Leseprobe zu "Die Klinge" von Colin Forbes
PROLOG
"Woher wollen Sie denn wissen, dass das die Leiche von Adam Holgate ist, wo doch der Kopf fehlt?", fragte Tweed.
Es war in einer Nebelnacht, wie sie Anfang Dezember für London typisch war. Tweed saß neben Chief Superintendent Roy Buchanan, der den zivilen Volvo der Polizei durch die fast menschenleeren Straßen steuerte. Buchanan hatte die Scheibenwischer einschalten müssen, um freie Sicht zu haben. Tweeds Assistentin Paula Grey, die auf dem Rücksitz saß, hätte auch ein paar Fragen gehabt, hielt sich aber zurück.
"Ganz einfach", antwortete Buchanan. "Ich habe den Leichensack aufgemacht und seine Jackentaschen durchsucht. Er hatte einen Ausweis von ACTIL bei sich, dem großen Konzern, bei dem er gearbeitet hat, nachdem er Ihren Laden verlassen hatte."
"Zum Glück hat Holgate damals keine wichtigen Informationen mitnehmen können", sagte Paula. "Er hat unsere Zentrale in der Park Crescent nie betreten. Howard war immerhin so klug gewesen, ihm ein Büro in der Kommunikationsabteilung ein paar Häuser weiter zu geben."
"Sie haben die Leiche in Bray gefunden", sagte Tweed. "Was, um alles in der Welt, hat Holgate dort bloß gesucht? So viel ich weiß, hat man ihn aus der Themse gefischt."
"Das stimmt nicht ganz. Seine Leiche lag in einer Bachmündung. Ein Mann, der dort seinen Hund spazieren führte, hat sie entdeckt und über sein Handy Scotland Yard verständigt."
"Und Sie haben den Toten in Dr. Saafelds Labor in Holland Park bringen lassen. Das war klug von Ihnen, immerhin ist Saafeld der beste Pathologe, den wir haben."
"Und ob er das ist", antwortete Buchanan mit grimmiger Miene. "Es handelt sich hier um einen besonders brutalen Mord, und ich wollte, dass unser bester Mann die Autopsie durchführt. Dann habe ich Sie angerufen und abgeholt. Schließlich hat Holgate ja mal für Sie gearbeitet."
"Da passt was nicht zusammen", meldete sich Bob Newman, der bekannte Auslandskorrespondent, zu Wort. Er saß neben Paula hinten im Wagen. "Wer einer Leiche den Kopf abschneidet, der will damit normalerweise verhindern, dass sie identifiziert wird. Wieso lässt er dann aber den Ausweis in der Jackentasche?"
"Sie haben Recht", erwiderte Buchanan. "Das finde ich auch ziemlich seltsam."
Er blickte hinüber zu Tweed, einem Mann von mittlerer Größe und kräftigem Körperbau, dessen Alter man nur schwer schätzen konnte. Tweed hatte dichtes, dunkles Haar und ein glatt rasiertes Gesicht mit einer großen Nase, auf der eine altmodisch wirkende Hornbrille saß. Seiner Miene war nicht zu entnehmen, was er dachte. Alles in allem wirkte er so unauffällig, dass viele Menschen nicht einmal bemerkten, wenn er auf der Straße an ihnen vorüberging. In seiner Stellung als stellvertretender Direktor des SIS war diese Eigenschaft ein großer Vorteil.
Buchanan selbst war Mitte vierzig, etwas größer als Tweed, schlank und hager. Sein Schnurrbart war immer exakt gestutzt, und sein ernster Gesichtsausdruck war nicht nur bei seinen Untergebenen gefürchtet, sondern auch bei den Verbrechern, von denen er schon unzählige überführt hatte. Tweeds Meinung nach war er der beste Polizist im ganzen Land. Die beiden Männer vertrauten einander blind.
"Gleich sind wir da", sagte Buchanan. "Holland Park ist eine ruhige Wohngegend mit schönen Häusern." Er bog in eine Seitenstraße ab und hielt vor einem schmiedeeisernen Tor. Das dazugehörige Haus verbarg sich hinter dunklen immergrünen Bäumen und Büschen, die auch die kurze Auffahrt säumten. Tweed stieg aus und betätigte die Gegensprechanlage an einem der Torpfeiler.
"Hier sind Tweed und Roy Buchanan."
