Eugène Savitzkayas neues Buch gibt sich als Sammlung strenger,
gestochen scharfer poèmes en prose. Doch selten wird heute
vergleichbar leicht, ja heiter geschrieben. "Die Regeln der
Einsamkeit" ist ein Buch voller Poesie und ein Lob der
Einfachheit: "Schöner als Gold ist all dies: Butter, das
Fleisch einer Kartoffel, Herbstäpfel, Flußschlamm, Galle,
Schöllkraut, Urin, lakritzefarbener Speichel, ein Gesicht im
Lichtstrahl, Messing und Stroh. Das ist das ganze Gold der
Erde." Savitzkaya zeigt in seinen Prosaminiaturen, die nicht
mehr als zwei oder drei, oft auch nur einen Satz benötigen, wie nah
Erhabenes und Komisches, Existenzielles und Phantastisches
beieinander liegen, unter einer Voraussetzung: es ist vom Menschen
die Rede. Das Gesicht wird dem Autor zum Bild des Menschlichen,
dessen Züge, dessen Eigenheit, dessen Leuchten und dessen
Dunkelheit. Savitzkaya schreibt über das Wesentliche und über das
Sichtbare. Seine Sprache ist poetisch und klar. Er findet Bilder,
wo der Erklärungsapparat verstummt, Bilder, die sprechender sind
als es jede Beschreibung sein könnte. Seine Kunst liegt in der
Reduktion, als habe er sich ein Wort von Edmond Jabès als Motto
genommen: "So wie man eine Quelle mißt, soll man die Schüttung
seines Wortes abschätzen. Es einschränken, um es nicht versiegen zu
lassen." „Im Maul des Löwen.Man müßte durch das Maul eines
Löwen gegangen sein, müßte verdaut und ausgespien oder auf
irgendeine Weise zuletzt wieder ausgestoßen werden, dann erst
könnte man mit ein wenig Stolz sein Gesicht zeigen.“