Die Geheimnisse der Olivia Joules - Fielding, Helen

Helen Fielding 

Die Geheimnisse der Olivia Joules

Roman

Aus d. Engl. v. Marcus Ingendaay
Broschiertes Buch
 
Vergriffen, keine Neuauflage
Nicht lieferbar
106 Angebote ab € 0,25
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Die Geheimnisse der Olivia Joules

Olivia Joules ist eine furchtlose, eigenwillige und äußerst attraktive Journalistin. Doch leider geht ihre Phantasie manchmal mit ihr durch. Bei ihrer neuesten Reportage meint sie, in einem geheimnisvollen Filmproduzenten einen weltweit gesuchten Terroristen zu erkennen. Ein Irrtum. Aber das hindert Olivia nicht daran, den Mann hartnäckig zu verfolgen - mit nichts ausgestattet als einer Hutnadel, ihrer messerscharfen Beobachtungsgabe und einem ganz besonderen BH ...

"Ein lustiger Frauen-Schmöker, die ideale Lektüre für Sonntagnachmittag!" - Woman

"Das ist ein Roman, den man in einem Zug verschlingt. Vor allem aber ist das Buch eine höchst romantische Lektüre." - The Spectator

"Helen Fielding hat mit Olivia Joules eine neue, sympathische Figur erschaffen, deren aberwitzige Abenteuer absolut film- und hollywoodreif sind. Der Stoff bietet alles, um spannend und mit einer Menge Humor zu unterhalten. Mrs. Fielding - yes!" - Bild am Sonntag


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 377 S.
  • Seitenzahl: 377
  • Goldmann Taschenbücher Bd.46184
  • Deutsch
  • Abmessung: 18, 5 cm
  • Gewicht: 299g
  • ISBN-13: 9783442461844
  • ISBN-10: 3442461847
  • Best.Nr.: 20765166
"Wenn Bridget Jones ein bestimmtes Lebensgefühl der 90er Jahre formte und zu dessen Synonym wurde, könnte Olivia Joules für das neue Jahrzehnt dasselbe tun."<br />(The Times)<br/><br/>"Es lebe Helen Fielding! Dieser Roman ist ein Angriff in Technicolor auf den grauen Alltag. Fieldings rasante Prosa sprüht vor Witz und Raffinesse."<br />(Independent on Sunday)<br/><br/>"Dieser Roman erfüllt den Leser mit einem großen Glücksgefühl. Das Buch steckt so voller Witz und Ironie wie ein ausgestopftes Prada-Handtäschchen und hat einen Heldin, die man von der ersten Seite an ins Herz schließt."<br />(Radio 4)
Helen Fielding, geb. in Yorkshire geboren, lebt heute in London. Sie arbeitete mehrere Jahre für die BBC, für die sie unter anderem die Aktivitäten der Hilfsorganisation Comic Relief in Äthiopien und dem Sudan dokumentierte. Helen Fielding schrieb außerdem für verschiedene überregionale Zeitungen. 'Hummer zum Dinner' war ihr hochgelobter Debütroman, bevor sie mit 'Schokolade zum Frühstück, Das Tagebuch der Bridget Jones', in England das Buch des Jahres 1997, endgültig zur Kultautorin aufstieg. Der Nachfolgeband, 'Bridget Jones am Rande des Wahnsinns', eroberte erneut in Rekordzeit die internationalen Bestsellerlisten.

Leseprobe zu "Die Geheimnisse der Olivia Joules"

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Leseprobe zu "Die Geheimnisse der Olivia Joules" von Helen Fielding

1

London

"Weißt du, was dein Problem ist, Olivia? Du denkst dir zu viele Sachen aus. Mit dir geht die Phantasie durch."

"Stimmt ja gar nicht", widersprach Olivia Joules gereizt.

Barry Wilkinson, Ressortleiter Außenpolitik der "Sunday Times", lehnte sich in seinem Chefsessel zurück, versuchte dabei seine Wampe einzuziehen und schaute über seine Halbbrille auf das verstimmte kleine Wesen vor ihm. "Aber dafür bist du ein heißer Feger", dachte er.

