Leseprobe zu "Die Suche nach Sicherheit" von Eckart Conze
Geschichte ist immer Gegenwart. In jeder Gegenwart verändert sich die Geschichte, weil jede Zeit neue Fragen an die Vergangenheit stellt. Grundsätzlich gilt das für alle historischen Epochen, ganz besonders aber für die Zeitgeschichte, die wir als unmittelbare Vorgeschichte unserer Gegenwart verstehen können. Hans Rothfels, einer der Begründer der deutschen Zeitgeschichtsforschung, hat sie die "Epoche der Mitlebenden" genannt. Zeitgeschichte ist Gegenwartsgeschichte. Der Impuls der Gegenwart wirkt sich daher in besonderem Maße auf die Zeitgeschichtsschreibung aus. Sie ist geprägt vom Anspruch des Zeithistorikers, durch seine Analyse zur Erklärung der Gegenwart beizutragen, indem er ihr die historische Gewordenheit seines Gegenstandes - im vorliegenden Fall die Bundesrepublik Deutschland - darstellt. Deshalb steht am Anfang dieser Geschichte nicht Konrad Adenauer, nicht der 8. Mai 1945 und auch nicht die Teilung der Nation. Am Anfang steht die Bundesrepublik Deutschland an der Schwelle zum siebten Jahrzehnt ihres Bestehens. Damit übertrifft sie an Jahren jede deutsche staatliche Ordnung des 19. und 20. Jahrhunderts, auch das Kaiserreich und sogar den Deutschen Bund, von der Weimarer Republik und dem "Dritten Reich" gar nicht zu reden.
Erfolgsgeschichten Bereits die schiere Lebensdauer der Bundesrepublik lässt ihre Geschichte als Erfolgsgeschichte erscheinen, und in der Tat: Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 19., vor allem aber des 20. Jahrhunderts ist der sechzigste Jahrestag ihrer Gründung ein außergewöhnliches Ereignis. Mit dieser Stabilisierung, die sich bereits in den ersten Nachkriegsjahrzehnten abzeichnete, haben sich schon viele Historiker ausgiebig beschäftigt und in vielfältiger Variation die Geschichte einer Normalisierung als Stabilisierung erzählt. Ausgangs- und Referenzpunkt der Darstellungen waren immer wieder das Jahr 1945 und die Fragen: Wie konnte eine Gesellschaft im Schatten des Nationalsozialismus, im Schatten des Zweiten Weltkriegs und der mit ihm untrennbar verbundenen Menschheitsverbrechen Normalität entwickeln? Wie konnte angesichts der deutschen Teilung eine stabile staatliche Ordnung entstehen? Noch lange nach ihrer Gründung, ja bis in die 1970er Jahre hinein, galt den Zeitgenossen der "Erfolg" der Bundesrepublik keineswegs als sicher. Die Erfolgsgeschichte war letztlich eine Geschichte der ausgebliebenen, ja der vermiedenen Katastrophe - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es hätte durchaus anders kommen können bei dieser "Vergangenheitshypothek" und der Belastung durch die Spaltung Deutschlands.
Wann die Bundesrepublik zur Normalität zurückgekehrt sei beziehungsweise eine neue, eigene Normalität gefunden habe, dazu vertraten die Historiker ganz unterschiedliche Ansichten. Waren Entstehung und Anerkennung eines postnationalen Staates das zentrale Merkmal der Normalisierung, oder brachte erst die Wiedervereinigung von 1990 die lang ersehnte Normalität? Ein Zeichen von Normalisierung stellte auf jeden Fall das bis in die 1980er Jahre hinein keineswegs selbstverständliche Eingeständnis dar, dass "die Bundesrepublik Deutschland ... eine Geschichte hat". Es besiegelte historiographisch das Ende der Bundesrepublik als Provisorium. Nicht zufällig wurde in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, als durch die Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel die deutsche Teilung und die Eigen- und Einzelstaatlichkeit der westdeutschen Republik bestätigt schienen, eine große und repräsentative fünfbändige Darstellung der Geschichte der Bundesrepublik konzipiert. Freilich fehlte dem großen Werk, das bis ins Jahr 1982 führte, der darstellerische und analytische Fluchtpunkt der Jahre 1989/90. "Was derzeit möglich ist, sind lediglich Ausblicke und Suchbilder. Niemand weiß, welchen Gang die Geschichte nehmen wird, und die konzeptionelle Ratlosigkeit ist hier wie dort groß", schrieb Joachim Fest 1987 in seinem die Buchreihe abschließenden Essay mit spürbarem Unbehagen.
