sein kann.

Ich musterte ihn noch eine Weile, um etwas zu entdecken, das ihn verriet. Ja, jetzt, wo ich ihn richtig betrachtete, war ich mir ziemlich sicher, dass ich ihn schon mal in der Stadt gesehen hatte. Ja, sogar schon oft, doch damals hatte er besser auf sein Äußeres geachtet. Ich erkannte ihn an seiner Haltung. Inzwischen war ich ganz sicher, dass ich ihn kannte, obwohl ich sein Gesicht noch nicht zuordnen konnte. Ich paffte an meiner Zigarette. (Ich habe gelernt, in solchen Momenten zu schweigen. Soll doch der andere den ersten Schritt tun, sage ich immer. Ich habe wahrlich oft bereut, dass ich den ersten Schritt getan habe.) Schließlich deutete er mit seiner Zigarette auf das Loch und sagte: "Sind Sie damit fertig?"

Ich blickte auf die Stelle vor meinen Füßen, auf die er zeigte.

"Fertig womit? mit was?"

"mit dem Loch. Sind Sie damit fertig?"

Zitternd schlug er seinen Kragen hoch und zog wieder an seiner Zigarette. Ich starrte das Loch an und trat dann einen Schritt auf ihn zu. Er hatte eine gute Frage gestellt, sachlich, aber nicht zu simpel. Er betrachtete die mit Schneeflocken getüpfelte Schaufel.

Noch ein bisschen näher. Ich kannte ihn.

"Ich könnte wetten, dass Sie der Lehrer sind, der Geschichtslehrer", sagte ich.

"Stimmt." Er warf mir ein kurzes Lächeln zu und zog eine Braue nach oben. "Was ist jetzt mit dem Loch?"

"Das ist eine gute Frage", erwiderte ich. "Natürlich fragen Sie das, denn Sie sind Lehrer. Wann ist man je mit einem Loch fertig?"

Ich nahm die Schaufel und schlug sie gegen einen Stein, damit das Eis absplitterte. Der Lehrer verzog keine Miene. Ich hatte den Verdacht, dass er mich nicht mochte, dass er dachte, mein Benehmen entspreche nicht meinem gesellschaftlichen Stand, weil ich so mit ihm redete, statt meinem höhergestellten Mitbürger eine rasche Antwort zu geben und höflich an meine Mütze zu tippen. Doch dafür war es an diesem Tag zu kalt, und ich hatte emsig gegraben, war schneller gewesen als ein ganzer Himmel voll unerbittlichem Schnee samt einer Wolkenschar, die sich bis zum Rand meines Blickfelds erstreckte. Tut mir leid, heute keine Höflichkeiten, kommen Sie morgen wieder, dann sehen wir weiter. Er spürte meine Wut, und es tat ihm wohl leid, oder ich tat ihm leid, denn er sprach wieder ruhiger.

"An so einem Tag ein Loch zu graben ist so ähnlich, als müsste man mit Erdnüssen einen Deich abdichten", sagte er. "Es lässt sich nicht bewerkstelligen. Sie sind heute Sisyphus."

Ich stieg aus der Grube und nahm die zweite heraus- geschnippte Zigarette. Er blickte ins Loch und schien es mit der kleinen Rauchfahne auszumessen, zog mit dem Finger die Seitenlinien nach, bis er zu dem Haufen schneebedecktem Lehm am Rand gelangte. Er war ein Mensch mit vielen Gedanken, auf sein Thema konzentriert. Er hatte meinen Bruder an der örtlichen Schule unterrichtet, und mein Bruder hatte mir, wenn er nach Hause kam, oft die Geschichten anvertraut, die der ziemlich nervöse Lehrer seinen Schülern erzählt hatte, um seine Theorie zu beweisen, dass Geschichte ein ewiger Kreislauf sei. Trotz der grimmigen Kälte hätte ich den Lehrer jetzt am liebsten gefragt, was Süßifurz sei, ob irgendein Zustand oder ein Ehrentitel. Es klang nicht besonders gut. Es klang nach einer Ausdünstung, einem unangenehmen Geruch wie von einer Krankheit oder Wunde. Und mir gefiel nicht, wie er mir das Wort einfach hingeworfen hatte, als müsste ich es kennen, ein kleines Rätsel mitten in einem Schneesturm. Er würde meine Antwort in eine Nadel verwandeln, mit der er mich stechen konnte. Ich nahm die Schaufel, sprang wieder in die Grube und hackte auf dem Boden nach einer klugen Antwort, die ich ihm in die Gurgel stoßen könnte. Beim Graben war ich auf Augenhöhe mit seinen Schenkeln. Er rührte sich nicht vom Fleck, während ich die Schaufel wie ein Pendel schwang.

In einem wissenschaftlichen Buch habe ich mal gelesen, dass man, wenn man besorgt ist, besser aus den Augenwinkeln sieht als mit geradeaus gerichtetem Blick. Deshalb kann man in diesem Zustand nicht richtig lesen. Durch unzählige Hinterhalte hat der Körper gelernt, dass ein Angriff meistens von der Seite, aus dem Schutz der Bäume oder aus hohem Gras erfolgt. Wie wahr: Die Schaufel und die Spitzhacke verschwammen, während sich mein Sehvermögen in den Augenwinkeln bündelte, und ich beobachtete, wie der Rhythmus seines Atems aus seinem geöffneten mund nach oben waberte, ein Herpesbläschen an seiner Unterlippe, beobachtete das Ganze mit erstaunlicher Klarheit.