Er sagte jedoch: "Und was war mit der Geschichte über die Riesenheuschrecken, die angeblich halb Äthiopien aufgefressen haben? Ganze Wolken von nie gesehenen Kreaturen, die die Sonne verdunkeln und mit ihren entsetzlichen Mahlwerkzeugen ganze Landstriche verwüsten?"

"Das war im Sudan."

Barry seufzte. "Hör mal, wir schicken dich um die halbe Welt, und du kommst mit zwei Grashüpfern zurück - in einem Plastikbeutel."

"Aber es hat diese Heuschreckenplage wirklich gegeben. Sie war nur in den Tschad weitergezogen. Egal, dafür habe ich euch die Geschichte über die verhungernden Zootiere mitgebracht."

"Olivia, das war ein einzelnes Warzenschwein, und das sah in meinen Augen noch putzmunter aus."

"Na und? Dafür hätte ich euch das Interview mit den fundamentalistischen Frauen und dem Kreuzamputierten geliefert. Aber ich musste ja gleich zurück."

"Ganz recht. Die Sache mit dem Baby von Posh Spice und David Beckham, vielmehr die Geburt desselben. Gut, dass du mich daran erinnerst."

"Aber das war nur Boulevard-Journalismus."

"Zum Glück."

"Jedenfalls habe ich mir da nichts ausgedacht."

"Das nicht. Dafür stehst du nur da, starrst wie ein Idiot in die Kamera, fummelst an deinen Haaren, und zehn Sekunden lang passiert rein gar nichts. Geschlagene zehn Sekunden! In einer Live-Schalte! Und dann krähst du auf einmal: Hallo, das Baby ist noch nicht da, aber es ist alles furchtbar aufregend. Und damit zurück ins Studio!"

"Das war nicht meine Schuld. Der Aufnahmeleiter hat einfach das Zeichen nicht gegeben, weil dauernd irgendein Verrückter ins Bild lief, der sich so einen Spruch auf den nackten Bauch gemalt hatte: 'Auch ich bin ein unehelicher Royal.' Was sollte ich denn machen?"

Müde blätterte Barry durch einen Stapel Pressemitteilungen auf seinem Schreibtisch. "Jetzt hör mal gut zu, mein Schatz ..."

Olivia zuckte zusammen. Eines Tages würde "sie" ihn "mein Schatz" nennen, und dann wollte sie sehen, wie ihm das gefiel.

"... du kannst ohne Frage schreiben, du bist eine gute Beobachterin und hast ein Gefühl für den Kern einer Story, aber wir hier bei der "Sunday Times" sind zu dem Schluss gekommen, dass freie Mitarbeiter wie du diese Qualitäten in der Lifestyle-Redaktion weit besser zum Einsatz bringen können."

"Sie meinen, ich sollte lieber im Seichten fischen als im Tiefen?"

"Lifestyle hat nichts mit seicht zu tun, Baby."

Olivia lachte kurz auf. "Ich hör wohl nicht recht."

"Nein, pass auf", sagte er und angelte sich die Pressemitteilung einer Kosmetikfirma aus dem Stapel. "Wenn du unbedingt reisen willst, kein Problem. Nächste Woche ist da diese Präsentation in Miami für irgendein Promi-Parfum ... oder war es eine Gesichtscreme?"

"Eine Präsentation für Gesichtscreme?", fragte Olivia enttäuscht.

"Ja, von J-Lo oder P. Binny oder ... keine Ahnung, doch, hier haben wir's: Devorée. Wer zum Teufel ist Devorée?"

"Eine weiße Rapperin, Schrägstrich Model, Schrägstrich Schauspielerin."

"Wunderbar, dann ist ja alles klar. Wenn du es schaffst, eine Zeitschrift zu finden, die sich an den Reisekosten beteiligt, kannst du fliegen. Na, wie gefällt dir das?"

"Okay", sagte Olivia skeptisch. "Aber wenn ich es schaffe, da drüben eine richtige Story auszugraben, kann ich die dann auch machen?"

"Aber natürlich, Liebelein, natürlich kannst du", feixte Barry.

