"Dan Simmons schreibt wie ein Gott! Ich kann kaum sagen, wie
sehr ich ihn beneide." -- Stephen King
"Simmons ist ein faszinierender Autor, dessen schier
unerschöpfliche Fantasie sich nach Horror und Science Fiction nun
dem historischen Roman zugewandt hat, dem er mit irritierend
schaurigen Einsprengseln zu neuen Dimensionen verhilft. (...) Für
Leser, die sich mit Abenteuerlust in ein umfangreiches Werk
stürzen, bietet Dan Simmons reiche Beute. Ein starkes Stück
spekulativer Literatur." -- Westfälische Rundschau über
"Drood"
"Eine unglaubliche Mischung aus Biografie, Sittengemälde und
gepflegtem Grusel. Wow!" -- Petra (Fantasy-Extra) über
"Drood"
Ein Roman wie ein Sog - Dan Simmons zieht uns in die dunklen
Abgründe Londons im 19. Jahrhundert und lüftet eines der größten
Geheimnisse der Literaturgeschichte
London im Juni 1865: Bei einem dramatischen Eisenbahnunglück finden
etliche Menschen den Tod. Unter den Überlebenden ist der
bedeutendste Schriftsteller seiner Zeit, Charles Dickens. Doch nach
diesem Ereignis ist Dickens nicht mehr derselbe: Wie besessen macht
er sich auf die Suche nach einem mysteriösen Mann namens Drood.
Aber wer oder was ist Drood wirklich? Und kann es sein, dass
Charles Dickens in seinen letzten Lebensjahren zum kaltblütigen
Mörder wird?
Mit 'Drood' lässt Bestsellerautor Dan Simmons eine der
faszinierendsten Epochen der Geschichte lebendig werden: die Zeit
des viktorianischen Londons mit seinen gasbeleuchteten Straßen,
seinen düsteren Spelunken, seiner Faszination für alles
Spirituelle. Dies ist die Zeit von Charles Dickens, der bis heute
als einer der größten englischen Schriftsteller überhaupt gilt und
uns mit Meisterwerken wie 'David Copperfield' oder
'Oliver Twist' unvergessliche Lesestunden beschert hat.
Aber Dickens hat noch eine andere, dunkle Seite, die zum Vorschein
kommt, als er am 9. Juni 1865 ein Eisenbahnunglück nur mit knapper
Not überlebt. Seit diesem Tag ist er kaum wiederzuerkennen: Immer
öfter taucht er in die Londoner Unterwelt ab, besessen von einem
Mann mit dem merkwürdigen Namen Drood. Diesem Mann ist er bei dem
Eisenbahnunglück begegnet, und es scheint Dickens, als ob Drood
kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern der Tod selbst ...
"Dan Simmons schreibt wie ein Gott! Ich kann kaum sagen, wie sehr ich ihn beneide." Stephen King
Dan Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Er schrieb bereits als Kind Erzählungen, die er seinen Mitschülern vorlas. Nach einigen Jahren als Englischlehrer machte er sich 1987 als freier Schriftsteller selbstständig. Zahlreiche seiner Romane - darunter "Sommer der Nacht", "Die Hyperion-Gesänge", "Ilium" und "Olympos" - wurden zu internationalen Bestsellern. Simmons lebt und arbeitet in Colorado, am Rande der Rocky Mountains.
Leseprobe zu "Drood"
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Leseprobe zu "Drood" von Dan Simmons
Ich heiße Wilkie Collins, und da ich die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen auf einen Zeitpunkt hinauszuschieben gedenke, der mindestens eineinviertel Jahrhunderte nach meinem Ableben liegt, vermute ich, dass Du meinen Namen nicht kennst. Manche nennen mich zu Recht einen Spieler, und daher wette ich mit Dir, lieber Leser, dass Du kein einziges meiner Bücher und Stücke gelesen, ja noch nicht einmal von ihnen gehört hast. Vielleicht sprechen Briten und Amerikaner in einhundertfünfundzwanzig Jahren auch gar kein Englisch mehr; vielleicht ziehen sie sich an wie Hottentotten, leben in gasbeleuchteten Höhlen, reisen in Ballons umher und verständigen sich mit telegraphierten Gedanken, die weder des gesprochenen noch geschriebenen Wortes bedürfen.
Andererseits verwette ich mein gesamtes, wenngleich nicht unbedingt beträchtliches Vermögen und alle künftigen, gewiss ebenfalls nicht unbedingt beträchtlichen Tantiemen aus meinen Stücken und Romanen darauf, dass Du Dich an den Namen und die Bücher, Stücke und erfundenen Figuren meines Freundes und früheren Kollegen Charles Dickens erinnerst.
