Leseprobe zu "Die Hunde bellen" von Truman Capote
Ich habe meine Notizbücher aus den fraglichen Jahren verloren, aber es muss Anfang 1950 oder 1951 gewesen sein, an einem warmen Tag Ende Februar, was auf Sizilien schon mitten im Frühling ist. Ich unterhielt mich mit einem alten Mann mit mongolisch anmutenden Zügen, der einen Borsalino aus schwarzem Samt trug und - dem milden, mandelblütenduftigen Wetter zum Trotz - einen schweren schwarzen Umhang. Der alte Mann war André Gide, und wir saßen zusammen auf einer Ufermauer, vor uns das wechselnde Mienenspiel der uralten flammblauen Tiefen.
Der Postbote kam vorbei, ein Freund von mir. Er händigte mir mehrere Briefe aus, darunter einen, der einen ziemlich unfreundlichen literarischen Artikel über mich enthielt. (Natürlich, denn wäre es ein freundlicher Beitrag gewesen, hätte niemand ihn geschickt.) Nachdem sich Gide eine Weile mein Genörgel über den blöden Artikel und die generell unschöne Verfassung der Feuilletonistenseele angehört hatte, beugte sich der französische Großmeister etwas nach vorn, senkte die Schultern wie ein alter weiser - sollen wir sagen? - Bussard und meinte: "Ach was! Denk an das arabische Sprichwort: Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter."
Ich habe oft an diese Bemerkung denken müssen, vor allem wenn ich mich mal wieder - in gaga-romantischer Verklärung - als einsamer Wüstenwanderer sah, der sich in der Dunkelheit unbekannten Beduinenlagern und -feuern näherte, gefährlichen Männern, die aufhorchen, sobald ihre Hunde anschlagen. Mir scheint, ich habe immer viel Zeit und Mühe daran gewandt, Mensch wie Hund entweder zu zähmen oder ihnen aus dem Weg zu gehen, und die Reportagen in diesem Buch legen Zeugnis davon ab. Es sind Souvenirs von Orten und Menschen, die zusammen so etwas ergeben wie eine geschriebene Landkarte meines Lebens während der letzten drei Jahrzehnte, also etwa zwischen 1941 und 1972.
Alles in diesem Buch beruht auf Tatsachen, was nicht bedeutet, dass es sich immer um die reine Wahrheit handelt, aber zumindest um meine größtmögliche, persönliche Annäherung an die Wahrheit. Kein Journalismus ist je ganz rein, selbst der Kamera gelingt kein ganz getreues Abbild der Realität. Die Kunst ist eben kein destilliertes Wasser. Persönliche Eindrücke, Vorurteile, die Auswahl, die man unwillkürlich trifft und auch treffen muss, das alles verändert die so genannte reine Wahrheit.
Die frühesten Stücke in diesem Buch sind Jugendimpressionen aus New Orleans, Tanger, Ischia, Hollywood oder erzählen von Eisenbahnreisen durch Spanien und von marokkanischen Volksfesten. Sie sind i95o in limitierter Auflage und einem schmalen Bändchen mit dem Titel Lokalkolorit schon einmal erschienen, aber längst nicht mehr lieferbar. Sie hier noch einmal zu veröffentlichen hat zwei Gründe. Zum einen pure Nostalgie. Die Artikel erinnern mich an eine Zeit, in der ich weniger mit kritischen als mit lyrischen Augen auf diese Welt schaute. Zum anderen aber zeigen sie, wie alles angefangen hat. Diese kleinen Impressionen waren erste Gehversuche auf dem Gebiet einer nichtfiktionalen Literatur, ein Genre, das mich mit dem ebenfalls separat erschienenen Die Musen sprechen ganz in Beschlag nehmen sollte.
Die Musen sprechen ist das einzige Werk, von dem ich behaupten kann, es sei mit Vergnügen geschrieben worden - was bei mir normalerweise nämlich nicht der Fall ist. Ich wollte einen kurzen humorvollen Roman. Und "russisch" sollte er sein, nicht im Sinn der russischen Literaturtradition, eher verspielt wie ein Faberge-Ei aus der Zarenzeit oder eine Spieluhr, die mit großer Präzision kleine freche Melodien herausklimpert.
Viele der amerikanischen, aber auch sowjetischen Ensemblemitglieder waren später mit der Geschichte nicht einverstanden, aber das ist normal. Nach meiner journalistischen Erfahrung hat sich noch jeder, über den ich geschrieben habe, falsch dargestellt gefühlt. Und falls einmal nicht, dann sorgten spätestens Freunde und Verwandte dafür, dass der Betreffende irgendwann doch etwas auszusetzen fand.