2

South Beach, Miami

Die Lobby des Delano Hotel sah aus wie die überdrehte Designeradaption einer Kulisse für "Alice im Wunderland". Alles dort war entweder zu groß oder zu klein, in der falschen Farbe oder am falschen Platz. Gleich über der Rezeption hing ein Lampenschirm von drei Meter fünfzig Durchmesser. Zwanzig Meter lange Musselinvorhänge rauschten in der Brise am Fenster, und in die Wand daneben war ein Sternenhimmel aus Hunderten von Minilämpchen eingelassen. Es gab einen Billardtisch mit beigem Filzbezug und naturfarbenen Kugeln. Und auf einem weißen Acrylstuhl, der einem Pissoir nachempfunden schien, saß ein dunkelhäutiger Mann und las Zeitung. Der Mann sah hoch, als eine schlanke junge Frau die Eingangshalle betrat. Er senkte die Zeitung, um besser beobachten zu können, wie die junge Frau sich in der Eingangshalle umsah, und grinste wie bei einem fiesen Hintergedanken, als sie schließlich auf die Rezeption zuging. Sie trug Jeans und ein dünnes schwarzes Top, hatte eine weiche braune Tasche in der einen Hand und zog mit der anderen einen zerschrammten braun-olivgrünen Rollkoffer hinter sich her.

"Wie schreibt sich denn Ihr Name?", fragte der Mann an der Rezeption. "Wie in französisch Jules?"

"Nein. Wie in Maßeinheit der Größen Energie, Arbeit und Wärmemenge", entgegnete die junge Frau selbstbewusst.

"Tatsache ...? Ah ja, jetzt sehe ich es auch", sagte der Mann. "Ich rufe Ihnen einen Pagen, der bringt Ihnen das Gepäck aufs Zimmer."

"Nicht nötig. Ich habe nur den einen Koffer."

Der dunkelhäutige Mann verfolgte genau, wie ihre kleine, energische Gestalt in Richtung Lift verschwand.

Verwirrt starrte Olivia auf die Aufzugtüren, die aussahen wie Omas Flickenteppich aus Edelstahl. Gerade als die Türen sich schlossen, quetschte sich noch ein hübscher Page in T-Shirt und kurzer Hose in die Kabine und bestand darauf, ihr das Gepäck aufs Zimmer zu tragen, obwohl es gar nichts zu tragen gab.

Das Zimmer selbst war ganz in Weiß gehalten: weißer Fußboden, weiße Wände, weißes Bettzeug, weißer Schreibtisch, weißer Sessel mit Fußschemel, dazu ein weißes Fernrohr auf einem Stativ, das auf weiße Jalousien zeigte. Das kleine Sexschnuckelchen zog die Jalousie hoch, und augenblicklich explodierten hinter der Scheibe die leuchtenden Aquamarin- und Petroltöne von Miami Beach, als hätte dort jemand einen gigantischen Fernseher eingeschaltet.

"Hier sieht's ja aus wie im Krankenhaus", murmelte sie.

"Ein bisschen komfortabler ist es hoffentlich schon. Was führt Sie denn nach Miami, wenn ich fragen darf?"

Seine Haut war wie aus einer Werbung für die Jugend selbst, pfirsichweich und mit dem matten, nährstoffgesättigten Schimmer einer Treibhauspflanze.

"Tja, was mache ich hier?", antwortete sie und trat näher ans Fenster. Sie schaute hinab auf Reihen von Sonnenschirmen und Liegestühlen im weißen Sand, auf die pastellfarbenen Hütten der Rettungsschwimmer und das surreale Blau des Meeres, das von Segel- und Motoryachten durchschnitten wurde. Ein Geleitzug größerer Schiffe bewegte sich an der Horizontlinie entlang wie eine Kolonne von Holzenten durch den Hintergrund einer Schießbude. "Mein Gott, was ist denn das?", sagte sie. Eines der Schiffe war dreimal so groß wie die anderen: ein fetter Pelikan unter lauter kleinen Enten.

"Das ist die OceansApart", sagte der Hoteljunge mit Besitzerstolz, geradeso als gehörte ihm nicht nur das Schiff, sondern auch die Stadt Miami und der komplette Ozean. "Es ist ein schwimmendes Apartmenthaus. Sind Sie geschäftlich hier, oder machen Sie Urlaub?"

