Die Dienerin des Schwertes - Kushner, Ellen

Ellen Kushner 

Die Dienerin des Schwertes

Roman. Deutsche Erstausgabe

Dtsch. v. Karlheinz Dürr
Broschiertes Buch
 
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Die Dienerin des Schwertes

Katherine ist überglücklich: Ihr Onkel, der Herzog von Tremontaine, hat sie zu sich auf sein Anwesen eingeladen. Das Mädchen vom Land kann es kaum erwarten, in die Gesellschaft von Riverside eingeführt zu werden und vielleicht sogar einen Ehemann zu finden. Doch dann kommt alles anders. Der Herzog findet es amüsanter, sie in der Fechtkunst unterweisen zu lassen, und die verheißungsvolle Stadt entpuppt sich schnell als Labyrinth von Intrigen, Geheimnissen und Gaunern. Wenn Katherine hier überleben will, muss sie kämpfen - für sich, ihre Familie und ihre Liebe.

Als bester Roman nominiert für den "World Fantasy Award" und den "Nebula Award" der "Science Fiction and Fantasy Writers of America".


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 541 S.
  • Seitenzahl: 541
  • Goldmann Taschenbücher Bd.46707
  • Deutsch
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 544g
  • ISBN-13: 9783442467075
  • ISBN-10: 3442467071
  • Best.Nr.: 23332056
High Fantasy wie sie besser nicht sein kann intelligent, geistreich und einfach faszinierend. Romantic Times

"High Fantasy wie sie besser nicht sein kann - intelligent, geistreich und einfach faszinierend." Romantic Times<br/><br/>"Eines der hinreißendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Witzig und wundervoll, mit Figuren, die provozieren, bezaubern und erfreuen." Holly Black Autorin der "Die Spiderwick Geheimnisse" und "Elfentochter"<br/><br/>"Ellen Kushner ist eine der besten neuen Fantasyautoren." Judith Tarr<br/><br/>"Eine furchtlose und einfallsreiche Heldin mit Herz und einer messerscharfen Klinge als Hauptfigur. Dazu eine Prise Humor und treffende Details aus der Zeit." Library Journal (starred review)<br/><br/>"Exzellente High Fantasy und raffinierte Fechtkunst." Publishers Weekly<br/><br/>"Eine magische Mischung aus Dumas und Georgette Heyer. Der Dialog ist genauso brillant wie die Fechtkunst." Kelly Link, Autorin von "Die Elbenhandtasche"<br/><br/>"Eine reine Freude - elegant, schlagfertig, einfach hervorragend." Gregory Maguire, Autor von "Wicked"<br/><br/>"Niemand schreibt eleganter und hinreißender als Ellen Kushner." Orson Scott Card, Autor der "Ender Wiggins Saga"<br/><br/>"Handlung und Stil sind in der Tradition von Dumas, aber die Figuren sind sehr lebensnah und modern." Booklist<br/><br/>"Ein wahres Vergnügen. Kushner schreibt fabelhaft und ihre Figuren sind sehr lebendig." Emerald City<br/><br/>"Eine spannende Geschichte - ein echter Page-Turner!" Locus<br/><br/>"Wunderschön geschrieben, die Figurenbeschreibungen sind bestechend komplex und die Fechtszenen aufregend." SciFi.com
Dr. Karlheinz Dürr wurde 1947 in Lörrach/Baden geboren. Er ist Leiter des Fachreferats "Europa" bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Nebenberuflich ist er in der politischen Erwachsenenbildung tätig. Als Deutschland-Koordinator des Europarats für Demokratie-Lernen ist er häufig in anderen europäischen Ländern unterwegs. Darüber hinaus hat er bislang über 60 Bücher aus dem Englischen bzw. Amerikanischen übersetzt und schreibt Kurzgeschichten für Kinder und Jugendliche. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Tübingen.

