Die Reise über den Hudson - Jungk, Peter St.

Peter St. Jungk 

Die Reise über den Hudson

Roman

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Die Reise über den Hudson

Wegen eines Triebwerkschadens landet er zu spät in New York. Seine Mutter holt ihn ab, sie mieten sich einen Wagen und sind bald auf dem Weg zum Wochenendhaus seiner Familie, nur eine Autostunde entfernt am Lake Gilead. Doch dann gerät er in einen Stau auf der Tappan Zee Brücke - resigniert schaut er in die Schlucht hinunter, und er erblickt das Unfaßbare: den riesenhaften Körper seines vor elf Monaten verstorbenen Vaters, ausgestreckt über die Landschaft wie ein antiker Flußgott, wie ein Golem.

Dieser Roman beschwört die Erinnerung an eine Jugend, an ein turbulentes jüdisches Familienleben in Los Angeles, New York, Wien und Berlin. Gustav, der diese Geschichte erzählt, der Historiker werden wollte und sich nun als Pelzhändler betätigt, erinnert sich vor allem an seinen Vater, Ludwig Rubin, der Naturwissenschaftler und rund um den Erdball gefragter Publizist war, ein Monstrum an Vitalität. Marcuse, Adorno und Canetti waren in Gustavs Elternhaus zu Gast, Fritz Lang ebenso wie Charlie Chaplin. Ausgelaugt, am Rand des Geschehens: Gustav.

Ein tatkräftiger, berühmter Mann und sein Sohn - kaum je ist diese schwierige Konstellation mit größerer Offenheit, Zuneigung und literarischer Sensibilität dargestellt worden. Für immer mitgerissen, geprägt und auch geschwächt, findet der Sohn eine Sprache für ein Buch, das wohl einzigartig dasteht in der Literatur unserer Tage.


Produktinformation

  • Verlag: KLETT-COTTA
  • Seitenzahl: 226
  • Deutsch
  • Gewicht: 375g
  • ISBN-13: 9783608934694
  • ISBN-10: 3608934693
  • Best.Nr.: 14100402

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensentin Marion Löhndorf kann sich nicht recht anfreunden mit der "seelischen Bestandsaufnahme" des 45jährigen Helden, der vom Autor auf einer verstopften New Yorker Brücke platziert werde. In dieser kurzen Ewigkeit und während seine Mutter vom Beifahrersitz pausenlos auf ihn einrede, referiert die Rezensentin, ziehe der Held eine ernüchternde Bilanz seines unselbständigen Lebens, das immer im Schatten der "Manierismen und Obsessionen" seiner dominanten Eltern gestanden hat. "Stark", so die Rezensentin, sei die Ambivalenz zwischen Liebe und Abneigung und der "sezierte" Stoff, der für einige Romane ausreiche und die Familiengeschichte der Eltern und den Holocaust einschließe. Schwach ist aus Sicht der Rezensentin dagegen die erzählerische Umsetzung, die häufig nicht den richtigen Ausdruck finde, wenn sie nicht überhaupt zu explizit und "überdeutlich" sei, was die seelische Kastrierung des Helden betreffe. Wie mit Psychologismen spare der Autor auch mit bedeutsamen Symbolen keineswegs. Die Rezensentin bemängelt deshalb, dass Jungk zu wenig "Distanz zum Stoff" und einen spezifischen "Unwillen zur Autobiografie" beweise.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 19.04.2006

Manche Brücken muss man abbrechen
Mit Mutter im Stau, den Vater im Nacken: Peter Stephan Jungk erzählt in seinem Roman „Die Reise über den Hudson” von einem Monstrum
Seit ein paar Jahren kennt man in der deutschen Literatur diesen Ton: die nachgeborenen jüdischen Kinder erinnern sich an die Generation ihrer Väter, an die ihnen nur vom Hörensagen bekannte Verfolgung und Flucht vor den Nazis, meistens in die USA, und vorgetragen wird dies in einem tragisch-ironischen Slapstick, mit dem man das Leiden auf Distanz halten möchte. Auch das neue Buch von Peter Stephan Jungk, der 1952 in Kalifornien als Sohn des Zukunftsforschers Robert Jungk geboren wurde, scheint anfangs so daher zu kommen: wir erleben die typische „jüdische Mamme”, die ihr Kind nicht loslässt und förmlich zu erdrücken scheint. Doch allmählich tritt immer deutlicher ein ungewohnter Unterton hervor. Die Sätze fließen zwar leicht dahin, aber so richtig wegschmökern wie viele Texte dieses Genres lassen sie sich nicht mehr.
Die Familie Rubin stammt eigentlich aus Wien, aber dann ging es kreuz und quer über den Globus; wir streifen neben Wien auch Los Angeles, New York oder Berlin. …