"Wurde auch Zeit", erwiderte eine barsche Stimme. Gleich darauf öffnete sich das zwei Meter hohe Tor, an das sich rechts und links eine hohe Mauer anschloss. London war heutzutage ein wahrer Sumpf des Verbrechens, und seine Bewohner mussten sich mit allen erdenklichen Mitteln gegen Einbrecher und Überfälle schützen. Dazu gehörten grelle Scheinwerfer, die sich per Bewegungsmelder einschalteten, massive Gitter vor den Fenstern im Erdgeschoss und die ausgefeiltesten Alarmanlagen, die auf dem Markt waren. Manchmal hatte man das Gefühl, in einer belagerten Stadt zu leben, und leider entsprach dieser Eindruck nur allzu oft der Wirklichkeit.
Buchanan ging mit weit ausgreifenden Schritten auf das Steinhaus zu, in dem Dr. Saafeld wohnte und arbeitete. Tweed bemerkte, dass man seit seinem letzten Besuch auch noch die Kellerfenster zugemauert hatte. Was ist nur aus diesem Land geworden?, fragte er sich, während Scheinwerfer aufflammten und die Haustür sich langsam öffnete. Das Licht war so grell, dass Paula sich die Hand schützend vor die Augen halten musste.
"Na los, kommen Sie rein", brummte Saafeld. "Sie sind doch nicht hier, um sich da draußen die Beine zu vertreten."
Der ist aber schlecht gelaunt, dachte Paula, so habe ich ihn ja noch nie erlebt. Saafeld war ein kleiner, kräftig gebauter Mann Ende fünfzig. Seine fast vollständig ergrauten Haare standen in merkwürdigem Kontrast zu seiner jugendlich gesunden Gesichtsfarbe und seinen sicheren, flinken Bewegungen. Er begleitete seine Besucher in eine Eingangshalle mit dunklem Holzboden, von der aus mehrere Türen in die anderen Teile des Hauses führten.
Saafelds Miene hellte sich erst auf, als er Paula zur Begrüßung umarmte, um dann einen Schritt zurückzutreten und sie bewundernd anzusehen. Paula war einen Meter siebzig groß, hatte schulterlanges, schwarzes Haar, ein gut geschnittenes Gesicht und ein ausgeprägtes Kinn, das auf große Beharrlichkeit schließen ließ. Ihren wachen blauen Augen entging nichts, und für ein Lächeln von ihr hätte so mancher Mann so manches getan. Paula trug ein dunkles Kostüm, das ihre wohl proportionierte Figur hervorragend zur Geltung brachte, und dazu einen bunten Seidenschal, der für den nötigen Farbtupfer sorgte. Nachdem Saafeld sie ausgiebig bewundert hatte, wandte er sich den beiden Männern zu, die er aus seinen lebhaften Augen entrüstet anfunkelte.
"Sie werden es kaum glauben, aber man hat mich beraubt. Kommen Sie mit hinunter in die Leichenhalle ..."
Er ging voran und stieg eine steinerne Treppe hinunter. Unten zog er eine Magnetkarte aus der Tasche und öffnete damit eine schwere Eisentür, durch die sie in einen kleinen Raum gelangten, an dessen Ende sich eine vom Boden bis zur Decke reichende Scheibe aus Panzerglas befand. Nachdem Saafeld seine Karte in ein Lesegerät an der Wand gesteckt hatte, glitt die Scheibe geräuschlos nach oben und gab den Weg in die große unterirdische Leichenhalle frei.
Paula stach sofort der Formalingeruch in die Nase. Mit dieser Chemikalie konservierte Saafeld die Gewebeproben der Leichen, die in mehreren tiefen Schubfächern aus Edelstahl in einer Wand des Raumes lagerten. Jetzt führte er sie zu einem Stahltisch, über dem verschiedene, an Teleskoparmen befestigte Kameras hingen.
"Da lag die Leiche, die sie mir geklaut haben", sagte er gereizt und deutete auf den leeren Tisch. "Es war der Tote aus Bray."
"Wer war dafür verantwortlich?", fragte Tweed ruhig.
"Ein Überfallkommando von der Special Branch, unter dem Kommando Ihres speziellen Freundes, Mr. Nathan Morgan."
"Und in welcher Befugnis hat Morgan das getan?"