Am schlimmsten war es mit Marlon Brando nach Der Fürst in seinem Reich. Zwar konnte er in der Story selbst keine Fehler entdecken, argwöhnte jedoch eine grundsätzlich negative Tendenz, ja, beinahe etwas wie Verrat, so, als hätte ich mir den Zugang zu seiner ebenso leidenden wie hochintellektuellen Künstlerseele schnöde erschlichen. Was soll ich dazu sagen? Ich halte die Brando-Story für die zutreffende und nicht einmal unsympathische Beschreibung eines traumatisierten jungen Mannes, der zwar ein Genie ist, aber eben nicht übermäßig intelligent.
Seine Geschichte interessierte mich vor allem aus literarischen Gründen, deshalb habe ich sie geschrieben. An ihr sollte nämlich mein neuer Ansatz deutlich werden: dass eine Reportage ebenso anspruchsvoll geschrieben sein kann wie jede andere Art Prosa, sei es Essay, Kurzgeschichte oder Roman. Im Erscheinungsjahr 1956 war das ein Wagnis, kein Gemeinplatz wie heute, wo jeder Gebrauchstext schon Kunstanspruch erhebt. Ich ging von folgender Überlegung aus: Was ist die niederste Stufe des Journalismus? Anders gefragt, welcher Dreck lässt sich am schwersten zu Gold machen? Antwort, ganz klar: Interviews mit Hollywoodstars, dieses unerträgliche Promi-Gelaber, das man in Filmzeitschriften wie Silver Screen zu lesen kriegt. So etwas zur Kunst zu erheben wäre eine echte Aufgabe. Nachdem ich Brando als Versuchskaninchen ausgeguckt hatte, überprüfte ich mein Handwerkszeug. Was braucht man für so ein Interview? Zunächst einmal ein Gedächtnis, das zuverlässig funktioniert wie ein Aufnahmegerät - und das ich mir seit Die Musen sprechen antrainiert hatte. Ich glaube nämlich, dass Notizblock oder - Gott bewahre! - ein echtes Tonbandgerät eine extrem künstliche Stimmung erzeugen, die jede natürliche Beziehung zwischen den Interviewpartnern (dem nervösen Kolibri und dem Vogelfänger) zerstört. Es gab also viel zu behalten während der langen Stunden mit dem nuschelnden und ewig abschweifenden Brando, doch ich schrieb am Morgen danach alles treulich nieder. Einen ganzen Monat dauerte es, bis der Verlauf des Abends seine endgültige Form gefunden hatte. Ich erfuhr, wie wichtig dabei die Gestaltung jener gewissermaßen "statischen" Textteile war, um den Charakter meiner Hauptfigur und die Stimmung, in der das Interview stattfand, herauszuarbeiten - und zwar unabhängig vom Gang der äußeren Handlung. Dieses erzählerische Gerüst hat etwa dieselbe Funktion wie Seil und Eispickel für den Bergsteiger.
In Wenn die Hunde bellen wird der Unterschied zwischen handlungsgetragener und statischer Schreibweise noch deutlicher. Fahrt durch Spanien beispielsweise ist in jeder Hinsicht eine leichte Übung, eine Serie von kleinen Anekdoten, die aus dem Stummel eines Blackwing-Bleistifts innerhalb weniger Stunden direkt aufs Papier fließen. In Haus auf den Höhen dagegen beruht alles auf dem Schreibprozess selbst, auf Klang, innerer Spannung, dem Widerspiel zwischen Ordnung und ihrer Störung. Ein Stück wie dieses kann die Hölle sein, weswegen es mir heute auch mehr wert ist als die ungleich wirkungsvollere Fahrt durch Spanien.