Leseprobe zu "Die Dienerin des Schwertes"

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Leseprobe zu "Die Dienerin des Schwertes" von Ellen Kushner

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Leseprobe zu "Die Dienerin des Schwertes" von Ellen Kushner

Teil I

Tremontaíne

Kapitel 1

Niemand lässt eine Nichte zu sich kommen, die er noch nie gesehen hat, nur um ihre Familie zu ärgern und ihr Leben zu ruinieren. Zumindest hatte ich das geglaubt. Aber bis zu dem Zeitpunkt war ich auch noch nie in der Stadt gewesen. Ich hatte noch kein Duell hinter mich gebracht, hatte noch nie ein Schwert in der Hand gehalten. Geküsst hatte ich auch noch niemanden, hatte noch niemandem einen Grund gegeben, mich umzubringen, und ich hatte auch noch nie einen Samtumhang getragen. Und vor allem hatte ich meinen Onkel, den Irren Herzog, noch nicht kennen gelernt. Als ich ihn dann kennen lernte, erklärte sich das Meiste von selbst.

Eines Tages erhielten wir einen Brief von meinem Onkel. Ich war gerade in der Speisekammer und zählte unsere Bestände an Silberbesteck. Als ich fertig war, nahm ich die Listen und ging zu meiner Mutter, die im sonnigen Wohnzimmer saß und Taschentücher säumte. Damals mussten wir das alles selber machen. Von draußen waren die Krähen zu hören, die irgendwo in den Hügeln krächzten, und die Schafe, die noch lauter zu blöken versuchten. Ich schaute die Listen an, nicht meine Mutter, und machte mir Gedanken über die Silberlöffel, die dringend poliert werden mussten, aber warum sollten wir uns darüber Sorgen machen, wenn wir sie vielleicht ohnehin verkaufen mussten?

"Dreihundertdreizehn Löffel", sagte ich mit einem Blick auf meine Liste. "Drei weniger als bei der letzten Zählung, Mama."

Sie gab keine Antwort. Ich blickte auf. Mutter starrte durchs Fenster und kaute an einer ihrer seidenen Haarsträhnen. Ich wünschte, ich hätte solches Haar - mein Haar ist gelockt, aber die Locken drehen sich immer in die falsche Richtung.

"Meinst du nicht auch", sagte sie schließlich, "dass wir den Baum endlich fällen lassen sollten?"

"Wir machen Silberinventur, Mama!", erwiderte ich streng. "Und es fehlen drei Löffel!"

"Bist du sicher, dass du die richtige Liste vor dir hast? Wann haben wir zuletzt gezählt?"

"Vor Gregorys Geburtstagsparty, als er volljährig wurde, glaube ich. Meine Hände stanken beim Essen nach Silberpolitur. Und das Schwein hat sich nicht mal bei mir bedankt."

"Ach, Katherine."

Meine Mutter hat eine Art, meinen Namen auszusprechen, als wäre es eine ganze Rede. In diesem Fall umfassten die Sätze Wann wirst du endlich und Wie dumm du doch und Was würde ich ohne dich nur und das alles gleichzeitig. Aber ich war nicht in der Stimmung, mir das anzuhören. Die Silberinventur muss zwar gemacht werden, und es hat auch keinen Zweck, die Sache aufzuschieben, aber sie gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, obwohl sie in dieser Hinsicht besser abschneidet als beispielsweise Sticken oder Marmelade machen.

"Ich wette, Greg ist auch in der Stadt nicht beliebt, solange er nicht endlich lernt, netter zu den Leuten zu sein."

Sie ließ ihre Näharbeit mit einer abrupten Bewegung sinken, und ich wartete auf die Schelte. Die Stille wurde langsam unheimlich. Ich sah, dass sich ihre Hände um die Stickerei verkrampft hatten, ohne Rücksicht darauf, was sie dem zarten Leinen zufügte. Doch sie hielt den Kopf sehr hoch, was ein Fehler war, denn als ich in ihr Gesicht blickte, sah ich an ihrem verkniffenen Mund und den aufgerissenen Augen, dass sie versuchte, nicht zu weinen. Leise legte ich meine Papiere weg, kniete neben ihr nieder und bettete den Kopf in ihren Schoß, wobei ich sanft über den Stoff strich. "Tut mir leid, Mama. Ich hab's nicht so gemeint."

Mutter wickelte eine meiner Locken um ihren Finger. "Katie ..." Ein langer Seufzer. "Mein Bruder hat mir einen Brief geschickt."

Mir stockte der Atem. "O nein! Schon wieder der Prozess? Sind wir jetzt ruiniert?"

