Die Komplizin - French, Nicci

Nicci French 

Die Komplizin

Psychothriller

Übersetzung: Moosmüller, Birgit
Broschiertes Buch
 
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Die Komplizin

Wer ist gefährlicher? Ein Feind? Ein Freund? Oder ein Liebhaber?

Bonnie Graham steht in der Wohnung einer Freundin. Vor ihr liegt die Leiche eines Mannes: Hayden. Hayden Booth - begabter Musiker, attraktiver Lebemann, gefährlicher Verführer. Sechs Wochen lang hat er mit einer Gruppe von Musikern unter Bonnies Leitung geprobt. Sechs Wochen hat es gedauert, bis sich Liebe in Lüge verkehrte, Freundschaft in Verbrechen und Leidenschaft in Mord ...


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2012
  • Ausstattung/Bilder: 2012. 411 S. 187 mm
  • Seitenzahl: 411
  • Goldmann Taschenbücher Bd.47777
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 119mm x 30mm
  • Gewicht: 335g
  • ISBN-13: 9783442477777
  • ISBN-10: 3442477778
  • Best.Nr.: 34503606
Hinter dem Namen Nicci French verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit langem sorgen sie mit ihren höchst erfolgreichen Psychothrillern international für Furore. Sie leben mit ihren Kindern im Süden Englands.

Leseprobe zu "Die Komplizin" von Nicci French

Danach Ich wandte mich zur Wohnungstür um. Dass sie geschlossen war, reichte mir nicht. Was, wenn plötzlich jemand kam? Womöglich mit Schlüssel? Um ja nichts zu berühren, zog ich mir den Ärmel über die Hand und schob, durch den dicken Stoff sehr linkisch, so leise wie möglich den Riegel vor. Obwohl alle Lichter brannten, waren die Vorhänge nur halb zugezogen. Ich schlich entlang der Wand zum Fenster und spähte hinaus. Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass unten auf der dunklen Straße niemand war, schloss ich die Vorhänge. Dann ließ ich den Blick mit der Leidenschaftslosigkeit einer Kamera durch den Raum schweifen, von einem Gegenstand zum nächsten. An der Wand hing ein gerahmtes Foto, das ich mir noch nie richtig angesehen hatte. Nun stellte ich fest, dass es einen verschwommenen Schwarm orangeroter Schmetterlinge zeigte. Auf dem kleinen Tischchen standen ein Telefon (was, wenn es plötzlich zu klingeln begann?) und eine Schale mit einem kleinen Schlüsselbund. Wem gehörten die Schlüssel? Wahrscheinlich ihm. Darüber musste ich noch nachdenken. An einem gemütlich aussehenden braunen Wildledersessel lehnte der Gitarrenkoffer. Die Gitarre selbst lag daneben auf dem Boden. Sie war in der Mitte zersplittert, so dass die Saiten zwischen dem kaputten Holz hingen. Rasch wandte ich den Blick wieder ab und ließ ihn stattdessen zum Fernseher wandern, der in meiner Anwesenheit nie gelaufen war, und von dort weiter zu dem großen gestreiften Sofa, wo wir - nein, denk nicht daran, ermahnte ich mich selbst. Ruf es dir nicht ins Gedächtnis.

Über der Lehne hing mein Schal, den ich ein paar Tage zuvor dort zurückgelassen hatte. Ich griff danach und wickelte ihn mir um den Hals, wo ich den violetten Bluterguss wie eine hässliche Erinnerung pochen spürte. Mein Blick fiel auf das Bücherregal. Die Bücher, von denen einige über den Boden verstreut lagen, gehörten alle Liza. Größtenteils handelten sie von Kunst und Design, ein paar auch vom Reisen. Liza befand sich momentan weit weg, tausend Meilen von hier entfernt.

In einigen Regalfächern waren Kunstgegenstände und Kuriositäten, kleine Skulpturen und Töpferarbeiten aufgereiht. Ein winziger Buddha aus Messing, ein grünes Fläschchen mit einem Silberstöpsel. Liza brachte immer irgendetwas von ihren Auslandsreisen mit. An der gegenüberliegenden Wand stand ein niedriger Schrank mit einer Ministereoanlage obendrauf. Das Drahtgestell des CD-Ständers war kaum zur Hälfte gefüllt. Die CDs gehörten ebenfalls Liza - alle bis auf eine. Ich ging hinüber und benutzte meine Finger als Pinzette, um damit vorsichtig die Hank-Williams-CD herauszufischen, die ich in der Vorwoche mitgebracht hatte. Wie ich beim Öffnen der Hülle feststellte, war sie leer. Nachdem ich mir erneut den Ärmel über die Hand gezogen hatte, ließ ich per Knopfdruck das CD-Deck ausfahren. Da war die Scheibe ja. Ich schob den kleinen Finger in das Loch und verfrachtete sie zurück in die Hülle, die ich anschließend auf die Stereoanlage legte. Ich musste mir zum Transport erst eine Plastiktüte suchen.