Nun, die wahre Geschichte, die ich zu erzählen anhebe, dreht sich um diesen meinen Freund - oder besser den Mann, der einmal mein Freund war - und um den Unfall in Staplehurst, der ihm den Seelenfrieden, die Gesundheit und, wie manche munkeln mögen, den Verstand raubte. Sie dreht sich um Charles Dickens' letzte fünf Lebensjahre, in denen er besessen war von einem Menschen namens Drood - falls er überhaupt ein Mensch war - und von Mord, Tod, Leichen, Grüften, Mesmerismus, Opium, Geistern und natürlich den Straßen und Gassen der schwarzgalligen Eingeweide von London, die Dickens gern als "mein Babylon" oder "der Große Backofen" bezeichnete. In diesem Manuskript (das, wie erwähnt, aus rechtlichen Gründen und auch aus Gründen der Ehre mehr als einhundert Jahre über seinen und meinen Tod hinaus allen neugierigen Blicken entzogen bleiben soll) werde ich eine Frage beantworten, die wohl kein anderer in unserer Zeit zu stellen imstande war: Hat der berühmte, liebenswerte Charles Dickens ein heimtückisches Mordkomplott gegen einen unschuldigen Menschen geschmiedet, mit der Absicht, dessen Leiche in einer Ätzkalkgrube zu zersetzen und die noch verbliebenen Knochen samt dem Schädel insgeheim in der Gruft einer alten Kathedrale verschwinden zu lassen, einer Kathedrale, die der Dichter schon seit seiner Jugend kannte? Und hat Dickens des Weiteren geplant, Brille, Ringe, Anstecknadeln, Manschetten und Taschenuhr des bedauernswerten Opfers in der Themse zu verstreuen?
Und falls dies zutrifft oder Dickens diese Taten auch nur geträumt haben sollte, welche Rolle spielte ein äußerst reales Phantom namens Drood bei diesem Ausbruch von Wahnsinn?
Der Tag, an dem Dickens von seiner Katastrophe ereilt wurde, war der 9. Juni 1865. Die Lokomotive, die seinen Erfolg, seinen Seelenfrieden, sein Manuskript und seine Mätresse transportierte, steuerte buchstäblich auf einen Bruch in den Schienen und damit auf einen schrecklichen Absturz zu.
Ich weiß nicht, geschätzter Leser, ob in Deiner so fernen Welt Geschichte noch erinnert und aufgezeichnet wird (vielleicht hat sich Deine Epoche von Herodot und Thukydides abgekehrt und lebt in einem immerwährenden Jahr Null), doch wenn es in Deiner Zeit noch einen Sinn für Historie gibt, dann können Dir die bedeutenden Ereignisse des Jahres Anno Domini 1865 nicht völlig unbekannt sein. Manche Geschehnisse wie etwa das Ende des Bruderzwists in den Vereinigten Staaten veranlassten viele Menschen in England zu bewegter Anteilnahme, allerdings nicht Charles Dickens. Zwar hatte er die ehemaligen Kolonien besucht und einige - nicht unbedingt schmeichelhafte - Bücher darüber geschrieben sowie in dem dort herrschenden urheberrechtlichen Chaos hart um eine Entschädigung für die illegale Nutzung seiner Werke gerungen. Doch trotz seines großen Interesses an Amerika kümmerte sich Dickens nicht weiter um einen Krieg zwischen einem fernen Norden und einem noch ferneren Süden.
Dafür hatte er selbst im Jahr des Zugunglücks in Staplehurst allen Grund, mit seiner persönlichen Geschichte zufrieden zu sein. Er war der beliebteste Romancier Englands, vielleicht sogar der ganzen Welt, ja viele Menschen in England und Amerika hielten meinen Freund - mit Ausnahme von Shakespeare oder vielleicht Chaucer und Keats - für den größten Autor, der je gelebt hatte.
Ich wusste natürlich, dass das Unsinn war. Ruhm erzeugt eben noch mehr Ruhm, wie es so schön heißt - oder stammt das von mir? Ich habe jedenfalls erlebt, wie Charles Dickens mit herabgelassenen Hosen auf einem ländlichen Abtritt ohne Türen saß und wie ein verirrtes Schaf nach Papier plärrte, um sich den Allerwertesten abzuwischen. Du musst mir schon verzeihen, lieber Leser, wenn dieses Bild für mich bezeichnender bleibt als der Titel "Größter Autor, der je gelebt hat".
Doch wie gesagt, an diesem Junitag des Jahres 1865 hatte Dickens reichlich Anlass zur Selbstgefälligkeit.
Sieben Jahre zuvor hatte er sich von seiner Frau Catherine getrennt, offenbar beleidigt, weil sie ihm in zweiundzwanzig Jahren Ehe nicht nur klaglos zehn Kinder geschenkt und mehrere Fehlgeburten erlitten hatte, sondern auch ohne Murren all seine Nörgeleien und Launen ertragen hatte. So innig war die Zuneigung zu seiner Frau, dass er sich 1857 bei einer Wanderung auf dem Lande, in deren Verlauf wir mehrere Flaschen Wein aus der Gegend genossen hatten, in meiner Gegenwart folgendermaßen über sie äußerte: "Sie ist mir sehr teuer, Wilkie, sehr teuer. Doch insgesamt ist sie doch eher kuhhaft als bezaubernd, eher schwerfällig als feminin ... Ein dumpfes alchemistisches Gebräu aus Gedankenlosigkeit, ständiger Stümperei, schlurfender Schlampigkeit und phlegmatischer Tollpatschigkeit - ein dicker Brei, den nur der Kochlöffel ihres grenzenlosen Selbstmitleids umrühren kann."
Ich bezweifle, dass sich mein Freund noch an diese Worte erinnerte, doch ich hatte sie nicht vergessen.
Es war eine Beschwerde, die Catherine, häuslich gesehen, den Garaus machte. Anscheinend (tatsächlich sollte ich wohl besser sagen, da ich dabei war, als er das vermaledeite Ding erstand) kaufte Dickens der Schauspielerin Ellen Ternan nach unserer Aufführung von The Frozen Deep ein teures Armband, und der trottelige Juwelier stellte es nicht in Miss Ternans Wohnung zu, sondern in Tavistock House, Dickens' Londoner Residenz.
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