"Er hatte eine schriftliche Anweisung vom Chief Constable in Maidenhead, in der stand, die Leiche sei sofort dorthin zu bringen", ereiferte sich Saafeld. "Außerdem hatte er ein Schreiben des Innenministers, in dem diese Anweisung bestätigt wurde. Ich konnte nichts dagegen machen, ich musste ihnen die Leiche überlassen. Morgan hatte einen Krankenwagen mit Sanitätern dabei, außerdem zwei von seinen Special-Branch-Gorillas. Wie gesagt, ein richtiges Überfallkommando. Einfach unglaublich."
"Und ziemlich dubios, würde ich sagen. Wieso mischt sich die Regierung in einen Mordfall ein? Das riecht doch geradezu nach einer Vertuschungsaktion. Hatten Sie denn wenigstens schon mit der Autopsie angefangen?"
"Nein, weil ich die Leiche nämlich erst einmal nach Fasern und anderen Spuren abgesucht habe. Das habe ich Morgan aber nicht auf die Nase gebunden. Der Kerl war mir deutlich zu aggressiv. Er wollte auch unbedingt wissen, ob ich schon Fotos gemacht habe." Saafeld lächelte grimmig. "Ich habe das verneint, obwohl das nicht stimmte. Dann habe ich ihn angebrüllt und ihm mit einer Beschwerde gedroht und anschließend rausgeschmissen. Das hat ihm gar nicht gefallen. Er wollte seine schriftlichen Anweisungen wieder mitnehmen, aber ich habe sie nicht mehr herausgerückt."
"Haben Sie die Leiche komplett fotografieren können?" "Ja. Zum Glück habe ich die Bilder selbst gemacht, weil meine Assistenten schon gegangen waren. Es gibt also keine Zeugen. Ich habe den Film sofort entwickelt und zwei Sätze von Abzügen gemacht. Einen davon kann ich Ihnen mitgeben, aber zeigen Sie die Aufnahmen niemandem."
Tweed lief nervös in dem großen Raum auf und ab. Er musste nachdenken. In der Zwischenzeit öffnete Saafeld eine Schublade und nahm einen großen, mit Karton verstärkten Umschlag heraus. Paula streckte die Hand aus. "Darf ich mir die Fotos mal ansehen?"
Saafeld zögerte. "Sie sind ziemlich grausig."
"Wenn ich in Ohnmacht falle, dürfen Sie mich auffangen." Paula lächelte. "Aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen diese Freude bereiten werde."
Saafeld reichte ihr ein Paar Latexhandschuhe, damit sie auf den Fotos keine Fingerabdrücke hinterließ. Nachdem sie hineingeschlüpft war, zog sie vorsichtig die Farbbilder aus dem Umschlag und breitete sie auf dem Metalltisch aus. Newman trat näher heran und atmete tief durch.
Auf den Bildern war Holgates kopfloser Leichnam zu sehen, der noch immer mit einem verknitterten blauen Anzug bekleidet war und auf einem weißen Plastiktuch auf dem Seziertisch lag. Vermutlich hatte Saafeld diese Aufnahmen gemacht, um zu zeigen, in welchem Zustand man den Toten gefunden hatte.
Über dem Hemdkragen und dem Krawattenknoten ragte der Stumpf des Halses hervor. Die Wunde hatte überraschend glatte, mit bräunlichem Blut verkrustete Ränder. Der noch vorhandene Rest des Halses war recht lang, der Kopf musste also kurz unterhalb des Kinns abgetrennt worden sein.
Aufmerksam besah sich Paula die Bilder der Leiche, die Saafeld aus allen nur erdenklichen Winkeln fotografiert hatte. Dabei war ihr ziemlich seltsam zumute, obwohl sie Holgate nur flüchtig gekannt hatte. Damit die anderen ihre Reaktion nicht sehen konnten, beugte sie sich tief über die Fotos. Mit einem Mal bemerkte sie, dass Buchanan neben ihr stand.
"Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?", fragte er leise.
Paula schüttelte stumm den Kopf und besah sich noch einmal das erste Foto, das sie aus dem Umschlag gezogen hatte. Darauf waren die meisten Details zu erkennen. Sie runzelte die Stirn und stand auf, ohne die Augen von dem Bild zu wenden.
"Und sind Sie schon zu irgendwelchen Schlüssen gekommen?", fragte Tweed gerade Saafeld.
"Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich bei der Tatwaffe nicht um ein Messer gehandelt hat. Das hätte am Hals eine unregelmäßig ausgefranste Wunde hinterlassen - ganz abgesehen davon, dass es verdammt anstrengend ist, jemanden mit einem Messer zu enthaupten. Ich vermute, dass der Mörder eine Axt verwendet hat, eine Axt mit einer extrem scharfen Klinge. Der saubere Schnitt direkt unterhalb des Kinns lässt kaum einen anderen Schluss zu. Außerdem muss der Mörder sehr stark sein, da der Kopf vermutlich mit einem einzigen Schlag abgetrennt wurde. Ich hatte noch Gelegenheit, die Leiche umzudrehen, und habe dabei hinten im Hemdkragen geronnenes Blut gefunden. Daraus schließe ich, dass der Mörder sein Opfer erst mit dem Axtstiel bewusstlos geschlagen hat. Vermutlich ist er Rechtshänder, aber beweisen kann ich das nicht."
"Professor", wandte Paula sich an Saafeld. "Dürfte ich mir dieses Foto mal unter einer Lupe ansehen?"
Ohne Paula erst einmal nach dem Grund zu fragen, führte Saafeld sie umgehend zu einem anderen Tisch, an dem ein beweglicher Arm mit einem starken Vergrößerungsapparat befestigt war. Paula nahm auf dem Drehstuhl davor Platz, stellte ihn in der Höhe ein und blickte dann durch das Okular. Saafeld schob das Foto darunter.
"An dem Rädchen rechts können Sie die Vergrößerung einstellen", sagte er. "Aber drehen Sie langsam, der Apparat reagiert sehr empfindlich."
Saafeld ging sofort wieder zu den anderen zurück. Paula wusste seine Diskretion zu schätzen. Sie mochte es nicht, wenn ihr jemand über die Schulter sah. Der Apparat reagierte tatsächlich auf die kleinste Drehung. Paula musste ihre Latexhandschuhe ausziehen, um ihn richtig bedienen zu können.
Langsam drehte sie das Rad erst in die eine, dann in die andere Richtung, bis sie den abgeschnittenen Stumpf des Halses erschreckend deutlich und in allen Details sah. Nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte, drehte sie sich auf ihrem Stuhl zu den anderen um.
"Professor Saafeld", sagte sie. "Ich bin mir sicher, dass die Axt eine dreieckige Scharte in der Klinge hat. Aber das ist Ihnen bestimmt auch schon aufgefallen."
"Nein, ist es nicht."
Saafeld ging schnellen Schrittes zu ihr. Paula stand vorsichtig auf und achtete darauf, dass sich dabei das Rad an dem Vergrößerungsapparat nicht verstellte. Saafeld nahm Platz, setzte sich eine Brille mit Goldrand auf und blickte durch das Okular. Dann nahm er die Brille wieder ab, rieb sich die Augen und sah erst Paula und dann Tweed an.
"Ich habe es Ihnen ja schon oft gesagt, Tweed, dass Ihre Paula ein verdammt gescheites Mädchen ist. Sollte sie es jemals über haben, für Sie alten Sklaventreiber zu arbeiten, würde ich sie liebend gern bei mir anstellen. In der Wunde ist tatsächlich die Spur einer Scharte zu sehen ..."
Als Nächster blickte Newman durch den Apparat, dann Tweed und schließlich Buchanan, der wegen seiner außerordentlichen Körpergröße den Drehstuhl ein Stück nach unten fahren musste. Buchanan studierte das vergrößerte Foto eine volle Minute, bevor er aufstand und mit dem Finger über seinen exakt gestutzten Schnurrbart strich. Diese Geste hatte Paula schon öfter an ihm bemerkt, immer dann, wenn ein Fall eine unerwartete Wendung nahm.
"Das ist eine äußerst wichtige Entdeckung, Paula", sagte er. "Sollten wir jemals die Mordwaffe finden, können wir sie anhand dieser Scharte zweifelsfrei identifizieren. Eigentlich erstaunlich, dass der Mörder sie nicht bemerkt hat."
"Wahrscheinlich hat er das sogar", erwiderte Paula, "aber es war ihm egal."
"Tut mir Leid, aber wir müssen langsam aufbrechen", sagte Buchanan mit einem mahnenden Blick auf die Uhr.
Saafeld streifte Latexhandschuhe über, öffnete abermals die Schublade und entnahm ihr zwei weitere mit Karton verstärkte Umschläge. In einen davon steckte er die Fotografie, die sie soeben unter dem Vergrößerungsapparat betrachtet hatten, in den anderen ein Duplikat davon. Dann gab er den einen Umschlag Tweed, den anderen Buchanan.
