Leseprobe zu "Die Schwalben von Kabul" von Yasmina Khadra
"Und wenn wir eine Runde über den Markt drehten?" schlägt Mohsen vor. "Wir haben doch keinen Pfennig." "Wir brauchen ja nichts zu kaufen. Wir können uns einfach nur den alten Plunder ansehen, den sie als Antiquitäten ausgeben." "Und was bringt uns das?" "Nichts, aber immerhin ein bißchen Bewegung." Zunaira lacht leise, amüsiert von der pathetischen Stimmung ihres Mannes. "Fühlst du dich hier nicht wohl?" Mohsen wittert die Falle. Er kratzt sich verlegen die kreuz und quer abstehenden Härchen auf seinen Wangen, verzieht leicht das Gesicht. "Das hat damit nichts zu tun. Ich habe einfach Lust, mit dir auszugehen. Wie in alten Zeiten." "Die Zeiten haben sich geändert." "Aber wir doch nicht." "Und wer sind wir?" Mohsen lehnt sich gegen die Wand, verschränkt die Arme über der Brust. Er meditiert eine Weile über die Frage seiner Frau, findet sie übertrieben: "Warum sagst du solche Dummheiten?" "Weil es die Wahrheit ist. Wir sind doch nichts mehr. Wir haben unsere Errungenschaften nicht zu bewahren verstanden, und die Mullah-Lehrlinge haben alles an sich gerissen. Ich würde gern mit dir ausgehen, jeden Tag, jeden Abend, meine Hand unter deinen Arm schieben und mich von deinem Schwung mitreißen lassen. Es wäre wunderbar, du und ich, nebeneinander, vor einem Schaufenster oder an einem Tisch, plaudernd und die kühnsten Pläne schmiedend. Aber heute ist das nicht mehr möglich.
Überall werden stinkende Vogelscheuchen lauern, bis an die Zähne bewaffnet, um uns zur Ordnung zu rufen und uns zu verbieten, an der frischen Luft den Mund aufzumachen. Bevor ich mich dem aussetze, mauere ich mich lieber zu Hause ein. Da muß ich mich wenigstens nicht hinter meinen Armen verstecken, wenn mir der Spiegel mein Bild zurückwirft." Mohsen ist nicht einverstanden. Er verzieht noch stärker das Gesicht, weist auf die Armseligkeit des Zimmers hin, auf die verschlissenen Zeltplanen vor den verrotteten Fensterläden, auf die Mauern, von denen der Kalk bröckelt, und die baufälligen Balken über ihrem Kopf. "Das ist doch gar nicht unser Zuhause, Zunaira. Unser Zuhause, in dem wir uns unsere "Welt erschaffen haben, hat eine Granate weggerissen. Das hier ist nur ein Unterschlupf. Ich wünschte mir, daß er nicht zu unserem Grab würde. Wir haben unser Vermögen verloren, verlieren wir nicht auch unsere Kultur. Die einzige Waffe, die uns bleibt, um Willkür und Barbarei zurückzustoßen, ist, uns auf unsere Erziehung zu besinnen. Wir sind als Menschen erzogen worden, mit einem Auge auf dem Teil, der des Herrn ist, und dem anderen Auge auf dem Teil der Sterblichen, die wir sind; wir haben Kronleuchter und Straßenlaternen hinreichend gut gekannt, um nicht an die alleinige Erleuchtung durch Kerzenlicht zu glauben, wir haben die Freuden des Daseins genossen und sie für ebenso gut befunden wie die ewige Seligkeit. Wir können nicht dulden, daß man uns wie Vieh behandelt." "Sind wir nicht schon längst dazu geworden?" "Da bin ich mir nicht so sicher. Die Taliban haben einen Moment des Übergangs ausgenutzt, um einen furchtbaren Schlag gegen die Besiegten zu führen. Doch das war noch lange nicht der Gnadenstoß. Das müssen wir uns unbedingt klarmachen." "Und wie?" "Indem wir ihr Diktat mit Füßen treten. Wir werden ausgehen. Du und ich. Natürlich werden wir uns nicht bei der Hand fassen, aber nichts hindert uns daran, nebeneinander herzugehen." Zunaira schüttelt den Kopf. "Ich lege keinen Wert darauf, mit schwerem Herzen nach Hause zu