Leseprobe zu "Die Champagner-Diät" von Hera Lind
Nebenan duftete der Käsekuchen im Backofen. Ein frischer Beweis ehelicher Treue und Beständigkeit. Ich sollte ihn rausholen, dachte Eva Fährmann, er ist genau richtig. Der Sahnequark ist so goldgelb und locker, wie er sein muss, und die Vanillestreusel sind kross und warm. Jetzt muss nur noch Leo kommen, das wäre perfekt.
"Liebe geht durch den Magen", grunzte ihr innerer Schweinehund zufrieden. Er war ein riesiger, fetter Bursche von Furcht erregender Massigkeit. Natürlich konnte ihn nur Eva Fährmann sehen und hören. Wie bei allen Moppeln dieser Welt war ihr innerer Schweinehund ihr dickster Freund und gleichzeitig ihr ärgster Feind.
Er sprach ständig mit ihr, ließ sie nie in Ruhe.
"Probier doch schon mal ein Stückchen!", drängte er gierig.
"Sitz, Fährmann! Ich warte auf Leo."
Das massige Tier setzte sich so unwillig, dass es platschte.
"Wenn dein Alter nicht bald nach Hause kommt, fällt die ganze Pracht in sich zusammen", maulte es. "Außerdem schmeckt der Käsesahnestreuselkuchen kalt nur halb so gut, und aufwärmen kann man ihn nicht, das wissen wir beide ganz genau."
"Fährmann, ich kann mich beherrschen!"
"Schade", sagte Fährmann und verzog sich unter die Küchenbank.
Eva schüttete Puderzucker in ein feines Sieb und streute ihn vorsichtig über die duftende Köstlichkeit. Genau in diesem Moment hörte sie das ersehnte Motorengeräusch in der Auffahrt. Eva seufzte erleichtert auf.
"Na also! Da ist er ja!"
Fast schon hätte sie sich Sorgen um ihren Mann gemacht. Er sah unverschämt gut aus für sein Alter und war in letzter Zeit verdächtig viel auf Achse ... Doch ihre Sorgen waren überflüssig, denn da war er, und ihre gemütliche Teestunde konnte beginnen.
Hastig putzte Eva ihre Brille und zog die Kittelschürze aus. So. Nun konnte sie Leo gegenübertreten.
Eva starrte durch das Fenster. Leo stand unter der Kastanie und telefonierte. Warum kam er denn nicht herein bei der Kälte?
"Irgendetwas ist anders als sonst", murmelte sie düster.
Draußen türmten sich dichte Wolken, wie vor einem Gewitter, da braute sich irgendetwas Unheimliches zusammen. Heftige Januarwinde bogen die kahlen Kastanien, die die Auffahrt säumten. Schneeregen tanzte auf den Marmorplatten der Terrasse.
Leo schlug den Kragen seiner karamellfarbenen Kaschmirjacke hoch, als er endlich sein Telefonat beendete und leichtfüßig die Treppenstufen heraufeilte.
"Da bist du ja", rief Eva erfreut, während sie die Wintergartentür vorsichtig öffnete.
Eiskalter Wind schlug ihr entgegen. Sofort beschlug ihre Brille. Die Palmen und tropischen Gewächse im Wintergarten mit Fußbodenheizung zitterten im plötzlichen ungemütlichen Durchzug. Das Kaminfeuer drohte auszugehen. Hier drinnen war es mollig warm, gemütlich, häuslich und geschmackvoll eingerichtet bis ins letzte Detail.
"Das, liebe Eva, das ist es, was er braucht", flüsterte ihr innerer Schweinehund ihr freundlich zu. "Es macht nichts, dass du rundlich bist. Nur die inneren Werte zählen! Er weiß genau, was er an dir hat!"
Eva, die Leos Pantoffeln bereits vor seinen Lieblingssessel gestellt hatte, streifte ihrem Mann mütterlich mit dem rechten Handrücken über die Wange.
"Seit wann rasierst du dich zweimal am Tag?", fragte sie neckisch und spitzte die Lippen zum üblichen Begrüßungskuss. Doch dieser ging überraschenderweise ins Leere.
Von fern ertönte ein leichtes Donnergrollen.
"Ist was passiert?"
Vielleicht hatte Leo wieder ein paar Leute entlassen müssen, und dann war die Stimmung in der Kleinstadt gegen sie hochgekocht. Die Zeiten sind schlecht, dachte Eva. Leo hat mehr Sorgen, als er sich anmerken lässt. Unsicher lächelte sie ihn an.