An der Wand zu meiner Rechten stand ein Tisch aus Kiefernholz, der Liza als Arbeitsplatz diente. Die Post, die in den Wochen ihrer Abwesenheit eingetroffen war, lag nicht mehr zu einem Stapel geschichtet, sondern wild durcheinander über die Tischplatte verstreut, zum Teil auch auf dem Teppich. Auf dem Tisch befanden sich darüber hinaus ein silberfarbenes Laptop, dessen Netzkabel auf dem geschlossenen Deckel ordentlich zusammengerollt war, eine lustige kleine Schildkröte aus grünem Kunststoff, die als Stifthalter diente, und eine Blechdose mit Büroklammern und Gummibändern. Der zum Tisch gehörige Stuhl lag umgefallen daneben, flankiert von einer Vase, deren Inhalt - ein Strauß roter Tulpen - ebenfalls auf dem Boden gelandet war. Das ausgelaufene Wasser färbte den Teppich dunkel, so dass sein ursprünglich ziemlich heller, an Hafer erinnernder Braunton dort die Farbe von Pisse angenommen hatte.

Auf dem Läufer gleich daneben lag die Leiche. Mit dem Gesicht nach unten und seitlich abgespreizten Armen. An der Haltung konnte man erkennen, dass er tot war - noch deutlicher als an dem Blutfleck, der sich unter seinem Kopf ausgebreitet hatte. Die entsprechende Stelle sah sehr dunkel aus, eher schwarz als rot. Ich stellte mir seine geöffneten Augen vor, die dort in den rauen Läufer hineinstarrten, seinen aufgerissenen Mund, der sich schief gegen die Wolle drückte. Mein Blick fiel auf die Hände, die wie suchend ausgestreckt waren.

Davor Diese Hände. Als sie zum ersten Mal mein Gesicht berührten, meinen Nacken streichelten und mir durchs Haar fuhren, fühlten sie sich weicher an, als ich erwartet hatte. Freundlicher. Fast kam es mir damals vor, als würde ein Blinder versuchen, mit den Fingern meinen Körper zu erkunden. Langsam ließ er sie über meine Wirbelsäule gleiten, meinen nackten Rücken entlang. Dabei hatte ich das Gefühl, wie ein Instrument gespielt zu werden. Ungewohnte Basstöne entrangen sich mir, während er die Tasten meiner Wirbel drückte und mir mit streichenden Bewegungen eine Lust bereitete, die nicht weit von Schmerz entfernt war.

Danach Ich konnte nicht anders, als mich neben ihn zu knien und für einen Moment einen Finger auf seine leicht gekrümmte Handfläche zu legen, die sich noch warm und weich anfühlte. Trotz allem war er eine Zeit lang mein gewesen. Er hatte mich angesehen, als wäre ich die schönste Frau der Welt, oder zumindest diejenige, die ihm am meisten bedeutete. Bei mir hatte er Trost gefunden. Das ist nicht so weit von Liebe entfernt.

Ich erhob mich wieder und wanderte suchend im Raum umher, ohne selbst so recht zu wissen, wonach ich eigentlich Ausschau hielt. Ich zog die Schublade des Tisches heraus, ging in die Hocke, um unters Sofa zu spähen, und lüpfte die Kissen auf dem Sessel. Irgendwo musste doch mein abgewetzter brauner Lederranzen sein, den ich schon als Schulmädchen getragen hatte und nun als Lehrerin erneut benutzte. Ich wusste genau, dass ich ihn mit geöffnetem Riemen hier auf der Sofalehne zurückgelassen hatte.

Als ich in die Küche hinüberschlich, achtete ich bewusst darauf, bei jedem Schritt auf den Fliesen sanft abzurollen, um ja keinen Lärm zu machen. Es herrschte das übliche Chaos: un- gespülte Tassen und Teller, Krumen auf dem Tisch, ein Kaffeefleck auf dem Kochfeld, ein aufgerissenes Päckchen Kekse. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas ergab keinen Sinn. Ich öffnete jeden Schrank und blickte hinein. Ich zog sämtliche Schubladen heraus. Jedes Mal, wenn etwas schabte oder quietschte oder das Besteck klapperte, zuckte ich zusammen. Wo war meine Schürze, die ich ein paar Tage zuvor mitgebracht hatte, weil ich für uns zu kochen beabsichtigte und ausnahmsweise mal ein Oberteil trug, das ich nicht schmutzig machen wollte? Wo war mein liebstes - mein einziges - Kochbuch, auf dessen Umschlaginnenseite mein Name stand? "Für Bonnie, in Liebe von Mum." Erneut blieb ich einen Moment stehen. Während ich mich ratlos umblickte, spürte ich in meiner Brust ein unheilvolles Ziehen. Der Wasserhahn tropfte leise vor sich hin. Draußen hörte ich den Wind, der in kleinen Böen durch den Baum hinter dem Haus fuhr, das Tuckern der Autos entlang der Hauptstraße und das Rumpeln eines Lastwagens, dessen Erschütterung ich bis in meine Beine spüren konnte.

Auf Zehenspitzen schlich ich hinüber ins Schlafzimmer. Die Vorhänge waren zugezogen, das Bett zerwühlt. Fast kam es mir vor, als könnte ich immer noch die Form seines Körpers - unserer Körper - darin ausmachen. Neben der Tür lag ein Häufchen schmutziger Wäsche. Obwohl ich mich genau erinnerte, wo die Bluse gelandet war, die er mir vom Leib gerissen hatte, konnte ich sie nun nirgendwo entdecken. Ich musste daran denken, wie er mich an dem Tag angesehen hatte - mit einem Blick, der in mir den Wunsch weckte, meine Nacktheit zu bedecken. Vergeblich hielt ich nach dem alten T-Shirt und den Flanellshorts Ausschau, die ich in kühlen Nächten immer trage. Nacheinander zog ich sämtliche Schubladen der Kommode heraus. Sie enthielten ein paar von Lizas Sachen, die sie nicht hatte mitnehmen wollen, und ein paar von den seinen, aber keine von meinen. Auch keinen Ranzen. Ich setzte mich aufs Bett und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Es kam mir vor, als könnte ich ihn neben mir in der Dunkelheit spüren. Würde ich nun immer mit diesem Gefühl leben, oder würde es nachlassen und mit der Zeit verschwinden?