"Hoffentlich hilft Ihnen das bei Ihren Nachforschungen", sagte er düster.
"Da bin ich mir ganz sicher", erwiderte Tweed. "Die Fotos werden uns bestimmt unschätzbare Dienste erweisen."
"Ich möchte, dass Sie mich begleiten", sagte Buchanan, als sie in seinem Wagen von Holland Park abfuhren. "Es dauert aber ein paar Stunden."
"Wo wollen Sie denn hin?", fragte Tweed.
"Nach Bray, wo man die Leiche gefunden hat. Vielleicht ist heute Abend unsere letzte Chance, den Tatort zu untersuchen, jetzt, wo der Chief Constable den Fall an sich gerissen hat."
"Dann sollten wir das sofort tun", erwiderte Tweed.
Niemand sagte etwas, bis sie die Vorstädte hinter sich gelassen hatten und durch Windsor fuhren. Der Regen hatte aufgehört, und vor dem klaren, aber dunklen Himmel konnte Paula die massige Silhouette von Windsor Castle erkennen. Bald darauf erreichten sie das flache Land, wo neben der Straße nichts als weite Felder und schwarze, kahle Bäume waren.
"Werden wir in der Dunkelheit überhaupt etwas erkennen können?", fragte Paula.
"Ich habe vier starke Taschenlampen dabei", sagte Buchanan. "Die dürften reichen. Sie sind im Handschuhfach, Tweed."
Tweed verteilte die Taschenlampen, und Paula richtete den Strahl prüfend auf den Wagenboden. Dann schaute sie wieder aus dem Fenster, wo immer noch leere Felder und kahle Bäume vorüberzogen.
"Eine Sache verstehe ich nicht", sagte sie. "Saafelds Hypothese nach soll der Mörder sein Opfer zuerst mit dem Stiel der Axt bewusstlos geschlagen haben. So weit kann ich ihm noch folgen. Aber dass er den Kopf mit einem einzigen Hieb so sauber vom Rumpf getrennt haben soll? Dazu müsste das Opfer doch auf dem Rücken liegen, mit dem Hals auf einer Art Richtblock."
"Darüber habe ich auch schon nachgedacht", sagte Tweed. "Aber ich bin noch zu keiner befriedigenden Lösung gekommen."
"Jetzt sind wir gleich in Bray", verkündete Buchanan, der von der Hauptstraße abgebogen war.
"Wie weit ist es dann noch bis zur Themse?", fragte Tweed.
"Etwa eineinhalb Kilometer. Bray ist übrigens das letzte noch intakte Dorf vor London, alle anderen Ortschaften flussaufwärts wurden von unseren so genannten Stadtplanern kaputt saniert. Aber da wären wir schon."
Im Licht der Autoscheinwerfer sah Paula schöne, große Häuser, wobei einige bestimmt über hundert Jahre alt waren. Sie standen nahe an der Straße, die sich kurvig durch das Dorf wand. In einigen Fenstern brannte Licht, aber auf der Straße war keine Menschenseele zu sehen.
"Kurz vor dem Ortsende von Bray biegen wir zum Fluss ab", sagte Buchanan.
"Komisch, hier scheint es gar keine Geschäfte zu geben", bemerkte Paula.
"Stimmt. Das letzte hat schon vor ein paar Jahren dichtgemacht. Die Leute aus Bray kaufen jetzt alle in den Supermärkten in Maidenhead ein. Heutzutage ist das leider so."
Als das Dorf hinter ihnen lag, bog Buchanan nach rechts auf einen kleinen, von Hecken gesäumten Feldweg ab. Nirgends war ein Haus zu sehen, nur dunkle Felder und Wiesen. Als Buchanan den Wagen am Wegrand anhielt, fiel Paula sofort auf, wie still es war. Die einzigen Geräusche waren das leise Gurgeln des Flusses und die Regentropfen, die von den Ästen der Bäume auf den Erdboden fielen. Es war richtig unheimlich.
"Ich gehe voran", sagte Buchanan, nachdem alle ausgestiegen waren, und schaltete seine Taschenlampe an. Kaum hatten sie ein paar Schritte über die Wiese zurückgelegt, tauchte plötzlich ein uniformierter Polizist vor ihnen auf. Hinter ihm flatterte ein Absperrband aus Plastik im Wind, das man zwischen in die Erde gesteckten Ästen aufgespannt hatte. Paula war froh, dass sie ihre kniehohen Stiefel angezogen hatte, weil der Boden hier vom Regen ganz aufgeweicht war.