"Leo, vielleicht willst du dich erst mal ein bisschen ausruhen. Wir können auch später Tee trinken, das macht mir nichts aus!"
Leo sah auf merkwürdige Weise an ihr vorbei. Er durchquerte entschlossenen Schrittes den Wintergarten, ohne der blühenden Pflanzenpracht wie sonst einen Blick zu schenken, und ließ sich auf das schlichte schwarze Biedermeiersofa aus Ebenholz fallen.
Draußen bogen sich die dürren, kahlen Kastanienäste, als wollten sie dem Unvermeidlichen ausweichen.
Ratlos blieb Eva mitten im Raum stehen.
"Doch lieber sofort Tee? Der Kuchen ist noch warm!"
"Eva, ich ... Lass doch das Hausfrauengeschwätz einmal sein!"
Leo verknotete, wie Eva verwundert beobachtete, hilflos die Hände. Schließlich öffnete er mit einer fahrigen Bewegung seinen obersten Hemdknopf und lockerte die Krawatte.
"Leo, wenn du Sorgen hast, dann reden wir darüber."
Mit plötzlicher Entschlossenheit drehte Leo sich weg und sagte, zur Fensterfront gewandt:
"Ich habe eine andere Frau ... kennen gelernt. Um es genau zu sagen: näher kennen gelernt."
"Leo ...", flüsterte Eva, während ihr der Schreck in die Glieder fuhr.
"Ich will ja gar nicht lange drum herumreden: Es ist Svenja."
"Svenja?! Unser ... Kindermädchen?"
Eva griff Halt suchend ins Leere.
"Unser früheres Kindermädchen. Inzwischen ist sie eine erwachsene Frau."
Eva hatte immer so etwas geahnt, wollte es aber nicht wahrhaben. Wie alle Moppel war sie eine Meisterin im Verdrängen.
Svenja, das hübsche blonde Mädchen mit dem drolligen Akzent, war vor zehn Jahren aus Schweden zu den Fährmanns gekommen, als Leonie noch klein war und Eva halbtags in Leos Firma als Fremdsprachenkorrespondentin gearbeitet hatte. Svenja gehörte zur Familie, fuhr mit in Urlaub, lernte Skifahren und Tischmanieren, wie man sich kleidet, benimmt und spricht. Eva brachte ihr bei, wie man einen Tisch dekoriert, wenn Gäste kommen, sie weihte sie in die Geheimnisse des Kochens und Backens ein. Aber vor zwei Jahren war Svenja dann durch verschiedene Model-Jobs in die Modebranche gekommen und schließlich nach Hamburg gezogen. Leonie war inzwischen vierzehn und brauchte kein Kindermädchen mehr.
Hamburg. Wo Leo seine Filiale aufgebaut hatte.
Ich hätte es wissen müssen, dachte Eva. Ich hätte es wissen müssen.
Unfähig, irgendetwas zu spüren, zu denken, geschweige denn zu sagen, schleppte sich Eva in die Küche, wo der nach Vanille duftende Käsestreuselkuchen kross auf der Gaggenau-Warmhalteplatte stand.
Eva schnitt den Kuchen vorsichtig an, ganz automatisch, wie sie das immer tat, wenn Leo nachmittags im Wintergarten saß und seine Schuhe ausgezogen hatte. Wenn er ihr Zeitung lesend seinen Teller hinhielt.
Der Kuchen war genau richtig, saftig-mürbe von innen und goldgelb-knusprig von außen. Eva war eine perfekte Hausfrau, was Leo bisher immer zu schätzen gewusst hatte. Aber das war jetzt wohl alles nichts mehr wert. Automatisch kehrte sie in den Wintergarten zurück.
Svenja. Die Schlange, die sie am Busen genährt hatte.
Leo und Svenja. In Hamburg. Wusste Leonie davon?
Seit wann lief das schon? Wochen? Monate? Jahre? Hatte es womöglich schon angefangen, als Svenja noch bei ihnen im Haus wohnte?
Die Offenbarung ihres Mannes tat Eva körperlich weh. Es war, als hätte er ihr ein Messer in den Magen gerammt.
Schockiert sank sie auf die Armlehne des Sessels, der Leo gegenüberstand. Der Sessel knarrte bedrohlich, und Eva ließ ihren Hintern, von dem sie auf einmal wusste, dass er so breit war wie die Startbahn West des Frankfurter Flughafens, mitten hineinsinken. Der Sessel war mit sonnenblumenfarbenen Hussen überzogen. Er gab dem Raum einen sonnigen Akzent. In "Schöner Wohnen" hatte Eva gelesen, dass sonnige Akzente einen Raum freundlicher machen, Trost spenden, Wärme und Geborgenheit schenken. Doch das war jetzt alles nichts mehr wert.