Viele Geschichten in diesem Buch sind über die Jahre bereits irgendwo erschienen, wenngleich nie gemeinsam zwischen zwei Buchdeckeln. Eine davon, Lola, hat einen seltsamen Hintergrund. Sie war ursprünglich als eine Art Therapie gegen die quälende Erinnerung an einen verlorenen Freund gedacht. Eine amerikanische Zeitschrift er- warb zwar die Rechte daran, doch dem Herausgeber gefiel sie später nicht mehr. Er verstünde nicht, sagte er, worum es darin eigentlich ginge, außerdem sei alles viel zu düster und negativ. Ich kann ihm zwar nicht zustimmen, dennoch begreife ich, was er meint. Instinktiv muss er hinter der sentimentalen Maske dieser wahren Begebenheit das eigentliche Thema erkannt haben: Wie es nämlich demjenigen ergeht, der seine begrenzte Rolle im Leben, den Spiegel, den ihm die anderen vorhalten, entweder nicht sieht oder nicht akzeptiert. Das kann ein Vogel sein, der sich für einen Hund hält, ein van Gogh, der glaubt, er sei ein Maler, eine Emily Dickinson, die sich als Dichterin versteht. Allerdings hätte ohne solche Fehleinschätzung, ohne diese enorme Glaubensleistung kein Kiel je den Schlaf der Meere gestört, hätte der Mensch im ewigen Eis keine einzige Spur hinterlassen.
Truman Capote, 1973 BERÜHMTHEITEN MARLON BRANDO Der Fürst in seinem Reich Die meisten japanischen Mädchen sind ausgesprochen lachlustig. Das kleine Dienstmädchen im vierten Stock des Miyako Hotel in Kioto bildete da keine Ausnahme. Eine ununterdrückbare Heiterkeit rötete ihr die Wangen (denn anders als Chinesen haben Japaner durchaus Farbe) und erschütterte den moppeligen Körper unter dem rosengemusterten Kimono. Einen direkten Grund für diese Heiterkeit schien es nicht zu geben, offenbar brauchte das japanische Kichern so etwas nicht. Dabei hatte ich nur nach einem bestimmten Zimmer gefragt. "You come see Marron?", fragte sie sichtlich beeindruckt und zeigte wie so viele ihrer Landsleute eine Batterie von Goldzähnen. Dann führte sie mich - unvermeidlich bei dem engen Kimono - mit winzigen Trippelschritten durch ein Labyrinth von Gängen und versprach: "I knock you Marron." Im Japanischen gibt es keinen L-Laut. Mit "Marron" meinte sie Marlon, Marlon Brando, den amerikanischen Schauspieler, der gerade zu Dreharbeiten für die Warner-Produktion Sayonara in Kioto weilte.
Meine Begleiterin klopfte an Brandos Tür, rief: "Marron!" und ergriff noch im selben Moment mit vogelartig flatternden Ärmeln die Flucht. Die Tür wurde von einem weiteren puppenhaften Miyako-Geschöpf geöffnet, das prompt seinen eigenen Kicheranfall erlitt. Irgendwo aus dem Innern rief Brando: "Wer ist denn da, Honey?" Das Mädchen hingegen, zu keiner Antwort imstande, kniff die Augen zusammen und erstickte ihr Lachen, indem es sich wie ein Baby die kleinen Patschhändchen in den Mund steckte. "He, was ist denn los, Honey?", fragte Brando abermals und erschien in der Tür. "Ach, hallo", sagte er, als er mich sah. "Stimmt, sieben Uhr." Wir hatten uns für sieben Uhr zum Abendessen verabredet, und ich war schon fast zwanzig Minuten zu spät. "Okay, dann ziehen Sie mal Ihre Schuhe aus und kommen Sie rein, ich bin gleich fertig. Und du, Honey", sagte er, "sei so nett und bring uns etwas Eis." Dem enteilenden Mädchen nachschauend, stemmte er die Hände in die Hüfte und erklärte grinsend: "Also diese Mädchen. Sie schaffen mich immer wieder. Japanische Mädchen, sind sie nicht ein Traum? Man muss sie einfach lieben."
