Leseprobe zu "Die Tochter des Lichts / Das magische Land Bd.3"
Der König war tot. Die See hatte ihn verschlungen und mit ihm all seine Magie und alle verräterischen Gedanken und Pläne, die er gehegt hatte. Sein Königreich war frei.
Die junge Königin segelte auf den Schwingen eines Sturms übers Meer in die sonnendurchflutete, klirrende Kälte. Sie wurde getragen von einer Woge aus wilder Magie; Heerscharen von Wildvolkwesen flogen, schwammen und tauchten über, neben und unter dem Schiff, das sie trug. Die Luft war voll von Flügeln, Krallen und schrillen, gespenstischen Schreien, untermalt von entferntem, kaum auszumachendem Gleiten von Schuppen.
Sie ließen sie mit ihrer Eskorte an einer öden, steinigen Küste zurück, flatterten über ihr, als wollten sie ihr den Weg zeigen. Sie stand auf dem Kiesstrand, erdgebunden und bis ins Innerste erschüttert, als die Last des Königreichs sie mit voller Wucht niederdrückte.
So viel Dunkelheit. So viel Leid. So viele verlorene Leben, geraubte Seelen, gebrochene Herzen und Geister. Beim Guten Gott und all seinen Heiligen, wer war sie, um all das auf sich zu nehmen?
Sie nahm all ihre Kraft zusammen und richtete sich auf. Ihre Männer waren ihr vorausgegangen, einige um ein Gefühl für das Land zu bekommen, andere um ihre Landsleute zu begrüßen, die auf dem steinigen Strand warteten.
Es waren weder die Ritter der Rose, die sie erwartet hatte, noch stammten sie aus ihrem eigenen Herzogtum Quitaine.
Dies waren Krieger und keine Magier, und sie standen unter dem Befehl einer Frau, deren Kleidung aus feinem Wollstoff und Pelz bestand. Das Gesicht unter der Kapuze war ihr vertraut, sie hatte aber nicht damit gerechnet.
Als das Schiff, das sie übers Meer getragen hatte, beidrehte, um mit der Flut zurück nach Prydain zu segeln, fand sich Averil in einer parfumgeschwängerten Umarmung wieder. "Mathilde", sagte sie, nachdem sie sich aus der Umarmung befreit hatte. "Gibt es Schwierigkeiten?"
Ihre alte Verbündete vom Königshof lächelte ihr zwar zu, dennoch blickten ihre Augen sorgenvoll. "Es war klug von Euch, schleunigst und in aller Stille herzukommen, Hoheit", sagte Mathilde. "Kommt, wir bringen Euch an einen sicheren Ort, wo Ihr Euch aufwärmen könnt. Dann werden wir Euch alles berichten."
Averil schaute den Befehlshaber ihrer Wachen an. Mauritius wirkte nicht minder besorgt als Mathilde. Genau wie alle anderen, sowohl jene, die an Land gewartet hatten, als auch jene, die mit übers Meer gekommen waren.
Sie hatte sich seit der Abfahrt in Prydain in sich selbst zurückgezogen. Der König war tot; es gab ein Königreich, auf dessen Herrschaft sie ein Anrecht hatte und dessen Heilung und Erneuerung ihr oblag. All ihr Sinnen und Streben war darauf ausgerichtet gewesen, was sie tun und wie sie es zu Wege bringen würde.
Nun öffnete sie die Augen und sah, was ihre Eskorte bereits beobachtet und erkannt hatte - seit wann schon?
Nicht allzu lange, sonst hätten sie alles darangesetzt, um sie von der Reise übers Meer abzuhalten. Sie schaute in ihr Inneres, ein glänzendes Gewebe aus Magie, das sie mit der Magie der Ritter der Rose verband, wo auch immer sie überlebt hatten.
Sie hatten sie schützen und von der Furcht abschirmen wollen. Als sie nun wahrnahm, was sie sahen, konnte sie ihre Beweggründe fast verstehen.
Fast. Sie nickte entschlossen. "Lasst uns gehen", sagte sie.
Ein Pferd stand für sie bereit, die Zügel hielt ihr eigener Knappe aus dem Orden der Rose - sie sollte nicht so von ihm denken, aber es war die einzige Wahrheit, die sie beide kannten. Gereints graue Augen waren wachsam, beurteilten jeden Mann und behielten ihn im Gedächtnis; sie beurteilten auch Mathilde mit einer Intensität, die Averil erschauern ließ.
Er hätte sie warnen sollen, doch es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um darüber zu sprechen.
Er hob sie ohne Mühe in den Sattel. Seine Berührung dauerte nicht länger als nötig. Obwohl sie zornig auf ihn war, wünschte sie, dass sie nicht so schnell vorbei gewesen wäre. Manchmal war er einfach klüger als sie.