"Ganz im Gegenteil." Aber sie lächelte nicht. Die Sorgenfalte, die letztes Jahr auf ihrer Stirn entstanden war, schien noch tiefer geworden zu sein. "Nein, es ist eine Einladung. Nach Tremontaine."

Mein Onkel, der Irre Herzog, hatte uns noch nie eingeladen, ihn zu besuchen. Es hätte sich nicht gehört. Jeder wusste doch, wie der Mann lebte. Aber darum ging es auch gar nicht. Es ging darum, dass er seit meiner Geburt versuchte, uns in den Ruin zu treiben. Dabei war es ausgesprochen lächerlich: Er hatte damals gerade von Großmutter, der Herzogin von Tremontaine, die riesigen Besitztümer zusammen mit dem Titel geerbt, und schon fing er an, über das bisschen Land zu streiten, das meine Mutter von ihren Eltern als Mitgift bekommen hatte - oder vielmehr stritten seine Rechtsanwälte. Die Gründe waren dermaßen nebulös, dass sie nur die Anwälte selbst verstanden, und keiner der Juristen, die mein Vater verpflichtete, schaffte es, die Gegenseite zu übertrumpfen. Wir hatten zwar das Land selbst noch nicht verloren, aber wir mussten unseren Anwälten immer mehr Geld zur Verfügung stellen. Die Liegenschaften wurden in eine Treuhandschaft übertragen, über die wir nicht bestimmen durften, und das galt auch für die Einkünfte, die das Land abwarf, was es uns noch schwerer machte, die Anwälte zu bezahlen.

Ich war noch klein, aber ich erinnere mich, wie furchtbar es immer war, wenn die Briefe kamen, völlig überladen mit Furcht erregenden Siegeln. Danach herrschte im Haus eine Stunde entsetzliche Stille - und dann explodierte alles. Mein Vater warf meiner Mutter brüllend Vorwürfe über ihre verrückte Familie an den Kopf, warum sie sie nicht besser unter Kontrolle hatte, und überhaupt hätte er genauso gut irgendeine Gänseliesel heiraten können, das hätte ihm mehr eingebracht! Und Mutter schrie, sie sei schließlich nicht daran schuld, dass ihr Bruder verrückt sei, und warum hatte er damals ihre Eltern nicht gefragt, ob der Vertrag wirklich einwandfrei sei, statt auf ihr herumzutrampeln, und überhaupt - habe sie nicht immer ihre Pflichten ihm gegenüber getreulich erfüllt? Davon bekam ich immer alles mit, denn sobald das Geschrei losging, presste Mutter mich an sich, und wenn es dann vorbei war, schlichen wir beide uns oft in die Speisekammer und löffelten unter der Treppe einen Topf Marmelade leer. Und beim Abendessen fing Vater dann wieder an und stritt mit meinen Brüdern über die Kosten von Gregs Pferden oder Sebs Lehrern oder was auf der Brache am Südende unseres Landguts angepflanzt werden solle oder was man gegen die Pächter tun könne, die ständig Kaninchen wilderten. Ich war froh, noch so klein zu sein, dass er oftmals gar nicht auf mich achtete, aber manchmal nahm er doch mein Gesicht in seine großen Hände und schaute mich scharf an, als wollte er herausfinden, auf welcher Seite der Familie ich stand. "Du bist doch ein vernünftiges Mädchen", sagte er dann hoffnungsvoll, "und bist für deine Mutter eine große Hilfe, nicht wahr?" Nun ja, ich gab mir Mühe.

Vater starb plötzlich, als ich elf war. Danach wurde es stiller um das Grundstück. Und schlagartig hörten auch die Prozesse auf. Es war, als hätte der Irre Herzog von Tremontaine uns völlig vergessen.

Doch vor einem Jahr, als wir allmählich aufgehört hatten, jeden einzelnen Kupferpenny zu zählen, kamen die Briefe mit ihren schweren Siegeln erneut. Offenbar fing der Prozess wieder an.

