Die Jury - Grisham, John

John Grisham 

Die Jury

Roman

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Die Jury

Tonya Hailey, ein zehnjähriges Mädchen, wurde von zwei betrunkenen Männern brutal vergewaltigt und mißbraucht. Wenige Tage später erschießt Tonyas Vater Carl Lee Hailey die beiden Täter im Gerichtsgebäude, in dem sie zu einer ersten Anhörung vorgeführt wurden. Das Gerichtsverfahren, daß gegen ihn eingeleitet wird, gerät zum Sensationsprozeß. Denn: die beiden Gewaltverbrecher sind Weiße; Carl Lee ist ein Schwarzer. Und der Ort der Handlung ist die Kleinstadt Clanton im amerikanischen Bundesstaat Mississippi, eine Gegend, in der ein Schwarzer noch heute damit rechnen muß, Nigger genannt zu werden.
John Grisham schildert diesen Mordprozeß nicht nur aus der Perspektive des Gerichtssaals; er führt den Leser hinter die Kulissen, er deckt die inneren und äußeren Verflechtungen auf, die den Prozeßverlauf bestimmen.


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 1992
  • Seitenzahl: 624
  • Heyne Bücher Nr.8615
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 118mm x 35mm
  • Gewicht: 380g
  • ISBN-13: 9783453061187
  • ISBN-10: 3453061187
  • Best.Nr.: 04615711
John Grisham wurde am 8. Februar 1955 in Jonesboro, Arkansas, geboren, studierte in Mississippi und ließ sich 1981 als Anwalt nieder. Der Aufsehen erregende Fall einer vergewaltigten Minderjährigen beeindruckte ihn nachhaltig und brachte ihm zum Schreiben. In Früh- und Nachtschichten wurde daraus sein erster Thriller, "Die Jury", der in einem kleinen, unabhängigen Verlag erschien - der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Alle seine Romane sind bei Heyne erschienen, zuletzt: "Die Begnadigung".

Leseprobe zu "Die Jury" von John Grisham

1

Billy Ray Cobb war der jüngere der beiden Rednecks. Als Dreiundzwanzigjähriger hatte er bereits drei Jahre im Staatsgefängnis bei Parchman verbracht - Besitz von Rauschgift mit der Absicht, es zu verkaufen. Die sechsunddreißig Monate in der Strafanstalt stellten den hageren, zähen Billy Ray auf eine harte Probe, aber er überlebte, indem er ständig Stoff vorrätig hielt: Er tauschte ihn gegen andere Dinge ein und schenkte ihn gelegentlich den Schwarzen oder bestimmten Wärtern, um ihren Schutz zu genießen. Nach seiner Entlassung stieg er wieder ins Drogengeschäft ein und verdiente so gut, daß er jetzt, etwa ein Jahr später, zu den wohlhabenderen Rednecks in der Ford County zählte. Er war Geschäftsmann mit Angestellten, Terminen und so weiter; allerdings zahlte er keine Steuern. Der Ford-Händler drüben in Clanton kannte ihn seit langer Zeit als einzigen Kunden, der bar bezahlte. Sechzehntausend Dollar für einen Pickup-Kleinlieferwagen, Spezialanfertigung, Allradantrieb, kanariengelb, Luxusausstattung. Die verchromten Felgen und breiten Rennreifen entstammten einem Deal; die Konföderiertenfahne am Rückspiegel hatte Cobb während eines Ole-Miss-Footballspiels einem betrunkenen Studenten gestohlen. Der Pickup stellte seinen kostbarsten Besitz dar. Er saß nun auf der Ladeklappe, mit einem Joint zwischen den Lippen, trank ein Bier und beobachtete, wie sich sein Freund Willard das schwarze Mädchen vorknöpfte.

Willard war vier Jahre älter und ein Dutzend Jahre langsamer. Er galt im großen und ganzen als harmloser Kerl, der nie in ernste Schwierigkeiten geriet und nie längere Zeit im Knast saß - nur dann und wann eine Nacht in der Ausnüchterungszelle, nichts Besonderes. Wenn man ihn nach seinem Beruf fragte, bezeichnete er sich als Holzarbeiter, doch der schmerzende Rücken hielt ihn vom Wald fern. Er verdankte den Bandscheibenschaden der Arbeit auf einer Bohrinsel irgendwo im Golf. Die Ölgesellschaft hatte ihm damals eine großzügige Abfindung gegeben, die jedoch in die Binsen ging, als sich seine Frau von ihm scheiden ließ. Derzeit arbeitete er für Cobb - Billy Ray zahlte zwar nicht viel, aber er hatte immer Dope. Zum erstenmal seit Jahren konnte sich Willard jederzeit Nachschub beschaffen. Und er brauchte eine Menge, seit er an den Rük-kenschmerzen litt.