kommen, Mohsen. Was ich auf der Straße sehe, wird mir den Tag sinnlos verderben. Ich bin nicht fähig, an etwas Grausigem einfach vorbeizugehen und so zu tun, als wäre nichts. Außerdem lehne ich es ab, den Tschadri zu tragen. Von allen Bürden ist er die erniedrigendste. Ein Nessusgewand würde meine Würde nicht so angreifen wie diese düstere Aufmachung, die aus mir eine Sache macht, mein Gesicht ausradiert und mir meine Identität nimmt. Hier wenigstens bin ich ich, Zunaira, die Frau des Mohsen Ramat, zweiunddreißig Jahre alt, vom Obskurantismus entlassene Juristin, entlassen ohne Prozeß und ohne Schadensersatz, aber noch genügend beieinander, um mich täglich zu kämmen und über meine Kleidung zu wachen wie über meinen Augapfel. Mit diesem verfluchten Schleier bin ich weder ein menschliches Wesen noch ein Tier, nur ein Affront oder ein Schandfleck, den man wie ein Gebrechen verstecken muß. Das ist unerträglich. Vor allem für eine ehemalige Anwältin, eine Frauenrechtlerin. Ich bitte dich, denke nur nicht, daß ich mich ziere. Ich würde mich, wenn ich könnte, schon ganz gerne zieren, aber der Sinn steht mir nicht danach. Leider.
Verlange nicht von mir, auf meinen Vornamen zu verzichten, auf meine Gesichts züge, meine Augenfarbe und die Fülle meiner Lippen, für einen Spaziergang durch Elend und Trostlosigkeit; verlange nicht von mir, weniger noch als ein Schatten zu sein, ein namenloses Geraschel, das man in feindliche Gefilde entläßt. Du weißt doch, wie empfindlich ich reagiere, Mohsen; ich würde es mir verübeln, dir etwas zu verübeln, wo du doch nur versuchst, mir eine Freude zu machen." Mohsen hebt die Hände. Zunaira hat plötzlich Mitleid mit diesem Mann, dem es nicht gelingt, in einer völlig durcheinander geratenen Gesellschaft noch seinen Platz zu finden. Schon vor der Machtergreifung der Taliban fehlte es ihm an Entschlossenheit, und er begnügte sich damit, von seinem Vermögen zu leben, statt sich der Herausforderung anspruchsvoller Projekte zu stellen. Er war nicht faul; doch ihm graute vor jeder Art von Schwierigkeit, und er ging allen Komplikationen aus dem Weg. Er war jemand, der ohne Ausschweifungen von seinen Einkünften lebte, ein wunderbarer Ehemann, liebevoll und zuvorkommend. Er enthielt ihr nichts vor, schlug ihr nichts ab und gab so leicht ihren Bitten nach, daß sie oft das Gefühl hatte, seine Freundlichkeit zu mißbrauchen. So war er nun einmal, großherzig, schneller mit einem Ja zur Stelle als bereit, kritische Fragen zu stellen.
Die zahllosen Umwälzungen, die durch die Taliban hervorgerufen wurden, haben ihn völlig aus der Bahn geworfen. Mohsen hat keine Orientierungsmarken mehr noch die Kraft, sich neue zu erfinden. Er hat seine Güter und Privilegien, seine Verwandten und seine Freunde verloren. Abgesunken in den Rang eines Unberührbaren, vegetiert er von einem Tag zum nächsten dahin und verschiebt das Vorhaben, sich wieder in den Griff zu bekommen, auf später. . "Gut", gibt sie nach, "einverstanden, laß uns ausgehen. Lieber gehe ich tausend Risiken ein, als dich derart deprimiert zu sehen." "Ich bin nicht deprimiert, Zunaira. Wenn du zu Hause bleiben willst, ist das auch in Ordnung. Glaub mir, ich nehme dir das nicht übel. Du hast recht. Die Straßen von Kabul sind gräßlich. Man kann nie wissen, was einen erwartet." Zunaira lächelt über die Sprüche ihres Mannes, die in deutlichem Kontrast zu seiner trübenMiene stehen. Sie sagt: "Ich gehe nur schnell meinen Tschadri holen."
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