Mein Bruder Sebastian wollte in die Stadt gehen und an der Universität Rechtswissenschaft studieren, aber Seb wurde auf dem Gut gebraucht, denn seine Kenntnisse über Land-und Ackerbau waren unersetzlich. So kam es, dass Gregory, der jetzt ein Lord, Lord Talbert, war, in die Stadt ging, um neue Rechtsanwälte für uns zu gewinnen und um seinen Sitz im Rat der Lords einzunehmen. Ihn in der Stadt leben zu lassen, kam uns teuer zu stehen, und uns entgingen auch wieder die Einnahmen aus Mutters Teil unseres Besitzes. Wenn wir die Löffel nicht verkauften, mussten wir wohl einen Teil von Vaters Land verkaufen, und wie doch jeder weiß, ist man so gut wie erledigt, wenn man erst einmal anfängt, am eigenen Landbesitz zu knabbern.

Und nun kam der Irre Herzog daher und lud uns als Gäste nach Tremontaine ein. Meiner Mutter schien das Sorgen zu bereiten, aber ich wusste, die Einladung konnte nur eins bedeuten: das Ende des Prozesses, der entsetzlichen Briefe. Bestimmt wäre dann alles vergeben und vergessen. Wir konnten in die Stadt gehen und endlich unseren standesgemäßen Platz unter den Adeligen einnehmen, mit Festen und Tanz und Musik und Juwelen und feinen Kleidern ... Ich nahm Mutter in die Arme und drückte sie fest an mich. "Oh, Mama! Ich wusste doch, dass dir niemand lange Zeit böse sein kann. Ich freue mich so sehr für dich!"

Aber sie schob mich von sich. "Freu dich nicht zu früh. Die ganze Sache ist absolut lächerlich. Kommt nicht infrage."

"Aber möchtest du denn nicht deinen Bruder wiedersehen? Wenn ich Greg oder Seb zwanzig Jahre lang nicht gesehen hätte, wäre ich zumindest neugierig."

"Ich weiß, wie Davey aussieht." Sie zerknüllte das Taschentuch in der Hand. "Er hat sich nicht im Mindesten verändert. Mit meinen Eltern stritt er ständig ..." Sie strich mir übers Haar. "Du weißt ja gar nicht, wie viel Glück du hast, Kätzchen, zu einer so liebevollen und netten Familie zu gehören! Ich weiß, Papa war manchmal vielleicht ein wenig hart, aber er hat sich stets um uns gekümmert. Und du und ich waren doch immer die besten Freundinnen, nicht wahr?" Ich nickte.

"Bei Davey und mir war das genauso: Wir waren Freunde. Gute Freunde, wir gegen den Rest der Welt. Wir erfanden unsere eigenen Spiele und beschützten einander. Aber Kinder werden erwachsen, verstehst du? Man kann nicht ewig ein Kind bleiben. Als meine Eltern einen Ehemann für mich wählten, waren wir ... Er war ... Nun ja, Davey verstand einfach nicht, dass sich manche Dinge eben verändern."

"Er hasste Papa, nicht wahr?"

"Er war damals ein Junge, was wusste er schon? Charles war ein Nachbar, nicht irgendein Fremder. Meine Eltern vertrauten ihm und wussten, dass er für mich sorgen würde. Natürlich vergoss ich ein paar Tränen, ich war noch jung und fürchtete mich davor, zum ersten Mal das Elternhaus zu verlassen. Aber mein Bruder ... Nun, er konnte einfach nicht begreifen, dass man irgendwann gegenüber der Familie eine Pflicht zu erfüllen hat. Er hat es damals nicht begriffen, und er wird es auch niemals begreifen."

Sie würde das Taschentuch völlig ruinieren, aber ich wollte ihren Redefluss nicht unterbrechen. Offenbar waren in meiner Familie Dinge geschehen, von denen mir niemand jemals etwas erzählt hatte.

"Und jetzt geht es wieder von vorne los!", sagte sie weinend und zupfte am Saum des Taschentuchs, ohne sich dessen bewusst zu sein. "Gerade denken wir, dass es allmählich besser wird, und schon kommt er daher und macht alles wieder schlimmer, viel schlimmer, nur um seinen Spaß zu haben und uns zu schaden. Es ist immer dasselbe!"

Sie begann, mit der Nadel heftig auf das Taschentuch einzustechen. "Wieso?", stieß ich hervor und hoffte, dass die Frage ihre Hände beruhigte, ohne ihren Wortfluss abzuwürgen. "Wieso ist es immer dasselbe?"