Das Mädchen war zehn und klein für sein Alter. Es lag auf den Ellenbogen aufgestützt, die Arme mit einem gelben Nylonstrick gefesselt. Die Beine waren auf groteske Weise gespreizt: der rechte Fuß an den Stamm einer kleinen Eiche gebunden, der linke an den schiefen Pfosten eines alten, vernachlässigten Zauns. Das Seil schnitt der Schwarzen in die Haut, und Blut tropfte aus den Wunden. Das eine verquollene Auge im blutigen Gesicht blieb geschlossen, und das andere konnte sie nur halb öffnen, um den zweiten Weißen auf der Ladeklappe des Wagens zu erkennen. Sie blickte nicht zu dem Mann über ihr. Er keuchte, schwitzte und fluchte. Er tat ihr weh.

Als er fertig war, schlug er sie und lachte, und der zweite Mann lachte ebenfalls. Dann grölten sie zusammen, rollten wie zwei Verrückte durchs Gras und lachten noch lauter. Das Mädchen drehte den Kopf zur Seite, schluchzte und versuchte, leise zu sein. Es fürchtete, erneut geschlagen zu werden, wenn es laut weinte. Die Männer hatten der Schwarzen gedroht, sie umzubringen, wenn sie nicht still wäre.

Schließlich verstummte das irre Gelächter. Die beiden Männer setzten sich auf die Ladeklappe, und Willard reinigte sich mit dem blutbesudelten, schweißfeuchten T-Shirt der Negerin. Cobb reichte ihm ein kaltes Bier aus dem Kühlfach und sprach über die Hitze. Sie beobachteten die Kleine, während sie zitterte und stumm Tränen vergoß. Nach einer Weile rührte sie sich nicht mehr. Cobbs Bier war erst halb leer, aber nicht mehr kalt. Er warf es nach dem Mädchen und traf den Bauch; weißer Schaum spritzte, und die Dose rollte über den Boden zu einigen anderen, die ebenfalls aus dem Kühlfach des Wagens stammten. Zwei Sechserpacks hatten sich neben der Schwarzen angesammelt. Willard fiel es schwer, das Ziel zu treffen, aber Cobb verfehlte es nie. Normalerweise verschwendeten sie kein Bier, doch je schwerer die Dosen waren, desto besser konnte man damit werfen. Außerdem gefiel es ihnen zu sehen, wie der Schaum nach allen Seiten spritzte.

Warmes Bier vermischte sich mit dem Blut, strömte über das angeschwollene Gesicht des Mädchens und bildete eine Lache unter seinem Kopf. Es lag nun völlig reglos.

Willard fragte Cobb, ob er die Kleine für tot hielte. Billy Ray öffnete eine weitere Dose und meinte, sie sei bestimmt noch am Leben. Ohrfeigen, Fausthiebe, Tritte und Vergewaltigung reichten nicht aus, um einen Nigger ins Jenseits zu schicken - nein, dazu brauchte man ein Messer, eine Pistole oder ein Seil. Zwar hatte Cobb noch keinen verdammten Nigger getötet, aber er kannte sie aus dem Gefängnis. Dort brachten sie sich dauernd gegenseitig um, und immer benutzten sie Waffen. Wer nur geschlagen und vergewaltigt wurde, starb nicht. Einige der Weißen, die so etwas über sich ergehen lassen mußten, kratzten früher oder später ab, aber die Schwarzen erholten sich davon. Weil sie härtere Schädel hatten. Willard hörte sich diese Erklärung an und nickte zufrieden.

Dann fragte er, was sie jetzt mit dem Mädchen anfangen sollten. Cobb nahm einen Zug von seinem Joint, trank aus seiner Dose und meinte, er sei noch nicht mit der Schwarzen fertig. Er wandte sich vom Wagen ab, torkelte über die Lichtung und näherte sich der Festgebundenen. Dicht vor ihr verharrte er, verfluchte sie mehrmals, goß ihr kaltes Bier ins Gesicht und lachte wie ein Wahnsinniger.

Sie sah, wie er an dem Baum auf der rechten Seite vorbeiwankte und ihr zwischen die Beine starrte. Als er die Hose sinken ließ, drehte sie den Kopf nach links und schloß die Augen. Neue Schmerzen standen ihr bevor.