"Wie, das Schiff ist schon fertig?", sagte sie und ignorierte die zudringliche Neugier des Jüngelchens.

"Klar ist es das."

"Ich dachte, es existierte nur in der Phantasie."

"Nein, Ma'am. Das ist ihre Jungfernfahrt. Vier Tage liegt sie in Miami."

"Das ist also das Schiff, das nichts anderes tut, als von einem Event zum anderen zu schippern, vom Grand Prix zu den Australian Open, und die Leute fliegen übers Wochenende mit dem Hubschrauber ein, und alles liegt schon für sie bereit, ihre Zahnbürste ebenso wie ihre Picassos?"

"Sie haben es erfasst."

"Wäre auch mal eine gute Idee für eine Geschichte."

"Sind Sie Journalistin?"

"Ja", bestätigte sie selbstsicher, wobei sie der Stolz über ihren offensichtlichen Status als Auslandskorrespondentin jede Zurückhaltung vergessen ließ.

"Wow! Und für welche Zeitung arbeiten Sie?"

"Sunday Times und Elan", sagte sie.

"Wow! Ich schreibe auch! Worüber berichten Sie denn?"

"Och, weißt du, über dies und das."

"Falls Sie mal Hilfe brauchen, sagen Sie einfach Bescheid. Ich heiße Kurt. Kann ich noch etwas für Sie tun?"

"Jetzt, da du es erwähnst"... hätte sie fast gesagt, begnügte sich stattdessen damit, ihm fünf keusche Dollar Trinkgeld in die Hand zu drücken und zuzusehen, wie sich sein weißbehoster Knackarsch aus dem Zimmer entfernte.

Oliva Joules schätzte Hotels. Die Gründe hierfür waren einfach:
1.

In Hotelzimmern existierte keine Vergangenheit. Es war, als hätte man einen Schlussstrich gezogen und könnte ganz von vorn anfangen.
2.

Das Leben im Hotel war in gewisser Weise so schlicht wie in einem Zen-Kloster: ein Kleiderschrank, in den nur das Nötigste hineinpasste, ein Leben, in das auch nur das Nötigste hineinpasste. Nichts lag herum, nichts war voll gemüllt mit Sachen, die sie zwar nie mehr anzog, aber auch nicht wegwerfen konnte. Vor allem: Es gab keinen Posteingangskorb, keine Schalen mit ausgelaufenen Filzstiften und Post-it-Zettelchen, an denen Kaugummi klebte.
3.

Hotels waren anonym.
4.

Hotels waren schön, wenn man die richtige Wahl traf, was sie - nicht selten nach tagelanger Internet-Recherche - unweigerlich tat. Sie waren Tempel des Luxus oder der Landhausatmosphäre, Orte der Gemütlichkeit oder des durchdachten Designs.
5.

Alle häuslichen Pflichten wurden ihr abgenommen, und sie war der Putzhölle entronnen.
6.

Niemand konnte ihr auf die Nerven gehen. Sie brauchte nur das "Bitte nicht stören" rauszuhängen (Ähnliches galt fürs Telefon), und die Welt konnte sie mal.

Doch Olivia hatte Hotels nicht immer so geliebt. Die meisten Familienurlaube früher hatten auf dem Campingplatz stattgefunden. Und bis zum Alter von zweiundzwanzig Jahren beschränkte sich ihre Erfahrung mit Hotels auf plüschig­heruntergekommene, aber zugleich furchtbar steife Häuser in nordenglischen Badeorten, wo es seltsam roch, Teppiche und Tapeten bizarre Muster aufwiesen, wo sich die Gäste nur flüsternd und in möglichst vornehmem Tonfall unterhielten und die ganze Familie vor Scham erstarrte, wenn einem von ihnen eine Gabel oder ein Würstchen auf den Boden fiel.

Deshalb wusste sie zunächst gar nichts mit sich anzufangen, als sie zum ersten Mal beruflich in einem Hotel übernachten musste. Doch das schicke, unberührte Zimmer mit Minibar, frisch gestärktem Bettzeug, Room-Service, Luxusseife, Gratis-Badelatschen und (sehr schön) niemandem, der ihr dreinredete, verfehlte seine Wirkung nicht, und so fühlte sie sich schon bald wie zu Hause.