Im Bad griff ich nach meiner Zahnbürste. Seine konnte ich nirgendwo entdecken. Dafür fehlte mein Deo, während seines noch da war. Mein Rasierer und das Fläschchen mit meiner Bodylotion fehlten ebenfalls. Ich betrachtete mich im Spiegel über dem Waschbecken: ein kleines weißes Gesicht mit dunklen Augen, trockenen Lippen und einem Bluterguss am Hals, vom Blusenkragen halb verborgen. Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück. Mittlerweile erschien er mir massiger als vorher und irgendwie noch lebloser. Wie schnell wird eine Leiche kalt? Wie schnell beginnt das Blut zu gerinnen? Wenn ich ihn jetzt noch einmal berührte, würde er sich dann schon hart anfühlen - wie eine Leiche, und nicht mehr wie ein Mann? Aus dem Augenwinkel sah ich ihn die Hand bewegen, zumindest kam es mir so vor. Ich musste eine ganze Weile auf seine Finger starren, um mich davon zu überzeugen, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war.

Plötzlich spürte ich etwas unter meinen Füßen und stellte fest, dass es sich um die Hochzeitseinladung handelte. Ich hob sie auf, faltete sie zweimal und schob sie zusammen mit der Zahnbürste, die ich immer noch in der Hand hielt, in meine Jeanstasche.

Davor "Prost!" Ich hob mein Glas, das mit kaltem Weißwein gefüllt war, und stieß mit ihnen an. "Auf die Ferien!"

"Liza und ich haben keine Ferien", rief mir Danielle ins Gedächtnis, "nur ihr Lehrer bekommt sechs ganze Wochen."

"Nur wir Lehrer verdienen sechs ganze Wochen. Dann eben auf den Sommer!"

Ich nahm einen Schluck und lehnte mich genüsslich zurück. Obwohl schon Abend war, fühlte sich die Luft noch weich und warm an. Ich brauchte den Sommer - das späte Aufstehen, die heißen, lichterfüllten Tage. Endlich einmal keine Klassen voller Teenager, die mit ihren Geigen und Blockflöten zaghaftes Gekratze und schrille Pfeiftöne erzeugten. Kein Lehrerzimmer, in dem nicht mehr geraucht werden durfte, so dass wir stattdessen zu viele Tassen Kaffee tranken. Keine Abende, an denen ich Hausarbeiten zu korrigieren hatte und krampfhaft versuchte, mein Leben in den Griff zu bekommen, indem ich mir eine Arbeit nach der anderen vornahm, eine beunruhigende Rechnung nach der anderen.

"Was wirst du bloß mit der ganzen freien Zeit anfangen?"

"Schlafen. Fernsehen. Schokolade mampfen. Fit werden. Schwimmen. Mich mit alten Freundinnen treffen. Und endlich meine Wohnung renovieren."

Ein paar Monate zuvor war ich aus einer Zweizimmerwohnung, in der ich mich sehr wohlgefühlt hatte, in eines von den kleineren, dunkleren und schäbigeren Einzimmerapartments umgezogen, die Camden Town zu bieten hatte - eine Bruchbude mit dünnen Wänden, abblätternden Fensterrahmen, einem undichten Kühlschrank und einem Heizkörper, der ständig zischte und nur warm wurde, wenn ihm danach war. Ich hatte mir vorgenommen, meine neue Behausung eigenhändig herzurichten. Mir spukten romantische Vorstellungen durch den Kopf; vor meinem geistigen Auge sah ich mich schöne Möbelstücke aus Müllcontainern retten oder mit einem Pinsel und frischer Wandfarbe wahre Wunder vollbringen. Trotzdem war selbst mir klar, dass ich erst einmal etliche Schichten alter Farbe und Tapete wegschaben und den gemusterten Teppich herausreißen musste. Außerdem galt es, überarbeitete Freunde dazu zu bringen, einen Blick auf die Elektrik und den verdächtigen, immer größer werdenden braunen Fleck an der Decke zu werfen.

"Deswegen bleibe ich dieses Jahr zu Hause." An Danielle gewandt, fügte ich hinzu: "Ich nehme an, ihr verreist nach der Hochzeit?"

"Flitterwochen in Italien", antwortete sie mit einem kleinen, triumphierenden Lächeln. Ihre Worte versetzten mir einen leichten Stich. Offenbar bildete Danielle sich ein, Liza und mir durch ihre bevorstehende Heirat moralisch irgendwie überlegen zu sein. Wir hatten zusammen die Uni besucht und zu der großen Studentengemeinschaft gehört, die geprägt war von Chaos, Herzschmerz und Erwachsenwerden. Nun aber tat Danielle so, als hätte sie uns in einem Rennen überholt, von dem wir zwei anderen gar nicht gewusst hatten, dass wir daran teilnahmen. Woraus sie wohl das Recht ableitete, mit einer Mischung aus Arroganz und Mitleid auf uns herab- zublicken: auf Liza, die trinkfreudige Partymaus mit der heiseren Stimme, und mich, die flachbrüstige Lehrerin mit dem blondierten Haar und dem langen Register unglücklicher Beziehungen. Mittlerweile unterschied sie sich schon rein optisch von uns: Ihr aschblondes Haar war fachmännisch gestuft und gestylt, ihre Fingernägel schimmerten perlmuttrosa, wodurch ihr Diamantring noch besser zur Geltung kam. Sie trug einen leichten Sommerrock, in dem sie hübsch und harmlos aussah, als versuchte sie bewusst, ihre sexuelle Ausstrahlung abzuschwächen und wie eine süße, bei jeder Gelegenheit errötende Braut zu wirken. Ich rechnete halb damit, dass sie meine Hand drücken und mir dabei zuflüstern würde, ich solle mir keine Sorgen machen, meine Zeit werde schon noch kommen.

