Leseprobe zu "Die Reise über den Hudson" von Peter St. Jungk
Über das Geländer der Tappan Zee gebeugt, sah Gustav in das Gischtwasser des Hudson, das auf der Nordseite der Brücke, für ihn unsichtbar, gegen die Pfeiler brandete, bevor es auf der Südseite wild aufgewirbelt in Richtung New York City weiterstürzte. Er überlegte, ob er die Mineralwasserflasche aus dem Kofferraum holen sollte, sie würde sich auf den Flußwellen halten. Er konnte sie, nach Überwindung der Betonblöcke, die die beiden Fahrtrichtungen trennten, auf der Nordseite hinabwerfen, aber bis er auf der Südseite ankäme, wäre sein Schiff wohl längst außer Sichtweite getrudelt.
Von neuem sah Gustav nach unten, in die Tiefe, dorthin, wo die Brückenpfeiler aus dem rauschenden Wasser ragten.
Und da erst, in diesem Moment, bemerkte er es: Er sah es so deutlich wie den dichten Stau der Autos, wie die Lastwagen, die Busse, die auf Anhänger montierten Segel- und Motorboote und die Motorräder rund um ihn herum, die übergewichtigen Männer in ihren Baseballkappen und die Kinder, die in immer größeren Scharen aus den Autos stiegen. Dort unten, im Fluß, unmittelbar unter der Tappan Zee und parallel zu ihr, lag der nackte Riesenkörper seines Vaters. Das Hudsonwasser umspülte in schäumenden Wellen Vaters Füße, direkt unter ihm, auf der Westseite der Brücke, sie lagen wie verankert auf einer der breiten Steinflächen, die von den Brückenpfeilern rechtwinklig in den Fluß hinausragten. Vaters Kopf aber lag in mehr als zwei Kilometern Entfernung, vor dem Ende der Brücke, auf der Ostseite des Hudson, im seichteren Wasser der dortigen Ufernähe. Dazwischen Vaters Beine, seine Pobacken, sein Geschlecht, der leicht aufgeblähte Bauch, seine Arme, seine Brust mit den drei Brustwarzen. Er hatte unter der rechten Brustwarze eine etwas kleinere, dritte, die Gustav an derselben Stelle in winziger Form besaß und die ihm die Sicherheit schenkte, als er aufwuchs, kein adoptiertes Kind zu sein. Man sah sie nicht genau, die kleine Brustwarze, aus der Ferne, man erahnte sie eher, von jener Stelle aus, an der Gustav stand.
Wie konnte er sicher sein, daß es sein Vater war, der da, auf seiner linken Seite, der Herzseite ruhend, unter ihm ausgestreckt lag, in monumentaler Länge?
Er erkannte in der Ferne Schultern, erahnte Hals, Kropf, Kinn, eine Wange, glaubte ein geschlossenes Auge ausmachen zu können, sah eine faltenreiche Stirn, einen dichten weißen Haarschopf. Der Riese ruhte auf dem Arm und dem Becken und dem Oberschenkel, reglos, nicht leblos, verstorben, nicht tot. Keine Anzeichen von Verwesung - nirgendwo. Jede Falte, jede Ader, die Beschaffenheit der Haut, die Farbe der Behaarung: Alles stimmte mit dem Lebenden überein. Kein Zweifel - es war der Vaterkörper, der dalag wie Gulliver, gestrandet im Lande Lilliput. Sein Vater, den er abgöttisch liebte, sein bester Freund, sein großer Bruder, sein Vatertier, das ihm unsterblich zu sein schien. Ludwig Rubin, der ihm, seit er ein kleiner Bub war, in regelmäßigen Abständen versprach: Ich werde hundertundzwanzig, Gustav, mein Burscherle, du wirst es schon sehen! Du wirst es schon sehen!
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