Sie blickte durch die Bäume und bemerkte etwas, einen Mann, der durchs Gebüsch lief. Ihr Vater. Er schrie und rannte, um ihr zu helfen, um sie zu retten. Sie rief seinen Namen, doch plötzlich verschwand er. Irgendwann schlief sie ein.

Als sie erwachte, lag einer der beiden Männer unter der Ladeklappe des Wagens und der andere neben einem Baum, Sie schnarchten leise. Die Arme und Beine des Mädchens waren taub. Blut, Bier und Urin hatten den Boden unter ihr in eine schlammige, klebrige Masse verwandelt, die an dem zarten Körper des Kindes festhaftete und rissig wurde, wenn es sich bewegte. Die Schwarze dachte nur daran, zu fliehen und zu entkommen, aber selbst wenn sie ihre ganze Kraft sammelte: Sie konnte nur einige Zentimeter weit nach rechts rutschen. Die Füße waren so hoch festgebunden, daß ihr Gesäß kaum den Boden berührte. Außerdem hatte sie kein Gefühl mehr in Armen und Beinen.

Sie sah zum Wald und hielt nach ihrem Vater Ausschau, rief lautlos seinen Namen. Eine Zeitlang wartete sie, und schließlich schlief sie wieder ein.

Als sie zum zweiten Mal erwachte, wankten ihre Peiniger über die Lichtung. Der größere Mann kam mit einem Messer, griff nach dem linken Fuß und zerschnitt das Seil. Als er auch die Fessel am rechten Bein löste, rollte sie sich zusammen und kehrte ihm den Rücken zu.

Cobb griff nach einem langen Strick, warf ihn über einen Ast und knüpfte eine Schlinge, die er der Kleinen über den Kopf streifte. Er nahm das andere Ende und kehrte damit zum Pickup zurück. Willard hockte dort, rauchte einen Joint und grinste. Billy Ray straffte die Leine und zog daran; der wehrlose, nackte Körper glitt über den Boden und blieb direkt unter dem Ast liegen. Das Mädchen schnappte nach Luft und hustete. Cobb lockerte das Seil ein wenig und gönnte dem Opfer noch einige Minuten. Dann band er den Strick an der Stoßstange fest und öffnete eine Dose Bier.

Die Männer saßen auf der Ladeklappe, tranken, rauchten und starrten zu der Schwarzen hinüber. So hatten sie den größten Teil des Tages am See verbracht. Cobb kannte dort jemanden, der ein Boot besaß und ihnen einige Frauen vorstellte, die leicht zu haben sein sollten, jedoch nur die kalte Schulter zeigten. Billy Ray verteilte großzügig Stoff und Bier, aber die Miezen lehnten es ab, sich dafür zu bedanken. Enttäuscht verließen sie den See und fuhren einfach nur durch die Gegend - bis sie das Mädchen sahen. Mit einer Einkaufstüte wanderte es am Kiesweg entlang; Willard warf eine Bierdose und traf es am Hinterkopf.

"Willst du's erledigen?" fragte Willard. Seine Augen waren gerötet und trüb.

Cobb zögerte. "Nein, ich überlasse es dir. Du hattest die Idee."

Willard schob sich den Joint zwischen die Lippen, inhalierte tief und spuckte. "Nein, das stimmt nicht. Du bist der Fachmann, wenn's um das Töten von Niggern geht. Diese Sache fällt in deinen Zuständigkeitsbereich."

Billy Ray band das Seil von der Stoßstange los und straffte es. Der Strick schabte Borke vom Ulmenast, und einige Rindenstücke fielen auf das Mädchen hinab, das die Männer nun aufmerksam beobachtete. Es hustete.

Plötzlich hörte es etwas - einen Wagen mit defektem Auspuff. Die beiden Weißen drehten sich um, blickten zum fernen Highway und sprangen auf. Einer von ihnen schlug die Heckklappe zu, und der andere hastete über die Lichtung. Er stolperte und stürzte neben dem Mädchen ins Gras. Die Männer beschimpften sich gegenseitig, als sie die Schwarze packten, ihr die Schlinge abnahmen und sie auf die Ladefläche des Pickup warfen. Cobb schlug sie und befahl ihr, ganz still zu liegen und keinen Ton von sich zu geben. Er versprach ihr, sie nach Hause zu fahren, wenn sie gehorchte; andernfalls würde er sie umbringen. Einige Sekunden später stiegen die Männer ein. Der Motor brummte, Räder drehten durch. Nach Hause, dachte die Vergewaltigte und verlor das Bewußtsein.

