Die atlantische Mauer - Jirgl, Reinhard

Reinhard Jirgl 

Die atlantische Mauer

Roman

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Die atlantische Mauer

Die atlantische Mauer liegt zwischen der Neuen und der Alten Welt. Was treibt die Menschen auch heute dazu, ihr Leben hier aufzugeben und in den USA ein neues zu suchen? Selbst dann, wenn diese Menschen ihre Lebensmitte bereits überschritten haben. "Ich bin noch einige Schritte vom Altwerden entfernt - aber nahe genug schon dran, um zu wissen: Ich hab keine Stunde mehr zu verschenken. Nicht eine. So will ich nicht länger gelebt werden." In diese Worte faßt eine Frau aus Berlin den Entschluß, jegliche Bindung ans Altvertraute zu kappen und das Leben in New York nach ihren ureigensten Wünschen zu beginnen. Um so ernüchternder dann, den ersten Anlauf ins Gelobte Land verpatzt zu haben und wieder zurück zu müssen nach Berlin.

Die Veränderungen im Lebens- und Stadtraum Berlin haben einen Menschen-Typus geformt, der ebenfalls den Wandel bezeichnet: arbeitslos, heimatlos, ruhelos. Sehr verschiedene Menschen, die jedoch in einem übereinstimmen: für die Verwirklichung ihrer Liebe und ihres Glücksanspruchs vieles daranzusetzen, an Intrigen und Verrat nicht zu verzweifeln, selbst wenn sie dafür um die halbe Welt gestoßen werden und manchmal auch abprallen an der atlantischen Mauer.

Was treibt die Menschen auch heute dazu, in den USA ein neues Leben zu suchen? Sehr verschiedene Menschen mit einer Gemeinsamkeit: Sie glauben an die Verwirklichung ihres Glücksanspruchs, selbst wenn sie dafür um die halbe Welt gestoßen werden und manchmal auch abprallen an der atlantischen Mauer.


Produktinformation

  • Verlag: DTV
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 449 S.
  • Seitenzahl: 449
  • dtv Taschenbücher Bd.12993
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 121mm x 27mm
  • Gewicht: 376g
  • ISBN-13: 9783423129930
  • ISBN-10: 342312993X
  • Best.Nr.: 10257345
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.02.2000

In diesem abgewürgten Leben
Reinhard Jirgl baut vor einer jungen Frau aus Dresden die „atlantische Mauer” auf
Es steht nicht gut ums Menschengeschlecht. Jedenfalls dann nicht, wenn man zur Beurteilung der Lage die Romane von Reinhard Jirgl heranzieht, der auf dem Gebiet der Schwarzmalerei gegenwärtig in der deutschen Literatur als die größte Kapazität hervorsticht. Jirgls zentrale Themen sind Verhängnis, Zerstörung und Verfall sowie die Gemeinheiten der Menschen gegeneinander, mit denen irgendwann auch jene aufwarten, die eigentlich ausgezogen sind, um die Liebe zu suchen.
Auch in seinem neuesten Roman führt uns Jirgl in ein rundum hermetisch abgeschlossenes Unheilspanorama, über das kein Blick hinausreicht, und das, wie der Titel Die atlantische Mauer schon verrät, nicht mehr allein auf deutsches Geschichtsterritorium beschränkt bleibt. Denn Mauern, an denen Wünsche zerschellen und Fluchten enden können, gibt es überall. Das erfährt eine junge Frau aus Dresden, als ihr die Einreise in die USA, wo sie sich ein neues Leben erhofft, verwehrt wird. Als Touristin wollte sie einreisen, und hat sich dann doch mit einem schon perfekten …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 21.03.2000

Die Wölbung einer bloßen Brust in sonniger Hülle
Reinhard Jirgls atlantische Mauer / Von Ernst Osterkamp

Auf Seite hundertdreiundzwanzig dieses vierhundertfünfzig Seiten langen Romans tritt zum ersten Mal "1 Schmunzeln" auf die Lippen einer seiner Gestalten. Zwar wird wenige Zeilen später gesagt, sie habe "sich nicht recht zur Heiterkeit entschließen" können, und doch berichtet der Erzähler noch am Ende derselben Seite, dass sie sogar "lachte". Und dies ist keineswegs das letzte Mal: Auf Seite 297 dieses großen deutschen Romans lächelt sie schon wieder, ja sie bringt sogar eine andere Hauptfigur zum Lachen! Sollte es sich tatsächlich um Prosa von Reinhard Jirgl, dem düstersten aller Dunkelmänner unter den deutschen Erzählern, handeln?