Er trat nach dem Schnee.

"So, mein Freund. Hier sind wir, Sie und ich. Ja, wirklich. Ein schönes Loch, das Sie da gegraben haben. Ich bin sicher, die Vorsokraten könnten unser Problem mit dem Loch lösen."

Er blickte zu mir herunter und sagte: "Die Philosophen. Kennen Sie die? Die Theorien vom Aufbau des Universums?"

mein Herz pochte heftig, doch ich antwortete ihm unverzüglich. "Ich bin Bäcker. Ich baue Brote zusammen. Benutzen Sie eine Sprache, die ich verstehen kann." Das war eine spontane Erwiderung, der Versuch, eine witzige Bemerkung zu machen. Ich platzte damit heraus, obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte. Plötzlich war ich wieder der verletzliche Schuljunge, über den die anderen spotteten oder tuschelten, und genau wie damals blaffte ich einfach zurück. Stimmt, ich hatte Angst, aber es war am besten, klug und gewitzt zu reagieren, als würde ich mich nicht fürchten. man würde es schätzen, wenn ich nicht klein beigab.

"Betrachten Sie es mal so: Ist das Loch die Vertiefung, die Sie gegraben haben, oder besteht es aus dem herausgeschaufelten Lehm und Schnee?", fuhr der Lehrer fort.

Ich schaufelte schneller, verzweifelt bemüht, gelassen zu wirken.

Seine Zigarette zeichnete die rote Linie seiner Gedanken in die Luft.

"Nietzsche lag natürlich richtig. Die wahre philosophische Fragestellung endete mit dem Auftreten Platons."

Ich trat mit dem Fuß aufs Schaufelblatt. "Warum?"

"Weil Platon behauptete, die Antworten lägen woanders, nämlich im Himmel. Man solle dem, was man sehe, nicht trauen. Das war der Anfang der großen Lüge." Er kicherte. "Es ist offenkundig. Und dann hat man den Himmel, der nur ein Loch in unserem Denken ist."

Er beschrieb mit den Armen einen Bogen, und ich sah seine Halsadern schwellen, während er in den schneebeladenen Himmel aufblickte. "Schauen Sie ihn sich an", sagte er. "Lächerlich, ein Ort voller Engel, an dem ein bisschen Milch und Honig fließen. Steht es nicht so in der Bibel geschrieben? Was für ein grauenhafter ort für das ewige Leben."

Plötzlich glaubte ich, er leide vielleicht an Wahnvorstellungen. Es war einer jener Gedanken, die einen unvermittelt anspringen, ohne dass man weiß, wo sie herkommen oder wie weit sie ins Gedächtnis der Zeit und des Überlebens zurückreichen. Doch man lernt, ihnen zuzuhören. O ja, das lernt man.

Er hielt seinen Mantel fest, der von einem heftigen Windstoß, so schmerzhaft wie tausend Messerspitzen, ergriffen wurde. Ich duckte mich, und das Loch bot mir Schutz; die Bö fegte über mich hinweg.

"Wie weit sind wir von der Stadt entfernt?", brüllte er in den Wind. "Ich habe in diesem Chaos die Orientierung verloren." Seine Worte klapperten vor Kälte.

"Einen guten Kilometer, genau wie immer." Sinnlos zurückzugehen.

In den Mantel gehüllt, nahm er sich wieder zusammen und schlug sich mit beiden Fäusten in die Seiten. "Wussten Sie, dass sich die Menschen im Frühmittelalter kaum einmal weiter als eine Tagereise von ihrem Dorf entfernten? Haben Sie das gewusst?", fragte er lächelnd.

Ich grub tiefer und arbeitete mich mit gewaltigen Hieben weiter in Eis und Erde vor. Jetzt, wo der Mann sich aufgewärmt hatte, erwartete mich vermutlich ein ziemlicher Wortschwall.

"Überall riesige Wälder", fuhr er fort. "Die Dorfbewohner konnten sich leicht verlaufen. Und wenn sie in den Krieg zogen und am Leben blieben, fanden sie hinterher oft nicht mehr nach Hause. Hunderte, Tausende von Männern, die sich im Dunkeln verirrten. Das war damals nichts Ungewöhnliches."

Ich stieß nach einer widerspenstigen Wurzel. "Worauf wollen Sie hinaus?", fragte ich.

"Ich kenne mich gewissermaßen nicht mehr in meinem Heimatort aus", sagte er und blickte sich fröstelnd um, "dabei bin ich mir sicher, dass ich an einem klaren Tag meinen Schornstein sehen könnte. Stellen Sie sich vor, all das wäre dichter Wald. Hunderte von Kilometern keine Sonne, keine Wege, abgesehen von ein paar Pfaden. So war Europa. Die meisten Leute wussten kaum, in welchem Jahrzehnt sie lebten, geschweige denn, wie viel Uhr es war. Aber ich bin in dieser Stadt aufgewachsen. Ich müsste eigentlich wissen, wo ich mich befinde."

"Kommt jetzt eine Prüfung?", fragte ich. "So was wie ein Geschichtstest?"

Er bückte sich lachend, um mir auf die Schulter zu klopfen. Ich zuckte vor der Vertraulichkeit zurück.

"Sehr gut. Keine Prüfung, heute nicht. Graben Sie ruhig weiter."

"mach ich."

Und das tat ich auch. Ich hatte ihm die Stirn geboten und war noch immer am Leben.

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