Das Miyako, wo etwa die halbe Sayonara-Truppe untergebracht war, ist das bekannteste der so genannten "westlichen" Hotels in Kioto, mit Zimmern, die mehrheitlich durchaus passabel, wenn auch etwas langweilig und umständlich mit europäischen Tischen und Stühlen, Betten und Sofas ausgestattet sind. Aber es gibt auch Zimmer für Unentschlossene und Grenzgänger. Japaner, die weder auf ihre gewohnte Umgebung noch auf ein prestigeträchtiges westliches Hotel verzichten wollen. Oder Ausländer, die zwar auf japanische Atmosphäre Wert legen, aber geheizte Räume nicht missen wollen, was bei landestypischen Unterkünften so nicht üblich ist. Jedenfalls bietet das Miyako auch mehrere traditionell eingerichtete Suiten an, und in einer davon hatte sich Brando einquartiert. Sie bestand aus zwei Zimmern, Bad und einer verglasten Loggia, und ohne Brandos überall herumliegenden Kram wäre der Raum ein Musterbeispiel für japanische Schlichtheit gewesen. Den Boden bedeckten lohfarbene Tatamimatten samt apart darauf verteilten Kissen aus Rohseide. In einem Alkoven hing ein Bild mit einem Goldkarpfen, und auf der Kommode darunter stand eine Vase mit einem minimalistischen Arrangement aus Lilien und roten Zierblättern. Im hinteren, größeren der beiden Zimmer, das von seinem Bewohner offenbar zugleich als Büro, Ess- und Schlafzimmer genutzt wurde, befand sich ein niedriger Lacktisch sowie eine Schlafmatte. Doch überall stachen die beiden unvereinbaren Konzepte ins Auge, hier die asketische Leere, dort die ungebremste Zurschaustellung persönlichen Besitzes, zumal Brando den durchaus vorhandenen Stauraum hinter den papiernen Schiebetüren konsequent ungenutzt gelassen hatte. Was immer er dabeihatte, lag verstreut im Zimmer. Reinigungswürdige Hemden samt Socken, Schuhen, Pullovern, Jacken, Hüten und Krawatten - Staffage einer gerupften Vogelscheuche. Dazu kamen mehrere Kameras, eine Schreibmaschine, ein Tonbandgerät, ein Elektro-Ofen von geradezu höllischer Wärmeleistung. Hier und da angebissenes Obst; eine Schachtel mit den berühmten japanischen Erdbeeren, jede so groß wie ein Hühnerei. Und Bücher, eine ganze Kaskade des Tiefsinns, darunter Der Outsider von Colin Wilson sowie verschiedene Werke über buddhistische Gebetsformen und Zen-Meditation, yogisches Atmen und hinduistische Mystik, allerdings keine Romane, denn Brando liest keine Romane. Seit dem 3. April 1924, dem Tag seiner Geburt in Omaha, Nebraska, behauptet er, habe er noch keinen einzigen Roman angerührt. Die mangelnde Begeisterung für Erzählliteratur hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, sich selbst auf diesem Feld zu versuchen, und der lange Lacktisch bog sich, neben überfüllten Aschenbechern, unter seiner jüngsten Hervorbringung, einem Drehbuch mit dem Titel A Burst of Vermilion.
Wie es aussah, hatte Brando sogar kurz zuvor noch daran gearbeitet. Jedenfalls saß bei meinem Eintreten ein stiller junger Mensch, den ich Murray nennen will, auf einer Tatamimatte und blätterte durch das Manuskript von A Burst of Vermilion. Nach meinen Informationen war das Brandos Schreibknecht. Selbiger nahm jetzt ein paar Seiten in die Hand und sagte: "Tja, Mar, ich schätze, da muss ich in meinem Zimmer noch mal drüber. Vielleicht treffen wir uns dann später, sagen wir um halb elf?"
Brando runzelte ungnädig die Stirn, als sei ihm bereits die Vorstellung nicht recht. Wie ich später erfuhr, hatte er den Tag wegen eines leichten Unwohlseins in seinem Hotelzimmer verbringen müssen und war jetzt entsprechend gereizt. "Was ist denn das schon wieder?", fragte er und deutete auf ein paar längliche Päckchen zwischen Stößen von Papier auf dem Lacktisch.
Murray zuckte die Achseln. Das Hausmädchen hatte die Päckchen gebracht, mehr wusste er auch nicht. "Mar kriegt dauernd Geschenke von irgendwelchen Leuten", erklärte er. "Meistens wissen wir nicht einmal, von wem. Stimmt doch, Mar, oder?"
"Ja", sagte Brando und fing an, die Päckchen aufzureißen, die, wie in Japan üblich, aufwendig verpackt waren, selbst wenn sie nur Dinge des täglichen Gebrauchs enthielten. In einem waren Süßigkeiten, in einem anderen weiße Reisplätzchen, die zwar Wattewölkchen ähnelten, sich später jedoch als betonhart erwiesen. Weder dem einen noch dem anderen Päckchen lag eine Karte bei, anhand derer sich der edle Spender hätte identifizieren lassen. "Egal wo du bist, die Japaner haben es mit Geschenken. Ohne das läuft gar nichts", bemerkte Brando und zerbiss mutig ein Reisplätzchen, während er die Schachtel an Murray und mich weiterreichte.