"Die Herzogin", antwortete meine Mutter schmallippig. Sie nahm mich nicht mehr wahr, das konnte ich erkennen, denn ihr Blick war in eine unbestimmte Vergangenheit vor meiner Geburt gerichtet, eine Zeit, in der alles schiefgelaufen war. "Unsere Großmutter, die edle Herzogin von Tremontaine. Die nicht einmal zu meiner Hochzeit kam und sich weigerte, mit meiner Mutter auch nur ein Wort zu wechseln. Aber sie lud meinen Bruder in die Stadt ein, und er durfte bei ihr in Tremontaine House wohnen. Es war seine große Chance - unsere große Chance -, uns mit ihr wieder zu versöhnen und es selber zu etwas zu bringen. Und was machte er? Er lief davon."

"Wohin?"

"Zur Universität." Sie biss den Faden durch. "Mitten in der Stadt, direkt vor der edlen Nase der Herzogin. Mutter war außer sich. Gregory war gerade geboren, aber ich musste ihn hier allein zurücklassen und mit deinem Vater und ein paar Dienern in die Stadt reisen, um mich um sie zu kümmern. Du weißt doch noch, wie sie war." Ich nickte; Großmutter Campion war wirklich ein Furcht erregender Drache gewesen. "Als wir dann wieder von ihm hörten, war er auch von der Universität weggelaufen. Angeblich wollte er irgendwo in ein heruntergekommenes Viertel ziehen. Wir waren überzeugt, dass er tot war. Aber er war nicht tot. Er brachte noch mehr Schande über uns, indem er sich mit einem notorischen Degenfechter einließ. Das kam alles erst heraus, als ihn die Herzogin endlich aufspürte. Ich glaube, er amüsierte sie, denn als sie ein paar Jahre später starb, hatte sie ihn zu ihrem Erben eingesetzt! Mutter schickte ihm damals einen langen Brief und auch ein paar Sachen, aber er schrieb nie zurück."

"Du solltest ihn besuchen", drängte ich sie. "Wer weiß, vielleicht wird er weich und erinnert sich an seine Kindheit, als ihr beide die engsten Freunde wart!"

"Katherine Samantha." Ihr Blick kehrte aus der fernen Vergangenheit zurück und richtete sich direkt auf mein Gesicht. "Du hast nichts von dem verstanden, was ich dir sagen wollte. Er lädt nicht mich ein. Sondern dich."

"Mich? Aber ... Aber ... Warum?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ach, es ist zu lächerlich, um auch nur ein Wort darüber zu verlieren."

"Mutter." Ich nahm ihre Hände in meine. "Du kannst nicht einfach so etwas sagen und dann erwarten, dass ich mit dem Löffelzählen weitermache, als wäre nichts geschehen. Unmöglich. Weshalb will er, dass ich ihn besuche?"

"Er sagt, er will aus dir eine Degenfechterin machen."

Ich lachte. Nun ja, eigentlich war es eher ein Prusten. Wenn ich etwas im Mund gehabt hätte, wäre es durchs ganze Zimmer gesprüht. Diese Art Lachen.

"Wie auch immer", fuhr Mutter fort. "Wenn du bei ihm lebst und dich im Degenfechten unterrichten lässt, wird er im Gegenzug nicht nur den Prozess einstellen, sondern auch unsere sämtlichen Schulden begleichen und - nun ja, er würde sich ganz allgemein ausgesprochen großzügig zeigen."

Ich begann zu verstehen, oder zumindest glaubte ich das. "Er will, dass ich in die Stadt ziehe. Dass ich in Tremontaine House wohne", brachte ich atemlos hervor. "Um unser Glück zu machen."

"Aber das ist natürlich unmöglich."

"Aber Mama", erwiderte ich, "was ist mit meiner Pflicht gegenüber meiner Familie?"

Kapitel 2

Ihr wisst doch mit Mädchen gar nichts anzufangen. Habt Ihr doch selbst gesagt."

In einem eleganten Zimmer im Haus des Irren Herzogs von Tremontaine lungerte eine dicke, unordentliche, junge Frau auf einer samtbezogenen Chaiselongue herum, eine Hand tief in einer Schale Sommererdbeeren. Auf der anderen Seite des Zimmers untersuchte der Irre Herzog die Rückseite des Kamins nach Rissen. "Völlig inkompetent, die Leute", brummte er. "Würden nicht mal einen Holzwurm von einer Zecke im Arsch ihres Hundes unterscheiden können."

