Die Welt der Encyclopedie - Diderot, Denis

Denis Diderot 

Die Welt der Encyclopedie

Aus d. Französ. v. Holger Fock, Theodor Lücke, Eva Moldenhauer u. a. Ausw. berühmter Beitr. aus d. v. Diderot hrsg. Encyclopedie m. neuen Essays zeitgenöss. Autoren

Mitwirkender: Wieland, Rainer; Selg, Anette
Buch mit Leinen-Einband
 
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Die Welt der Encyclopedie

Im ersten Jahr des neuen Jahrtausends feiert ein Werk seinen 250. Geburtstag, das wie kein anderes zum Synonym für die europäische Aufklärung geworden ist: die "Encyclopedie ou dictionnaire raisonne des sciences, des arts et des metiers", konzipiert und herausgegeben von Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert.
Von den sterilen und langweiligen Lexika unserer Zeit, deren Inhalt immer schneller veraltet, unterscheidet sich die "Encyclopedie" radikal: Ihren Autoren ging es nicht nur darum, ein Kompendium des damaligen Wissens zu erstellen, ihr Ziel war es, die Welt neu zu denken. Das macht die Lektüre auch heute noch, wo uns der Gedanke, die Menschheit könne durch Wissen glücklicher werden, immer kühner erscheint, zum Vergnügen.
Aber wird die "Encyclopedie" überhaupt noch gelesen? Die einzige deutsche Auswahlausgabe, 1972 in Leipzig erschienen, gab dazu wenig Anlaß. Sie war tapfer, ließ jedoch viele Wünsche offen. Höchste Zeit also für eine neue Edition, die wissenschaftliche n Ansprüchen genügt.
"Die Welt der Encyclopedie" wird die wichtigsten Artikel Diderots enthalten, der mit mehreren tausend Einträgen einen Löwenanteil der Arbeit übernahm. Neben seinen brillanten polemischen Beiträgen kommen auch die berühmten Mitstreiter wie Rousseau, Voltaire und Montesquieu zu Wort. Auch die ketzerischen Kassiber werden nicht fehlen, die immer wieder die Zensur auf den Plan riefen. Das Hauptkriterium der Auswahl ist jedoch die Überlegung, was uns aus diesem riesigen Steinbruch des Lebens heute noch interessieren kann, welche der 72.000 Artikel gehören zum HANDGEPÄCK FÜR DAS DRITTE JAHRTAUSEND?
Auf diese leitende Frage antworten die Herausgeber mit einem besonderen Clou: Sie haben zeitgenössische wilde Denker und Wissenschaftler aus aller Welt, die "Diderots von heute", gebeten, zu ausgewählten Stichwörtern eigene Artikel - Repliken, Fortschreibungen, Polemiken - zu verfassen. Beiträge haben unter anderen geliefert: Aleida und Jan Assmann, Hans Belting, Erwin Charga ff, Margriet de Moor, Lars Gustafsson, Alexander Kluge, Jutta Limbach, Michael Krüger, Javier Marias, Tzvetan Todorov und Anton Zeilinger.
Fünfhundert Seiten aus der "Encyclopedie" sind neu übersetzt, vorhandene Texte durchgesehen und revidiert worden. Eingeleitet wird der Band durch einen Essay von Robert Darnton, der die heroische Editionsgeschichte des Werkes nachzeichnet; eine Zeittafel und ein Literaturverzeichnis ergänzen die Edition. Ein so außergewöhnliches, wissenschaftliches Projekt verlangt nach einer außergewöhnlichen Gestaltung. "Die Welt der Encyclopedie" erscheint als Sonderband der ANDEREN BIBLIOTHEK im Folio-Format, in rotes Leinen gebunden, in ähnlicher Ausstattung wie die 1998 erschienene Neuübersetzung der "Essais" von Montaigne. Die neuverfaßten Beiträge werden nicht separat veröffentlicht, sondern typographisch hervorgehoben in die alphabetische Abfolge der Artikel integriert. Die direkte Konfrontation von alten Erkenntnissen mit neuen Einsichten läßt das monumen tale Werk der Aufklärung in neuem Glanz erstrahlen.