Der Wagen mit dem defekten Auspuff stellte sich als ein Firebird heraus. Cobb und sein Freund winkten, als sie ihm auf der schmalen Straße begegneten. Willard warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, ob das Mädchen auf der Ladefläche ruhig liegenblieb. Kurz darauf bog Cobb auf den Highway ein und beschleunigte.

"Was nun?" fragte Willard nervös.

"Keine Ahnung", erwiderte Cobb ebenso beunruhigt. "Wir müssen die Kleine irgendwie loswerden, bevor sie meine ganze Mühle versaut. Sieh nur, wie sie blutet."

Willard überlegte eine Minute lang und trank. "Wir werfen sie von einer Brücke", verkündete er stolz.

"Gute Idee. Verdammt gute Idee." Cobb trat auf die Bremse. "Gib mir 'n Bier." Sein Kumpel stieg aus und holte zwei Dosen von hinten.

"Ihr Blut klebt sogar auf dem Kühlfach", sagte er, als sie die Fahrt fortsetzten.

Gwen Hailey ahnte Schreckliches. Normalerweise hätte sie einen der Jungen zum Laden geschickt, aber die mußten im Garten Unkraut jäten - eine väterliche Strafe. Tonya war schon einmal allein losgegangen, um in dem nur anderthalb Kilometer entfernten Geschäft einzukaufen, und sie hatte sich dabei als zuverlässig erwiesen. Doch nach zwei Stunden beauftragte Gwen die Jungen, nach ihrer Schwester Ausschau zu halten. Die Brüder vermuteten, daß sich Tonya bei den Pounders befand und dort mit den vielen Kindern spielte. Oder vielleicht hatte sie beschlossen, ihre beste Freundin Bessie Pierson zu besuchen.

Der Ladenbesitzer Mr. Bates meinte, das Mädchen sei vor einer Stunde bei ihm gewesen. Einer der drei Jungen, Jarvis, fand eine Einkaufstüte neben der Straße.

Gwen rief die Papierfabrik an und verständigte ihren Mann. Dann brach sie mit Carl Lee jr. auf und fuhr über die Kieswege in der Nähe des Geschäfts. Sie machten einen Abstecher zur alten Barackensiedlung unweit der Graham-Plantage, um bei einer Tante nachzufragen. Sie hielten am Broadway-Laden, fast zwei Kilometer von Bates' Lebensmittelgeschäft entfernt, und einige alte Schwarze sagten ihnen, sie hätten das Mädchen nicht gesehen. Gwen und ihr Sohn folgten auch dem Verlauf der vielen anderen Straßen, doch von Tonya fehlte jede Spur.

Cobb suchte vergeblich nach einer Brücke, auf der keine Nigger mit Angelruten saßen. An jeder Brücke, der er sich näherte, hockten vier oder fünf Neger mit großen Strohhüten, und am Ufer saßen weitere Schwarze auf Eimern. Sie bewegten sich nur, wenn sie Fliegen oder Moskitos verscheuchten.

Beginnende Panik prickelte in Billy Ray. Willard war eingeschlafen und keine Hilfe mehr; er mußte das Mädchen allein verschwinden lassen, um zu verhindern, daß es etwas ausplauderte. Sein Kumpel schnarchte und grunzte leise, während Cobb den Pickup über verschiedene Straßen steuerte, auf der Suche nach einer Brücke oder einem Steg, wo er die Kleine ins Wasser werfen konnte, ohne daß ihn Nigger mit Strohhüten beobachteten. Er blickte in den Rückspiegel und sah, daß sie aufzustehen versuchte. Sofort bremste Billy Ray, und das Mädchen prallte an die vorderen Seite der Ladefläche, dicht unter dem Fenster. Willard stieß ans Armaturenbrett, sank vor den Beifahrersitz und schlief weiter. Cobb verfluchte ihn ebenso wie die Schwarze.

