Der Spycher: Literaturpreis Leuk wagt in der Landschaft der
Literaturpreise etwas Einzigartiges: Er verpflichtet hochrangige
Autoren mit einem Ort, indem ihnen ein fünf Jahre andauerndes
Heimrecht im Walliser Ort Leuk gewährt wird. Ausgehend von einer
Definition des Mittelwallis, das als «transitorische
Sehnsuchtslandschaft» bezeichnet wird und dessen Einzigartigkeit in
seiner Schwellenfunktion zwischen Sprachen, Kulturen und
geographischen Polen begründet ist, verweilen Autoren in Leuk, aus
deren Werk und Arbeitsweise analoge Grenzbereiche zu lesen sind.
Jährlich wird der Preis an zwei Autoren verliehen, so dass mit
andauernder Wirkung des Preises eine Gruppe von Literaten entsteht,
die aus Interesse diese Region besuchen. Den im ersten Band
versammelten Texten der neuen, von Thomas Hettche herausgegebenen
«Edition Spycher» merkt man die Lust an, sich unbekanntes Terrain
erfinderisch-erzählerisch anzueignen. Sie ist in der Vorwegnahme
Marcel Beyers spürbar, der das Wallis, bevor er das erste Mal hier
war, als Sprach-Raum entwirft, und in der Erzählung Martin
Mosebachs, der einen realen Ort mitsamt seinem Blick in den Kokon
der Erfindung spinnt. Daniel de Roulets Essay nähert sich diesem
Ort aus der diametral entgegengesetzten Richtung wie Thomas
Hettches Naturbilder, beides konterkariert durch die britische
Gelassenheit, mit der Lavinia Greenlaw auf die Berge schaut, und
die antikische Gesetztheit von Durs Grünbein. So sind diese Texte
in aller Verschiedenheit doch alle auch Protokoll der
Auseinandersetzung mit einem bestimmten Ort, der hoch über dem
Rotten thront, wie die Rhone hier noch heisst. «Die Berge sind mir
fremd», schreibt Felicitas Hoppe. Ein Satz, der gespannt sein
lässt. Nichts ist so produktiv wie das Fremde.
Thomas Hettche, geb. 1964 am Rand des Vogelsbergs, studierte in Frankfurt Philosophie und Germanistik. Nach Stipendienaufenthalten u.a. in Krakau, Venedig, Stuttgart, Rom und Los Angeles lebt er mit seiner Familie in Berlin. Essayistische Veröffentlichungen vor allem in der FAZ und der Neuen Zürcher Zeitung. Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt. Herausgeber der literarischen Online-Anthologie NULL. Preise u.a.: Rauriser Literaturpreis 1990, Robert-Walser-Preis 1990, Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik 1994, Rom-Preis der Villa Massimo 1996, Premio Grinzane Cavour 2005.
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