Produktinformation

  • Verlag: Eichborn
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 496 Seiten - 22 x 30, 5 cm
  • Seitenzahl: 484
  • Die Andere Bibliothek
  • Deutsch
  • Abmessung: 310mm x 230mm x 29mm
  • Gewicht: 1807g
  • ISBN-13: 9783821847115
  • ISBN-10: 3821847115
  • Best.Nr.: 09837311
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 06.11.2001

Rundherum, das ist schwer
Noch einmal im Kreis: Die Enzyklopädie / Von Achim Bahnen

Der rühmlichste Zeitpunkt für ein derartiges Werk", schreibt Denis Diderot in seinem Artikel "Enzyklopädie", dem Rechenschaftsbericht des von ihm verantworteten gleichnamigen Mammutwerkes, "wäre der Moment unmittelbar nach einer großen Umwälzung, die den Fortschritt der Wissenschaften aufgehalten, die Leistungen der Künste unterbrochen und einen Teil unserer Hemisphäre wieder in Finsternis getaucht hätte." So schlecht scheint der Zeitpunkt also nicht gewählt zu sein, zu dem in der "Anderen Bibliothek" von Hans Magnus Enzensberger ein großformatiger Prachtband über "Die Welt der Enzyklopädie" vorgelegt wird. Der Anlaß freilich war erfreulich: Vor zweihundertfünfzig Jahren erschien der erste Band der "Encyclopédie, ou Dictionnaire Raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers". Als Anette Selg und Rainer Wieland das gegenüber dem Original winzig erscheinende, aber immer noch beeindruckende Unternehmen auf sich nahmen, eine um neue Beiträge vermehrte Auswahl zu edieren, konnten sie nicht ahnen, daß der Leser das im Vorwort gebrauchte Bild einer Arche …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Die Rezensentin Ursula Pia Jauch führt am Anfang ihrer Besprechung in die früheste deutsche Rezeptionsgeschichte der Enzyklopädie ein: So hätte Herder die Enzyklopädie als Beweis für den Verfall des französischen Geistes gesehen - gleichsam eine Bankrotterklärung der französischen Intellektuellen. Dieses Buch nun ( ein Band!) versammle nicht nur eine Auswahl von Artikeln der großen Aufklärer, sondern überdies auch noch einige zeitgenössische Aufsätze, wie Jauch informiert. So freut sie sich nicht nur über die radikale Aktualität mancher Artikel, sondern auch über gelungenen Aktualitätsbezüge der eingestreuten neuen Artikel. Enzensberger, der von der Enzyklopädie als einem 'unentbehrlichen geistigen Handgepäck für das dritte Jahrtausend', spricht, wird von Jauch gelobt, dass dies "wohl gesprochen und gut gemeint" sei.

© Perlentaucher Medien GmbH
Rainer Wieland studierte Literaturwissenschaften, Publizistik und Geschichte. Er lebt und arbeitet als Lektor, Herausgeber und Autor in Berlin.

Leseprobe zu "Die Welt der Encyclopedie" von Denis Diderot

Christina von Braun über ADAM: Lieber aufgeklärter Adam, eines verwundert mich doch zutiefst. Du hast sie alle über Bord geworfen: die Pfaffen, den Weihrauch, das wundersame Geschehen bei der Konsekration der Hostie. Dennoch spürt man in jedem Satz, in jeder Volte Deines Denkens, wie tief Du in den christlichen Traditionen verwurzelt bist. Du betrachtest das Christentum als veraltet und abergläubisch- und zugleich sprichst Du von der Überlegenheit der christlichen Zivilisation gegenüber anderen Völkern und Religionen. Könnte es sein, lieber Adam, daß Du nur eine modernere Form von Christentum im Auge hattest? Gib zu, alter Freund, eigentlich hast Du die Pfaffen nur deshalb vertrieben, damit Du Deine eigene Kathedrale bauen kannst! Aber Du suchst Dir nicht mal eine neue Baustelle. Gerade Deine Charakterisierung der "Frau" legt diese Vermutung nahe ...

CHRISTINA VON BRAUN ist Professorin für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin.

ANARCHIE Anarchie (Politik). Unordnung in einem Staat, die darin besteht, daß niemand genügend Autorität besitzt, um zu befehlen & für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen, so daß folglich das Volk ohne jede Unterordnung & Aufsicht tut, was es will.

