Cathy führt als Kind einer Prostituierten ein armseliges Leben in
East London. Als sie dann in einem Heim landet, wird es noch
schlimmer, und sie entschließt sich, davonzulaufen. Als Ausreißerin
schlägt sie sich im berüchtigten Vergnügungsviertel Soho durch.
Dort stößt sie auf Desrae, die ihr zeigt, wie man in dieser Welt
überleben kann.
"Kraftvoll und unglaublich spannend. Martina Coles Figuren sind unvergesslich." Mirror
"Beängstigend, packend und absolut kompromisslos."
Martina Cole ist Englands erfolgreichste Krimiautorin. Alle ihre Romane erreichten sofort nach Erscheinen die Nummer-Eins-Position auf den Bestsellerlisten. Coles Bücher spielen in den Brennpunkten der Großstädte, sie sind kompromisslos und authentisch und haben immer starke Frauen im Mittelpunkt. Martina Cole hat einen Sohn und eine Tochter und lebt in Essex.
Leseprobe zu "Die Aufsteigerin"
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Leseprobe zu "Die Aufsteigerin" von Martina Cole
LONDON, 1995
"Meinen Sie, dass sie durchkommt?"
Tiefe Sorgenfalten zerfurchten das frühzeitig gealterte Gesicht des Polizisten. Auf seinem kahlen Schädel schimmerte ein leichter Schweißfilm.
Der junge Arzt zuckte die Achseln. "Ich bin mir nicht sicher, ob es in ihrem Sinne wäre. Allein ihr Gesicht haben wir mit über zweihundert Stichen nähen müssen. Ihre Nase war vollständig zertrümmert, und wir mussten an der Stelle operieren, wo man ihr den Schädel eingeschlagen hat. Sie müsste tot sein, denn eigentlich kann jemand, der so misshandelt wurde, gar nicht überleben. Und doch atmet sie, ihr Zustand ist stabil, ihre Vitalfunktionen sind gut, und die Knochen beginnen zu heilen. Solange sie jedoch nicht aus dem Koma erwacht - natürlich gesetzt den Fall, dass dies jemals geschieht -, können wir nicht feststellen, ob sie bleibende Hirnschäden davongetragen hat oder nicht. Wer auch immer ihr das angetan hat... Nennen wir's beim Namen: Sie wurde in Streifen geschnitten - eine Brust praktisch abgetrennt. Es kann nur ein Wahnsinniger gewesen sein, der ihr das angetan hat. Mir ist so was noch nicht zu Gesicht gekommen."
Er sah hinunter auf die Patientin, auf die Nähte, die kreuz und quer über ihr übel zugerichtetes, angeschwollenes Gesicht verliefen, das sich wie eine furchterregende Maske vom weißen Kopfkissen des Krankenhausbettes abhob. Mit einer Frau hatte dieses Wesen keine Ähnlichkeit mehr, vielmehr schien es einem Horrorfilm entsprungen.
Das Surren der Apparate an ihrem Bett durchbrach die Stille, und der junge Arzt seufzte leise, beinahe unhörbar.
"Wissen Sie, wer das getan hat?"
Der Polizist nickte. "Sagen wir mal, ich kann mir recht gut denken, warum man sie zusammengeschlagen hat, und das ist doch ein Anfang, oder? Zu beweisen, dass der Dreckskerl ein Motiv hatte, wird ein hartes Stück Arbeit. Und ihn festzunageln, das wird noch schwieriger sein."
Er riss sich vom Anblick der Frau los und sah dem Arzt in die Augen. "Sie war eine sehr schöne Frau, ja, das war sie, meine Cathy. Nicht auf den ersten Blick, aber sie hatte Klasse. Hatte so was an sich. Wissen Sie, was ich meine?" In der Stille der Intensivstation klang sein Cockney-Akzent besonders schroff.
Der Arzt lächelte schwach. "Sie kennen sie also?"
Jetzt lächelte der Polizist, traurig und wehmütig. Seine Miene entspannte sich, und für einen kurzen Moment sah der Arzt einen ehemals attraktiven Mann mit markanten Gesichtszügen vor sich.
"Ja, kann man wohl sagen. Jeder im Westend kannte Cathy, auf die eine oder andere Art. Unsere Wege kreuzten sich vor über zwanzig Jahren, kurz bevor sie nach Soho kam. Sie hat einen langen Weg hinter sich gebracht seit damals, einen sehr langen."