"Am zwölften September ist es so weit, stimmt's?" Liza schenkte sich ihr Glas noch einmal ganz voll. Nachdem sie einen großen Schluck genommen hatte, schmatzte sie genüsslich mit den Lippen. Ich betrachtete sie liebevoll - einer der Knöpfe ihrer sehr eng sitzenden Bluse war aufgesprungen, und ihre kastanienbraune Mähne fiel ihr zerzaust ins gerötete Gesicht. "Da werden wir uns wohl ein Hochzeitsgeschenk für dich ausdenken müssen. Irgendwas ganz Besonderes."

"Ich wünsche mir von euch beiden nur eins", erklärte Danielle und beugte sich dabei so weit vor, dass ich die kleinen Schweißperlen über ihrer Oberlippe sehen konnte. Mir schoss durch den Kopf, dass sie bestimmt eine Liste mit Geschenkvorschlägen hatte und ich womöglich einen elektrischen Wasserkocher oder einen halben silbernen Teelöffel erstehen musste. "Ich möchte, dass ihr auf der Feier spielt."

"Was?", antworteten Liza und ich nicht nur synchron, sondern auch im gleichen ungläubigen, entsetzten Tonfall.

"Ich brenne schon die ganze Zeit darauf, euch um diesen Gefallen zu bitten. Wirklich, es würde mir so viel bedeuten. Und Jed auch."

"Du meinst, wir sollen Musik machen?", fragte ich ausgesprochen dämlich.

"Ich muss so oft an den Abend denken, als ihr damals an der Uni für einen guten Zweck gespielt habt - und zwar derart herzergreifend, dass ich weinen musste. Das war einer der glücklichsten Abende in meinem Leben."

"Aber nicht in meinem", erwiderte ich. Was noch untertrieben war. "Außerdem haben wir seit einer Ewigkeit nicht mehr zusammen gespielt ^ wahrscheinlich seit besagtem Abend."

"Definitiv seit besagtem Abend", schaltete Liza sich schnaubend ein. Sie hatte bei dem Auftritt gesungen, und schon damals, vor fast zehn Jahren, war ihre Stimme vom vielen Rauchen ganz heiser gewesen. Ich stellte mir lieber nicht vor, wie sie jetzt wohl klingen mochte. Vermutlich wie eine Krähe, der ein Zweig im Hals stecken geblieben war. "Bei der Hälfte der anderen wissen wir nicht mal, wo sie gelandet sind."

"Und wollen es auch gar nicht wissen", fügte ich hinzu.

"Ray ist in Australien."

"Ihr könnt euch doch wieder zusammentun", tat Danielle unsere Einwände ab, "nur für dieses eine Mal. Das wäre bestimmt lustig. Nostalgisch."

"Ich weiß nicht so recht."

"Mir zuliebe?", säuselte sie. Es fiel ihr offenbar schwer zu begreifen, dass wir nicht die Absicht hatten, auf ihrer Hochzeit zu spielen. "Man heiratet schließlich nur einmal."

"Es geht nicht", erklärte Liza, hörbar erleichtert. Sie unterstrich ihre Worte mit einer theatralischen Geste. "Wie ihr wisst, lasse ich mich freistellen. Da seht ihr mich höchstens noch von hinten. Ich verbringe vier volle Wochen in Thailand und Vietnam und komme erst ein paar Tage vor der Hochzeit zurück. Selbst wenn es uns gelänge, die anderen zu überreden - was ihr vergessen könnt -, wäre ich zu den Proben trotzdem nicht da. Genauso wenig wie die meisten der anderen. Schließlich haben wir Sommer."

"Oh", sagte Danielle und sah dabei aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, weil aus ihren schönen Plänen nichts wurde. Doch dann hellte sich ihre Miene wieder auf. Das zierliche Kinn auf die Hand gestützt, wandte sie sich an mich: "Aber du bist da, Bonnie. Den ganzen Sommer über. Und hast nichts anderes zu tun, als deine Wohnung zu renovieren."

Keine Ahnung, wie es dazu kam, dass ich Ja sagte, obwohl ich eigentlich Nein sagen wollte. Keine Ahnung, warum ich zuließ, dass diese Geschichte sich in meine schönen sechs Wochen drängte, die doch reserviert waren für gemütliches Herumtrödeln zwischen gelegentlichen Renovieranfällen. Dumm, wie ich war, ließ ich es zu.