Der Lake Chatulla stellte kaum mehr dar als ein großes, seichtes, von Menschen geschaffenes Schlammloch mit einem anderthalb Kilometer langen, grasbewachsenen Damm am einen Ende. Er erstreckte sich in der südwestlichen Ecke der Ford County, und einige Morgen reichten bis in die Van Buren County. Im Frühling konnte er sich rühmen, die größte Wasserfläche im Staat Mississippi zu sein, aber im Sommer regnete es nicht mehr, und dann führte die Hitze dazu, daß der See langsam austrocknete. Die bis dahin hübschen Ufer strebten einander dann entgegen und säumten ein tiefes, rotbraunes Becken, in das sich zahlreiche Rinnsale, Bäche und auch einige kleine Flüsse ergossen. Letztere sorgten dafür, daß im Lauf der Zeit Dutzende von Brücken entstanden.

Der gelbe Pickup raste nun über eine davon, und Cobb hielt mit wachsender Verzweiflung nach einem geeigneten Ort Ausschau, um den unerwünschten Passagier loszuwerden. Er erinnerte sich an eine kleine Holzbrücke am Foggy Creek, doch als ihn nur noch hundert Meter davon trennten, sah er mehrere Nigger mit Strohhüten. Billy Ray bog ab, fuhr über einen noch schmaleren Weg und hielt schließlich an. Rasch stieg er aus, zerrte die Schwarze von der Ladefläche und warf sie in den Graben.

Carl Lee Hailey kam nicht sofort nach Hause. Gwen geriet leicht außer sich und hatte schon öfter in der Fabrik angerufen, weil sie fürchtete, die Kinder seien entführt worden. Er arbeitete bis zum Feierabend, stempelte seine Karte und fuhr diesmal in nur dreißig Minuten nach Hause, fünf Minuten schneller als sonst. Seine Gelassenheit wich aber jäher Besorgnis, als er vor dem Haus einen geparkten Streifenwagen sah. Verschiedene Autos, die meisten von Gwens Verwandten, standen an der langen Zufahrt. Eines davon erschien Hailey nicht vertraut: Angelruten ragten aus dem Seitenfenster, und am Rückfenster lagen sechs oder sieben Strohhüte.

Wo waren Tonya und die Jungen?

Als Carl Lee die vordere Tür öffnete, hörte er Gwens Schluchzen. Rechts im kleinen Wohnzimmer drängten sich mehrere Personen vor einer zierlichen Gestalt, die auf der Couch lag. Feuchte Handtücher bedeckten den Leib des Kindes. Einige Frauen weinten, verstummten jedoch und wichen beiseite, als Hailey näher kam. Nur Gwen blieb bei dem Mädchen, und strich ihm sanft übers Haar. Er kniete vor dem Sofa nieder, berührte die Schulter seiner Tochter, sprach leise und rang sich ein Lächeln ab. Beide Augen waren zugeschwollen, das Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Tränen rannen ihm über die Wangen, als er auf den kleinen, von Handtüchern umhüllten Körper starrte, der von Kopf bis Fuß blutig schien.

Carl Lee fragte Gwen, was geschehen wäre. Sie bebte am ganzen Leib und begann zu wimmern; ihr Bruder führte sie in die Küche. Hailey stand auf, wandte sich den anderen zu und wiederholte seine Frage.

Stille.

Er fragte zum dritten Mal. Der Deputy Willie Hasrings, einer von Gwens Vettern, trat vor und erklärte, einige Angler am Foggy Creek hätten Tonya neben der Straße gefunden. Das Mädchen nannte den Namen seines Vaters, und daraufhin brachten sie es nach Hause.

Nach diesen knappen Schilderungen schwieg Hastings und senkte den Kopf.

Carl Lee musterte ihn und wartete. Die übrigen Anwesenden hielten unwillkürlich den Atem an und blickten ebenfalls zu Boden.

"Was ist passiert, Willie?" rief Carl Lee.

Hastings räusperte sich und sah aus dem Fenster, als er wiederholte, was Tonya ihrer Mutter von den beiden Weißen erzählt hatte, ihrem Wagen, vom Seil und den Bäumen, von ihren Schmerzen, als sie vergewaltigt wurde. Der Deputy unterbrach sich, als er die Sirene des Krankenwagens hörte.

Die Besucher gingen stumm und ernst nach draußen und warteten dort, als in Weiß gekleidete Männer mit einer Bahre aufs Haus zuliefen.

Die beiden Krankenpfleger verharrten, als sich die Tür erneut öffnete und Carl Lee auf die Veranda kam, mit Tonya auf den Armen. Er flüsterte ihr tröstende Worte zu, und Tränen tropften ihm vom Kinn. Langsam schritt er zum Krankenwagen und stieg hinten ein. Einer der Pfleger nahm am Steuer Platz, und der andere löste das Mädchen behutsam aus der Umarmung seines Vaters, nachdem er die Heckklappe geschlossen hatte.