"Stehen bleiben!", raunzte der Polizist übellaunig. "Hier darf keiner durch."
"Wir schon", gab Buchanan im gleichen Ton zurück. "Ich bin von Scotland Yard und derjenige, der die Leiche hat abholen lassen. Sehen Sie sich das hier mal an."
Mit diesen Worten hielt Buchanan dem Polizisten seinen Ausweis vor die Nase und richtete den Strahl seiner Taschenlampe darauf. Der Polizist wollte den Ausweis in die Hand nehmen, aber Buchanan ließ ihn nicht los.
"Aber mir hat keiner gesagt, dass Sie kommen", maulte der Polizist.
"Geben Sie den Weg frei, und heben Sie der Dame gefälligst das Absperrband hoch. Na, wird's bald, Mann? Wir haben nicht ewig Zeit."
Nachdem der zerknirschte Polizist sie durchgelassen hatte, ging Buchanan sofort zum Fluss hinunter, der Hochwasser führte und laut rauschte. Tweed, der die Hände in die Taschen seines alten Regenmantels gesteckt hatte, trat neben Buchanan ans Ufer.
"Wer hat gleich noch mal die Leiche gefunden?", fragte er.
"Ein Rentner namens Weatherspoon, der seinen Hund hier Gassi geführt hat. Er wohnt in Bray. Ich habe den Mann überprüfen lassen, er ist völlig unverdächtig."
"Wo genau lag denn der Tote?", fragte Paula und ging in die Hocke.
"In dem flachen Altwasser dort rechts. Aber wahrscheinlich hat man ihn irgendwo flussaufwärts ins Wasser geworfen. Wo genau, ist allerdings fraglich."
"Haben Sie was dagegen, dass ich ein kleines Experiment mache?", fragte Paula und richtete sich wieder auf.
"Nur zu", erwiderte Buchanan mit einem schiefen Lächeln.
Paula sah sich um. Ringsum lagen mehrere in viele Stücke zersägte Bäume herum, aus denen vermutlich Brennholz gemacht werden sollte. Paula ging ein paar Schritte flussaufwärts und suchte sich ein Stück Baumstamm, das sie gerade noch hochheben konnte. Der Block war bestimmt nicht so schwer wie Holgates Leiche, aber annähernd kam er hin. Rasch streifte sie sich ein Paar Autofahrerhandschuhe über, hob dann das Holzstück in die Höhe und schleppte es ans Ufer. Nun kam der schwierige Teil. Paula holte tief Luft und schleuderte das schwere Holz, so weit sie konnte, hinaus in den Fluss.
Gut einen Meter vom Ufer entfernt schlug es auf das Wasser auf, wo es sofort von der starken Strömung erfasst und in die Mitte des Flusses getragen wurde. Kurze Zeit später war es aus ihrem Gesichtskreis verschwunden. Es war nicht einmal in die Nähe des Altwassers gekommen.
Als Paula zurück zu Tweed und den anderen ging, spürte sie, wie ihr der Schweiß den Rücken und die Arme hinabrann.
"Hat da vorhin jemand was gerufen?", fragte sie.
"Ja, das war ich", erwiderte Buchanan und musterte sie mit einem kritischen Blick. "Ich hatte Angst, Sie könnten ins Wasser fallen."
"Tut mir Leid", sagte Paula und rieb ihre Handschuhe aneinander, um sie von den anhaftenden Rindenstückchen zu befreien, "aber ich glaube nicht, dass jemand die Leiche flussaufwärts ins Wasser geworfen hat. Viel wahrscheinlicher ist, dass man sie direkt zu dem Altwasser gebracht hat, wo sie früher oder später gefunden werden musste. Das Stück Baumstamm, das ich gerade ins Wasser geworfen habe, war ganz schön schwer - fast so schwer wie ein Körper ohne Kopf -, aber es ist nicht mal in die Nähe des Ufers getrieben worden."
"Sie hat Recht", bemerkte Tweed.
"Dann ist der Mord womöglich hier in der Nähe begangen worden", sagte Buchanan nachdenklich. "Aber wo?"
"Bin gleich wieder da", sagte Paula.