Danach Ich wusste nicht, was ich als Nächstes tun sollte. Obwohl mir klar war, dass womöglich jede Sekunde zählte und mir die Zeit davonlief, stand ich einfach nur im Wohnzimmer herum, krampfhaft bemüht, nicht in die Richtung zu schauen, wo er mit dem Gesicht nach unten in einer Lache seines eigenen Blutes lag. Ich versuchte, logisch zu denken, doch statt klarer Gedanken waren in meinem Gehirn nur Leerstellen. Irgendwann legte ich geistesabwesend die Hand an den Türriegel, im Begriff, auf die Straße hinauszurennen und gierig die frische Nachtluft einzusaugen, doch dann riss ich mich zusammen. Rasch wischte ich den Riegel mit dem Ärmel sauber. Während ich daran herumrieb, stellte ich mir vor, wie die Rillen meiner Fingerabdrücke langsam wieder verschwanden. Ich konnte nicht einfach abhauen, hatte noch einiges zu erledigen. Wichtige Aufgaben. Ich schluckte krampfhaft. Dann versuchte ich, so tief wie möglich ein- und auszuatmen, doch es fiel mir schwer. Mein Atem verfing sich in der Luftröhre, so dass ich kurz das Gefühl hatte, ersticken zu müssen. Ich stellte mir vor, wie ich zu Boden stürzte und neben ihm zu liegen kam. Wie ich mit leerem Blick in den Flor des Teppichs hineinstarrte, die Hand auf seiner.

Ich holte mir eine Plastiktüte aus dem Schränkchen unter der Küchenspüle und legte meinen Schal, die CD, die Zahnbürste und die Hochzeitseinladung hinein. Dann nahm ich das Schlafzimmer unter die Lupe, wo sich die meisten seiner Sachen befanden. Ich durfte mir jetzt keinen Fehler erlauben, denn ich hatte nur diese eine Chance. Seinen Pass fand ich in der Nachttischschublade, zusammen mit einem Päckchen Kondome. Ich ließ beides in die Tüte fallen. Was noch? Ich ging ins Bad und nahm seinen Rasierer, das Deo und die leere Toilettentasche. Seine Jacke hing im Wohnzimmer über einer Stuhllehne. Ich griff in die Taschen und fand seine Geldbörse. Wie ich beim raschen Durchblättern des Inhalts feststellte, enthielt sie eine Kreditkarte, eine Debit-Karte, einen abgegriffenen Führerschein, eine Zwanzig-Pfund-Note (die ich ihm geliehen hatte), ein kleines Foto von einer Frau, die ich nicht kannte, ein Passfoto von ihm selbst. Diese strahlenden Augen, dieses überraschende Lächeln. Seine Hände auf meinem Körper. Obwohl dort drüben seine Leiche lag, brachte die Erinnerung meine Haut selbst jetzt noch zum Kribbeln. Ich ließ die Börse in die Plastiktüte fallen. Was noch? Er besaß so wenig. "Dich", hörte ich ihn so deutlich sagen, als stünde er direkt neben mir, "dich habe ich besessen, Bonnie." Schlagartig brach mir der kalte Schweiß aus. Ich hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut und gleichzeitig Schweißperlen auf der Stirn. Mir war, als müsste ich mich jeden Moment übergeben. Ich presste die Finger an die Schläfen, um dem schmerzhaften Pochen Einhalt zu gebieten. Während ich so dastand, hörte ich plötzlich das Telefon klingeln - nicht das in der Wohnung, und auch nicht mein Handy. Das hatte ich sowieso ausgeschaltet. Nein, es war sein Handy. Nun wusste ich, was ich vergessen hatte. Sein Handy. Ich ahnte bereits, wo es sich befand. Der gedämpfte Klang des Klingeltons bestätigte meine Vermutung. Ich wartete, bis es zu läuten aufhörte, und zwang mich dann, zu der Leiche zurückzukehren. Widerwillig ging ich in die Knie, schob mit geschlossenen Augen die Hand unter den Körper und tastete nach der rechteckigen Form. Ich schob meine Finger in die Tasche und zog das Handy heraus. Statt es jedoch in die Tüte zu stecken, schaltete ich es ab, ohne nachzusehen, wer ihn angerufen hatte, und verstaute es in meiner eigenen Hosentasche.

Anschließend warf ich erneut einen Blick auf ihn - nein, nicht ihn, sondern es, das große Ding auf dem Boden. Was nun? Mir war klar, dass ich das nicht allein schaffen konnte.

Davor Eine Klasse Teenager zu bändigen, ist ein bisschen so, wie ein Orchester zu leiten. Wobei das Orchester in diesem Fall aus einer Art wilder, menschenfressender Bestie besteht - der Sorte Tier, die deine Angst riechen kann. Es nimmt sie in deinen Augen wahr, deiner schnellen Atmung, deinem beschleunigten Herzschlag. Dann stürzt es sich auf dich, tötet dich jedoch nicht sofort. Wie ein Krokodil oder Hai packt es dich und spielt eine Zeit lang mit dir. Manchmal fingen bei uns Lehrer an, die durchaus Selbstvertrauen, Kompetenz und ein dickes Fell mitbrachten, doch dann ging irgendetwas schief, und man fand sie in Tränen aufgelöst im Toilettenraum.

Wenn etwas richtig außer Kontrolle geriet, half nur noch eines: Man schickte nach Miss Hurst.