Zwei Jahre später eröffneten die friedliche Revolution in der DDR, der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und das Ende des Kalten Krieges ungeahnte Spielräume, und die von Fest beklagte "konzeptionelle Ratlosigkeit" wich einer Vielzahl zum Teil widerstreitender Konzeptionen. Sie alle verband die Tendenz, die vierzigjährige Geschichte der Bundesrepublik - wie auch der DDR - als Vorgeschichte zu deuten und auf 1989/90 auszurichten. Die genetische Perspektive, die von 1945 her dachte, wurde abgelöst durch eine teleologische, die auf 1990 zulief. Das erinnerte an Jacob Burckhardts Diktum von 1872, also kurz nach der Reichsgründung, dass nun binnen weniger Jahre "die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch Erfolgsgeschichten 11 angestrichen und auf 1870 bis 71 orientiert sein wird". Andreas Wirsching hat am Ende des von ihm verfassten, erst 2006 erschienenen sechsten Bandes der von Bracher, Eschenburg, Fest und Jäckel herausgegebenen Geschichte der Bundesrepublik auf die Versuchung hingewiesen - zu der eine gewisse Bequemlichkeit hinzukommt -, "die Geschichte der Bundesrepublik durch die Brille einer >Whig interpretation of history< zu betrachten", die Vergangenheit also nur als rein gegenwartsbezogene Fortschrittsgeschichte zu deuten.
Die nach 1990 verfassten und durchaus von unterschiedlichen Leitperspektiven bestimmten Erfolgsgeschichten wurden stets auf ein Ziel ausgerichtet: auf die Ereignisse der Jahre 1989/90. Nicht 1945 war der zentrale Referenzpunkt, sondern 1990. Das war insofern nicht unproblematisch, als die Perspektive auf die Wiedervereinigung zu einer erfolgsgeschichtlichen Interpretation verführen konnte, bei der Konflikte, Problemlagen, Widersprüche oder Defizite der Bundesrepublik tendenziell harmonisierend in einer "Großen Erfolgserzählung" aufgehoben werden. In einer solchen Sichtweise werden, um nur ein Beispiel zu nennen, Adenauers Westpolitik und Brandts Ostpolitik retrospektiv miteinander verknüpft. Die scharfen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, welche die 1950er und die 1970er Jahre charakterisierten, und die politischen und ideellen Grundkonflikte, auf die sie verwiesen, werden marginalisiert. Das birgt die Gefahr einer rein affirmativen Bestätigung von politischem Handeln.
Als Erfolgsgeschichte lässt sich auch die Integration der Bundesrepublik in den Westen darstellen. Der "Abschied von den Sonderwegen", das Ende des "langen Wegs nach Westen", kann auch nationalhistorisch angelegt sein mit dem glücklichen Ausgang, dass 1990 Freiheit und Einheit, die in der deutschen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert miteinander rangen, versöhnt wurden. Für wieder andere hat die "Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik" mit der nationalen Entwicklung, mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten eher wenig zu tun, im Gegenteil: "Der Weg der >alten< Bundesrepublik führte von der deutschen Misere in die westliche Welt, und diese >Ankunft im Westen< wird auch durch das Ende der DDR und die Wiederherstellung der nationalen Einheit nicht rückgängig gemacht werden." Dieses Voranschreiten auf dem Weg nach Westen, die Prozesse der "Westernisierung", der Liberalisierung oder der Zivilisierung sind in den letzten Jahren vielfach dargestellt und analysiert worden, und nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit der Meistererzählung des deutschen Sonderwegs ist daraus eine neue, eine bundesrepublikanische Meistererzählung entstanden, die nicht nur in der deutschen Zeitgeschichtsforschung, sondern auch in der deutschen Öffentlichkeit erhebliche Wirkung entfaltet hat.
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