Die Homosexualitätsdiskussion in und um den deutschen Wandervogel
Studienarbeit aus dem Jahr 2002 im Fachbereich Gesch. Europa -
Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik, einseitig bedruckt,
Note: 1,3, Universität Leipzig (Historisches Seminar),
Veranstaltung: Die Jugendbewegung in der Weimarer Republik, 47
Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract:
Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Wandervogel , der
ersten, durch das kreative und selbstverantwortliche Streben der
Jugend Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Bewegung. Schon
allein die Novität dieser Erscheinung im Vergleich zur staatlich
gelenkten Jugendpflege und ihren Institutionen wäre Grund genug,
sich diesem Thema zu widmen. Im Folgenden soll der Wandervogel
jedoch unter einem ausgewählten Gesichtspunkt, namentlich seiner
Involviertheit in die Inversionsdiskussion der 1920er Jahre
betrachtet werden. Zum Teil waren Wandervogelmitglieder wie Hans
Blüher aktive Mitgestalter dieses Diskurses, zum anderen geriet der
Bund durch die Natur seines Aufbaus und die
Publikationen Blühers in den Verdacht, Rekrutierungsorgan älterer
Homosexueller zu sein. Einschätzungen wie etwa die Kröhnkes, im
Wandervogel wären "erstmals in der Neuzeit Homosexuelle
selbstbewußt und mit ersten Ansätzen zum Bekenntnis der eigenen
Liebe und mit Stolz auf sie hervor[ge]treten" müssen kritisch
betrachtet werden. Zur Homosexualität als geschlechtlicher Handlung
gibt es im Wandervogel nur in äußerst wenigen Fällen verläßliches
und aussagekräftiges Beweismaterial. Das mag dem gesellschaftlichen
Klima bzw. der weitgehenden Tabuisierung der Homosexualität im
frühen 20. Jahrhundert geschuldet sein oder am schlichten Fehlen
des Tatbestandes liegen. Von einem 'selbstbewußten Bekenntnis
zur Homosexualität' kann nur in Einzelfällen die Rede sein. Ein
Problem der Literatur, die den Wandervogel als eine
Homosexuellenbewegung sieht, scheint in diesem Zusammenhang ein
häufig ungenauer Umgang mit der Terminologie zu sein. So werden
Homosexualität und Homoerotik selten bzw. inkonsequent voneinander
geschieden oder gar synonym gebraucht - ähnlich wie dies in der
Auseinandersetzung der zeitgenössischen Printmedien mit dem
Wandervogel teilweise geschah. Diese Arbeit versucht deshalb
vielmehr der Frage nachzugehen, warum ausgerechnet der Wandervogel
zu einem der Brennpunkte der Inversionsdebatte werden konnte und
von welcher Qualität diese Debatte war. Um den Umfang dieser Arbeit
nicht über ein akzeptables Maß hinaus auszudehnen, mußte die
Darstellung der Entwicklung der Wandervogelbewegung sehr verkürzt
erfolgen. Der daraus resultierenden Vereinfachung komplexer
Sachverhalte wurde durch den Verweis auf weiterführende Literatur
versucht entgegenzuwirken.