Der Raum um Eva wurde zu einer finsteren engen Zelle. Sie war darin gefangen. Vorsichtig holte sie Luft. Sie durfte jetzt nichts Unüberlegtes tun. Nicht schreien, nicht weinen, nicht aufspringen, nicht toben. Nur ganz ruhig sitzen bleiben.
"Bitte ... Leo, sag, dass das nicht wahr ist ..."
Leo ließ die Zeitung sinken. "Es ist wahr, Eva. Ich hätte es dir schon längst sagen müssen. Svenja und ich, wir ... lieben uns schon seit längerem, und es ist nicht fair, dich auf Dauer wie eine Haushälterin zu behandeln."
"Nein", flüsterte Eva matt. Mechanisch quälte sie sich aus dem Sessel, griff zur silbernen Teekanne und füllte Leos hauchdünne Royal Dulton mit Darjeeling Black Moon, Leos Lieblingssorte um diese Uhrzeit.
Sie wunderte sich, dass ihre Hand kaum zitterte, als sie die Tasse mitsamt Untertasse und kleinem Silberlöffel vor ihm abstellte.
Da Leo keinen Zucker nahm, schüttete sie ihm automatisch etwas Milch in den Tee. So als hätte er gar nichts Besonderes gesagt, als hätte er sie nicht aus ihrer stoischen Ruhe gebracht, als wäre ihr Herz nicht gerade in tausend Scherben zerborsten, schob sie den silbernen Tortenheber unter den bereits angeschnittenen Streuselkuchen und servierte ihn ihrem Mann. Selbst den kleinen Klecks süßer Sahne tupfte sie mit der gleichen sorgfältigen Art wie immer auf den Kristallteller, mit dem gleichen Silberlöffel wie immer. Dann hielt sie ratlos inne. Sie war tatsächlich seine Haushälterin, erkannte sie jetzt plötzlich. Seine Geliebte war sie schon lange nicht mehr.
"Bitte setz dich wieder, Eva. Das nervt, wenn du stehst."
Leo rieb sich gereizt den Nacken, so wie er das oft tat, wenn er verspannt und abgearbeitet war.
Eva ließ sich in den Sessel plumpsen - sie war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Als draußen mitten im klatschenden Schneeregen ein plötzlicher Donner niederkrachte, zuckte sie zusammen. Merkwürdigerweise kam erst jetzt der Blitz.
Ganz so, als könne auch der Himmel nicht begreifen, dass er gerade über mir eingestürzt ist, dachte Eva. Ein Gewitter am zweiten Januar.
Eva versuchte, nicht mehr zu atmen. Sie sank in sich zusammen und lauschte ihrem letzten Atemzug, aber der Körper nahm sich, was er brauchte, und Evas Lungen füllten sich nach einem verzweifelten Aufseufzen wieder mit Luft.
Leo aß den Käsestreuselkuchen mit großem Appetit. "Ich bin froh, dass es endlich raus ist", murmelte er kauend, "mir hat es schon gar nicht mehr richtig geschmeckt in letzter Zeit."
Er grinste schief. "Aber dir umso mehr, nicht wahr? Sei mal ehrlich, Eva. Warum futterst du so viel? Da musst du dich gar nicht wundern, wenn sich ein Mann in den besten Jahren lieber nach was Schlankem, Hübschem umsieht!"
Nein, dachte Eva. Genau dasselbe hätte jetzt auch meine Mutter gesagt. Wenn mein Mann fremdgeht, bin ich ja wohl selbst schuld.
"Wir führen doch schon lange keine aufregende Beziehung mehr", hieb Leo weiter auf sie ein. "Du bist so ... träge und ... langweilig, und seit du so fett geworden bist, kann man sich mit dir ja auch nirgendwo mehr sehen lassen!"
Eva sagte nichts. Sie war so fassungslos, dass ihr kein einziges Wort über die Lippen kam. Das tat so weh, dass sie nur noch sterben wollte.
"Tja, und dass ich ein sportlicher und aktiver Mensch bin, hast du immer gewusst", sprach Leo in die schmerzende Stille hinein.