Miss Hurst war Sonia, meine beste Freundin an der Schule und mittlerweile wohl auch außerhalb. Wir kannten uns noch gar nicht so lange, aber seit dem Moment, als wir uns am ersten Schultag auf der Lehrertoilette zum ersten Mal begegnet waren, verstanden wir uns blendend. Sie war von Natur aus weder gesellig noch extrovertiert - ein paar der anderen Lehrkräfte fanden, dass sie zu sehr auf Distanz blieb -, weshalb mir die herzliche Freundschaft, die sie mir entgegenbrachte, wie ein Geschenk erschien. Sonia hatte langes dunkles Haar, war größer und kräftiger gebaut als ich und wirkte dadurch wohl auch imposanter, doch soweit ich es beurteilen konnte, hing ihre Autorität nicht mit ihrem körperlichen Erscheinungsbild zusammen. Wobei ich sie noch nicht richtig in Aktion erlebt hatte, weil sich die Kinder bei mir nie übermäßig unartig aufführten. Im Grunde war ihnen das gar nicht möglich, denn in meinen Unterrichtsstunden wurde ja von ihnen erwartet, dass sie sangen, tanzten und herumtollten. Sonias Regiment hatte wenig mit Disziplin zu tun und erst recht nichts mit der Androhung von Strafen, auch wenn ihre Verachtung recht niederschmetternd sein konnte und sich ein bisschen so anfühlte, als würde einem jemand mit einer Lötlampe das Ego versengen. Nein, es lag einfach daran, dass sie so kompetent wirkte. Sie unterrichtete Chemie, weshalb man ihr natürlich zutraute, dass sie zwei Chemikalien zusammenschütten konnte, ohne die Schule in die Luft zu jagen. Man ging aber auch automatisch davon aus, dass sie sich darauf verstand, einen Wagen zu reparieren, einen Holzsplitter aus einem Finger zu entfernen oder eine Fliege zu binden, und außerdem wusste, wie man jenen seltsamsten aller Organismen handhabte - einen Raum voller hormongesteuerter Teenager. Kurz vor Schuljahresende hatte sie ihre Bewerbung um den Posten der stellvertretenden Direktorin eingereicht. Obwohl sie fast noch ein wenig zu jung war, um eine solche Position zu bekleiden, rechnete ich fest damit, dass sie Erfolg haben würde: In Sonias Gegenwart fühlte man sich einfach sicherer.

Deswegen lag es nahe, sich an sie zu wenden. Im Schulorchester hatte ich sie als ziemlich schlechte Geigerin erlebt, wusste jedoch, dass sie singen konnte. Sie besaß ein gutes Gehör und eine angenehm rauchige Stimme. Zwar war sie nicht auf konventionelle Weise schön, hatte dafür aber etwas noch Besseres zu bieten: Präsenz. Wenn sie sich im Raum aufhielt, verspürte man den Wunsch, sie anzusehen, und wenn sie sich inmitten einer Gruppe befand, bemühte man sich automatisch darum, ihr zu gefallen. Sie strahlte Selbstbewusstsein aus, ohne arrogant zu wirken. Wenn sie in der Lage war, sich vor eine Schulklasse zu stellen, dann konnte sie auch auf einer Hochzeit ein paar alte Countrysongs zum Besten geben.

Nachdem ich sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in meine Wohnung gelockt hatte, setzte ich ihr Chips und Weißwein vor und bat sie um ihre Meinung zu Farbmustern und Lampenfassungen. Natürlich wusste sie im Gegensatz zu mir sofort, was ihr gefiel und was nicht. Ich erkundigte mich beiläufig nach ihren Reiseplänen für den Sommer, worauf sie mir antwortete, dazu fehle ihr das Geld. Ich holte tief Luft.

"Nein", sagte sie, "auf keinen Fall."

Ich schenkte ihr nach.

"Reizen würde es dich aber schon, oder?"

"Allein schon die Idee ist absurd."

"Kannst du dir wirklich nicht vorstellen, wie Nina Simone oder Patsy Cline vor den Musikern auf der Bühne zu glänzen?"

"Welchen Musikern?"

Ja, dachte ich, sie wird es machen.

"Bis jetzt beschränkt sich die Band noch auf mich", antwortete ich, "zumindest habe ich sonst noch keine festen Zusagen." Der Ehrlichkeit halber fügte ich hinzu: "Die ersten zwei Leute, an die ich herangetreten bin, haben gleich kategorisch abgelehnt."

"Wer war denn damals noch in der Band? Jemand, den ich kenne?"

"Amos natürlich. So haben wir uns kennengelernt."

"Amos?" Bildete ich mir das ein, oder wurde Sonia tatsächlich rot? Rasch wandte ich den Blick ab, weil ich es gar nicht wirklich wissen wollte. Schon seit ein paar Wochen hatte ich den Verdacht, dass sie an ihm interessiert war. Warum verursachte das bei mir ein solches Gefühl von Panik? Schließlich waren beide ungebunden, sie würden niemanden hintergehen. Alle Beteiligten hatten sich höchst ehrenwert verhalten. Was für ein schrecklicher Gedanke, dass ich zwar einerseits nicht mehr mit Amos zusammen sein wollte, mir andererseits aber wünschte, dass er mir weiter nachweinte. Als Sonia wieder das Wort ergriff, klang ihre Stimme betont beiläufig. "Macht er bei der Sache mit?"

Ich zögerte.

"Ich hab ihn noch nicht gefragt."

"Wäre das für dich nicht unangenehm?"

"Wieso sollte es? Wir haben uns doch in aller Freundschaft getrennt."

Sonia lächelte mich an. Der peinliche Moment war vorüber.

"Man trennt sich nie in aller Freundschaft", widersprach sie. "Trennungen sind Katastrophen - oder verlaufen nur für einen von beiden in aller Freundschaft, für den anderen aber nicht. Wenn so etwas wirklich freundschaftlich vonstatten geht, dann nur, weil beide von Anfang an nicht mit dem Herzen bei der Sache waren."

