Die Stadt der Sehenden - Saramago, José

José Saramago 

Die Stadt der Sehenden

Roman

Übersetzung: Gareis, Marianne
Broschiertes Buch
 
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Die Stadt der Sehenden

"Ein sehr mutiges Buch ... geschrieben mit eigensinniger Weisheit und frischer Wut." -- DIE ZEIT

Bei einer politischen Wahl erhalten die Politiker eines namenlosen westlichen Landes eine schallende Ohrfeige: Fast alle abgegebenen Stimmzettel sind weiß! Entrüstet schlagen sie mit aller Kraft zurück: Der Ausnahmezustand wird verhängt, eine Mauer um die Stadt gezogen und schließlich jegliche behördliche Gewalt aus der Stadt abgezogen. Doch die Menschen arrangieren sich damit hervorragend und leben friedlich wie bisher. Die missachtete Staatsmacht muss also zu drastischeren Maßnahmen greifen ...


Produktinformation

  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 382 S.
  • Seitenzahl: 384
  • rororo Taschenbücher Bd.24082
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 116mm x 30mm
  • Gewicht: 332g
  • ISBN-13: 9783499240829
  • ISBN-10: 3499240823
  • Best.Nr.: 20944318
"Ein sehr mutiges Buch, geschrieben mit eigensinniger Weisheit und frischer Wut." (Die Zeit)

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Evelyn Finger ist baff angesichts des Mutes und der "frischen Wut" des 83-jährigen Saramago. Ihre Besprechung liest sich wie eine Danksagung an den großen alten Mann der Literatur für einen "radikalen Ideenroman", eine Festung " gegen die ideologischen Attacken eines demokratischen Staatsapparates und einen Aufruf zu moralischer Integrität. Staunend erklärt Finger uns die Funktionsweise der politischen Parabel um einen Volksaufstand in einem fiktiven Staat, ein "rhetorischer Hyperrealismus", der, so Finger, das Erzählte plausibel werden lässt. Dass der Roman den Leser in einem "Wald aus Reflexionen" allein lässt, scheint die Rezensentin nicht zu stören. Das Wenige, was sich ereigne, erklärt sie, wirke dadurch umso drastischer.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 10.04.2006

Putsch der Politikverdrossenheit
José Saramagos Parabel auf das Kreuz mit den Stimmzetteln

Stell Dir vor, es ist Demokratie und keiner geht hin. Verkürzt ließe sich so José Saramagos jüngster Roman beschreiben. In einem westlichen Staatswesen, an dessen Namen sich der Erzähler in bester cervantinischer Manier nicht erinnern möchte, führt die Kommunalwahl zu einem verstörenden Ergebnis. Während sich die Landbevölkerung in "vorbildlich demokratischer" Weise verhält, proben die Bürger der Hauptstadt einen unerwarteten Aufstand: Siebzig Prozent der Wahlscheine werden frei jeder Ankreuzung in die Urnen geworfen. Verdattert annulliert die Regierung das Ergebnis und ruft zu einem neuen Wahlgang auf. Das Resultat ist niederschmetternd. 83 Prozent der Stimmzettel weisen nun ein blütenreines Weiß auf. Da sich dadurch jede der politischen Parteien in der Minderheit befindet, kann keine Regierungsbildung mehr stattfinden.

Aufbauend auf diesem Gedankenspiel, entlädt sich unter der Feder Saramagos in der Folge das Endzeitszenario einer politischen Science-fiction. Fern davon, über Ursachen und eigenes Verschulden an einem solch katastrophalen …

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José Saramago, geboren am 16. November 1922 in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo, entstammt einer Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist bei verschiedenen Lissabonner Tageszeitungen. Ab 1966 widmete er sich verstärkt der Schriftstellerei. Während der Salazar- Diktatur gehörte er zur Opposition. Der Romancier, Erzähler, Lyriker, Dramatiker und Essayist erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 18. Juni 2010 auf Lanzarote.