Sie ließ sich nicht vom Thema abbringen. "Mädchen könnten das auch nicht."

"Ich kann mit Mädchen tatsächlich nichts anfangen. Jedenfalls nicht so, und auf gar keinen Fall mit solchen, mit denen ich verwandt bin." Er tauchte hinter dem Kamin auf, um kurz nach ihr zu schauen, aber als keine Reaktion kam, schob er den Kopf wieder in den Kaminschacht und fuhr fort: "Ihr solltet eigentlich dankbar sein. Als einzige respektable Frau in meiner Bekanntschaft seid Ihr auch die einzige Person, der ich meine Nichte anvertraue, damit Ihr sie zu Tanz und anderen Dingen begleiten könnt, wenn sie hier ist."

Die unansehnliche Frau, die Flavia hieß, die aber von allen nur als Des Herzogs Hässliche Dame bezeichnet wurde, steckte eine große Erdbeere in den Mund, wischte ihre Finger am Samt der Chaiselongue ab und redete darum herum. "Jede adlige Frau, deren Mann Euch Geld schuldet, würde höchst erfreut sein, Eure Nichte unter die Fittiche zu nehmen, und sei es nur, um Euch zu zeigen, wie man das richtig macht, und um Euch ein wenig Dankbarkeit einzuflößen." Sie leckte sich den Saft von den Lippen. "Übrigens, was ich Euch noch fragen wollte: Warum redet Ihr eigentlich so viel, wenn die Hälfte davon doch nur Mist ist?"

"Damit Eure Aufmerksamkeit nicht nachlässt", antwortete er prompt. "Würde es Euch denn gefallen, wenn alles, was ich sage, plötzlich einen Sinn ergäbe? Das würde Euch doch nur verwirren."

Der Herzog wand seinen langen Körper aus dem Kamin heraus und hielt seiner fetten Freundin die Rüschenärmel unter die Nase. "Würdet Ihr die als schmutzig bezeichnen?"

"Schmutzig ist nicht das Wort, das ich benutzen würde." Sie starrte die spitzenbesetzten Ärmel an. "Das würde nämlich implizieren, dass unter dem Ruß so etwas wie weißes Leinen in seinem ursprünglichen Zustand existiert. Aber ich denke schon, dass hier eine alchemistische Umwandlung erfolgte."

"Endlich!" Er zupfte am Klingelzug. "Das werde ich dokumentieren müssen." Seine Finger hinterließen schwarze Abdrücke auf dem bestickten Stoff. "Ihr werdet erstaunt sein zu hören, dass auch ich Fayerweather gelesen habe. Ihr habt wie immer sein Konzept des Originalzustands völlig missverstanden: Es hat nichts mit Alchemie zu tun."

"Habe ich denn Fayerweather zitiert?"

"Nein. Ihr habt ihn ausgeweidet und seinen Kadaver den Schweinen vorgeworfen."

Die Klingel rief einen untersetzten Jungen herbei. Alles an ihm war mittelmäßig: Größe, Gewicht, Farbe und Lockenfall der Haare, Haut, Ohren, selbst seine Haltung, die irgendwo in der Mitte zwischen der Unbeholfenheit eines Jungen und der Kraft eines jungen Mannes lag. Seine Arme waren ein bisschen zu lang, aber das war auch alles.

"Ist er nicht wunderbar?", fragte der Herzog liebevoll.

Die Hässliche Dame warf dem Jungen eine Erdbeere zu, die er aber nicht auffangen konnte, der er aber auch nicht nachlief, um sie aufzuheben, als sie in eine Ecke des Raumes kullerte. "Mein Lieber", sagte sie zum Herzog, "Ihr könntet Euch doch mit viel hübscherer Gesellschaft als der anwesenden Person umgeben."

"Das tu ich auch", antwortete er. "Aber die neigen dazu, zu sehr von sich selbst überzeugt zu sein. Also jage ich sie davon. Immer und immer und immer wieder." Er seufzte. "Marcus", sagte er zu dem Jungen, "hol mir ein sauberes Hemd.""Sofort, mein Lord."

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