Er machte eine fahrige Handbewegung, "Aber dir reicht es ja, Servietten zu falten, Rosen in Vasen anzuordnen und Tischdecken zu bügeln. Dir reicht dein bescheidener Wirkungskreis um Heim und Herd. Ist ja auch alles ganz nett so weit..."
Er stellte den Kuchenteller auf dem Glastisch ab und pickte mit dem Finger die übrig gebliebenen Butterstreusel auf. Gedankenlos steckte er sie in den Mund und seufzte satt. "Wie gesagt: Kochen kannst du. Und backen. Und das Haus nett herrichten. Aber ein Mann wie ich braucht auch noch etwas anderes."
Eva spürte einen pochenden Schmerz zwischen den Schläfen.
"Aber du hast doch immer gesagt, dass du keine Selbstverwirklichungs-Emanze haben willst."
"Nein, eine Emanze brauche ich nicht. Aber auch kein Hausmütterchen. Ich brauche eine unternehmungslustige, sportliche, vorzeigbare Frau. Guck dich doch mal an! Du hast ja gar nichts mehr anzuziehen!"
"Ich werde abnehmen!", rief Eva verzweifelt aus. "Gib uns doch noch eine Chance!"
Leo zuckte mit den Schultern. "Du hast doch gar nicht den Durchhaltewillen! Wie willst du denn da zwanzig oder dreißig Kilo abnehmen?"
"Ein Model war ich nie, das weißt du. Als wir vor fünfzehn Jahren geheiratet haben, hatte ich auch schon meine siebzig Kilo. Das fandest du immer weiblich..."
"Aber jetzt wiegst du fast zwei Zentner!", unterbrach Leo sie lieblos. "Du gehst ja gar nicht mehr aus dem Haus! Svenja geht mit mir in die Berge, mountainbiken und skifahren ... Mit der Frau kann man was anfangen!"
Leo hielt inne, weil er verschnaufen musste. Wie zum Hohn nahm er sich ein zweites Kuchenstück, bestrich es extradick mit Sahne und schob es sich heißhungrig in den Mund.
Danach kratzte er die Krümel auf dem Teller zusammen und zerquetschte sie zwischen den Zinken seiner Kuchengabel. Wie erbarmungslos er die Krümel zerdrückt, dachte Eva, genau so, wie er gerade unsere fünfzehnjährige Ehe zerdrückt.
Stoisch schenkte sie ihm Tee nach. Ihr kam gar nicht in den Sinn, wie aberwitzig es war, ihn während seiner Ausführungen über die Vorzüge der anderen weiter zu bedienen.
Das Unwetter draußen schien sich noch steigern zu wollen. Dicke Hagelkörner tanzten wie Irrwische vor dem Wintergarten herum. Sie waren in Form und Größe nicht mehr von den weißen Kieselsteinen zu unterscheiden, die die hochherrschaftliche Auffahrt bedeckten.
Das ist der Weltuntergang, dachte Eva. Mein ganz persönlicher Weltuntergang.
Leos Stimme erreichte Eva wie aus weiter Ferne:
"Svenja ist wach und wissbegierig und kreativ. Sie reist, sie will was erreichen, sie hat sich hohe Ziele gesteckt, sie lebt nicht einfach so planlos in den Tag hinein wie du ..."
"Aber ich sorge seit fünfzehn Jahren für dich und unsere Tochter! Das ist doch nicht planlos!"
"Sie trägt hohe Absätze, knappe Kostüme und schöne Unterwäsche. Das braucht ein Mann! Meinst du, deine Leberwurstkorsetts machen mich noch an?"
Eva fühlte sich plötzlich so klein, als steckte sie in einem Schuhkarton, der nun auch noch zusammengedrückt wurde. Zertreten wie jene Kartons, die man in den Altpapiercontainer stopft, damit sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Er will mich entsorgen, dachte sie, unauffällig und umweltfreundlich, weil ich für ihn Altpapier bin, wertlos, für ihn nicht mehr wieder verwertbar. Es reicht, dachte sie. Ich muss mich jetzt wehren, sonst wird er immer ausfallender. Wo ist mein letztes bisschen Würde?
"Leo, du solltest jetzt gehen!"
Leo erhob sich sofort. "Ja. Jetzt habe ich mehr gesagt, als ich wollte. Ich hab mich in Rage geredet, tut mir Leid."
"Ja."
"Ich wollte dir nicht wehtun."
"Nein."
"Du hast mich aber auch provoziert!" Das schlechte Gewissen stand ihm auf die Stirn geschrieben. "Ich werde fürs Erste bei Svenja in Hamburg wohnen."