Er hielt inne, als habe er vergessen, dass der Arzt noch immer da war. "Ja, einen verdammt langen Weg. Gott sei ihr gnädig."
Zärtlich streichelte er ihren dünnen Arm. "Ihr gehört das Dukes - Sie wissen schon, die große Revuebar in Soho. Wo die Großen und die Guten sich zusammen mit den Nicht-so-Großen und Nicht-so-Guten tummeln. Aber bei alledem ist es doch ein anständiges Lokal. Die Touristen lieben es, besonders die deutschen. Männer in Frauenkleidern sind die große Attraktion. Es ist das La Cage von Soho, und die kleine Lady hier war die Seele des Geschäfts. Cathy hatte nur das Problem, dass sie die Vergangenheit nicht hinter sich lassen konnte. Die blieb ihr immer auf den Fersen, und das ist jetzt das Resultat."
Der Arzt hörte den Mann schlucken, wusste, dass er gegen die Tränen ankämpfte. Also sah er weiterhin nur die Frau an.
"Schlecht war sie nicht, meine Cathy. Glauben Sie mir. Wirklich nicht. Sie wollte sich einfach nicht unterkriegen lassen. Sie wollte überleben und tat, was nötig war, um es zu schaffen. Es ging immer nur ums Überleben. Sonst hat sie sich nichts zuschulden kommen lassen."
Der Arzt fasste die Schulter des Polizisten und sagte aufmunternd: "Also, hoffen wir, dass sie das hier überlebt, hm?" Aber in seiner Stimme schwang nicht viel Hoffnung mit. Insgeheim bezweifelte er sogar, dass die Frau je wieder die Augen öffnen oder gar jemanden erkennen würde. Um ihrer selbst willen hoffte er sogar, dass es nicht geschah, denn die Schläge hatten sie so zugerichtet, dass außer ihrer Haarfarbe nichts mehr da war, woran man hätte erkennen können, wie sie einmal ausgesehen hatte.
"Im Grunde hatte sie nie eine Chance", sagte der Polizist leise. "In Soho sterben die Frauen normalerweise an Alkohol oder Drogen. Oft endet es aber auch wie hier, misshandelt und geschlagen in einem Krankenhauszimmer, allein." Er hielt einen Augenblick inne, bemüht, seine Fassung zu gewinnen, bevor er den Arzt direkt ansah. "Ich habe sie auf meine Weise geliebt, und zwar seit dem ersten Tag, an dem ich sie sah, allein und verängstigt, noch ein Kind. Ich habe sie geliebt."
Dann ging er aus dem Zimmer wie ein alter Mann, langsam und gramgebeugt.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Patientin zu sich kam und sogar sprach, setzte sich eine junge Polizistin an deren Bett, um jedes Wort zu notieren. Bewaffnete Posten wachten rund um die Uhr draußen vor der Tür.
"War das Ihr Boss?" Der Arzt sprach leise, als sei der Tod gegenwärtig.
Die junge Rothaarige grinste verschmitzt, höchst erfreut, dass der attraktive junge Mediziner mit den dunklen Augen Notiz von ihr nahm.
"Mein Boss, genau. Das war Chief Inspector Richard Gates, Leiter der Sittenpolizei."
NEW YORK
Der Mann schaute aus seinem Bürofenster und reagierte einmal nicht elektrisiert auf den Anblick der Skyline. Normalerweise weckte diese Aussicht eine bis in den Unterleib spürbare Erregung, die euphorische Genugtuung, dass er, Eamonn Docherty, Straßenrowdy aus London, es zum angesehenen Geschäftsmann gebracht hatte, der in einem Büro von der Größe eines Tennisplatzes residierte und an einem Tisch saß, der aussah, als würde er ins Victoria und Albert Museum gehören und nicht ins zweiundachtzigste Stockwerk des Plaza Tower, einer seiner zahlreichen Immobilien.
Zum zehnten Mal an diesem Morgen nahm er das Telefon zur Hand und tippte die Nummer ein. Der Wählton schrillte laut in seinem Ohr, als würde er im Feinkostgeschäft um die Ecke anrufen und nicht in London.
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