Man kann behaupten, daß im allgemeinen jede Regierung entweder dem Despotismus oder der Anarchie zustrebt. Diderot ARBEIT Travail (Grammatik). Tägliche Verrichtung, zu welcher der Mensch durch seine Bedürftigkeit verurteilt ist & der er gleichzeitig seine Gesundheit, seinen Unterhalt, seine Heiterkeit, seinen gesunden Verstand & vielleicht seine Tugend verdankt. Die Mythologie, die sie als ein Übel ansah, ließ sie aus Erebos, der Finsternis, hervorgehen.

BERBEREI Barbarie (Geographie). Großer Landstrich Afrikas zwischen dem Atlantik, dem Mittelmeer, Ägypten, Nigritien & Guinea. Ihre Länge von Osten nach Westen ist beträchtlich, ihre Breite jedoch variiert. Ihre wichtigsten Teile sind die Königreiche von Tripolis, Tunis, Algier, Fez, Marokko, Tafilet & die Wüste Sahara. Der Handel von Timbuktu, der Hauptstadt von Gagho, geht auf sonderbare Weise vonstatten, er besteht im Tausch von Gold gegen Salz. Der Händler legt sein Salz auf Schilfmatten auf die Erde & zieht sich zurück; der Neger kommt, prüft den Salzhaufen, der ihm genehm ist, legt soviel Goldstaub neben ihn, wie er dafür geben will, & zieht sich seinerseits zurück. Der Händler tritt heran: ist er mit der Goldmenge einverstanden, so nimmt er eine Handvoll Salz & legt sie neben das Gold; ist er nicht zufrieden, so legt er nichts hin, dann zieht er sich zurück. Der Neger tritt heran & nimmt sein Salz mit oder erhöht die Goldmenge oder nimmt sein Gold weg. Das alles geschieht, ohne daß ein Wort gesprochen wird. Das Schweigen ist vom Gesetz vorgeschrieben als das einzige Mittel, Streitigkeiten unter den Händlern vorzubeugen, & wird strikt befolgt.

Diderot BLITZ - Foudre (Grammatik & Physik). Entzündete Materie, die laut & heftig aus einer Wolke schlägt. Der Blitz kommt in Gegenden, wo der Boden mehr Schwefel ausdünstet, sehr viel häufiger vor, während er in -- feuchten, kalten & mit Wasser bedeckten Ländern selten ist. In Ägypten & Äthiopien ist der Boden nicht schwefelhaltig, so daß der Blitz in diesen Ländern selten ist. Die Alten sagten sprichwörtlich: Die Äthiopier fürchten den Blitz so wenig wie die Bewohner Galliens ein Erdbeben. Italien dagegen ist ein sehr schwefelhaltiges Land, weshalb es für den Donner sehr anfällig ist. Aus diesem Grunde auch donnert es in Jamaika das ganze Jahr über. Viele Flüssigkeiten gären unter dem Einfluß des Blitzes; andere hören auf zu gären wie der Wein & das Bier; andere verderben wie die Milch. Diese so einfachen Erscheinungen sind sehr schwer zu erklären & wir versuchen es auch nicht, Man kann den Blitz durch Kanonenschüsse ablenken. Der Ton der Glocken ist ein sehr viel weniger sicheres Mittel: manchmal schadet er mehr, als er nützt, denn er läßt die Wolke über dem Ort, an dem man die Glocke läutet, aufplatzen, statt sie abzulenken. d'Alembert Detlef Linke über das HIRN: Der Anatom Tarin beschrieb das Gehirn 1750 von der Form her als eine Ellipse, wobei er sicherlich an den Blick auf das Gehirn von oben dachte, dies ist schließlich auch die Perspektive, von der her sich dem Pathologen bei der Schädelöffnung das Gehirn darstellt. Tarin hatte damit eine präzise Beschreibung geliefert, die uns heute in den Begriffen der Hirnhemisphären, also Hirnhalbkugeln, verloren gegangen zu sein scheint. Der Drang, das Gehirn als geschlossene Kngel wahrzunehmen, hat sich gegenüber der augenfälligen Erscheinung des Ovals durchgesetzt. Offenbar hat einer der Leitgedanken der abendländischen Kultur, alles in einem Kreis mit einem Mittelpunkt umfassen zu können, die Vorstellung einer zweizentrischen Ellipse nicht tolerieren können.