Manchmal hatte sie deswegen ein schlechtes Gewissen. Sie würde in dem feudalen Ambiente noch als arrogante, verwöhnte Zicke enden, sagte sie sich. Aber darum ging es eigentlich nicht, und sie liebte auch keineswegs nur die vornehmen Hotels. Manche von ihnen waren geradezu schrecklich: überladen und affig in ihrem Getue, dabei unfähig, ihr, Olivia, das zu geben, was sie auf jeden Fall benötigte (nämlich ein funktionierendes Telefon und einen Zimmerservice, der ihre Bestellung noch am gleichen Tag brachte); stattdessen warteten sie mit solchen Zumutungen auf wie lauten Klimaanlagen, einer Aussicht auf den Parkplatz oder, am schlimmsten von allem, muffigem, unfreundlichem Personal. Dagegen waren einige ihrer Lieblingshotels überhaupt nicht teuer. Ihrer Meinung nach bestand das einzig wahre Qualitätsindiz für Hotels in Toilettenrollen, deren erstes Blatt bei der Ankunft zu einem hübschen Dreieck gefaltet war. Im Delano jedoch war das Lokuspapier nicht nur zu einem hübschen Dreieck gefaltet, sondern auch noch mit einem weißen Klebeschildchen versehen, auf dem elegante graue Versalien verkündeten: THE DELANO. Sie war nicht sicher, ob das weiße Schildchen des Guten nicht etwas zu viel war.

Sie legte den Koffer aufs Bett und fing an, liebevoll ihre Siebensachen auszupacken, die ihr das Zimmer zur zweiten Heimat machen würden, bis sie nach London zurückmusste. Wie immer war das Letzte, was sie aus der Tasche holte, ihr Survival-Kit, das sie unter ihr Kopfkissen schob. Es war zwar nicht besonders klug, so ein Ding durch die Flughafenkontrollen zu schmuggeln, aber sie hatte es schon eine Ewigkeit und wollte sich davon nicht trennen. Äußerlich sah es aus wie eine alte Tabaksdose. Sie hatte es einmal bei einem Trekking-Ausrüster in der Nähe der Euston Station gekauft. Die Unterseite des Deckels war verspiegelt, so ließen sich Lichtsignale geben. Die Dose selbst hatte einen Griff, damit man sie auch als Pfanne benutzen konnte. Sie enthielt eine essbare Kerze, ein Kondom zum Wasserholen, Watte, Kaliumpermanganat zum Feuermachen und Desinfizieren von Wunden, mehrere Angelhaken, Messingdraht zum Bau von Kaninchenfallen, eine Taschensäge (ebenfalls aus Draht), wetterfeste Sturmstreichhölzer, einen Feuerstein, Leuchtband, Rasierklingen, einen Knopfkompass und eine Winz-Leuchtrakete. Keinen dieser Gegenstände hatte sie jemals gebraucht, ausgenommen das Kondom, das schon mehrmals erneuert werden musste, und die Watte - wenn es in einem Hotel mal wieder keine Reinigungspads gab. Sie war jedoch überzeugt, dass ihr das Survival-Kit eines Tages noch gute Dienste leisten würde, wenn es darum ging, in der Wüste Wasser zu holen, einen Flugzeugentführer zu erdrosseln oder von einem palmengesäumten Atoll Notsignale an vorüberfliegende Flugzeuge abzugeben. Bis dahin war es einfach nur ein Talisman, ähnlich einem Teddybären oder einer Handtasche. Olivia hatte die Welt noch nie für einen besonders sicheren Ort gehalten.

