Leseprobe zu "Die Insel der Verlorenen" von Laura Restrepo
"Colima – heute – (S. 226-227)
Colima ist eine kleine Stadt, weiß, ruhig, mit Palmen und derselben Stimmung, demselben Rhythmus und der gleichen Ausstrahlung wie viele Städte in Meeresnähe. Nur liegt Colima weit weg vom Meer: zwei Stunden landeinwärts vom Hafen Manzanillo am Pazifik. Ich befinde mich in den Außenbezirken, genauer im Busbahnhof. Es ist sehr heiß und ich habe keine Adresse, wo ich hinkönnte. Ich bin hergekommen, um nach der Vergangenheit von Victoriano Álvarez, dem Schwarzen, zu forschen, und weiß nur wenig über sein Leben außerhalb Clippertons: dass er hier geboren ist, dass er früh von zu Hause wegging, um nie zurückzukehren, und dass er keine Kinder hinterlassen hat. Sonst nichts.
Ich nehme ein Taxi und gebe als Ziel den Zócalo an, weil Städte im Zentrum ihre alten Geschichten konservieren wie in Formol. Ich streife durch die Straßen rund um den Platz und stelle fest, dass er sich seit Beginn des Jahrhunderts kaum verändert hat. Es herrscht eine sirrende Hitze, und es wäre einfacher, eine Nadel im Heuhaufen zu finden, denke ich. Einundsiebzig Jahre nach seinem Tod, wer wird da noch etwas über den unbekannten Soldaten sagen können?
Wer sollte sich dieses der Erinnerung Unwürdigsten unter den Mexikanern entsinnen? Am Stadttor von Medellín gibt es einen Ort, an dem Colimas Bewohner seit mehreren Generationen ein- und ausgegangen sein müssen. Es ist ein Laden mit einer riesigen, alten Theke aus dunklem Holz. Draußen hängt ein Schild mit der Aufschrift: »Dies ist das altehrwürdige und hoch geschätzte Haus Ceballos, 1893.« Innen wird alles verkauft, vom Werkzeug bis zur Unterhose. Der Inhaber, Don Carlos Ceballos, hat das Geschäft vor über fünfzig Jahren als Erbe übernommen.
Er ist ein zuvorkommender Herr aus besseren Zeiten. Ich erzähle ihm, was ich suche, und bitte ihn um seine Mithilfe, worauf er mich auf den Nachmittag vertröstet, da soll ich wiederkommen, er werde eine Gruppe von Leuten zusammentrommeln, die über die gewünschten Auskünfte verfügen könnten. Stunden später hat Don Carlos im unmittelbar neben seinem Laden gelegenen Hotel Ceballos mehrere Freunde und persönliche Zeitgenossen versammelt. Es sind Honoratioren, Historiker und Journalisten der Stadt. »Sein Nachname war Álvarez, er stammte aus Colima und war schwarz?«, will er wissen.
»Es gibt nur eine Familie mit diesen Merkmalen: die unehelichen Nachkommen unseres hoch geachteten Generals Manuel Álvarez, dem ersten Gouverneur des Staates.« »Aber die Álvarez von Colima«, klären sie mich auf, »sind nicht reinrassig schwarz, es sind Mulatten.« Mitten auf dem Platz von Villa Álvarez kann man den Großvater väterlicherseits von Soldat Victoriano Álvarez bestaunen: General Manuel Álvarez, in Bronze gegossen, thront da als Herr und Gebieter der Stadt auf einem Sockel. Im Sitzungssaal des Rathauses von Colima ist er noch einmal auf einem Ölbild zu sehen, darunter prangt sein Name in Goldlettern.
Er ist ein korpulenter Mann mit spitzen Zügen. Weiß wie Milch. An der Straßenecke 5 de Mayo und Venustiano Carranza befinden sich die Überreste seines Hauses, eines eingeschossigen Kolonialbaus. Die Fassade steht noch, das dahinterliegende Gebäude ist jedoch bei den Erschütterungen der letzten Erdbeben von Colima teilweise eingebrochen. Die Grundmauern sind erhalten geblieben und lassen, wie auf einem Bauplan erkennen, wo die Patios lagen, die Küche, die Zimmer und die Salons. Im ganzen vorderen Bereich, zur Straße, lebte die Familie: der General mit seinen aufeinanderfolgenden Ehefrauen – er wurde dreimal Witwer und heiratete viermal – und seinen vielen Kindern. Im hinteren Teil wohnte, um den letzten Patio herum, das Personal: Burschen, Dienstmädchen, Köchinnen, Reitknechte."
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