Hätte man Tarins Beobachtung ernst genommen, dann wäre die Encyclopédie eigentlich in Enellipsopädie umzubenennen gewesen. Heute, nach den Debatten um das Unbewußte und der Weiterentwicklung der Hirnforschung, wissen wir, daß sich das Wissen um ein zweites Zentrum bewegt, so daß wir keine beliebige Verfügbarkeit besitzen...

DETLEF LINKE ist Mediziner und Professor für Klinische Neurophysiologie an der Universität Bonn. Zum Thema Gehirn hat er mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt: Einsteins Doppelgänger. Das Gehirn und sein Ich.

IDIOT Idiot (Grammatik). Idiot, wird genannt, bei wem die Organe, die dem Wirken der Urteilskraft dienen, von Natur aus so schwach sind, daß er nicht imstande ist, den geringsten Gedanken zu bilden, so daß seine Verfassung in dieser Hinsicht beschränkter zu sein scheint als die eines Tieres. Der Unterschied zwischen dem Idioten & dem Dummkopf scheint mir darin zu liegen, daß man als Idiot zur Welt kommt, während man zum Dummkopf wird. Das Wort Idiot kommt ...(aus dem Griechischen und bedeutet)... soviel wie Privatmann (....), der ein zurückgezogenes Leben fern von Regierungsgeschäften führt. Einen solchen würden wir heute einen Weisen nennen. Ein berühmter Mystiker hatte aus Bescheidenheit die Eigenschaften des Idioten angenommen, die ihm weit besser zu Gesicht standen, als er dachte.

Diderot INTELLEKTUELLE Gens de lettres (Philosophie & Literatur). Einer der großen Vorzüge unseres Jahrhunderts ist die große Anzahl gebildeter Menschen, die von den Dornen der Mathematik zu den Blumen der Dichtkunst übergehen & gleichermaßen ein Buch über Metaphysik wie ein Schauspiel beurteilen können. Der Geist des Jahrhunderts hat sie für die Gesellschaft zumeist ebenso befähigt wie für das Studierzimmer, & darin sind sie jenen aus den vorausgegangenen Jahrhunderten weit überlegen. Noch zur Zeit von Jean-Louis Guez de Balzac & Vincent Voiture fanden die Intellektuellen in der Gesellschaft keine Beachtung, inzwischen sind sie ein notwendiger Teil von ihr geworden. Die vertiefte & geläuterte Vernunft, die viele von ihnen in ihren Schriften & Gesprächen verbreiteten, hat sehr zur Bildung & Verfeinerung der Nation beigetragen. Ihre Kritik erschöpfte sich nicht mehr in der Auseinandersetzung mit griechischen & lateinischen Ausdrücken, sondern hat, auf eine vernünftige Philosophie gestützt, all die Vorurteile zertrümmert, mit denen die Gesellschaft behaftet war: astrologische Vorhersagen, hellseherische Prophetie, Hexerei aller Art, Wunderglaube, Geisterkontakt, abergläubische Praktiken. Sie verwies Tausende von kindischen Disputen aus den Sälen, die früher gefährlich waren, nun aber in ihrer Schändlichkeit entlarvt wurden. Damit haben sie dem Staat tatsächlich gedient. Bisweilen staunt man darüber, daß etwas, das einst die Welt bewegte, heute niemanden mehr aufregt.

Wir sind den wahren Intellektuellen dafür zu Dank verpflichtet.

Es gibt viele Intellektuelle, die keine Schriftsteller sind, & wahrscheinlich sind sie am glücklichsten. Sie sind sicher vor den Widerwärtigkeiten, die der Beruf des Schriftstellers manchmal mit sich bringt, den Streitigkeiten, die aus Konkurrenz entstehen, den Feindseligkeiten der Gegner & Falschurteilen. Sie sind sich untereinander mehr einig & genießen das gesellschaftliche Leben mehr. Sie fällen die Urteile & die anderen werden beurteilt. Voltaire

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