2

Ozzie Walls war der einzige schwarze Sheriff in Mississippi. Vor ihm hatte es andere gegeben, aber derzeit brauchte er diesen besonderen Ruhm mit niemandem zu teilen. Ein Umstand, der ihn mit Stolz erfüllte: denn die Bevölkerung der Ford County bestand zu vierundsiebzig Prozent aus Weißen, und alle anderen schwarzen Sheriffs hatten ihr Amt in überwiegend schwarzen Countys bekleidet. Seit der Rekonstruktion war in einer weißen Mississipppi-County kein schwarzer Sheriff mehr gewählt worden.Ozzie war in der Ford County aufgewachsen. Er zählte die meisten Schwarzen und auch einige Weiße zu seinen Verwandten. Nach der Desegregation in den späten sechziger Jahren gehörte er zur ersten gemischten Abschlußklasse der High-School von Clanton. Er wollte in Öle Miss Football spielen, aber es befanden sich nur zwei Schwarze in jener Mannschaft. In Alcorn State, als Verteidiger bei den Rams wurde er zu einem Star, bis ihn eine Knieverletzung nach Clanton zurückbrachte. Er vermißte den aktiven Sport sehr, genoß es jedoch, der Sheriff zu sein, erst recht dann, wenn er bei den Wahlen mehr Stimmen bekam als seine weißen Konkurrenten. Die weißen Jungen verehrten ihn als Helden und Footballstar, dessen Bilder sie aus den Zeitungen kannten. Ihre Eltern respektierten ihn und gaben ihm ihre Stimmen, weil er als guter Polizist nicht zwischen schwarzen und weißen Kriminellen unterschied. Die weißen Politiker unterstützten ihn, weil sich das Justizministerium aus der Ford County fernhielt, seit er die Pflichten des Sheriffs wahrnahm. Die Schwarzen mochten ihn, weil er Ozzie war, eben einer von ihnen.

Kundenbewertungen zu "Die Jury" von "John Grisham"

9 Kundenbewertungen (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 9 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von Blacky (blacky-book@live.de) am 10.03.2009 ***** ausgezeichnet
Unglaublich, dass in einem solchen - ohnehin schon komplizierten Fall - die Hautfarbe überhaupt eine Rolle spielen kann !!!!!! Spannung von der ersten bis zur letzten Seite.

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Bewertung von Paul aus Felsberg am 23.12.2005 ***** ausgezeichnet
Klasse! Eins der besten Grisham Bücher die ich je gelesen habe.

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Bewertung von Sarah am 07.05.2005 ***** ausgezeichnet
Mein erstes Buch von John Grisham, und ich war so begeistert,dass ich mir gleich weitere seiner Bücher besorgt habe.

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Bewertung von Markus Meyer aus Neukirchen-Vluyn am 02.10.2003 ***** ausgezeichnet
Für mich eines der besten Bücher von Grisham.
Spannend bis zur letzten Seite!

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Bewertung von Rudi am 16.05.2002 ***** ausgezeichnet
Grishams bestes, wenn auch sehr beklemmendes Buch. Der Ku-Klux-Clan im 20. Jahrhundert wohl unvorstellbar, aber wahrscheinlich leider wahr. Trotzdem ein Lesespaß, der mich einige schlaflose Nächte gekostet hat.

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Bewertung von Ines am 15.05.2002 ***** ausgezeichnet
Ku-Klux-Klan im 20. Jahrhundert. Grisham schreibt so anschaulich, dass der Leser glaubt, dabei zu sein. Er spürt die Feindseligkeit gegenüber dem Schwarzen, schlägt sich auf dessen Seite und leidet mit. Ein gelungenes Buch mit Tiefgang.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von Ingrid Raßmann aus Heilbronn am 11.07.2001 ***** ausgezeichnet
Einfach genial wie so ziemlich alle Grisham-Bücher. Mehr kann man einfach nicht dazu sagen!!!

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Bewertung von Alexander Herd aus Bammental am 03.07.2001 ***** ausgezeichnet
Eines der besten Bücher von John Grisham. Es ist super spannend. Man muss es einfach gelesen haben. Es ist echt empfehlenswert.

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Bewertung von Kati aus 14558 am 01.08.2000 ***** ausgezeichnet
Mit "Die Jury" (im englischen Original "A Time To Kill") gelang John Grisham der Thriller, den ich als seinen allerbesten bezeichnen würde.

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