Sie schlüpfte unter dem Plastikband hindurch und suchte mit der Taschenlampe die Wiese jenseits des von der Polizei abgesperrten Gebietes ab. Auch hier hatte man Bäume abgesägt, deren Stümpfe nun wie soeben vom Mars gelandete Raumschiffe in den Himmel ragten. Nachdem sie eine Weile gesucht hatte, entdeckte Paula eine Stelle, an der das Gras kreisförmig niedergetrampelt war und in deren Mitte eine merkwürdige Astgabel steckte. Dort, wo die beiden kräftigen Astarme aufeinander stießen, hatte jemand die Rinde vom Holz entfernt.
Vorsichtig ging Paula auf die Astgabel zu und untersuchte sie eingehend im Licht ihrer Taschenlampe. Eigentlich hätte das von der Rinde befreite Holz heller als der Rest des Astes sein müssen, aber das war nicht der Fall. Es hatte vielmehr eine rötlich-braune Farbe, die Farbe von getrocknetem Blut.
"Ich habe den Richtblock gefunden", verkündete Paula, als die anderen, die sie mit ihrer Taschenlampe herbeigewinkt hatte, bei ihr waren. Buchanan und Tweed gingen in die Hocke, um die Astgabel näher zu untersuchen, und Newman machte Aufnahmen mit seinem Fotoapparat.
"Sehen Sie nur, da ist eine Kerbe im Holz, wo die Axt nach dem Durchtrennen von Holgates Hals hineingeschlagen hat. Und unter der Astgabel sind Blutspuren im Gras", sagte Buchanan.
"Die Astgabel ist breit genug für einen Hals", überlegte Paula. "Ein bisschen improvisiert, dieser Richtblock, aber er hat seinen Zweck erfüllt. Bedauernswerter Holgate."
"Aber was ist mit seinem Kopf passiert?", sagte Buchanan und sah Paula an. "Wahrscheinlich hat ihn der Mörder in den Fluss geworfen."
"Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Der Kerl wird mir immer unheimlicher."
"Wir müssen sofort das ganze Gebiet hier absperren", sagte Buchanan.
"Ich frage mich, wer wohl in dem großen Haus dort drüben wohnt", sagte Paula und deutete mit dem Finger auf einen kleinen Hügel in ungefähr vierhundert Meter Entfernung. Er war die einzige Erhebung weit und breit, und obenauf thronte ein stattliches, zwei Stockwerke hohes Herrenhaus im Tudor-Stil, das man im Mondlicht gut erkennen konnte. Es schien völlig verlassen zu sein.
"Komisch, vorhin habe ich dort noch Licht in einem der Fenster gesehen", sagte Paula.
"Aber jetzt ist alles dunkel", meinte Buchanan und schüttelte den Kopf. "Wahrscheinlich haben Sie sich das mit dem Licht nur eingebildet. Das Haus steht nämlich leer - ich habe es mir heute bereits angesehen. Das Tor zum Park war abgeschlossen, und ich musste über die Mauer steigen. Ich habe mindestens zehnmal an der Haustür geklingelt, aber niemand hat mir aufgemacht. Ich bin dann ums ganze Haus herumgegangen. Alle Fensterläden waren zu. Sah ganz so aus, als würde dort schon länger niemand mehr wohnen." Er drehte sich um, klatschte in die Hände und rief mit lauter Stimme: "Officer! Kommen Sie so sofort zu uns her. Das ist ein Befehl!"
Der mürrische Polizist, der sie zuvor nicht hatte durchlassen wollen, kam keuchend über die Wiese gelaufen. Plötzlich rutschte er auf dem vom Regen glitschigen Boden aus und fiel der Länge nach hin. Als er schließlich vor dem Superintendent strammstand, war seine Uniform voller Erde.
"Ich will, dass das ganze Areal rings um diese Stelle sofort abgeriegelt wird. Haben Sie noch genügend Absperrband?"
"Eine ganze Rolle, Sir. Der Sergeant hat sie mir dagelassen, bevor er weggefahren ist. Er hat gemeint, er würde schon genügend Zeug durch die Gegend fahren. Ich bin übrigens eigentlich gar nicht mehr im Dienst. Meine Ablösung ist gerade gekommen."
"Sie sind so lange im Dienst, bis Sie meinen Befehl ausgeführt haben. Ist das klar?", herrschte Buchanan ihn an. "Ihre Ablösung soll Ihnen dabei helfen."
Dann wandte er sich an Tweed. "Mehr können wir in der Dunkelheit hier nicht tun. Fahren wir zurück nach London."
Als sie in Richtung Wagen gingen, bemerkten die Männer, dass Paula stehen geblieben war und auf das düster wirkende Gebäude auf dem Hügel starrte.
