Doktorspiele

Doktorspiele

Die Sexualität des Kindes

Hrsg. v. Barbara Burian-Langegger
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Doktorspiele

Knapp hundert Jahre nach Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" ist das Thema Sexualität des Kindes heute kaum weniger aktuell und wird nach wie vor sehr kontrovers diskutiert. Wenn Kinder im Vorschulalter unter Ausschluss einer erwachsenen Öffentlichkeit die Neugier und sexuelle Lust an ihrem Körper entdecken, wissen Eltern und Erwachsene allzu oft nicht, wie sie damit umgehen sollen. Gleichzeitig stoßen Wissenschaftler, die sexuelle Äußerungsformen von Kindern erforschen, nach wie vor auf Hindernisse. Unabhängig von fehlendem oder ausreichendem theoretischen Wissen um die kindliche Sexualität ist heute die Haltung gegenüber der beobachtbaren sexuellen Praxis von Kindern noch immer extrem ambivalent, die mediale Berichterstattung fokussiert vor allem den Missbrauch. Der vorliegende Band sucht Antworten auf zentrale Fragen: Was wissen wir heute über die Sexualität von Kindern?
Was hat sich in den letzten hundert Jahren in unserer Einstellung zur Sexualität des Kindes geändert? Wie wirkt sich die persönliche Einstellung und der gesellschaftliche Umgang auf die Haltung von Eltern, Erziehern und Psychotherapeuten aus? Ist der Mythos des Kindes als 'asexuelles Wesen' ungebrochen?


Produktinformation

  • Verlag: Picus Verlag
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 200 S.
  • Seitenzahl: 200
  • Altersempfehlung: 18 bis 99 Jahre
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 139mm x 25mm
  • Gewicht: 370g
  • ISBN-13: 9783854524953
  • ISBN-10: 3854524951
  • Best.Nr.: 14418918
Barbara Burian-Langegger ist Fachärztin für Kinder- und Jugendlichenheilkunde, Psychotherapeutin, Lehrtherapeutin der österreichischen Gesellschaft für angewandte Tiefenpsychologie und allgemeine Psychotherapie. Seit 2002 ärztliche Leiterin der fünf Institute für Erziehungshilfe (Child Guidance Clinic).§Veröffentlichungen zu: Adoleszenz, Trauma sowie Psychosomatik des Kindesalters.

Leseprobe zu "Doktorspiele"

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Leseprobe zu "Doktorspiele"

"Pippi Langstrumpf tut erstens am Abend im Bett, was man als anständiger Mensch dort vor allem tut, nämlich schlafen. Und zwar schläft sie so, wie die Leute in Guatemala es tun, die Füße auf dem Kopfpolster und den Kopf tief unter der Decke. Zweitens braucht sie sowieso keine Räubergeschichten, denn sie rupft ihr Hühnchen mit Räubern in der Realität, das heißt, sie fesselt diejenigen, die an ihre Schatztruhe wollen, und setzt sie hoch auf Kästen, und wenn sie dann ganz artig geworden sind, schenkt sie ihnen ein Goldstück. Dass Pippi unter der Decke liest, ist übrigens eher unwahrscheinlich, wo sie doch von der Verschriftlichung von Dingen insgesamt nicht allzu viel hält und außerdem zum Beispiel den Buchstaben I noch nicht beherrscht.
Libidinöse Besetzung des Eigenen im Sinne der Individuation war das Stichwort, speziell die libidinöse Besetzung des eigenen Imaginationsvermögens. Wenn es jemanden gibt, der uns genau das, libidinöse Besetzung des Eigenen im Sinne der Individuation, fulminant vorführt, so ist es Pippi Langstrumpf. Lustvoll wird gedacht, geturnt, gedichtet, geklettert, geputzt, geflunkert, werden Kekse gebacken und hohle Bäume erforscht, werden Lehrerinnen genervt und böse Buben auf Äste gehängt. Lustvoll wird im Zirkus der 'schdarke Adolf' vermöbelt, und das ist eine winzige historische Fußnote wert, wurde das Buch doch in den Jahren 1943 und 44 geschrieben.
Symbolisch stellt wohl nichts besser Pippis polyvalente libidinöse Energie dar als die Villa Kunterbunt, jenes Haus am Rande der kleinen, kleinen Stadt, in dem sie, umgeben von einem verwilderten Garten, einem Affen und einem Pferd, wohnt. Alles ist ein wenig schief und zugleich ziemlich geheimnisvoll, das Wasser kommt aus einer Gießkanne, die auf der Veranda hängt, gescheuert wird einmal im Jahr (vielleicht), und wenn einem danach ist, spielt man drinnen 'Boden nicht berühren', - was ohne Zweifel einer Vorstufe des Fliegens gleichkommt. Die Eltern sind weg, das fällt auf, ist doch Pippi erst neun; allerdings sollten die Eltern auch weg sein, das wurde uns eben erst eingeredet. 'Pippi hatte keine Mutter und keinen Vater und eigentlich war das sehr schön, denn so war niemand da, der ihr sagen konnte, dass sie zu Bett gehen sollte, gerade wenn sie mitten im schönsten Spiel war, und niemand, der sie zwingen konnte, Lebertran zu nehmen, wenn sie lieber Bonbons essen wollte.' Das sieht man ein; die Art und Weise, in der die Eltern weggetan werden, ist freilich bemerkenswert. Die Mutter sei gestorben, heißt es, 'als Pippi noch ein ganz kleines Ding war, das in der Wiege lag und so furchtbar schrie, dass es niemand in ihrer Nähe aushalten konnte. Pippi glaubte, dass ihre Mutter nun oben im Himmel sei und durch ein kleines Loch auf ihr Kind runterschaute, und Pippi winkte oft zu ihr hinauf und sagte: 'Hab keine Angst um mich! Ich komm schon zurecht!' Pippis Vater ist Schiffskapitän, segelt über die Meere, und Pippi glaubt, er sei inzwischen König über alle (Pippi sieht man die politisch unkorrekte Formulierung nach) Neger geworden. 'Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!', pflegte Pippi sehr stolz zu sagen. 'Und wenn mein Papa sich nur ein Schiff bauen kann, dann kommt er und holt mich, und dann werde ich eine Negerprinzessin.' Astrid Lindgren hat offenbar ihren Freud gelesen. Aus Paulus Hochgatterers Beitrag:
Was macht die Pfefferpistole in der Villa Kunterbunt? Ein Versuch über Sexualmetaphorik in der Kinderliteratur ..."

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