Ich trank einen Schluck - nein, mehr als einen Schluck - von dem Wein, der an meinem Gaumen unangenehm brannte. Jedes Mal, wenn ich an Amos dachte, spürte ich wieder das vertraute Ziehen in der Brust - keinen richtigen Schmerz, sondern die Erinnerung an einen Schmerz, der sich längst tief in mein Inneres zurückgezogen hatte und ein Teil von mir geworden war.

"Tja", sagte ich leichthin, "wir haben es geschafft, irgendwie Freunde zu bleiben. Was auch immer das über unsere ursprüngliche Beziehung aussagen mag." All unsere hochgespannten Erwartungen und überschwänglichen Zukunftspläne hatten nicht in einem explosionsartigen Höhepunkt gegipfelt, sondern waren langsam verwelkt und gestorben. Zurückgeblieben war nur ein lang anhaltendes Gefühl von Enttäuschung, eine quälende Unzufriedenheit mit uns, insbesondere mit mir selbst. Wir hatten es beide schon monatelang gewusst, aber uns nicht eingestehen wollen, dass die Reise, die wir gemeinsam angetreten hatten, langsam zu Ende ging und sich unsere Wege bald schon trennen würden. In mancher Hinsicht wäre mir Sonias Katastrophe lieber gewesen als dieses allmähliche Einrosten, diese schleichende Korrosion, die wir mit einem Gefühl ohnmächtigen Bedauerns erlebt hatten.

"Wer hat eigentlich Schluss gemacht?"

"So war das nicht."

"Trotzdem muss jemand die Worte ausgesprochen haben."

"Vermutlich ich. Aber nur, weil er nicht den nötigen Mumm besaß."

"Hat es ihn sehr getroffen?"

"Keine Ahnung. Ich weiß nur, wie es für mich war - aber das weißt du ja auch. Schließlich hast du es ja teilweise mitbekommen."

"Ja", bestätigte Sonia, "traurige, alkoholvernebelte Abende." Wir grinsten uns wehmütig an. Das alles schien mir schon eine Ewigkeit zurückzuliegen. Jedenfalls war es so lange her, dass Sonia mittlerweile in Betracht zog, meinen Platz einzunehmen. Ich schauderte ein wenig.

"Du hast mir geholfen, diese Zeit zu überstehen. Du und Sally."

"Und der Whisky." Sentimentale Anwandlungen schmetterte Sonia immer schnell ab.

"Und der Whisky, das stimmt. Whisky, Bier, Kaffee, Musik ^ Apropos "Glaubst du, Amos möchte mit dir in einer Band spielen?"

"Ich hab ihn noch nicht gefragt. Keine Ahnung."

Sonia musterte mich einen Moment eindringlich, dann nickte sie. "Du hast absichtlich bis zum dritten Glas Wein gewartet, bevor du mich gefragt hast, stimmt's?"

"Bis zum zweiten, glaube ich."

"Definitiv bis zum dritten", erklärte Sonia und nahm wie zur Bestätigung einen Schluck. "Als Gegenargument wäre zu nennen, dass du mich bisher nur im Chor gehört hast."

"Nicht zu vergessen der Karaokeabend letztes Jahr."

"War das ich?"

"Eine der besten Versionen von >I Will Survive<, die ich je gehört habe."

"Als Proargument könnte ich anführen, dass ich niemanden von den Leuten kenne, für die ich singe. Spielt es eine Rolle, ob man sich vor Menschen zum Narren macht, die man nicht kennt?"

"Das ist, als würde mitten im Wald ein Baum umfallen."

Danach Ich holte mein Handy hervor, schaltete es ein und tippte hektisch die ersten drei Zahlen. Dann überlegte ich es mir anders, schaltete das Telefon wieder aus und ließ es zurück in die Tasche fallen, als könnte ich mir daran die Finger verbrennen. Ich wusste aus der Zeitung, dass die Experten inzwischen in der Lage waren, jedes Telefonat genau zurückzuverfolgen: nicht nur, mit wem man gesprochen hatte, sondern auch, von wo genau der Anruf kam. Auf diese Weise wurden Täter gefasst und falsche Alibis aufgedeckt.

Ich konnte also weder übers Festnetz telefonieren noch sein Handy benutzen, das nach wie vor in meiner Tasche steckte. Kurz spielte ich mit dem Gedanken aufzugeben. Warum wählte ich nicht einfach die Notrufnummer und heulte der unpersönlichen Stimme am anderen Ende etwas vor? Krampfhaft versuchte ich, die Gedanken, die mir durch den Kopf schwirrten, zu sortieren und der Reihe nach abzuarbeiten. Schließlich griff ich nach den Schlüsseln in der Schale, vergewisserte mich, dass der Wohnungsschlüssel darunter war, und schob - erneut durch meinen Ärmel geschützt - den Türriegel zurück. Nach einem letzten schnellen Blick auf die Leiche trat ich hinaus auf den Treppenabsatz und zog die Tür hinter mir zu. Mit einem erschreckend lauten Klicken fiel sie ins Schloss. Was, wenn mich jemand sah? Ich wusste, dass sich die Familie von nebenan in Urlaub befand, weil deren Zimmerpflanzen währenddessen von uns - oder vielmehr mir - gegossen wurden. Der junge Mann, der oben wohnte, war zwar da, kam allerdings für gewöhnlich erst spätabends nach Hause. Außerdem war heute Freitag, also schon Wochenende. Womöglich aber lag er direkt über mir krank im Bett oder befand sich gerade auf dem Heimweg. Vielleicht bog er in genau diesem Moment von der Kentish Town Road ab und kam die kleine Gasse entlang, die Hand bereits in der Tasche, um seinen Schlüsselbund herauszufischen. Möglicherweise lief ich ihm direkt in die Arme, wenn ich die Haustür öffnete. Wie erstarrt blieb ich auf dem Treppenabsatz stehen und lauschte angestrengt. Dann holte ich tief Luft und steuerte zielstrebig auf den Eingang zu, wobei ich mich bemühen musste, nicht zu rennen.