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Peter St. Jungk, geb. 1952 in Santa Monica/Kalifornien, wuchs in Wien und Berlin auf, studierte von 1974-76 am 'American Film Institute' in Los Angeles und lebt seit 1977 als freier Autor in Paris. Neben Romanen und Erzählungen hat er eine Franz-Werfel-Biographie und zahlreiche Drehbücher und Hörspiele verfaßt.

Leseprobe zu "Die Reise über den Hudson" von Peter St. Jungk

Über das Geländer der Tappan Zee gebeugt, sah Gustav in das Gischtwasser des Hudson, das auf der Nordseite der Brücke, für ihn unsichtbar, gegen die Pfeiler brandete, bevor es auf der Südseite wild aufgewirbelt in Richtung New York City weiterstürzte. Er überlegte, ob er die Mineralwasserflasche aus dem Kofferraum holen sollte, sie würde sich auf den Flußwellen halten. Er konnte sie, nach Überwindung der Betonblöcke, die die beiden Fahrtrichtungen trennten, auf der Nordseite hinabwerfen, aber bis er auf der Südseite ankäme, wäre sein Schiff wohl längst außer Sichtweite getrudelt.

Von neuem sah Gustav nach unten, in die Tiefe, dorthin, wo die Brückenpfeiler aus dem rauschenden Wasser ragten.

Und da erst, in diesem Moment, bemerkte er es: Er sah es so deutlich wie den dichten Stau der Autos, wie die Lastwagen, die Busse, die auf Anhänger montierten Segel- und Motorboote und die Motorräder rund um ihn herum, die übergewichtigen Männer in ihren Baseballkappen und die Kinder, die in immer größeren Scharen aus den Autos stiegen. Dort unten, im Fluß, unmittelbar unter der Tappan Zee und parallel zu ihr, lag der nackte Riesenkörper seines Vaters. Das Hudsonwasser umspülte in schäumenden Wellen Vaters Füße, direkt unter ihm, auf der Westseite der Brücke, sie lagen wie verankert auf einer der breiten Steinflächen, die von den Brückenpfeilern rechtwinklig in den Fluß hinausragten. Vaters Kopf aber lag in mehr als zwei Kilometern Entfernung, vor dem Ende der Brücke, auf der Ostseite des Hudson, im seichteren Wasser der dortigen Ufernähe. Dazwischen Vaters Beine, seine Pobacken, sein Geschlecht, der leicht aufgeblähte Bauch, seine Arme, seine Brust mit den drei Brustwarzen. Er hatte unter der rechten Brustwarze eine etwas kleinere, dritte, die Gustav an derselben Stelle in winziger Form besaß und die ihm die Sicherheit schenkte, als er aufwuchs, kein adoptiertes Kind zu sein. Man sah sie nicht genau, die kleine Brustwarze, aus der Ferne, man erahnte sie eher, von jener Stelle aus, an der Gustav stand.

Wie konnte er sicher sein, daß es sein Vater war, der da, auf seiner linken Seite, der Herzseite ruhend, unter ihm ausgestreckt lag, in monumentaler Länge?

Er erkannte in der Ferne Schultern, erahnte Hals, Kropf, Kinn, eine Wange, glaubte ein geschlossenes Auge ausmachen zu können, sah eine faltenreiche Stirn, einen dichten weißen Haarschopf. Der Riese ruhte auf dem Arm und dem Becken und dem Oberschenkel, reglos, nicht leblos, verstorben, nicht tot. Keine Anzeichen von Verwesung - nirgendwo. Jede Falte, jede Ader, die Beschaffenheit der Haut, die Farbe der Behaarung: Alles stimmte mit dem Lebenden überein. Kein Zweifel - es war der Vaterkörper, der dalag wie Gulliver, gestrandet im Lande Lilliput. Sein Vater, den er abgöttisch liebte, sein bester Freund, sein großer Bruder, sein Vatertier, das ihm unsterblich zu sein schien. Ludwig Rubin, der ihm, seit er ein kleiner Bub war, in regelmäßigen Abständen versprach: Ich werde hundertundzwanzig, Gustav, mein Burscherle, du wirst es schon sehen! Du wirst es schon sehen!

[...]

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