In diesem sehr verhaltenen Schmunzeln und Lächeln ereignet sich wahrlich nichts Geringeres als die Geburt einer positiven Heldin. Mit einem Anflug von Heiterkeit erhebt sich eine deutsche Venus aus einem Morast von Blut und Sperma, von Kot und Tränen. Dieser Morast ist uns aus Jirgls vorangegangenen Romanen, aus "Abschied von den Feinden" (1995) und "Hundsnächte" (1997), gut bekannt, eine Heldin wie …

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"Die Geschichte [ist] faszinierend, weil sie sprachlich einen tiefschwarzen Glanz entwickelt, der sich an dem von Joseph Conrads Novelle Heart of Darkness messen kann ... Virtuoser, rhythmischer, anspielungsreicher, komplexer und zugleich eindringlicher ist in deutscher Sprache seit Uwe Johnsons Jahrestagen nicht mehr geschrieben worden." (Neue Zürcher Zeitung)

"Die Geschichte [ist] faszinierend, weil sie sprachlich einen tiefschwarzen Glanz entwickelt, der sich an dem von Joseph Conrads Novelle 'Heart of Darkness' messen kann ... Virtuoser, rhythmischer, anspielungsreicher, komplexer und zugleich eindringlicher ist in deutscher Sprache seit Uwe Johnsons 'Jahrestagen' nicht mehr geschrieben worden." Jochen Hörisch in der 'Neuen Zürcher Zeitung'<br/><br/>"Daß es verblüffend viele Gemeinsamkeiten zwischen der DDR und den USA gibt, zwischen dem entindividualisierten Osten und den leeren weiten Feldern des Kapitalismus, kommt Jirgls Wahrnehmungskunst augenscheinlich zugute. Sein 'Pointillismus der Nacht' ist aber noch lange nicht erschöpft. Das Nichts, das Jirgl sich wegschreibt, auf das er scheinbar zuschreibt, bringt immer wieder neue glühende Farben hervor." Helmut Böttiger in der 'Frankfurter Rundschau'<br/><br/>"Jirgls verrückte Schreibweise provoziert immer noch ähnliche Reaktionen. Und das ist gut so. Seine Diagnose mag problematisch sein, aber weil er so schwarz sieht, sehe ich - wenn auch nur für ihn - rosig. Solche Schriftsteller braucht das Land." Martin Lüdke in der 'Zeit'

»Jirgls verrückte Schreibweise provoziert immer noch ähnliche Reaktionen. Und das ist gut so. Seine Diagnose mag problematisch sein, aber weil er so schwarz sieht, sehe ich - wenn auch nur für ihn - rosig. Solche Schriftsteller braucht das Land.« Martin Lüdke, Die Zeit

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Da kennt einer seinen Jirgl und ist ihm (eigentlich) wohlgesonnen: Ernst Osterkamp würdigt auf einer ganzen Zeitungsseite die "hohe Kunst der Dunkelmalerei" des Autors, der "über so viel Sprache verfügt wie wenige zeitgenössische Erzähler". Wenn er am Ende den Autor auch weiter "bewundern" will für seinen "sprachlichen Reichtum", so hat er dennoch dieses "Virtuosentum" zuvor kräftig auseinandergenommen und den Schreiber gründlich demontiert. Akribisch notiert Osterkamp zu Beginn, auf welcher Seite ein Lächeln erfolgt, hält sich an die Figur, die es zustandebringt und hofft auf eine Gestalt, die einmal die mit Ekel und Groll vermauerte Jirgl-Welt überwindet. Und obwohl sie das mit einer schlussendlich noch gelingenden Absetzbewegung nach New York (der erste Versuch schlägt fehl) tatsächlich schafft, ist sie derweil im "Jirgl-Blues" wieder zerredet und verschwunden. So schreibt Osterkamp der Geschichte, die in drei Teilen jeweils eine oder zwei der Figuren zu erzählen aufgegeben ist, ausführlich hinterher und nimmt sie derweil gleich auseinander: so hat ihn zum Beispiel die Passage des verrücktgewordenen Schauspielers enorm verärgert, da in der "Perspektive des Irrsinns" alle Differenzierung verlorengeht. Osterkamp moniert Jirgls Ironie-Resistenz und "Privatorthographie", die keinem Erkenntnisinteresse mehr dient. Er rät dem Autor auch, künftig dem Schweigen mehr zu trauen als der Rede des Ekels. Am Ende doch eher ein Verriss.

© Perlentaucher Medien GmbH
Reinhard Jirgl wurde 1953 in Berlin (DDR) geboren. An seine Ausbildung zum Elektromechaniker schloss sich ein Studium der Elektronik an. 1978 kam er zur Berliner Volksbühne, dort arbeitete er als Beleuchtungstechniker.
Seit 1996 lebt Jirgl als freier Schriftsteller in Berlin. Er ist Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland und seit 2009 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2010 wurde ihm der Georg-Büchner-Preis verliehen.

