Leseprobe zu "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" von Wolfgang Herrndorf
Die praktischen Prüfungen waren leicht. Nicht, daß ich Bäume ausgerissen hätte oder so, aber ich konnte sehen, daß das um mich herum auch keiner tat. Die meisten hätte man nach dem ersten Tag aussortieren können. Abends lag ich in der Jugendherberge und starrte die Decke an, den Handtuchspender, den Spiegel.
Ich fand es albern, in dem Alter in einer Jugendherberge, aber ich war nicht der einzige. Zehn oder zwölf Mitbewerber, man erkannte sich an den Mappen.
Am dritten Tag, vor der mündlichen Prüfung, wurde auf meinem Zimmer einer krank. Franco Cosic. Er bekam starkes Fieber und Halsschmerzen, und wir wußten nicht, was wir machen sollten. Er war nicht krankenversichert. Deutsch sprach er nur mit schwerem Akzent. Alle fünf Minuten schmiß er seine Decke auf die andere Seite, schweißgetränkte T-Shirts hingen über ihm am Doppelstockbett wie tibetische Wimpel.
"Meine Lippen brennen,Wahnsinn", sagte er.
Ich ging in die Apotheke, täuschte seine Symptome vor und kam mit einem Schmerzmittel und einer eigentlich rezeptpflichtigen Flasche Hustensaft zurück.
Er starrte mit glasigen Augen durch mich hindurch, während er trank.
"Mein Freund", sagte er.
Der Hustensaft enthielt Codein, und wir ließen die Flasche kreisen. Hendrik, der Dritte auf unserem Zimmer, bekam einen stundenlangen Redeanfall. Er sah aus wie jemand, der in seiner Jugend zuviel Sonic Youth gehört hatte. Er redete von seiner Freundin, von seinem Urlaub, von Politik. Er fand es aufregend, das Tier mit den zwei Rücken und solche Dinge zu sagen.
Zwischendurch legte er immer dem Kranken die Hand auf die Stirn und meinte, es sei seine Pflicht als Arzt, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er die Nacht nicht überstehen würde. Franco lachte verunsichert, und Hendrik sagte, er kenne sich aus, er sei Pfleger an der Berliner Charité.
Ich erinnere mich nicht mehr an viel von diesem Abend, aber wie ein Foto blieb eine Zehntelsekunde in meinem Kopf hängen. Als ich das Licht ausschaltete, zeigte der Spiegel über dem Waschbecken mein seligstes Lächeln. Das kam nicht nur vom Codein. Ich hatte noch nie in meinem Leben Künstler gesehen. Ich hatte eine Reihe von Übermenschen erwartet oder wenigstens Personen mit unglaublich interessanten Ansichten, mit Augen von Holbein oder Mündern von Mengs.
Erleichtert schlief ich ein.
Am nächsten Morgen ging es Franco tatsächlich etwas besser, und er konnte aufstehen. Nur seine Stirn sah aus wie mit Schmirgelpapier bearbeitet, da er sich die ganze Nacht lang die Schweißtropfen mit einem Leinentuch abgewischt hatte. Er fürchtete, wegen seiner mangelhaften Deutschkenntnisse nicht genommen zu werden, und ich beruhigte ihn, indem ich Witze über unsere Mitbewerber machte, Neohippies und Abiturientinnen mit aquarellierten Tagebüchern.
Hendrik war noch so redselig wie am Abend zuvor, und er flog nach einer Minute aus der Prüfung. Dabei war es eigentlich keine Schwierigkeit. Die Prüfungskommission stellte vollkommen belanglose Fragen, es war alles längst entschieden. Mich fragte man, was ich von Paul Klee hielte, und ich antwortete: nichts. Franco wurde gefragt, was er für Ernährungsgewohnheiten habe. Am Nachmittag konnten wir uns immatrikulieren.
Anschließend fuhren wir Hendrik mit dem Mercedes zum Bahnhof. Mein Onkel hatte mir den Mercedes für eine Woche geliehen, damit ich an meinem neuen Studienort gleich alles klarmachen konnte, wie er es ausdrückte. Während der Fahrt fing Hendrik an, durchzudrehen. Er würde nicht aufhören, an seiner Entwicklung zu arbeiten, sagte er. Seine Radierungen seien nicht zu schwach, eher zu subtil, hätten die Professoren gemeint, nächstes Jahr werde er sich erneut bewerben.
"Das ist die korrekte Position", sagte Franco und biß auf seinen Fingernägeln rum.
"Dann bis nächstes Jahr", sagte ich.
Als wir auf dem Gleis standen und Hendrik hinterherwinkten, kamen mir die ersten Zweifel. Der Nürnberger Bahnhof gehört zu den deprimierendsten Bahnhöfen der Welt, alles wie geleckt, wie in einer 5000-Einwohner-Stadt. Ich wußte plötzlich nicht mehr, was ich hier wollte. Franco warf zwei Paracetamol ein und kaufte einen Sixpack am Kiosk, und weil wir uns nirgends hinsetzen konnten, setzten wir uns in den Mercedes und fuhren um die Stadtmauer herum. Aus unerklärlichen Gründen ist diese Stadtmauer komplett erhalten. Es war ein trüber Spätherbsttag. Franco war ganz aufgekratzt und schrie immer "Mein Freund!"
und haute mir beim Fahren auf die Schulter. Er hatte nicht damit gerechnet, die Aufnahmeprüfung zu bestehen.
Den ganzen Abend fuhren wir im Kreis und hielten nur an, um neue Sixpacks zu kaufen.
"Ist ganz Deutschland so", sagte Franco nach einer Stunde. Frustrierende, kleine Straßen. Frustrierende, sandsteinfarbene Fachwerkbauten. Vom Auto aus gesehen war es irgendwie amüsant. Aber länger als fünf Tage hierzubleiben erschien mir verwegen. Franco wollte am nächsten Tag nach Spanien, um seine Wohnung aufzulösen. Als wir noch betrunkener waren, fing er an, von seinem südländischen Temperament zu erzählen (seine Haut war weiß und schorfig wie die eines Polarforschers), und noch später warf er die Arbeiten aus dem Fenster, die er während der praktischen Prüfung gemacht hatte.
"Kannst du nichts mitnehmen!" rief er, und große, schmierige Pappen segelten hinter uns durch die Nacht.
Nach der einunddreißigsten Umrundung der Stadtmauer blieb das Auto liegen, mitten auf der Straße, ohne Vorwarnung. Wir lagen vor einem Platz, der Plärrer hieß, an der südwestlichen Ecke der Altstadt, und Franco fing an zu kichern. Er lachte, er zeigte mit dem Finger auf das Straßenschild und lachte, und ich lehnte mich über das Lenkrad nach vorn und schloß die Augen. Nichts passierte. Der Verkehr floß um das Hindernis, die Tram versetzte den Wagen in Schwingun- gen, aber nichts passierte. Nicht mal hupen konnten sie hier.