Edwin Redslob - Welzbacher, Christian

Christian Welzbacher 

Edwin Redslob

Biografie eines unverbesserlichen Idealisten

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Edwin Redslob

Geprägt im Umfeld Harry Graf Keßlers und Henry van de Veldes wird der Kunsthistoriker zum jüngsten Museumsdirektor des Deutschen Reiches. Er ist u.a. befreundet mit Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff. Als erster »Reichskunstwart« entwickelt er ab 1920 an der Schnittstelle zwischen Künstlern und Intellektuellen, Staat und Volk eine republikanisch-demokratische »Corporate identity«: Er ist für die Gestaltung der Briefmarken, Geldscheine, Münzen, Urkunden und Medaillen des Deutschen Reiches zuständig, zieht die bedeutendsten Künstler der Avantgarde heran, um dem Reichsadler eine neue Form zu geben und koordiniert Wettbewerbe für die Staatsbauten und das »Reichsehrenmal« für die Kriegstoten.1933 löst die NSDAP-Regierung das Amt des Reichskunstwarts auf und verleibt sich Redslobs Konzepte ein. Schon 1945 nimmt er seine kulturpolitischen Aktivitäten wieder auf und ist u.a. an der Gründung des »Tagesspiegel« und der »Freien Universität Berlin« beteiligt.

Edwin Redslob (1884-1973) war der einflussreichste Kulturpolitiker der Moderne. Seine Mission, die bürgerliche Kulturreform in die Gesellschaft zu tragen, verfolgte er über sieben Jahrzehnte. Sein Leben bietet einen einzigartigen Einblick in die verblüffenden Kontinuitäten der deutschen Kulturpolitik über fünf Staatswesen hinweg.Redslobs Leben reflektiert das bürgerliche Drama im 20. Jahrhundert auf sehr persönliche Weise. Es zeigt, wie das humanistische Ethos ins Kreuzfeuer politischer Interessen geriet, korrumpiert und instrumentalisiert wurde. Seine Mission musste scheitern, denn sie galt den Menschen eines Jahrhunderts, das Idealisten keinen Platz einräumte. Deswegen ist dieses Portrait auch ein Panoptikum der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Widerstände, ein Pandämonium der Moderne.


Produktinformation

  • Abmessung: 228mm x 146mm x 45mm
  • Gewicht: 825g
  • ISBN-13: 9783882217346
  • ISBN-10: 3882217340
  • Best.Nr.: 23876413
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.06.2009

Formgebung des Reichs
Über drei Epochenbrüche: Eine Biographie Edwin Redslobs
Die Zeitgeschichtsschreibung, also die Erforschung der Vorgeschichte wie des Verlaufs der deutschen Katastrophe im 20. Jahrhundert, gleicht der Arbeit am Fass der Danaiden: Trotz des beispiellos intensiven und umfassenden Beitrags, den die historische Forschung zum Projekt „Vergangenheitsbewältigung” beisteuerte, sind noch längst nicht alle Zusammenhänge erhellt, geschweige erschöpfend beschrieben. Welche Arbeit hier noch zu leisten ist, darauf macht jetzt die Biographie aufmerksam, die Christian Welzbacher einem Mann gewidmet hat, mit dessen Namen heute allenfalls noch Angehörige der Urgroßvätergeneration eine vage Vorstellung verbinden: Edwin Redslob, dessen Lebensspanne die Zeit von 1884 bis 1973 umfasst und in dessen Biographie sich also das bewusste Erleben eines dreifachen Epochenbruchs der Deutschen Geschichte wiederspiegelt, des von 1918, 1933 und 1945.
Diese Erfahrung hatte Edwin Redslob fraglos mit Millionen von Altersgenossen gemein. Was ihn aber gegenüber den meisten anderen seiner Generation auszeichnet, ist der Umstand, dass er sich als ein idealer Phänotyp …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Johannes Willms ist dankbar für diese Biografie. Zeigt sie ihm mit Edwin Redslob, dem Reichskunstwart, kulturgeschichtlichen Publizisten und späteren Mitgründer des "Tagesspiegels" und der Berliner Freien Universität doch einen exemplarischen Phänotypen des auffällig unauffälligen Mitläufers des Nazismus. Wie jemand wie Redslob (Jahrgang 1884) die Epochenbrüche des frühen 20. Jahrhunderts erlebt und durch "erstaunliche intellektuelle und moralische Anpassungsfähigkeit" für seine Karriere nutzbar gemacht hat, ist für Willms von Interesse. Wertvoll erscheint ihm die Lektüre zudem, weil Redslobs Biograf Christian Welzbacher die nötige Leidenschaft mitbringt, um diese wendige Lebensgeschichte genau und ohne zu moralisieren zu erzählen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Christian Welzbacher, geboren 1970 in Offenbach am Main, ist Kunsthistoriker und freier Journalist. Er schrieb u.a. für »Die Zeit« und das Feuilleton der »FAZ«. Heute arbeitet er u.a. für die »Süddeutsche Zeitung«. Sein Buch »Die Staatsarchitektur der Weimarer Republik« (2006) wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.