Draußen auf der unbeleuchteten Straße war kein Mensch zu sehen. Die kleine Werkstatt direkt gegenüber hatte bereits geschlossen. Nur das Schild, das für TÜV und Reparaturen warb, bewegte sich langsam im Wind hin und her. Als ich im Laufschritt um die Ecke bog, war die Straße immer noch menschenleer, und einen Moment später hatte ich es hinaus auf die Hauptstraße geschafft, wo ich erleichtert die Lastwagen, Pkws und Motorräder vorbeidonnern hörte. Leute, die ich nicht kannte, schlenderten allein oder in Grüppchen den Gehsteig entlang. Niemand hatte es eilig, denn es war Sommer und die Nachtluft angenehm warm.

Da ich bisher noch nie eine Telefonzelle benutzt hatte, wusste ich nicht, in welche Richtung ich mich wenden sollte. Womöglich waren sie alle mit Brettern vernagelt und nutzlos, und das Telefon baumelte tot am Kabel. Ich bog nach links ab, eilte unter der Eisenbahnbrücke hindurch und dann mit großen Schritten weiter, bis ich schließlich eine rote Telefonzelle entdeckte. Drinnen roch es durchdringend nach Pisse, das Glas war mit Graffiti bedeckt, und ein einsamer Aufkleber warb für die Dienste einer auf Massagen spezialisierten Mischa. Ich durchwühlte meine Börse nach Kleingeld. Bitte sei daheim, bitte sei daheim, flehte ich lautlos, während ich wählte. Sie ging tatsächlich ran.

"Bonnie? Alles in Ordnung?"

"Ich brauche deine Hilfe. Jetzt sofort. In einer ernsten Angelegenheit."

"Lass hören."

Allein schon der Klang ihrer Stimme beruhigte mich.

"Das geht nicht - nicht am Telefon. Du musst herkommen."

Sie stellte keine unnötigen Fragen. "Alles klar. Bist du zu Hause?"

Ich wollte sie schon zu Lizas Wohnung bestellen, doch dann fiel mir ein, dass sie ja gar nicht wusste, wo das war. Außerdem wurde mir rasch klar, dass ich besser gemeinsam mit ihr hinging, statt sie wie eine normale Besucherin dort auftauchen zu lassen. Deshalb vereinbarten wir, uns an der Telefonzelle zu treffen, und sie versprach mir, sofort zu kommen.

Kundenbewertungen zu "Die Komplizin" von "Nicci French"

2 Kundenbewertungen (Durchschnitt 3.5 von 5 Sterne bei 2 Bewertungen **** sehr gut)
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Bewertung von freaky-like-me aus Berlin am 04.11.2012 ***** weniger gut
In einem Kapitel spielt es vor der Tat, in dem nächsten nach der Tat. "Aber welche Tat?" fragt man sich sofort.
Bonnie möchte in den Sommerferien einer Freundin einen Gefallen tun. Sie eröffnet die alte Schulband wieder und sucht sich ein paar neue Mitglieder, um bei der Hochzeit der Freundin aufzutreten. Sie üben Tag für Tag, doch es verstehen sich nicht alle so gut. Einer Neuer tritt in die Band ein. Bonnie hat eine heimliche Affäre mit ihm.., doch wie es aussieht ist sie nicht die Einzige. Der Neue hat viel Streit mit den anderen Bandmitgliedern. Eines Tages erscheint er nichtmehr zu den Proben. Was ist nur mit ihm passiert? Hat er sich einfach so aus dem Staub gemacht? Bonnie wusste es besser.. Sie fand die Leiche ihres Liebhabers in ihrer Wohnung und holte sich Hilfe bei einer Freundin. Die beiden ertränkten die Leiche in einem naheliegenden See. Und das alles nur für Bonnie's richtigen Freund. Sie hatte gesehen wie er aus ihrer Wohnung kam, aus der Wohnung wo kurz vorher der Mord begangen wurde. Als die Leiche einige Zeit später in dem See geborgen wurde, wundert sich Bonnies Freund. Er hat doch den Tatort extra verwüstet, damit man keine Spuren findet, die darauf hinweisen, dass es Bonnie war. Er spricht sie an. Es kommt heraus, dass sie beide den Mord nicht begangen haben und die Spuren für einen Dritten, den Mörder, verwischt haben. Doch wer aus der Band war es sonst?! ;o
Ich fand das Buch sehr verwirrend, da es einmal nach der Tat und einmal vor der Tat spielte. Am Ende war es ein ziemliches Durcheinander, da beide Zeitformen aufeinander trafen.
Ich würde es eher nicht weiterempfehlen, da es, wie gesagt, ziemlich schwer zu Verstehen war.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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Bewertung von Susi am 09.08.2012 ***** ausgezeichnet
Wieder mal ein ausgezeichnetes Buch von Nicci French! Man ist von Anfang an in der Geschichte drin und kann es kaum erwarten, wie es weiter geht. Das Buch ist sehr kurzweilig und hat mir durch einen humorvollen Schreibstil öfter ein Lächeln entlockt. Eine tolle und fesselnde Geschichte mit interessanten Wendungen!

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