Kundenbewertungen zu "Die Stadt der Sehenden" von "José Saramago"

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Bewertung von Uli Geißler, Freier Journalist aus Fürth/Bay. am 04.11.2006 ***** sehr gut
Wie die Demokratie ihren eigenen Untergang ermöglicht

Was geschieht, wenn die demokratische Möglichkeit, frei und unabhängig zu wählen, nicht genutzt wird oder – wie in der fiktiven Stadt José Saramago’s – dazu führt, dass die meisten einen leeren, unangekreuzten Wahlzettel abgeben. Wie lautet dann das Ergebnis? Nun die Konsequenz ist klar: die Regierenden verlieren ihre Legitimation. Was aber geschieht dann mit der Stadt, dem Land? Wer hat die Verantwortung für das Gemeinwohl? Wie lassen sich die gewohnten Regeln und Gesetze aufrechterhalten. Was ist zu tun?

Schnell ist für die Legislative klar, dass sie am besten die Stadt verlassen – konspirativ, heimlich selbstredend. Schnell enstehen seitens der Nichtgewählten Verschwörungstheorien, sie vermuten gar einen wohl geplanten, geradezu terroristischen Anschlag auf das System. Der Ausnahmezustand wird verhängt, wenngleich selbst das aufgrund mangelnden Mandats gar nicht möglich wäre …! Militär wird eingesetzt, um das zu retten, was offensichtlich schon längst hinfällig geworden ist.

Mehr und mehr bekommt man in der von Saramago immer wieder gewöhnungsbedürftigen Langatmigkeit seiner Satzkonstruktionen doch präzise und eindrucksvoll empathisch die vielschichtigen Überlegungen der bislang Herrschenden vor Augen geführt. Bald ist klar, dass es scharfe Maßnahmen braucht und die Schuldigen ausfindig zu machen sind. Geschickt und geradezu genial stellt der gesellschafts- und vor allem staatsmachtskritische Autor die Verbindung zu dem ebenfalls ausgesprochen symbolischen und aufrüttelnden Ereignis der Erblindung einer kompletten Stadt in seinem Roman „Die Stadt der Blinden“ her. Blindheit als absichtliche Handlungsdoktrin einer der Basis enthobenen, sich verselbstständigten und moralisch verkommenen Schicht Uneinsichtiger greift auch in dieser Geschichte um sich.

Gerade dann, als der eher aus der Distanz einer eher anonymen Masse von Verantwortlichen entwickelte Roman erste Abnutzungsanzeichen zu erhalten droht, wechselt der Nobelpreisträger Saramago die Perspektive.

Ein von der nicht gewählten Regierung eingesetzter Kommissar erhält die unleidliche Aufgabe, Schuldige zu finden. Der jedoch merkt mehr und mehr, wie widersinnig dieses Unterfangen ist und entlarvt das eigene Handeln als auch das der Staatsmacht als falsch und bedeutungskonträr. Perfide aufklärend spielt der Autor in seiner Parabel mit der Umkehrung von Symbolik, denn die Macht der vermeintlich Schwachen und Sich-Ergebenden – weiße „Fahnen“ schwenkend – ist in der Konsequenz stärker und weit reichender, als alles politische Handeln der ursprünglich Legitimierten. Der Grat zwischen demokratisch Regierenden und diktatorisch Herrschenden ist schmal wie eine Rasierklinge dünn.

Das Ende beweist Parallelen zur Realität ziehend erneut, wie Wahrheiten von so genannten Volksvertretern verschwiegen, gebeugt, missbraucht werden, um eigene Macht ohne Rücksicht auf Verluste größten Ausmaßes zu erhalten. Fast scheint es, die Fiktion sei eine Dokumentation. Ein aufklärerisches Buch trotz der fiktiv-skurrilen Geschichte, die ja lediglich der Phantasie eines Romanschreibers entspringt …!

© 11/2006, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.



Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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