Leseprobe zu "Die atlantische Mauer" von Reinhard Jirgl

"Dieser Raum muss sowas wie ein Sammelbecken für alle Rausgefischten vom gesamten Kennedy Airport gewesen sein. Danach verteilte Man die 1zelfälle auf verschiedene Bürokabinen in den Tiefen der Airport-Gebäude...Auf dieser Seite der Schranke aber, unter all den übrigen, hilflos umherstehenden Reisenden, die beobachten müssen, wie ihre Pässe hin&her gereicht - abgelegt - wieder aufgenommen und wieder rumgereicht werden, alles mit derselben Lakonie&Pikiertheit, liegt so etwas wie eine eiserne Luft, eine Luft wie sie glühenden Blechen entströmt, beizend & rot - das Atmen, als müßte man Eisenspäne schlucken.....
-Es dauerte bei mir weit über einehalbe Stunde, bevor überhaupt Jemand das Wort direkt an mich richtete. Ein dicker schwarzer Officer wars schließlich, der mich herrisch mit kurzknappem Fingerschnips an den Tresen heranwinkte. Sofort beginnt er das Verhör mit einem Schwall aus genuscheltem Amerikanisch, wobei er abwechselnd mit meinem Pass & den gefundenen Bewerbungsformularen w ie mit Fliegenklatschen wedelt -; ich versuch, ihm zu folgen, zu antworten, der tut so als hört er meine Antworten nicht, verstünde überdies nichts von dem was ich sage. Er legt grinsend seine Hand muschelförmig ans Ohr -. Dann, 1 ums andere Mal, als hätte er grad erst=!jetzt mein Barbaren-Englisch verstehen können, hätte dank seiner überragenden Intelligenz aus meinem Kauderwelsch&Geredekleinholz die brauchbaren Scheite rausgezogen, wandte er sich breit grinsend an seinen Nachbarn & wiederkäute meine Antworten, als hätt ich nen dreckigen Witz gemacht. Die beiden amüsierten sich bestens. Das trieb=Der eine hübsche Weile so - ich versuchte sehr lange mitzuhalten -, dann platzte mir der Kragen : Ich knall die Faust auf den Tresen, brüll ihn an, dass ich einen Dolmetscher verlange. -Juu spiekinglisch wärri well, antwortet der Kerl breit grinsend, -batt juufgattu änser !mie. Ich zurück: Entweder Dolmetscher od ich sage !kein Wort mehr. Darauf schraubt der dicke schwarze Schrank von sein em Stuhl sich in die Höhe, holt tief Luft als wolle er den ganzen Saal einatmen & brüllt - beinahe akzent!frei - durch den weiten Raum:
-S-PRICKT HIER YEMAND !DOITSCH.....
-Keine Antwort. Nach ner Weile ist 1 Flughafenangestellter zur Stelle, 1 kleiner zurückhaltender, grauhaariger Mann, der (wie er sich gleich vorstellte) nach Dem-Krieg aus Jugoslawien geflohen war, dann in Deutschland gelebt & mit einer Österreicherin verheiratet sei. Der (sagte sie) -trug seine Lebens=Geschichte mit solcher Selbstverständlichkeit offen u jedem zur Ansicht wie andere ihre Identitätskarten am Revers. Der Mann versucht zwischen mir u: dem Officer zu vermitteln. Sie redeten lange & schnell - der Dolmetscher gestikulierte, mich schienen sie allmählich zu vergessen. Das war wie auf ner Theaterprobe zum Steinernen Gast: Alles, was der Dolmetscher redete & tat - der seit langem schon weder den Officer mir, noch mich dem Officer übersetzte, schien den dicken Schwarzen stets nur zu 1-&-derselben Folge von Be wegungen - abwechselnd das Fliegenklatschen mit meinem Paß & dem Formular - & zu immer demselben Satzstereotyp zu bringen: -Schies kamm ässe tuerist batt schiesgadde saint kaantreckt tu öörn hier in NJUU JOOK JUNAI TITT STEHTS OFF ÄMMERIKKA - (wobei er New York und United States of America derart prononcierte, als wäre die Tatsache, daß New York in den Vereinigten Staaten liege, die merkwürdigste & daher die betonenswerteste Feststellung seiner Replik). Das schweißtreibende Tun des armen Dolmetschers, sagte sie, -der sich offensichtlich als mein Anwalt verstand, war gradeso als mühte sich ein Mechaniker eifrig aber vergebens um einen kaputten Automaten. Mir !langtes: Ich beginne lauter und lauter zu reden - !schreie, so daß jeder gefangene Fisch in dem großen Sammelbecken hören kann, daß ich 1 gültiges Visum, sogar die Aufenthaltsgenehmigung bekommen habe - (der Dolmetscher übersetzt jetzt beinahe bittend & wedelt, mich zu beschwic

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