Murray schüttelte den Kopf, er hatte von seinem Vorhaben einer weiteren Zusammenkunft am selben Abend noch nicht abgelassen. "Schauen wir mal", sagte Brando schließlich. "Ruf mich an."
Soweit ich wusste, gehörte Murray zu jenem Personenkreis, der in der Sayonara-Truppe als "Brando-Gang" bekannt war. Dazu zählten nicht nur der literarische Assistent, sondern auch Marlon Brando senior, der als eine Art Manager fungierte, eine hübsche brünette Sekretärin namens Miss Levin sowie Brandos persönlicher Maskenbildner. Reise-, Hotel- und Verpflegungskosten dieser Entourage wurden laut Vertrag von Warner Brothers übernommen, was entgegen der Legende sonst nicht die Regel war, denn die Studios geben sich hier eher knauserig. Ein Warner-Mitarbeiter, mit dem ich später sprach, erklärte das so: "Normalerweise kommt ein Schauspieler damit nicht durch. Und Brandos Forderungen sind sogar besonders happig. Aber was will man machen, dieser Film braucht den Superstar. Das ist alles, was an der Kinokasse zählt."
Nicht wenige in der Sayonara-Produktion hatten dabei den Eindruck, dass die Abschirmung durch die Gang zuverlässig verhindere, dass man Brando je wirklich kennenlernte. Er war jetzt seit mehr als einem Monat in Japan und hatte sich am Set als lockerer junger Mann präsentiert, der sich seiner Bedeutung zwar bewusst, aber auch bereit war, mit allen anderen, besonders aber den Schauspielern, konstruktiv zusammenzuarbeiten. Gleichwohl war er so gut wie nie ansprechbar, sondern blieb in den langen Drehpausen lieber für sich, las in seinen Philosophiebüchern oder machte sich in einer Kladde irgendwelche Notizen. Dasselbe nach Drehschluss: Statt mit seinen Kollegen noch einen trinken zu gehen, begnügte er sich mit einem Teller Sushi in einem Restaurant und einem Spaziergang durch das traditionelle Geisha-Viertel von Kioto, ehe er in sein Hotelzimmer zurückkehrte und auch dort blieb. Zur großen Familie, zu der ein Team bei Dreharbeiten vor Ort für gewöhnlich zusammenwächst, gehörte er nicht, und ihren Partys mit Landschulheim-Stimmung blieb er demonstrativ fern. Da aber die größten Filmfans meist in der Filmindustrie selbst zu finden sind, war Brando innerhalb der Sayonara-Belegschaft das Objekt allergrößten Interesses und ungestillten Verlangens, was beides gerade wegen seiner eigentlich ernüchternden Unnahbarkeit nie erlahmte. Selbst Joshua Logan bekannte nach zweiwöchiger Arbeit mit Brando: "Marlon ist sicher die faszinierendste Person, die ich seit der Garbo kennengelernt habe, ein Genie. Aber ehrlich gesagt habe ich nicht die geringste Ahnung, wie er wirklich ist. Im Grunde kenne ich ihn gar nicht."
Inzwischen war das Dienstmädchen zurück, und Murray wäre beim Hinausgehen beinahe über die Schleppe ihres Kimonos gestolpert. Sie setzte eine Schale mit Eis ab, kicherte errötend und tänzelte wie ein Pony auf ihren weißen, hufartigen Zehensocken, als sie verkündete: "Appapie! Heute auf Tageskarte: Appapie."
Brando ächzte. "Apple-Pie, das habe ich gebraucht." Er streckte sich auf dem Boden aus und löste seinen Gürtel, der tief in seinen Bauch schnitt. "Eigentlich bin ich ja auf Diät. Trotzdem habe ich permanent Lust auf Apple-Pie und solche Sachen." Sechs Wochen zuvor, noch in Kalifornien, hatte Logan von ihm gefordert, für die Rolle in Sayonara zehn Pfund abzuspecken. Sieben davon hatte Brando bei seiner Ankunft in Kioto verloren, doch die Verlockung durch amerikanische Apple-Pies und mehr noch die japanische Küche mit ihren süßen frittierten Sachen führten dazu, dass er nicht nur die sieben Pfund bald wieder drauf hatte, sondern noch sieben weitere. Er lockerte seinen Gürtel noch ein Stück und massierte nachdenklich die Region unterhalb des Zwerchfells, während er die englische Speisekarte studierte, die eine reiche Auswahl an westlichen Gerichten bot.
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