"In der Wohnung, die wir für sie eingerichtet haben ...?"
Eva schlug das Herz bis zum Hals. Konnte das Schicksal so grausam sein? Sie sah sich noch für Svenja die Gardinen nähen.
"Die Firma in Kerpen-Horrem muss ich über kurz oder lang sowieso schließen", unterbrach Leo ihre schmerzlichen Gedanken. "Es läuft einfach nicht mehr."
"Und was wird aus mir?"
"Du kannst hier mit Leonie wohnen bleiben, bis sie ihr Abitur hat. Ich werde alles unverändert lassen. Finanziell soll es dir vorerst an nichts fehlen."
Eva starrte Leo fassungslos an. War das hier alles vielleicht nur ein Albtraum?
Und wenn ja, wann würde sie endlich daraus erwachen?
"Aber dafür erwarte ich, dass du dich ruhig verhältst. Kein Scheidungsstress, keine üble Nachrede." Er grinste schief. "Aber dafür fehlt dir sowieso die Energie, wie ich dich kenne."
"Du bist so gemein ..." Eva kamen die Tränen. "Das habe ich wirklich nicht verdient!"
Leo streckte ihr die Hand hin: "Ist das ein Angebot? Du kannst dein sorgenfreies Leben behalten. So leicht haben es andere Frauen nicht!"
Eva nahm mechanisch seine Hand. "Ja. Wahrscheinlich hast du Recht."
"Brav", sagte Leo. "Ich wusste, dass du nicht aus der Ruhe zu bringen bist. Im Grunde ändert sich für dich ja gar nichts. Du hast Leonie, du hast die Villa, den Garten mit Swimmingpool, und wenn du Zeit und Lust hast, kannst du dich ja ein bisschen weiterbilden und schauen, was du beruflich machen könntest. Besuch doch mal einen Computerkurs oder so was. Den Computer lass ich dir hier, ich habe in Hamburg einen moderneren."
Leo riss seine Jacke aus dem Garderobenschrank und grinste sie noch einmal verlegen an. "Mann, bin ich froh, dass ich es dir endlich gesagt habe! Ich hatte schon Angst, du würdest es von Leonie erfahren ... Grüß sie schön. Ich hol sie am Freitag ab!"
Eva zupfte ihm mechanisch ein blondes Haar von der Jacke, während sie ihm die Tür aufhielt.
Dann war Leo weg. Für immer.
"Mama, was ist los? Warum darf ich nicht reinkommen?" Leonie klopfte an die Tür zum Bad, in das sich ihre Mutter seit Stunden eingeschlossen hatte. Eva saß auf dem Badewannenrand und starrte fassungslos in den Spiegel. Die Frau, die ihr da aus rot verweinten Augen entgegensah, war fett, hässlich und verquollen. Sie sah genauso aus wie ihr innerer Schweinehund, mit dem sie seit Stunden Zwiegespräche hielt: ein abstoßendes Doppelkinn, über das nun auch noch Tränen des Selbstmitleids rannen. Im Nacken befand sich eine Speckrolle, und ihre Oberarme schwabbelten. Sie war sich noch nie so hässlich vorgekommen. Leos Worte hallten unbarmherzig in ihren Ohren nach. "Ich werde eine radikale Diät machen", versprach Eva ihrem verheulten Spiegelbild. "Leo wird sich noch wundern!" Ihr innerer Schweinehund badete in Selbstmitleid. "Nein, das kannst du uns unmöglich antun!" "Und ob ich das tue! Neun hart gekochte Eier am Tag, und das über ein halbes Jahr. Du wirst noch staunen, wie schlank ich werde und wie klein du sein wirst!" "Nie im Leben hältst du das durch", begehrte Fährmann auf. "Außerdem habe ich mal gelesen, dass man davon Blähungen bekommt!" "Dann eben Ananasdiät", trumpfte Eva auf. "Das ist eine sehr appetitliche Angelegenheit. Entwässern tut es auch noch. Sehr praktisch." "Weißt du, wie fürchterlich man davon unterzuckert?", widersetzte sich Fährmann. "Diese Hungerattacken wirst du nie und nimmer ertragen!"
"Kohlsuppe", überlegte Eva. "Füllt den Magen und schmeckt bestimmt total lecker."
"Das schaffst du nicht mal zwei Tage."
"Aber die ganzen Schauspielerinnen schwören drauf ..."