Sie ergriff die Zügel. "Folgt mir", sagte sie.
Das Land war krank.
Die anderen wussten von der Seuche, die über ihm wütete, aber nicht von der tieferen Krankheit unter der Erde. Das war nichts Neues für Gereint: Seine Augen erkannten Dinge, wenn der Rest der Welt für sie blind war. Averil fühlte es, weil er es fühlte; es bedrückte ihre Seele, was wiederum seinen Mut sinken ließ.
Das Land war krank, und der Tod des Königs hatte es nicht heilen können. Selbst durch die Rückkehr der Rose ins Herz des Königreichs und die machtvolle Präsenz der Ritter an Orten, wo der Orden zerstört und niedergeschmettert worden war, wurde die Dunkelheit kaum erhellt.
Nach der Rückkehr der Königin nach Lys verbrachte ihre Eskorte die erste Nacht in einem ehemaligen Ordenshaus der Rose. Seine Wände standen noch; das Dach war zwar angesengt, aber größtenteils noch unbeschädigt. Averils Ritter schritten die Mauern ab und stellten die Schutzzauber wieder her, indem sie überall Glas und Kristallstückchen aufhängten, wo sich einst Fenster und Türen befunden hatten.
Als die Sonne unterging und den Sternen wich, die wie himmlische Schutzzauber glitzerten, versammelten sie sich um ein Feuer, das zur Hälfte von menschlicher Hand gemacht und zur Hälfte voller Magie war. Nach ihrem bescheidenen Nachtmahl hatten sich die meisten Männer entweder auf ihre Wachposten begeben oder sich eine geschützte Ecke zum Schlafen gesucht.
Averil gewährte diese Annehmlichkeit weder den Rittern noch der Gräfin. Gereint schlief nicht, während sie wachte, und zwei der anderen - der Knappe Riquier und der Novize Ademar - blieben unschlüssig stehen, bis Averils Blick sie in ihren Bann zog.
Sie ließ sie warten, während sie jeden Einzelnen studierte. Einige hielten ihren prüfenden Blicken besser stand als andere. Nur Mathilde wirkte gelassen; eingehüllt in ihren warmen Pelz nippte sie genüsslich an ihrem gewürzten Wein.
Endlich fragte Averil: "Sagt mir, Messires, verehrte Mathilde, wann hattet Ihr die Absicht, Eure Königin über die Seuche in ihrem Königreich zu informieren?"
Es war Mauritius, der antwortete. "Als Ihr bereit wart, habt Ihr das Wissen zur Kenntnis genommen, Hoheit."
Das war ein Vorwurf, mochte er auch noch so vorsichtig formuliert sein. Averil war nicht gewillt, sich durch den Affront verunsichern zu lassen. "Ja, ich habe es zur Kenntnis genommen. Hat man mich etwas Falsches gelehrt? Auf der Insel habe ich gelernt, dass beim Tod eines bösen Zauberers all sein Hexenwerk mit ihm zu Grunde geht. Die Untoten, die er schuf, die schändlichen Ränke, die er schmiedete - all das Böse sollte ungeschehen sein. Nur das Werk der Orden besteht über den Tod hinaus, für immer eingeschlossen in Glas. Ist das eine Lüge? Oder habe ich es falsch verstanden?"
"Es ist keine Lüge, Hoheit", sagte Mauritius.
"Tatsächlich? Aber als ich aus meinem sanften, behüteten Schlummer erwachte, stellte ich fest, dass es genauso schlecht um mein Königreich steht wie unter der Herrschaft meines Onkels."
"Vielleicht ist es nicht ganz so schlimm wie damals", sagte ein anderer Ritter, der große und sanftmütig wirkende Gelehrte Alain. "Der König hinterließ große Verwirrung, Armeen ohne Befehlshaber, Männer, die ihrer Seele und ihres Verstandes, aber nicht ihres Atems beraubt wurden. Es ist eine große Plage, und sie muss beseitigt werden. Aber ohne seine Führung kann das Chaos nicht weiterwachsen."
"Wisst Ihr das genau?", fragte sie. "Seid Ihr Euch sicher? Der König war nicht der einzige Schlangenmagier auf der Welt. Eine Gruppe von ihnen, ein Hexenzirkel, wenn Ihr so wollt, könnte Chaos und Verheerung anrichten mit den Werken, die er hinterlassen hat."
"Das könnten sie", sagte Alain, "aber Verschwörungen brauchen Zeit. Umso mehr, wenn es sich um eine magische Verschwörung handelt. Eure schnelle Handlungsweise, so wenig sie uns ursprünglich gefiel, wird sie überrumpelt haben." "Das hofft Ihr", sagte sie."Hoheit", sagte Mauritius, "wenn Ihr glaubt, dass Ihr in Gefahr seid, das Schiff ist noch nicht weit fort. Wir werden es zurückrufen;
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