"Wo bleiben Sie denn, Paula?", rief Buchanan ihr zu.
"Ich bin mir ganz sicher, dass ich vorhin ein Licht in einem der Fenster gesehen habe."
"Sie sind erschöpft. Was ja kein Wunder ist, schließlich war es ein langer Tag für Sie. Kommen Sie jetzt."
"Wissen Sie, wem das Haus gehört?", fragte Paula, als sie zu den anderen aufgeschlossen hatte.
"Einer Firma namens ACTIL. Ich habe mich in Bray erkundigt. Genau genommen ist es in Besitz eines Milliardärs, der ACTIL gegründet hat. Sein Name ist Roman Arbogast."
"ACTIL", wiederholte Tweed. "Genau der Konzern, für den Holgate gearbeitet hat, nachdem er uns verlassen hat. Seltsamer Zufall."
1
Am nächsten Morgen saß Tweed schon früh hinter seinem Schreibtisch in dem großen Büro in der Park Crescent, von wo aus er einen schönen Blick auf den fernen Regent's Park hatte. Hier war das eigentliche Hauptquartier des Special Intelligence Service, der hässliche Neubauklotz des SIS am Themseufer war nichts weiter als Fassade und beherbergte lediglich die Verwaltung.
Paula, die gegenüber Tweed an ihrem Schreibtisch saß, unterdrückte gerade ein Gähnen, als Newman hereinkam.
"Na, wie gefällt Ihnen Ihr neuer Schreibtisch, Tweed? Oder sollte ich lieber sagen: Ihr alter? Schließlich ist der Tisch ja eine Antiquität."
Paula und ihre Kollegen hatten Geld gesammelt und das georgianische Prachtstück in der Portobello Road erstanden. Paula hatte die Schreibunterlage aus grünem Leder herrichten und sogar neue Schlösser an den Schubläden anbringen lassen.
"Ich glaube, langsam gewöhne ich mich daran", erwiderte Tweed lächelnd. "Irgendwann gefällt er mir vielleicht sogar noch."
"Das will ich doch schwer hoffen", meldete sich Monica, seine langjährige Sekretärin, zu Wort. Wie immer trug sie ihr graues Haar in einem strengen Knoten zurückgebunden. "Das gute Stück hat nämlich eine Stange Geld gekostet." Dann ging sie rasch hinter ihrem Computer in Deckung, aus Angst, vielleicht doch etwas Falsches gesagt zu haben.
"Aber ich bin Ihnen allen wirklich sehr dankbar dafür", beeilte sich Tweed zu sagen.
"Und Sie, Paula, haben Sie denn wenigstens etwas Schlaf bekommen? War ja gestern eine lange Nacht für Sie", wandte Newman sich an Paula.
Paula blickte zu ihrem Kollegen hinüber. Newman war knapp über vierzig, hatte ein markantes, glatt rasiertes Gesicht, einen durchtrainierten Körper, aschblondes Haar und ein energisches Kinn, das jeden Ganoven einen weiten Bogen um ihn machen ließ. Bevor Tweed ihn überredet hatte, zum SIS zu kommen - was sich im Nachhinein als ein echter Gewinn herausgestellt hatte -, war er einer der bekanntesten Auslandskorrespondenten der Welt gewesen.
"Nicht viel", musste Paula zugeben. "Dabei bin ich zu Hause nur noch kurz unter die Dusche gehüpft und dann sofort ins Bett gegangen. Ich bin auch auf der Stelle eingeschlafen, aber mitten in der Nacht hatte ich einen schrecklichen Albtraum, was bei mir eigentlich eher selten vorkommt."
"Um was ging es denn da?", erkundigte sich Tweed."Es war Nacht, ich war an einem Fluss und habe vor mir den Rücken einer schwarz gekleideten Gestalt gesehen, die sich über Holgate beugte, um ihm mit einer Kettensäge den Kopf abzuschneiden. Ich bin aufgeschreckt und habe geschrien: 'Aufhören, sofort aufhören.' Erst in dem Moment habe ich gemerkt, dass es nur ein schlimmer Traum war. Das war so gegen drei Uhr früh, und danach konnte ich nicht mehr richtig einschlafen. Noch im Traum habe ich mir gesagt, dass das mit der Kettensäge doch eigentlich gar nicht sein kann. Dafür war die Wunde an Holgates Hals viel zu glatt."
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