*

Sie wandte sich von Fenster und Meerblick ab. An dem Fernrohr hing eine kunststofflaminierte Gebrauchsanweisung. Sie warf nur einen kurzen überforderten Blick darauf, ehe sie aufgab, durch das Okular schaute und auf den grünen Schleier einer stark vergrößerten Wiese. Sie drehte an einem Einstellring, bis ein Kopf stehender Strand Konturen bekam. Sie drehte weiter und versuchte, sich in der Kopf stehenden Welt zu orientieren, die sich weiter nach oben (oder nach unten?) bewegte, bis erst ein Jogger ins Bild kam, der - "ärks"!, aber kein Shirt anhatte (manche Leute kannten einfach keine Scham!), dann eine Yacht, die krängend in jede Welle krachte. Im Zickzack suchte Olivia mit dem Fernglas das Meer ab, bis sie die "OceansApart" erwischte. Ein Anblick, als lägen die weißen Klippen von Dover vor Miami.

Sie holte ihren Laptop aus der Tasche und hackte eine E-Mail an Barry heraus.

Betr.: Vorschlag für supertolle Story
1.

Miami ist cool, alles läuft prima.
2.

Außerdem: irre Lifestyle-Story über die "OceansApart", schwimmender Apartmentblock für Superreiche, der auf Jungfernfahrt vor Miami ankert.
3.

Könnte Geschichte übernehmen, bräuchte aber einen, besser zwei Tage länger? Ist das möglich?

Ende und aus, Olivia

Befriedigt las sie das Geschriebene durch und klickte auf "Senden". Doch der anschließende Blick in den Spiegel ließ sie erstarren. Ihre Haare sahen unmöglich aus, und ihre gereizte Gesichtshaut erzählte von sechzehn Stunden in Fliegern und auf Flughäfen - fünf davon hatte sie nutzlos in Heathrow festgesessen, nachdem jemand einen Laptop im Damenklo vergessen hatte. Die Gesichtscreme-Party war um sechs. Das bedeutete, sie hatte genau zwanzig Minuten, um sich in eine Göttin der Nacht zu verwandeln.

3

Achtundfünfzig Minuten später, außer Atem, aber geschrubbt und gestylt, entstieg sie dem Aufzug. Vor dem Eingang des Hotels stauten sich die weißen Limousinen bis zur Straße und hupten. Die schwergewichtigen Security-Leute in ihren knappen weißen Short agierten wieder besonders rüde und sprachen so wichtig in ihre Headsets, als seien sie vom FBI. Zwei junge Frauen mit riesigen Brüsten, aber praktisch keinen Hüften posierten mit ziemlich verzweifeltem Grinsen auf einem roten Teppich. Mit ihrer üppigen Oberweite und ihrem jungenhaften Unterleib wirkten sie wie bizarre Zwitterwesen. In identischer Choreographie präsentierten sie den Blitzlichtern ihr Profil, die Beine eng voreinander gestellt, den Körper S-förmig verbogen, als wollten sie das Logo von "InStyle" Magazine nachzeichnen oder als müssten sie ganz dringend aufs Klo.

Auf dem Tisch am Eingang türmte sich eine wacklige Pyramide von "Devorée - Crème de Phylgie", Tiegelchen von eher klinischem Design, schlichte grüne Schrift auf weißem Grund. Olivia nannte ihren Namen, nahm sich eine der hochglänzenden Pressemappen und stürzte sich lesend ins Gewühl. Schon die Liste der Inhaltsstoffe aus allerhand Algenzeug und Seegetier ließ sie schaudern.

Eine Frau in einem schwarzen Anzug steuerte auf sie zu und präparierte ihr Gesicht zu einem Furcht erregenden Weißzacken-Grinsen, das eher einem wütenden Affen zu gehören schien.

"Hi! Sind Sie Olivia? Ich bin Melissa von Century-PR. Willkommen. Wie war Ihr Flug? Wie war das Wetter in London?" Sie bugsierte Olivia Richtung Terrasse, wobei sie immer neue Salven bescheuerter Fragen auf Olivia abfeuerte und ihr nicht die geringste Chance zu einer Antwort ließ. "Wie ist Ihr Hotelzimmer? Wie geht's Sally bei "Elan"? Grüßen Sie sie ganz lieb von mir."

Sie traten hinaus auf die Terrasse. Inmitten überdimensionierter Möbelstücke war Miamis Mode- und Musikszene mehr oder weniger vollständig angetreten und sorgte sowohl auf der Freitreppe als auch weiter unten am türkis illuminierten Pool mit seinen Liegestühlen, Riesenlampen und Cabañas für die passende Kulisse.

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