"Die müssen ja auch nur zweihundert Gramm abnehmen, wenn sie mal auf einer Party ein kleines Bier getrunken haben", widersprach Fährmann. "Aber du hast dreißig Kilo zu viel! Guck dich doch bloß mal an!"
"Dann faste ich eben. Ich esse einfach gar nichts. Trinke nur Wasser. Bis ich aussehe wie Svenja.""Und was wird dann aus mir?", fragte der innere Schweinehund. "Hast du mich etwa nicht mehr lieb?"
Leseprobe zu "Die Champagner-Diät" von Hera Lind
25 Claudia! Geliebtes Herz! (S. 324-325)
Deine wunderbare Nachricht lässt mich jubeln und tanzen! Wenn ich mir vorstelle, dass ich dich in ein paar Tagen sehen darf, dann wird mit ganz schwindelig. Ich habe eine Sehnsucht danach, dich anzuschauen, zu berühren, deinen Duft zu riechen ... O Gott! Ich darf gar nicht länger darüber nachdenken! Ich werde dich liebkosen, dich festhalten und dir tausend Dinge ins Ohr flüstern, die ich mich nicht zu schreiben traue.
Ich musste so alt werden, wie ich jetzt bin, um so etwas erleben zu dürfen. Ich kann es kaum noch erwarten und werde fast ohnmächtig bei dem Gedanken, dich im Arm halten, dich umfangen zu dürfen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber die Freude, einem Menschen zu begegnen, nach dem man sich so lange gesehnt hat, ist ein Rausch der besonderen Art. Es gibt kein Glückshormon mehr in meinem Körper, das nicht wie verrückt aus der Reihe tanzt ... Ich bin genauso aufgeregt wie du, fühle mich wie ein kleiner Junge an Weihnachten ... Die große Überraschung, sie naht ... O Claudia, wann darf ich sie auspacken????
Claudia, du hast einen zweiundvierzigjährigen Mann, der mitten im Leben steht, in einen Glückszustand gebracht, den ich nie im Leben für möglich gehalten hätte. Wie immer unser Treffen auch ausgehen mag, du hast einen Menschen sehr glücklich gemacht, und ich hoffe, dass ich dasselbe für dich tun kann. Ich liebe dich und freue mich auf dich, ich zähle die Sekunden, bis ich dich anfassen und küssen darf ... jedes Haar, jede Falte an dir werde ich erkunden und dich dabei festhalten. Du kommst mir nicht mehr 25 davon! Ich will dich, und ich habe dich, und ich lasse dich nie wieder allein! Ich warte auf der Freiheitsstatue auf dich. Am Freitag um zwölf, wie du es vorgeschlagen hast. Du wirst es schaffen, zu kommen. Allein. Ich werde da sein. Mark. O Gott! Eva saß senkrecht im Bett und raufte sich die Haare.
»Es ist ein Albtraum!« Ihr Herz hämmerte in unregelmäßigen Abständen. Ihr war, als hätte jemand einen riesigen Stein daran gebunden. Schon öfter hatte sie den Verdacht gehabt, Mark könnte Joachim sein. Der Verdacht hatte sich ihr ja regelrecht aufgedrängt. Dass sie das nicht früher erkannt hatte! Nein, dachte Eva, ich wollte es nicht erkennen. Dieser Mistkerl! Wie konnte dieser ungehobelte Prolet ihr solche Liebesbriefe schreiben? Mark, dachte sie, Mark, bitte gib mir doch ein Zeichen, dass du nicht Joachim bist! Das kann doch gar nicht möglich sein! O Gott, hilf mir. Ich habe mich noch nie im Leben so einsam und beschissen und verarscht gefühlt. »Möchtest du ein ganz kleines bisschen essen?«, wisperte Fährmann, der sich vor Angst unter ihrem Bett zusammengeringelt hatte.
»Das würde uns beiden ein bisschen Kraft geben, und wir könnten in Ruhe über die ganze Sache nachdenken ...« »Essen? Jetzt? Ich bin kurz davor, mich zu übergeben ...« »Gerade deshalb solltest du deinem armen geknechteten Magen ein ganz kleines Fitzchen anbieten«, wisperte Fährmann. »Ein winziges Stückchen mageren Putenschinken mit Vollkorntoast ... vielleicht?« Sein Röcheln erstarb. »Dann war das also Joachim, den Oliver vorgestern im Garten verprügelt hat?!« Eva brach der kalte Schweiß aus. Hastig setzte sie sich auf. Ihr Spiegelbild im Schlafzimmerschrank sah ihr fahl entgegen.
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